VG Wort: Mehr Mitglieder, mehr Partizipation

Marvin Oppong hat via Twitter Fragen mit und ohne Fragezeichen gestellt, die sich vielleicht auch andere Menschen stellen, die sich für die VG Wort interessieren, und ich möchte diese Fragen im Rahmen des Möglichen beantworten (beziehungsweise die eigentlichen Fragen, die ich aus den eigenwilligen und provokanten Tweets herauslese).

Für die, die den Kollegen Oppong nicht kennen (was erstaunlich wäre, allerdings keine unverzeihliche Bildungslücke darstellt): Der 1982 geborene Bonner spürt wie ein Trüffelschwein echten und gefühlten Missständen aller Gewichtsklassen nach und gibt dem journalistischen Nachwuchs Unterricht in investigativem bzw. datenjournalistischem Arbeiten. Bei seinen Recherchen, die sich auffällig oft mit der Medienbranche befassen, tritt der „freie Journalist und Jurastudent“ (Stand 2010; über einen Abschluss ist nichts bekannt) mitunter so inquisitorisch fordernd auf, dass man ihn wohl als „gefürchtet“ titulieren darf.

Stets im Einsatz für die Moral unseres Berufsstandes, begehrt Oppong also nun vom DJV-Vorsitzenden Frank Überall und mir eine Auskunft, die wir nicht geben können, weil die Frage auf falschen Tatsachenbehauptungen beruht:

„Was sagen eigentlich die -Vertreter* in -Gremien dazu, dass die Mitglieder von der demo. Willensbildung ausschließt?

OppongTweets

Abgesehen davon, dass der DJV keine Befugnis hat, Vertreter* (s.u.) in die Gremien der VG Wort zu entsenden, stimmt es schlichtweg nicht, dass die Mitglieder der VG Wort von der demokratischen Willensbildung ausgeschlossen wären. Weiter…

Der Fluch, den manche Autoren für einen Segen halten

Liebe Julia Franck,

auf Facebook postete gestern ein Fan Ihren Beitrag aus der Zeit zum BGH-Urheberrechtsurteil im Fall Vogel ./. VG Wort. Erstaunlicherweise hat noch niemand den Text kommentiert. Ich weiß nicht, ob Sie heute noch das Gleiche schreiben würden. Jedenfalls hatten Sie sich seinerzeit wohl sehr einseitig informiert. Sonst hätten Sie nicht so kategorisch behauptet, das Urteil sei „ein Segen für Autoren“. (Wenigstens haben Sie nicht geschrieben „für DIE Autoren“.)

Bevor ich dazu komme, warum das Urteil alles andere als ein Segen für uns ist, für Sie als Schriftstellerin wie für mich als Journalisten, möchte ich ein paar Dinge klarstellen. Als Fundament für Ihren herzlich naiven Beitrag in der Zeit konstruieren Sie nämlich einen Gegensatz, der alte Vorurteile und Klischees recycelt. Mir kamen sofort zwei Assoziationen: Spitzwegs Armer Poet und Erich Kubys Verleger, der aus den Hirnschalen seiner verhungerten Autoren Schampus schlürft. Das waren freilich schon immer Karikaturen. In der Medienwelt des 21. Jahrhunderts ist diese klassenkämpferische Schwarzweißmalerei nur noch peinlich.

Kilometerweit am selbst gewählten Thema, dem BGH-Urteil, vorbei schreiben Sie über Verlage und Buchhandel (in einem Atemzug!), diese seien „allen Klagen über die Auswirkungen der digitalen Revolution zum Trotz im Ganzen noch immer profitable Wirtschaftszweige“. Selbst wenn das eine (der Prozess) etwas mit dem anderen (der Tatsache, dass es Jeff Bezos hierzulande noch nicht gelungen ist, alle Buchhändler und Verleger in den Ruin zu treiben) zu tun hätte, sollten Sie den Zustand der Branche besser kennen. Sie schreiben doch selbst Bücher. Ich erklär’s mal so: Wenn es in einem Haus nur Räume gibt, die auf Null Grad gekühlt sind, und andere, die auf 40 Grad geheizt werden, hat dieses Haus „im Ganzen“ einen angenehme Temperatur von 20 Grad. Weiter…

Unsichere Rechtslage? Ja. Amtlich.

Kleiner Nachtrag zur Mitgliederversammlung der VG Wort: Die Jünger von Dr. „St. Martin“ Vogel und die nach seinem Pyrrhuserfolg vor dem BGH aufs Trittbrett gesprungenen Beifahrer wiederholen ja gerne ihr Mantra, die Rechtslage bezüglich der Verlagsbeteiligung sei doch seit (irgendeine Jahreszahl zwischen 2001 und 2012 einsetzen) überhaupt nicht unklar gewesen.

