Christmas de luxe

Erschienen vor Weihnachten 2008 bei Capital online.

Wer viel Geld verdient und nichts verprasst, muss zusehen, wie er dieses konjunkturschädliche Verhalten mit seinem Gewissen vereinbaren will. Wer Ihnen heutzutage gute Zinsen & Renditen verspricht, ist ohnehin suspekt; Kopfsprünge in einen mit Talerchen gefüllten Geldspeicher führen nur dann nicht zu Platzwunden und Gehirnerschütterungen, wenn Sie Dagobert heißen. Und ein unsympathischer Geizerpel wollen Sie doch nicht sein, oder?

Weil das Fest der Liebe näherrückt, hat Capital-Autor Ulf J. Froitzheim seine Festplatte und die Ausbeute seiner Visite auf der Münchner Millionaire Fair 2008 nach Geschenkideen durchstöbert, die noch nicht zum Repertoire des durchschnittlichen Bestverdieners zählen. Präsente, die garantiert der pure Luxus sind: verlockend, aber zu 100 Prozent überflüssig, und gerade deshalb perfekt als ganz persönliches Hilfsprogramm zur Konjunkturbelebung.

Falls Ihnen gerade niemand einfällt, der so etwas Feines verdient hätte, dann beschenken Sie sich einfach selbst. Nie war es so einfach, sich dabei nicht wie ein Egoist zu fühlen! Weiterlesen

Energieversorger: Unterirdische Projekte


Versorger. Konzerne wie RWE, Eon und Vattenfall ventilieren große Pläne, das klimaschädliche Kohlendioxid künftig zu vergraben statt in die Luft zu blasen. Doch das ist längst nicht ausgereift – und auch keine Dauerlösung.

Text: Ulf J. Froitzheim

Capital 15/2008

Kohle hat als Energieträger nicht den besten Ruf, aber eine tüchtige Lobby. Auch Christian Ehler macht sich für sie stark, Europaabgeordneter aus dem Braunkohleland Brandenburg. Mit Blick auf seine ostdeutschen Wähler hat er Mitte Oktober in Brüssel einen ambitionierten Antrag durchgebracht: Die EU-Mitgliedsstaaten überlassen danach einen Teil ihrer CO₂-Emissionsrechte kostenlos den Betreibern von zwölf „Demonstrationskraftwerken“, die den Klimakiller CO₂ nicht in die Luft pusten, sondern abtrennen und unterirdisch lagern (siehe „CO₂ – und wie es verschwindet“). Ehler taxiert das Hilfspaket für das drecklose Dutzend auf sechs Milliarden Euro. Größter potenzieller Nutznießer: die deutsche Kohlewirtschaft.

„Carbon Capture & Storage“ (CCS), die Abschöpfung und Lagerung des Karbon-Abgases, steht in den Chefetagen von RWE, Vattenfall und Eon ganz weit oben auf der Themenliste. Die Topmanager dieser Anbieter, die zusammen etwa drei Viertel der deutschen Stromproduktion bestreiten, rechnen offenbar fest damit, einen Teil der EU-Subventionen abzuschöpfen.

Für sich allein ist die CCS-Technik bis auf weiteres sicher kein Geschäft – und technische, rechtliche und finanzielle Bedenken sind längst nicht geklärt. Nur die öffentlichkeitswirksame Vermarktung läuft bereits auf hohen Touren. Stromanbieter RWE Power ließ diesen Sommer wissen, man werde bis 2014 ein ultramodernes Braunkohle-Kraftwerk in die Kölner Bucht stellen, das seine CO₂-Ausscheidungen über eine 500 Kilometer lange Pipeline nach Schleswig-Holstein pumpt. Bernhard Fischer, Vorstandsmitglied der Eon Energie, stellte in Aussicht, sein Unternehmen werde im Energiemix des Jahres 2030 – neben ganz viel regenerativer Energie und Kernkraft – „zehn Prozent aus Steinkohle mit CCS-Technologie“ gewinnen. Und die Eröffnung einer kleinen Pilotanlage von Vattenfall Europe im Lausitz-Nest Schwarze Pumpe machte Anfang September bundesweit Furore, als sei der Einstieg in eine klimakompatible Kraftwerkstechnik nur noch eine Frage des Wann und Wie.

In Wirklichkeit ist nicht einmal das Ob gewiss. Der Zeitplan für die Nordsee-Pipeline, die als derzeit ehrgeizigstes CCS-Projekt weltweit gilt, ist reines Wunschdenken. Bauherr RWE antizipiert nämlich rechtliche Rahmenbedingungen, die das parlamentarische Prozedere noch gar nicht durchlaufen haben. Unternehmen, die daran arbeiteten, ihre Kraftwerke umweltfreundlicher zu machen, müssten „Finanzentscheidungen auf einer nicht existenten Rechtsgrundlage treffen“, beschreibt Europapolitiker Ehler den aus seiner Sicht „grotesken Status quo“. Ein Antrag, das CO₂ in eine Kaverne, also einen unterirdischen Hohlraum, zu pumpen, sei nach geltendem Bergrecht gar nicht genehmigungsfähig. Das hält die RWE freilich nicht davon ab, schon mal auf ein Raumordnungsverfahren zu drängen, das ihr die Trassenplanung für die halbmeterdicke, unterirdische Abgasröhre ermöglichen würde.

