Faktencheck zu Tempo 30

Die Freunde der Entschleunigung im Straßenverkehr lassen nicht locker hier bei uns in Kaufering. Ich unterstelle mal, dass diese Leute nicht absichtlich ihre Mitbürger ärgern wollen, wenn sie sagen, sie würden am liebsten den ganzen Ort zur flächendeckenden Tempo-30-Zone erklären. Wahrscheinlich glauben sie wirklich, dass sie die Verkehrssicherheit und den Umweltschutz fördern würden.

Was ist das beste Mittel gegen Aberglauben? Fakten. Man findet sogar im Internet zu unserem lokalpolitischen Aufregerthema Fakten, die nicht den alternativen Selbigen zuzurechnen sind.

Wohl denn. Werfen wir zuerst mal einen Blick auf die Argumente der radikalen 30-Befürworter, die gerne mal mit akademischen Titeln Autorität vortäuschen, obwohl sie nicht vom Fach sind. Pars pro toto greife ich Maria Limbourg heraus, Professorin am Fachbereich Bildungswissenschaften (!) der Uni Duisburg-Essen, wo man interessanterweise eine „AG Mobilität und Verkehr“ gegründet hat.

Das Thesenpapier dieser Arbeitsgruppe behauptet also Folgendes:

„Bei Tempo 30 ereignen sich weniger Unfälle“

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Purple Pizza für Zörner oder Die Rache des Orange Blowdryer

Matthias Platzeck hat dem deutschen Ableger von Russia Today neulich ein Interview gegeben. Das war ziemlich dämlich und pure Zeitverschwendung. Kein Kopp-Kunde, Reichsdeppenbürger, Querfrontler oder Chemtrailgläubiger wird deshalb SPD wählen.

Leserkommentare bei deutsch.rt.com

Hendrik Zörner, Pressesprecher meines Berufsverbandes DJV, hat sich über diesen Auftritt des früheren brandenburgischen Ministerpräsidenten so geärgert, dass er einen deftigen Rant gebloggt hat, wobei ihm der Lapsus unterlief, „RT deutsch“ für den ersten russischen Sender gehalten zu haben, der den „Fall Lisa“ kolportierte. Der Irrtum ist bedauerlich und ärgerlich, allein schon weil es peinlich ist, bei einer Propagandaschleuder um Entschuldigung bitten zu müssen, aber er bleibt ein Irrtum. Wer sich als Medienprofi auch nur ein bisschen mit der Arbeitsweise der staatsfinanzierten russischen Medien befasst hat, wird Zörner auch hinsichtlich dessen mildernde Umstände zugestehen, was aus besagtem Irrtum erwuchs: eine polemische Äußerung gegenüber RT deutsch und später, als er auf den Irrtum hingewiesen wurde, eine emotionale, impulsive Abwehrreaktion. Anders gesagt: Sein Schuss ging daneben, weil es die falsche Munition war, aber das Ziel war grundsätzlich kein Verkehrtes.

Die Redaktion von RT deutsch hätte jetzt souverän reagieren und den Angreifer dumm dastehen lassen können, um den Eindruck zu erwecken, der Vorwurf „Propagandaschleuder“ sei unberechtigt. Das hat sie aber nicht. Sie meldete die Entschuldigung im Stil einer veritablen Propagandaschleuder:

„Deutscher Journalistenverband entschuldigt sich für Verbreitung von Fake News über RT Deutsch“

Sie ließ sogar einen Schreiber ran, der entweder bei Hans Werner Conen (Achtung: Insidergag für DJVler!) in die Lehre gegangen ist oder dessen Stil bis in die letzten Nuancen zu kopieren versteht. Sowohl die Tonalität als auch die Stoßrichtung der verbalen Attacken lösen bei Kennern der Szene ein Déjà-vue aus. Jemand schlägt den Pressesprecher, der ihm eigentlich egal ist, um den Verband zu treffen.