Seit Samstag weiß ich aus berufenem Munde, dass sie nicht nur für mich und meine Verwaltungsratskollegen und den Vorstand unsicher war (was eigentlich eine Binsenweisheit ist, weil ja ein Prozess nur dann bis zum BGH geführt werden kann, wenn noch Unsicherheit auszuräumen ist, und weil sogar der BGH den Ausgang des Reprobel-Verfahrens imponderabel fand und deshalb abwartete). Unsere staatlich bestellte Aufseherin vom DPMA, Anne Algermissen, hat in Berlin unmissverständlich klargestellt, dass die Rechtslage auch aus Sicht ihrer Behörde unsicher war. Sprich: Das DPMA ist nicht der BGH, seine Eingriffs- und Entscheidungskompetenz ist nicht die eines Obersten Bundesgerichts. Es kann nicht Recht setzen. Anders gesagt: Wenn die Mühlen der Justiz langsam mahlen, muss man eben geduldig sein.

AlgermissenK

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Erwähnenswert ist auch der Auftritt der Ehrenpräsidentin Dr. Maria Müller-Sommer, Weiter…

Schmierentheater im Meistersaal

Zurück aus Berlin, ist es heute Zeit, die denkwürdigen Gremiensitzungen und Versammlungen der VG Wort Revue passieren zu lassen. Schließlich hatten einige Autorenkollegen im Netz rhetorisch vorgeglüht, und so war zu erwarten, dass der eine oder andere versuchen könnte, den Vorstand oder uns Verwaltungsräte beidseitig auf den Grill zu werfen, und sich womöglich nicht mit dem Gargrad „medium“ zufrieden geben würde. Wir waren beispielsweise seelisch und moralisch darauf vorbereitet, uns vom Münchner Schriftsteller Tom Hillenbrand auf der Versammlung der Wahrnehmungsberechtigten noch einmal live in Farbe und 3D unterstellen zu lassen, wir hätten 15 Jahre lang eine autorenfreundliche Rechtslage ignoriert und sein Geld sowie das Tausender anderer Urheber den Verlegern geschenkt. Wir waren gefasst auf einen offensiven Auftritt von Mitgliedern und Repräsentanten des kleinen Qualitätsjournalistenvereins Freischreiber, der als Organschaft Hillenbrands Prangerschrift „Urheberpauschale für Autoren“ unterzeichnet und einen Prozessgegner der VG Wort in den Himmel gelobt hatte. Soweit diese Kolleginnen oder Kollegen denn im Meistersaal an der Köthener Straße saßen, taten sie dies betont unauffällig und frönten der journalistischen Tugend des Zuhörens; vielleicht waren aber auch so gut wie keine von ihnen erschienen, weil sie sich so die Strapaze ersparten, sich bei bestem Biergartenwetter im dampfigen Saal die vorgefasste Meinung kaputt machen zu lassen.

Zugehört und sich zurückgehalten hat auf alle Fälle ein bekannter Freischreiber, der sich mit seinen gerne beilscharfen, von Selbstgerechtigkeit und Selbstverliebtheit nicht unbedingt freien Urteilen einen Namen als Killerplauze unter Deutschlands Medienfachbloggern gemacht hat: Stefan Niggemeier. „Ät Niggi“ wurde exakt dort gesichtet, wo er zu erwarten war – in Tuscheldistanz zum (letztlich aus formaljuristischen Gründen erfolgreichen) Kläger Martin Vogel. Offenbar hatte er beschlossen, sich in Teilnehmender Beobachtung zu üben – ähnlich einem embedded journalist im Tross einer Krieg führenden Partei.

Die Attacken kamen schließlich von anderen.

Überraschungsfrei…

…von Martin Vogel selbst, der es gut versteht, seine Euphorie so zu kaschieren, dass von Vorkenntnissen unbelastete Zuhörer seine Redebeiträge für sachlich halten könnten.

Wenig überraschend…

…von Ilja Braun, einem langjährigen Mit- bzw. Zuarbeiter jenes publizistisch-advokatischen Komplexes, der unter der Dachmarke „irights“ netzpolitische Kreise mit Argumentationshilfen versorgt und in der Urheberrecht-ist-von-gestern-Szene als marktführender Lobbyistenpool geschätzt wird. Weiter…

Wenn Journalisten blindlings unterschreiben

Es ist ein Kreuz mit den Kollegen. Man sollte meinen, dass Kommunikationsprofis – sprich: Journalisten und Schriftsteller – eine kritische Grundhaltung gegenüber Online-Petitionen haben, wie sie im Zeitalter organisierter Massenempörung so beliebt sind. Man denkt doch ein paar Sekunden nach, bevor man seinen Namen auf eine virtuelle Unterschriftenliste setzt, oder?

Offenbar kann man das nicht voraussetzen. So signierten bis dato weit über 1000 Autoren einen aufgeregten Brandbrief an Justizminister Heiko Maas, der mit „Urheberpauschale für Autoren“ überschrieben ist. Es geht darin um die Durchsetzung der Rechtsauffassung, dass Verlegern „kein Cent“ aus den Einnahmen der VG Wort zustehe.UrhPau1

Darüber, inwieweit das mit der Realität in Einklang zu bringen ist, könnte man kontrovers, aber sachlich diskutieren. Der nicht datierte Brief ist jedoch aus einer Perspektive geschrieben, die Autoren als jammernde Opfer erscheinen lässt…UrhPau2

Weiter…