Ob sich das RWE-Gaslager eignet, wird erst geprüft

Mit ihrem Bau anzufangen hätte eh keinen Sinn, denn noch ist nicht zweifelsfrei erwiesen, dass der Plan überhaupt technisch machbar ist. Auf Nachfrage gibt ein Sprecher der zuständigen RWE-Tochter Dea in Hamburg an, dass bisher nicht einmal die seismologischen Tests terminiert seien, mit denen der Konzern erst ausloten kann, ob die ins Auge gefassten Gesteinsformationen unter Nordfriesland und Ostholstein tatsächlich die Beschaffenheit und Größe aufweisen, um die Gasmenge aufzunehmen, die bei jahrzehntelangem Kraftwerksbetrieb anfallen würde. Die Erkundungsbohrungen, die letzte Klarheit geben werden, können wohl nicht vor 2010 erfolgen.

Auch der Rummel von Vattenfall Europe um das CCS-getunte Kraft-Wärme-Werklein Schwarze Pumpe war verfrüht. Die Lagerung des Gases unter der sächsischanhaltinischen Altmark kann bestensfalls 2009 beginnen. Ob die Betreiber überhaupt starten können, müssen Ergebnisse von Versuchen erst noch zeigen, die das Deutsche Geoforschungszentrum Potsdam durchführt.

Obwohl mehrere Methoden zur CO₂-Abscheidung technisch erprobt sind und der norwegische Statoil-Konzern seit 1996 Abfallgas ins Gestein unter seiner Bohrplattform Sleipner West presst – und erfolgreich lagert –, haben die CCS-Befürworter keinen leichten Stand. Umweltschützer vom BUND wittern „Greenwashing“, also Alibi-Veranstaltungen zwecks Imagepolitur. Die NRW-Grüne Bärbel Höhn – einst als Umweltministerin gescholten, weil sie beim Tagebau Garzweiler II Wolfgang Clement nachgab – unterstellt RWE-Chef Jürgen Großmann, er wolle sich „einen Freifahrtschein in eine fossile Zukunft“ sichern.

Ihr Fraktionskollege Reiner Priggen rechnete medienwirksam vor, wenn die Technik etwas bewirken solle, brauche man im Braunkohlerevier 90 Pipelines. Vorerst geht es nur um eine einzige, um die erste Röhre – und ums Geld. Das CCS-Kraftwerk Hürth samt Pipeline könnte laut Schätzungen bis zu zwei Milliarden Euro kosten, RWE-Chef Jürgen Großmann will aber nur eine Milliarde selbst tragen. Den Rest, so weit er nicht durch öffentliche Zuschüsse gedeckt wird, sollen Partner einbringen. Die vom Europaparlament avisierten Subventionen würden also helfen.

Doch die Richtlinie, Grundlage für das in Deutschland geplante nationale Gesetz zur Förderung der Abscheidung und Lagerung von industriellen CO₂-Emissionen (kurz: CCS-Gesetz), ist noch nicht durch. Zunächst müssen in einem „Trilog“ zwischen Parlament, Kommission und Rat noch Geldfragen geklärt werden. Nicht alle Staaten sind erfreut darüber, dass sie auf bereits in ihren Budgets verplante Einnahmen aus der CO₂-Abgabe verzichten sollen.

Dass aber ohne Aussicht auf Subventionen so schnell niemand aus der Energiewirtschaft große Summen in CCS investieren wird, ist spätestens klar, seit McKinsey für Energie-Kommissar Andris Piebalgs die Wirtschaftlichkeit der zur Debatte stehenden Techniken durchgerechnet hat. Die Consultants veranschlagen Zusatzkosten von 60 bis 90 Euro pro Tonne CO₂, die abgespalten und eingegraben wird. Erst in gut 20 Jahren wäre CCS-Strom nach ihrer Rechnung konkurrenzfähig.

Konsens herrscht in der Branche, dass es sich auf keinen Fall rechnet, veraltete Kraftwerke mit den voluminösen CO₂-Abscheidern nachzurüsten – so das überhaupt technisch möglich und Platz dafür vorhanden wäre. Denn allen Techniken zur Abspaltung ist gemeinsam, dass sie die Effizienz der Kraftwerke verringern. „Der durchschnittliche Wirkungsgrad von Steinkohlekraftwerken beträgt weltweit rund 30 Prozent“, erklärt der Münchner Eon-Manager Bernhard Fischer, „in Europa 36 und in Deutschland 38 Prozent.“

Da CCS mindestens acht, wenn nicht sogar zwölf Prozentpunkte schluckt, sieht Fischer nur bei den modernsten Kraftwerken einen Sinn in der Sequestrierung, wie CCS unter Fachleuten heißt.

Die Lagertechnik lohnt sich nur für neue Kraftwerke

Stand der modernen Technik seien heute 45 Prozent Wirkungsgrad, das Ziel von Eon heiße „50 plus“. Das erste Demonstrationskraftwerk dieser Generation, die mit neuen Materialien höhere Verbrennungstemperaturen erreicht, soll 2014 in Wilhelmshaven ans Netz gehen. Wie praktisch alles, was in diesen Jahren in die Planung geht, wird es natürlich „capture ready“ sein, also fit für die carbonreduzierte Zukunft mit unterirdischen Gas-Lagern. Das hat seinen Preis: Eon investiert mehr als eine Milliarde Euro in das Projekt.