Nun fehlen nur noch die Claqueure zu einem echten Conen-Lookalike-Contest. 56 Kommentare kamen zusammen. Nur zwei tragen Namen, die unter Umständen echt sein könnten – „Fritz Otto“ und „Manni Guerth“. Ein Kommentar kommt aus der „Reichsbürger“-Ecke Sachsen-Anhalts („Gardelegen staseve“; Gardelegen ist ein Ort, Staseve steht für Staatliche Selbst-Verwaltung“, einen in der Szene gängigen Terminus). 13 Diskutanten verwendeten irgendwelche Allerwelts-Nicknames. Aber doppelt so viele bastelten sich nach einheitlichem Schema Aliasse zusammen wie aus Legosteinen: Vorname = Farbe, Nachname = Gegenstand, alles jeweils auf Englisch.

Hier ist die Liste, nach Farben sortiert:

Blue Bottle, Blue Controller, Cyan Bottle, Cyan Mustache, Cyan Raindrop, Cyan Scooter, Gold Battery, Gold Pumpkin, Green Tooth, Olive Blowdryer, Olive Ducky, Olive Hat, Olive Plane, Olive Submarine, Orange Blowdryer, Orange Cocktail, Orange Submarine, Orange Turtle, Purple Pizza, Purple Popsicle, Red Battery, Red Car, Red Dog, Red Planet, Red Popsicle, Red Wrench.

Wenn ich jetzt schreibe, „das sind nie im Leben 26 verschiedene Menschen“ oder „da waren Trollbots am Werk“, kommt sicher jemand angerannt und brüllt: „Fake News“. Na gut, dann schreibe ich’s nicht. Denke sich jeder sein Teil.

 

 

BGE-Freunde können nicht rechnen

„Weltgrößter BGE-Versuch in Kenia“, titelt das Social-Business-Magazin Enorm, „26.000 Menschen, 300 Dörfer, 12 Jahre, 0,75 Dollar am Tag – das sind die Eckpunkte des größten Experiments, das bislang zum bedingungslosen Grundeinkommen stattfinden soll.“ Tja, das stimmt schon mal nicht, denn das Budget des Experiments beträgt nur 30 Millionen Dollar. Wenn 26.000 Menschen je 75 Cent pro Tag erhielten, wären das 19.500 Dollar am Tag, binnen 12 Jahren oder 4383 Tagen also 85.468.500 Dollar.

Liest man weiter, erfährt man, dass weder 300 Dörfer Geld bekommen noch 26.000 Menschen 12 Jahre lang. Das fängt damit an, dass 100 Dörfer als Kontrollgruppe definiert sind; dort bekommt niemand auch nur einen Cent dafür, dass er sich der Neugier amerikanischer Möchtegern-Sozialwissenschaftler stellt, die sich damit brüsten, das größte Experiment der Weltgeschichte zu veranstalten

We’re running the largest experiment in history.“

Bleiben 200 Dörfer. In 160 von ihnen, also 80 Prozent, ist nicht nach zwölf, sondern schon nach zwei Jahren Schluss. Diese Gruppe mit 20.000 Teilnehmern wird noch einmal geteilt. Eine Hälfte bekommt monatlich ein Pro-Kopf-Grundeinkommen von 22,81 Dollar ausbezahlt, die andere Hälfte einen Einmalbetrag von 547,50 Euro. Nur die restlichen 40 Dörfer mit zusammen 6000 Bürgern nehmen an der Langzeitstudie teil. Bedingungslos, wie die enorm-Redaktion ausweislich ihrer Headline glaubt, ist das Grundeinkommen übrigens selbst dann nicht, wenn man die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Dorfgemeinschaft alternative-facts-technisch zur Nichtbedingung schönredet: Man muss erwachsen sein. Kinder gehen leer aus, und die Eltern bekommen das Grundeinkommen auch nicht als Kindergeld anvertraut.

Noch mal nachgerechnet:

20.000 mal 547,50 sind knapp elf Millionen Dollar. Die 6.000 Langzeitprobanden erhalten zusammen knapp 20 Millionen Dollar. Wenn die nötigen 31 Millionen zusammenkommen, wird man etwa anno 2030 einen Abschlussbericht erwarten können. Solange hat das Experiment also schon einmal keinen wissenschaftlichen Nutzen.