Wie stark sich die CO₂-Entsorgung auf den Verbraucherpreis auswirken würde, ist noch Spekulation. Laut Berechnungen des Mathematikers Jürgen-Friedrich Hake vom Forschungszentrum Jülich sind es mindestens drei Cent pro Kilowattstunde, denn die Herstellungskosten würden sich von drei auf sechs Cent verdoppeln, selbst Optimisten gehen von fünf Cent aus. Auch Johannes Ewers, als Leiter Neue Technologien bei der RWE Power für Hürth zuständig, räumt ein, nach derzeitigem Stand der Technik steige der Kohleverbrauch um 30 Prozent.

Ein heftiger Preisaufschlag käme den Gegnern der fossilen Rohstoffe wiederum ganz recht, denn er würde die Konkurrenzfähigkeit der erneuerbaren Energien steigern und zum Energiesparen motivieren. So sind Umweltorganisationen wie Greenpeace und BUND vor allem die geplanten Subventionen für die Sequestrierung ein Dorn im Auge. Sie sähen die Fördermilliarden lieber in die Forschung an regenerativen Energiequellen investiert.

Selbst wenn sie im großen Stil kommen würde, wäre die unterirdische Lösung kein Persilschein für die Kohle. So will sogar CSS-Förderer Ehler mit seinem EU-Vorstoß für diese „Brückentechnologie“ vor allem „Zeit gewinnen“. Am anderen Ufer sieht er nicht Kohlestrom, sondern einen Mix aus erneuerbaren Energien – die erst gar kein CO₂ mehr verursachen, das man teuer vergraben müsste.

Wird das klimaschädliche Gas bei der Stromproduktion abgespalten und verbuddelt, zehrt das an der mühsam erhöhten Effizienz der Kraftwerke.

CO₂ – und wie es verschwindet

❏ Deutsche Kohlekraftwerk erzeugen jährlich 300 Milliarden Kilowattstunden Strom und mehr als 250 Millionen Tonnen CO₂. Pro Kilowattstunde stoßen sie bis zu 1200 Gramm Kohlendioxid aus – mit moderner Technik sind unter 400 Gramm möglich.

❏ Würden sämtliche Altanlagen durch hocheffiziente neue ersetzt, wären die Klimaziele schon übertroffen. Als eher finanzierbar gilt aber die Abspaltung und unterirdische Lagerung von CO₂ – etwa in leergepumpten Erdöl- und Erdgaslagerstätten, salzhaltigen Grundwasserleitungen oder Kohleflözen. Kernproblem ist der Nachweis, dass die Lager auf Dauer dicht halten. Als kritisch gilt auch der Abtransport.

❏ Alle Techniken, das CO₂ abzuspalten, verschlechtern den Wirkungsgrad von Kraftwerken. Der liegt im Branchenschnitt bei 38 Prozent – das heißt 38 Prozent der eingesetzten Primärenergie wird zu Strom. Moderne Anlagen bringen es auf 45 Prozent. Durch CO₂-Abspaltung sinkt die Quote um bis zu 12 Prozentpunkte.

Grüne Woche in Hannover


Klimaschutz. Die Cebit-Macher haben die Umwelt als Thema entdeckt, auch die IT-Aussteller suchen ein grünes Image. An einer Klimabelastung kann die Messe allerdings wenig ändern: dem CO₂-Ausstoß der Besucherkarawanen.

Text: Ulf J. Froitzheim

Capital 2/2008

Für Besucher der nächsten Cebit gehört das schlechte Gewissen zum guten Ton. Wer Anfang März nach Hannover reist, um sich über die neuesten Trends der Informationstechnik schlau zu machen, wird an der Botschaft kaum vorbeikommen, sein PC sei ein Klimakiller. Denn „Green IT“ ist 2008 Schwerpunktthema.

Den Messemachern scheint es damit wirklich ernst zu sein: Ernst Raue, für die Cebit zuständiges Vorstandsmitglied der Deutschen Messe, warnte, der Betrieb von Computern, Datennetzen und Telefonanlagen produziere inzwischen ähnliche Mengen an Kohlendioxid wie der globale Luftverkehr. „Auf der Suche nach den besten Lösungen zur Verringerung der CO₂–Belastung“, formuliert er es diplomatisch, „hat die ITK-Branche eine Schlüsselfunktion. “

Ganz uneigennützig ist es nicht, wenn sich der Gastgeber stellvertretend für seine Aussteller als reuiger Ökosünder in Szene setzt. Sein vermeintlicher Angriff auf das eigene Lager dient der Verteidigung gleich an zwei Fronten. So steht die traditionell als vergleichsweise sauber geltende IT-Industrie unter ungewohntem Rechtfertigungsdruck, weil sie die Dimension des Problems Energiekosten erst spät erkannt hat. Zudem wird es bei zunehmender Marktsättigung immer schwieriger, überhaupt noch Themen zu finden, von denen sich Hunderttausende angesprochen fühlen. Spektakuläre Innovationen sind rar geworden. Und sie halten sich selten an den Messekalender. Da kommt der Trend zu korrekten Niedrigenergie-Systemen für die Cebit-Produzenten just in time.

Die Hersteller stecken in einem ähnlichen Dilemma wie die Autoindustrie: Einerseits müssen sie schon aus Imagegründen die Verbrauchswerte senken. Andererseits ist „mehr Leistung“ immer noch ein Verkaufsargument, das zieht. Obendrein ist die Bereitschaft der Kunden gering, für sparsame Maschinen mehr zu bezahlen. Hinzu kommt: Je erfolgreicher die Hersteller effizientere Geräte verkaufen, desto größer wird die Schrotthalde. Schon jetzt landen laut Greenpeace pro Jahr mehr als 100.000 Tonnen Informationstechnik bei den Entsorgern.

Zudem kostet die Produktion eines durchschnittlichen PC, wie das Wuppertal-Institut ausgerechnet hat, mehr Energie als sein Betrieb vom Kauf bis zur Ausmusterung. Darum setzen manche grünen Konzepte, über die man in Hannover sprechen wird, schon bei der Frage an, wieviel voll ausgestattete Hardware man überhaupt braucht. Ein Unternehmen, das seine Datenhaltung ökomäßig optimieren will, kann selten benötigte Informationen auf Festplatten auslagern, die per Software erst dann hochgefahren werden, wenn tatsächlich jemand darauf zugreifen will.

Die Cebit verursacht, wie jede überregionale Messe, enorme CO₂-Emissionen

Die grüne Woche in Hannover rückt allerdings unweigerlich ein Umweltproblem in den Blickpunkt, an dem Messechef Raue wenig ändern kann, will er nicht seinen eigenen Job infragestellen: Die Cebit selbst verursacht, wie jede überregionale Messe, enorme CO₂-Emissionen. So kommt die Bad Vilbeler Klimaschutz-Beratungsfirma 3C – The Carbon Credit Company in einer Grobschätzung für Capital zu dem Ergebnis, dass während der Cebit 2007 allein bei der An- und Abreise der Teilnehmer und des Messepersonals mindestens 77.000 Tonnen Kohlendioxid entwichen sind. Gemessen an den 900 Millionen Tonnen, die Deutschland jährlich in die Atmosphäre bläst, wirkt das vielleicht nicht dramatisch. Doch der Moloch Cebit stellt laut Statistik des Branchenverbandes Auma auch nur fünf Prozent der Besucher aller überregionalen Messen im Lande. Angenommen, die Daten zu Hannover wären repräsentativ, ergäbe sich also in der Summe übers Jahr eine CO₂-Wolke in der Größenordnung aller Autoabgase einer Stadt wie Köln.

Die umweltfreundlichste, aber auch radikalste Lösung des Problems läge sicherlich darin, zu Hause zu bleiben und sich – notfalls mit noch nicht ergrüntem Digitalequipment – via Web oder Videokonferenz über die neuesten technischen Errungenschaften zu informieren. Dies scheint, wenn die Statistiken nicht trügen, immer mehr Computer-Anwendern tatsächlich zu genügen. So ist die Systems in München, zu der 2000 noch 147.000 Menschen anreisten, mit zuletzt 42.000 Gästen nur mehr ein schwacher Abglanz ihrer selbst. Auch die Cebit hat schwer gelitten: Seit 2004 kommt die Besucherzahl nicht mehr über die halbe Million hinaus, im Boomjahr 2001 waren es einmal 830.000 Personen.

Für das Bedürfnis der Menschen, sich persönlich zu treffen und Neuheiten vor Ort zu bestaunen, zeigen jedoch sogar die ausgewiesenen Umweltprofis Verständnis. Rainer Lucas, der sich am Wuppertal-Institut mit klimafreundlichen Konzepten für Großveranstaltungen befasst, geht es denn auch nicht darum, den Besuchern die Reise an sich mies zu machen. Ihn interessieren nur mögliche Wege, auf denen man den Mix der Verkehrsmittel beeinflussen könnte. Neben guten Ansätzen wie der Werbung für den Messebahnhof in Hannover-Laatzen, an dem an Ausstellungstagen auch die ICEs halten, sieht Lucas aber auch falsche Signale: „Wenn die Besucher wissen, dass es 40.000 Parkplätze gibt, ist das natürlich ein Anreiz, mit dem eigenen Wagen anzureisen.“ Viel mehr hielte er davon, wenn Messegesellschaften im Web Mitfahrerbörsen einrichten würden. Bei der Cebit eigentlich nicht nötig, beteuert aber deren Sprecher Hartwig von Saß: „In den meisten Autos sitzen heute schon drei Personen.“

Bereits in den 90er Jahren hatte die Deutsche Messe AG der Verschwendung den Kampf angesagt – aus ökologischen wie ökonomischen Gründen, aber auch im Hinblick auf die Weltausstellung Expo 2000. Seither setzen die Planer bei Renovierungen und Neubauten auf Ressourcenschonung.

Die Bahnreisenden werden gegenüber den Autofahrern benachteiligt

Unter anderem investierten sie in ein Lüftungssystem, das natürliche Luftbewegungen ausnutzt und deshalb weniger Strom verschlingt. Spiegellamellen in den Oberlichtern verringerten den Energiebedarf für die Beleuchtung der Stände, Recyclingkonzepte den gigantischen Müllberg, den Aussteller und Besucher hinterließen. Außerdem wurde die Heizung von Öl auf das abgasärmere Erdgas umgestellt. Allerdings fällt ausgerechnet die größte Messe nach wie vor in die Heizperiode: Der Termin Anfang März brachte der Cebit schon mal den Spitznamen „Schneebit“ ein. Doch die Aussteller wollen es angeblich nicht anders.

Solange zudem die Bequemlichkeit der Autofahrer besser bedient wird als die der Bahnfahrgäste, bleibt als Beitrag zur Rettung des Weltklimas nur noch der moderne Ablasshandel, wie ihn 3C und Konkurrenten wie Atmosfair oder Greenmiles vermitteln. Bei Kongressen und großen Sportveranstaltungen ist der Kauf von Klima-Zertifikaten bereits im Kommen. So ließ sich der Münchner Verleger Hubert Burda vom Berliner 3C-Büro im vorigen Januar die Zukunftstagung Digital Life Design (DLD) ökologisch schönrechnen. Da die Consulter dafür geradestehen, dass das gespendete Geld tatsächlich in Projekte investiert wird, die der Umwelt ebenso viel Kohlendioxid ersparen, wie die Teilnehmer verbraten haben, dürfen sich die Veranstalter mit dem Prädikat „klimaneutral“ schmücken.