Ob es ihn je haben wird? Die Dörfer haben – zuzüglich Kinder und Jugendliche – eine durchschnittliche Einwohnerzahl von 125 (Zwei-Jahres-Probanden) beziehungsweise 150 (Zwölf-Jahres-Gruppe), also geschätzt 300 Einwohner. Ich kenne die Siedlungsstruktur nicht, aber die Spreizung dürfte so ausfallen, dass 1000 Einwohner schon den oberen Rand bilden. Das heißt: Das gesamte Experiment beschränkt sich auf Gemeinden, in denen jeder jeden kennt. Das dörfliche Sozialverhalten auf dem Land dürfte sich von dem in einer Großstadt wie Nairobi signifikant unterscheiden.

Welche Rückschlüsse man aus den Daten dann erst auf die Auswirkungen eines Grundeinkommens in, sagen wir, New York City oder dem Freistaat Bayern ziehen können soll, bleibt das Geheimnis der Empirie-Genies aus Amerika – und der deutschen Redaktionen, die unkritisch über solche „Studien“ berichten, bei denen Menschen in fernen Ländern in neokolonialer Manier zu Studienobjekten degradiert und für ihre Teilnahme mit einem Almosen abgespeist werden, das nicht einmal alle erhalten.

 

 

 

Zahnloser Tiger BNetzA zwickt Vodafone

Die Vodafone Kabel Deutschland GmbH hatte sich einen heftigen Biss ins Gesäß redlich verdient. Sie kaufte Adressen und verschickte amtlich aussehende Briefe und Postkarten, versehen mit einem Fake-Stempel „Wiederholter Zustellversuch“. Solche Methoden kennt man sonst nur von Direktmarketingfirmen der untersten Kategorie. Also solchen, die Compliance und Berufsethos für „sowas von 20. Jahrhundert“ halten, dass sie sich einen stinkenden Morast drum scheren. Unter anderem wollten sie so meinem Schwiegervater (88) einen Internetzugang zusätzlich zu seinem Kabelfernsehanschluss andrehen, obwohl Triple Play in dieser Eigentumswohnanlage gar nicht verfügbar ist. Sprich: Die geben Geld dafür aus, Leute kirre zu machen, denen sie das Beworbene nicht einmal verkaufen können.

Heute kam zur diesem Vorgang eine Presseinfo der Bundesnetzagentur mit der hochtrabenden Headline…

Homann: „Wir nehmen Täuschung der Verbraucher nicht hin“

…und der Behauptung, die BNetzA „ahnde“ einen Wettbewerbsverstoß:

„Wettbewerbswidriges Verhalten wird durch die Bundesnetzagentur konsequent geahndet“, betont Jochen Homann, Präsident der Bundesnetzagentur.

Was damit gemeint ist, kann man freundlich als vorsätzliche Verbrauchertäuschung verharmlosen. Nachdem der werbliche One-shot längst abgeschossen ist, verbietet ihn die Netzagentur pro forma nachträglich. Konsequenzen: keine. Es ist ein erhobener Zeigefinger verbunden mit einem öffentlichen „du-du!“, oder ein Biss in den Popo, vor dem sich der Beißer die dritten Zähne herausgenommen hat.

Das liest sich dann wie folgt:

„Sollte das Unternehmen der Untersagung nicht nachkommen, wird die Bundesnetzagentur weitere Maßnahmen prüfen. Zwangsgelder in Höhe von 20.000 Euro wurden bereits angedroht.“

Vodafone KD braucht jetzt nur „sorry, Großes Indianerehrenwort, wir tun’s nicht wieder“ zu sagen. Die Jungs hatten das gewiss auch gar nicht vor, weil man als Direktwerber eh jedesmal etwas anders macht. Und selbst wenn, ginge ihnen ein 20.000-Euro-Knöllchen meterweit am Glutaeus Maximus vorbei.

Vielleicht sollte sich Herr Homann mal die Portokasse eines Telekommunikationsunternehmens anschauen, um eine Vorstellung von deren Größe zu bekommen. Kleiner Hinweis: Selbst wenn die Aussendung pro Kunde nur 40 Cent gekostet haben sollte, muss man bedenken, dass solche Werbung an Hunderttausende bis Millionen von Haushalten geht. Deshalb darf die Agentur gerne mal ein oder zwei Nullen an die Zwangsgeldsumme dranhängen. Und die muss auch dann fällig sein, wenn sich der Delinquent das nächste Mal auf ganz andere Art und Weise daneben benimmt.