Doch die bisher entwickelten Freikauf-Konzepte passen nicht auf Mammutveranstaltungen wie die Cebit. Für eine seriöse Kalkulation des CO₂-Fußabdrucks einer Messe müsse eine Vielzahl von Parametern erfasst werden, erklärt Mara Zirnen von 3C: „Wer reist von wo mit welchem Verkehrsmittel an? Wie viele reale Personen verbergen sich hinter den Besucherzahlen, die nur die Summe der Drehkreuz-Betätigungen abbilden? Hinzu kommen Heizkosten, Beleuchtung, Stromverbrauch der Computer, Shuttle-Sprit, Standbau und Catering.“ Wer es bei einem so komplexen Großereignis perfekt machen will, läuft Gefahr, den Aufwand für die Datensammlung auf die Spitze zu treiben, bis er in keinem Verhältnis mehr steht zur überschaubaren Investition in Emissionszertifikate.

So bleibt der Messegänger am Ende doch allein mit seinem schlechten Gewissen – allerdings nicht ohne Chance, Gutes zu tun. Wenn die Ablass-Profis schon nicht dem gesamten Event die Absolution erteilen, kann sich der Besucher via Internet beim Klimadienst seines Vertrauens individuell freikaufen. Sei es für die Fahrt zur Cebit oder zur nächsten Automobilausstellung. Und: Jeder kann dabei ohne Probleme mehr Kilometer angeben, als er wirklich fährt.

His Steveness


Die Erfolgsmarke Apple lebt von ihrem Gründer Steve Jobs: Der Berufsjugendliche agiert professionell als oberster Imagebringer – und wickelt seine Kunden auf der ganzen Welt geschickt um den Finger

Text: Ulf J. Froitzheim

Disclaimer: Bevor es andere tun, erklärt sich der Autor vorsorglich selbst für befangen. Er gehört zur wachsenden Schar derer, die sich nachsagen lassen müssen, sie seien willenlose Fashion Victims, eingelullt von einem egomanen Lifestyle-Guru, der für Allerweltsdigitalien von ergreifender Schlichtheit Mondpreise verlange. Der Verfasser ist jener obskuren Sekte anheim gefallen, die den kalifornischen Milliardär Steven Paul Jobs als Messias des Computerzeitalters verehrt. Jenem harten Kern von Apple-Jüngern, die Web-auf, Web-ab ihren Technopapst Steve I. preisen und jederzeit bereit wären, ihm 199 oder 299 Euro hinzublättern, gäbe er ihnen Gelegenheit, sich die Haare mit einem MP3-Songs dudelnden iFön zu trocknen.

Capital 23/2007

Der 52-Jährige ist eben nicht einfach Gründer und Topmanager eines ziemlich erfolgreichen Hardware-Herstellers; das ist Michael Dell auch. Ein Wunderkind der IT-Pionierzeit, das dank seiner Chuzpe zu Ruhm und Reichtum gelangte? Da denkt jeder zuerst an Microsoft-Gründer Bill Gates.

Nein, diesen beiden Kollegen, die in Texas und Washington weit größere Firmen aufgebaut haben als er, hat der Kalifornier Jobs etwas voraus, das diese sich für kein Geld der Welt kaufen können: das Talent, vor Tausenden von Zuschauern rund um ein ein neues Produkt eine stundenlange Bühnenshow abzuziehen, die von Journalisten und ehrfürchtigen Fans sofort webweit kommentiert und diskutiert wird. Als hätten The Police, Fleetwood Mac und die Stones eine gemeinsame Platte aufgenommen.

Mit dieser Masche eroberte Jobs den Markt für MP3-Player; so bewies er auch, dass Internet-Nutzer bereit sind, für Musik-Downloads Geld zu bezahlen. Und die Ankündigung des tastenlosen Telefons iPhone im Januar war der PR-Coup des Jahres 2007, wenn nicht des Jahrzehnts. Der deutsche Marktforscher Oliver Janssen, bei TNS Infratest für die IT-Branche zuständig, ist sich sicher, dass das Gerät auch in Europa einschlägt, wo es zum Weihnachtsgeschäft erhältlich sein soll – in Deutschland ab dem 9. November bei T-Mobile.

Jobs Wesen des exzentrischen Magiers, der sich vornehmlich auf sich selbst verlässt, wurzelt in frühester Jugend. Von den leiblichen Eltern im Stich gelassen, entwickelt er Durchsetzungsfähigkeit und technische Brillanz zur rechten Zeit am richtigen Ort für eine spätere Karriere in der IT-Industrie. Gleichzeitig prägt ihn die Kultur der Hippiebewegung mit ihren selbsternannten Gurus und Massenhappenings.

Seine Kindheit verbringt er in jenem Obstanbaugebiet südlich von San Francisco, das während seiner Schulzeit zum Silicon Valley mutiert. Dass er dort aufwächst und nicht in Green Bay (Wisconsin), einem Provinznest am Michigansee, verdankt er der Hartherzigkeit seines Großvaters mütterlicherseits, des deutschstämmigen Nerzzüchters Arthur Schieble. Aus Angst vor seiner Ungnade floh dessen Tochter Joanne-Carole, die unstandesgemäß schwanger war von ihrem syrischen Freund Abdulfattah Jandali, ins ferne San Francisco, um in der anonymen Großstadt Adoptiveltern zu suchen. Als Steve am 24. Februar 1955 zur Welt kommt, nehmen ihn Clara und Paul Jobs an Kindesstatt an: sie Buchhalterin, er Schlosser.

Die Jobs tun alles für den kleinen Steve. Sie ziehen wegen einer besseren Schule für den begabten, eigenwilligen Jungen nach Palo Alto und sparen eisern, damit er wie versprochen aufs College gehen kann. Der 17-Jährige darf sich sogar aussuchen wo – und entscheidet sich für das teure Reed College in Portland/Oregon. Über seine Zeit damals spricht Jobs zum ersten Mal als 50-Jähriger (halb-)öffentlich in einer Festrede in Stanford. Über den jungen Steve, der ein schlechtes Gewissen hat und das Studium nach dem ersten Semester abbricht, aber in Portland bleibt. Der keine eigene Bude hat, bei Kumpels auf dem Fußboden pennt und sich ein Taschengeld verdient, indem er Colaflaschen auf der Straße aufliest und das Pfand kassiert. Der Sonntags zu Fuß sieben Meilen zum Hare-Krishna-Tempel pilgert, weil es da gratis ein gutes Mittagessen gibt.

1974 kehrt er ins Valley zurück. Ein Schulfreund vermittelt ihm einen Job beim Videospiele-Hersteller Atari. Der technisch interessierte Jobs, dem der Adoptivvater einst eine eigene Werkbank in der Garage überlassen hatte, schlittert in die anarchische Elektronikbastlerszene hinein. Mit seinem kongenialen Partner Steve Wozniak gründete er 1976 das Unternehmen Apple.

Der Ruf von Steve Jobs als begnadeter Charismatiker, hat viel mit seinen zwei, drei Auftritten pro Jahr zu tun, die er minutiös inszeniert und tagelang probt wie ein professioneller Showmaster

Von seinen leiblichen Eltern und seiner zwei Jahre jüngeren Schwester Mona erfährt Jobs erst, als er erwachsen ist. Nach wilden Jahren, in denen er angeblich eine Affäre mit der Protestsängerin Joan Baez hatte und auf Sinnsuche nach Indien pilgerte, ist die eigene Firma an der Börse und er selbst Vater einer nichtehelichen Tochter namens Lisa. Nach ihr benennt er 1982 einen PC, als Teenager wohnt sie mehrere Jahre bei ihm. Auch zu seiner Schwester Mona Simpson, die als Schriftstellerin erfolgreich ist, entwickelt Jobs ein freundschaftlich-vertrautes Verhältnis. Nichts deutet indes darauf hin, dass ihm je gelungen wäre, die Distanz zu seiner Mutter abzubauen.

Auch die Nähe zu seinem Publikum, den Kunden, ist im Grunde nur der öffentlich sichtbare Teil seiner Managementphilosophie. Jobs denkt in Audiences, ihm geht es um den Applaus des Publikums – das eröffnet Handlungsoptionen: Ein Fanclub verzeiht seinem Star Fehler. Bislang kann sich Jobs darauf verlassen, dass sich treue Anhänger selbstlos für ihn die Bresche werfen, sobald im Publikum Unmut aufkommt. Als Apple kürzlich per Software-Update alle iPhones unbrauchbar machte, deren Käufer die werksseitige Bindung an AT&T als einzig zulässigen US-Netzbetreiber geknackt hatten, sahen sich die betroffenen Handy-Hacker in Internet-Foren plötzlich einer Flut hämischer „Selber-schuld“-Kommentare ausgesetzt. Ihre Argumentation, sie hätten als Verbraucher das Recht, sich ihr Handynetz auszusuchen, konterten die Jobs-Verteidiger mit derart barschen Hinweisen auf die Garantiebestimmungen, wie sie sich Apple selbst nie hätte erlauben können.

Dass er sich heute wie auf dem Olymp der Informationsindustrie fühlen kann, muss Jobs wie eine hart verdiente Genugtuung erscheinen. Im Gegensatz zu seinen Rivalen Gates und Dell, die nie einen Karriereknick erdulden mussten, kennt er das Gefühl, in den Himmel gehoben zu werden und kurz darauf am Boden zu liegen. Ende der Siebziger war er bereits ein Großer gewesen, schließlich war er es, der 1976 den ersten ernst zu nehmenden PC in die Welt setzte, den Prototyp des Apple I im Holzgehäuse. Doch den unternehmerischen Herausforderungen, die vor ihm lagen, war er nicht gewachsen. Während IBM mit dem ersten PC die Vorherrschaft des Apple II angriff, leistete Jobs sich den Luxus, gleich zwei Modelle parallel zu entwickeln – die „Lisa“ für 10 000 Dollar und den Macintosh, der nur 2 000 Dollar kosten sollte. Software, die auf dem einen Modell lief, funktionierte nicht auf dem anderen. Als die Lisa Anfang 1983 auf den Markt kam, engagierte Jobs in seiner Not den Pepsicola-Chef John Sculley als Apple-Geschäftsführer. Es war eine Mesalliance, die nur zwei Jahre später in einem Machtkampf gipfeln sollte, den der „bezaubernde Tyrann“ – wie ihn sein Ex-Adlatus Andy Hertzfeld nennt – schließlich verlor. Jobs verließ Apple.