Ja zu Vorfahrtsstraßen, nein zu Schikanen

Jetzt sieht auch Kauferings Bürgermeister Erich Püttner, so las ich im Landsberger Tagblatt, die von seinem Vorgänger im ganzen Ort verstreuten Tempo-30-Schilder als problematisch an („Wo Tempo 30 eigentlich verboten ist“, Romi Löbhard im LT vom 27.1.2017). Alex Glaser hatte das schon früher gesagt. So weit, so gut. Nur: Was ist die Konsequenz? Ein „Fachmann für Verkehrsrecht“ soll jetzt prüfen, ob Kaufering wieder ein paar echte Vorfahrtsstraßen bekommt: Iglinger Straße, Bahnhofstraße, Dr.-Gerbl-Straße, Ottostraße, Kolpingstraße.

Dafür engagiert man also einen Experten. Unfassbar. Diese Straßen wurden als Vorfahrtsstraßen angelegt, und das sieht man ihnen an. Nur um einigen Gemeinderäten auszureden, dass sie mit Schwellen, Engstellen oder anderen Schikanen gewaltsam entschleunigt würden, braucht man kein Gutachten. Man braucht sie nur mal in einem Sanka mitfahren zu lassen, dessen Insassen durch derartigen Straßenverbauwahnsinn schikaniert werden (ich empfehle als Teststrecke Puchheim-Bahnhof, und zwar die Straße am Diakonie-Altersheim).

Gerade in einem Ort mit vielen alten Menschen wie Kaufering sollte man nicht künstlich die Zeit verlängern, bis der Notarzt oder der Krankenwagen da ist bzw. bis er das Krankenhaus erreicht. Vernünftige Verkehrsplanung bedeutet: Es gibt ein Netz von Vorfahrtsstraßen mit Tempo 50 (!), in den Nebenstraßen kann man getrost Tempo-30-Zonen einrichten.

Wenn aber denn schon ein Profi herkommen muss und Gage kriegt – ein Berater hat oft ja nur die Aufgabe, als Neutraler von außen etwas Vernünftiges akzeptabel zu machen – sollte er sich bei der Gelegenheit anschauen, was man mit ein paar anderen Straßen anstellen könnte, bei denen Soll und Ist nicht wirklich zusammen passen.

Bei Haidenbucher- und Albert-Schweitzer-Straße ist es noch am einfachsten. Sie sind übersichtliche, breite Vorfahrtsstraßen und sollten es bleiben. Mein Vorschlag: Einfach die Tempo-30-Schilder abmontieren! Auf der Haidenbucherstraße wäre Tempo 50 kein Problem; auf der Albert-Schweitzer-Straße könnte man es erlauben, weil man dort – bis auf ein kurzes Stück – eh nicht so schnell fahren kann.

Auf dem Ahornring wiederum ist Tempo 50 erlaubt, doch wer da mit mehr als 40 Sachen unterwegs ist, hat das Gefühl, er sei ein Raser. Allerdings benehmen sich praktisch alle Autofahrer auf dem Ahornring, als hätten sie Vorfahrt. Dann kann man ihnen diese auch offiziell gewähren.

Schließlich wäre da noch die Theodor-Heuss-Straße. Sie ist eigentlich wie eine typische Tempo-30-Zonen-Straße angelegt, bekam aber zwischen Albert-Schweitzer-Straße und Ahornring Vorfahrt spendiert – wohl nur deshalb, weil der Ortsbus durch musste. Das ist ein alter Planungsfehler: Die  Albert-Schweitzer-Straße, also unser Kirschblütenboulevard, ist vorfahrtstechnisch eine veritable Stichstraße. Am Bürgermeister-Jung-Platz (Ärztehaus) endet sie ohne ernsthafte Ableitung. Da das nicht zu ändern ist, kann man auch rechts und links je ein 30-Zonen-Schild hinpflanzen.

So, jetzt bin ich gespannt, was der Fachmann sagt.