Jeder Versuch, „His Steveness“ heute auf seine erste Karriere anzusprechen, ist sinnlos. Einem Reporter, der wissen wollte, welchen Rat der gereifte Unternehmer Jobs dem 25-jährigen Steve geben würde, erwiderte er rüde: „…sich nicht mit dummen Interviews abzugeben! Ich habe keine Zeit für diesen philosophischen Bullshit.“ Die zweite Chance verdankt er seinen Nachfolgern an der Spitze von Apple. In den zwölf Jahren seiner Abwesenheit brachten Sculley, Mike Spindler und Gil Amelio das Unternehmen Apple nicht etwa nach vorn, sondern manövrierten es konsequent in die Bedeutungslosigkeit – während Microsoft mit dem Macintosh-Klon Windows florierte.
Schließlich holte Amelio den Gründer wieder zurück. Wenige Monate und einen Rekord-Quartalsverlust später war Amelio seinen Job los – und Jobs wurde CEO, für ein symbolisches Gehalt von einem Dollar. Das konnte er sich leisten: Sein unternehmerisches Hobby, die digitale Trickfilm-Werkstatt Pixar („Findet Nemo“, „Ratatouille“; inzwischen an Disney verkauft), war unterdessen zu einem Trendsetter Hollywoods avanciert.

Seit Jobs Wiedereinstieg geht es mit Apple stetig bergauf, doch 2004 scheint dafür das private Glück jäh zu enden: Ärzte entdecken bei dem Familienvater, der mit seiner Frau Laurene drei Kinder hat, damals im Alter zwischen 6 und 13 Jahren, einen Tumor an der Bauchspeicheldrüse. Jobs denkt, er habe noch drei bis sechs Monate zu leben, bevor sich die Geschwulst als gutartig herausstellt. Das unfreiwillige Nachdenken über den Tod, der ihm so nah war, verändert den oft bis zur Unerträglichkeit unduldsamen Unternehmer. „Die Erinnerung an den Gedanken, bald tot zu sein, ist das Wichtigste, was mir hilft, die großen Entscheidungen im Leben zu treffen“, sagt Jobs ein Jahr später bei seiner Rede in Stanford, „alle Erwartungen, aller Stolz, alle Furcht vor Ärger und Versagen fallen weg im Angesicht des Todes. Es bleibt nur, was wirklich wichtig ist.“

Produktneuheiten verkündet niemand anders als der Apple-Chef selbst: auf der Bühne, stets in Bluejeans und meist in schwarzem Rolli – mittels eines im Haus eigens für ihn entwickelten Präsentationsprogramms namens Keynote.

Die Firma gehört eindeutig dazu. Heute, zehn Jahre nach dem Comeback des Gründers, ist Apple stärker denn je auf seinen Boss fixiert – womöglich zu stark. Die internationale Markenberatung Interbrand rühmt das Unternehmen zwar als „Großmeister der Bedürfnisweckung“, doch ihre Zahlen zum Markenwert sind ernüchternd. Gerade einmal elf Milliarden Dollar ist der Name Apple wert, nur ein Elftel des Börsenwerts. Beim Autokonzern BMW dagegen trägt die Marke mehr als 60 Prozent zur Bewertung an der Börse bei, selbst Microsoft schafft es auf über 20 Prozent. Der Vergleich lässt nur einen Schluss zu: Der Charismatiker hat es nicht geschafft, seine Reputation als Innovator und Vordenker der IT-Industrie auf seine Firma zu übertragen.

Das sind allerdings Sorgen von morgen – Sorgen, die jemand wie der von einem Bilanzierungsskandal gebeutelte IT-Unternehmer Dell wohl gern hätte. Im Gegensatz zu ihm hat dem Popstar Jobs das Publikum bis dato noch alles verziehen; eine Affäre um Kungeleien bei Aktienoptionen interessiert seine Jünger längst nicht so wie die Frage, wann das iPhone endlich in einer UMTS-Version fürs schnelle Websurfen auf den Markt kommt. „Apple ist immer noch ein Sympathieträger“, sagt Florian Becker, Werbepsychologe an der Universität München, „die Marke gilt als jung, wild und dynamisch.“ Eine Attitüde, die Jobs clever inszeniert mit Hilfe der Werbeagentur TBWA. Doch das muss man erst einmal wissen: Der übliche klein gedruckte Hinweis auf den Reklamepartner fehlt in den Inseraten. Der Chef hat ein Monopol auf die Außendarstellung der Marke und wird fuchsteufelswild, wenn sich Mitarbeiter oder Dienstleister öffentlich äußern, die nicht dafür bezahlt werden. In Cupertino gibt es sogar einen eigenen Namen für das ganzheitliche Gesamtkunstwerk der Selbstdarstellung: „Media Arts.“ Es wäre allerdings wertlos, wenn nicht die Entwicklung der Produkte nach dem gleichen Prinzip gemanagt würde. „Bei vielen Firmen in unserer Branche ist Design nur ein Anhängsel, das am Schluss alles nett verpacken soll“, sagt Georg Albrecht, als Pressesprecher der Münchner Niederlassung einziger deutscher Mitarbeiter mit Lizenz zum Tönen, „bei uns spricht das Design schon von Anfang bei den Produkten mit.“

Wahrscheinlich hat es das sogar letzte Wort – meint zumindest Psychologe Becker. „Wenn bei Apple eine Entscheidung zu treffen ist zwischen technischem Nutzen und Design, entscheiden sie sich im Zweifelsfall fürs Design.“ Tatsächlich gilt Chefdesigner Jonathan Ive – seit 1992 dabei – als Jobs’ engster Mitarbeiter. Das Gespann liebt minimalistische Gestaltung, wie sie konsequent im iPod umgesetzt ist oder in der Multimedia-Fernbedienung der iMacs und Macbooks: Zwei Drucktasten (Menü, Start/Stop) und ein Kranz mit vier Symbolen (vor, zurück, leiser, lauter) genügen, um alle Funktionen auf den Monitor zu holen. Den Erfolg zeigt – neben dem iPod, mit dem Apple bereits jetzt die Gesamtstückzahl von Sonys Walkmen übertroffen hat – die Verkaufskurve der Mac-Computer. Im dritten Fiskalquartal (April bis Juni) lag die Marke bei fast 1,8 Millionen Stück – Rekord. Besonders gefragt sind die Notebooks, ihr Absatz stieg um mehr als 40 Prozent.

Nur einmal in jüngster Zeit hat der Apple-Gründer, Sanierer und CEO gepatzt. Nämlich als er den Amerikanern 599 Dollar plus Sales Tax für das iPhone abverlangte. Zunächst schien der stolze Preis sogar in Ordnung. Tausende kampierten in der Nacht vor dem Verkaufsstart vor den Apple Stores. Dass an diesem Preis viel verdient war, wusste zwar jeder – die Aktionäre sollten es ja auch wissen. Wie üppig die Bruttomarge war, verriet indes ein Analyst der Marktforschungsfirma iSuppli: Er taxierte den Wert der Bauteile auf 266 Dollar. Zwei Monate nach dem Start sah sich Jobs gezwungen, den Preis um 200 Dollar zu senken.

Was dann geschah, wäre bei jeder anderen Firma unvorstellbar: Empörte Blogger starteten im Internet eine Petition an Apple, den Käufern, die 599 Dollar bezahlt hatten, die Differenz auszuzahlen, die beiden landesweiten Tageszeitungen „USA Today“ und „Wall Street Journal“ stellten den Popstar des IT-Gewerbes in Interviews zur Rede. Er hat die Kurve nochmal genommen. Die Frühkäufer besänftigte Jobs mit Einkaufsgutscheinen oder Song-Downloads, dafür kauften jetzt diejenigen, die auf die Preissenkung gewartet hatten. Triumphierend gab der Media Artist kurz darauf die erste Absatz-Million bekannt. The show goes on.

 

 

Umbauen wie Sau


Das Billigkonzept der Konzernschwestern Media Markt und Saturn schwächelt. Die Ketten müssen weitere Käufer gewinnen: Durch neuen Schick, Beratung und Service. Weit sind sie noch nicht.

Text: Ulf J. Froitzheim

Ein unattraktiveres Ambiente als am Stahlgrubercenter ist in München schwer zu finden: ein Plattenbau, an dessen Waschbetonfassaden riesige rotgrundige Transparente Ende August für Digitalkameras werben: „Sauscharf! Mega-Umzug! Wir packen ein, Sie räumen ab!“

Dabei zieht es Martin Dilkaute gar nicht weg. Der Mitunternehmer der Media-Markt-München-Stahlgruber-Center TV-HiFi-Elektro GmbH hat seine Mitarbeiter schon wieder alles auspacken lassen, im selben Gebäude. Der hausinterne Umzug war nicht der letzte: Ende 2008 soll sich hier auf drei Etagen der „größte Media Markt der Welt“ breitmachen. Doch für einen Sonderverkauf taugt die kleine Zwischenlösung allemal, und so stehen um kurz vor sechs Uhr Mitarbeiter und Wachleute parat, einen Ansturm von Schnäppchenjägern zu kanalisieren, die das doppelseitige Zeitungsinserat „Saubillige Neueröffnung nach Umzug“ um den Schlaf gebracht haben soll.

Capital 22/2007

Viel Mühe haben sie nicht: Unter den zwei Dutzend Frühaufstehern geht es gesittet zu. Immerhin nehmen einzeIne Kunden die Mikrowelle (22 Euro) mit zur Kasse. Das restliche Sortiment von geschätzten 40000 Artikeln würdigt kaum jemand eines Blickes. Dabei wäre es der perfekte Zeitpunkt, sich beraten zu lassen. So viel Ruhe haben die Verkäufer seIten.

Noch steckt die Media-Saturn-Holding – ihr gehören jeweils 90 Prozent der Anteile an den Märkten – lokale Flops locker weg, und längst nicht jede „Neueröffnung“ bietet so desillusionierende Szenen wie die in München. Doch der Trend ist eindeutig: Das Geschäftsmodell der Media-Markt-Mitbegründer Leopold Stiefel und Walter Gunz, das mehr als 25 Jahre lang prächtig funktionierte und die Ingolstädter Firmengruppe zur Ertragsperle der Metro wachsen ließ, hat seinen Zenit überschritten.

Ein paar versprengte Frühaufsteher, mehr nicht

Der Umsatz pro Verkäufer liegt mit 382000 Euro im Jahr um vier Prozent unter dem Wert von 2003. Das Unternehmen wächst vor allem durch Expansion im europäischen Ausland. Rechnet man die stete Ausweitung der Verkaufsfläche heraus, betrug das Umsatzplus im deutschen Stammgeschäft 2006 gerade einmal 0,4 Prozent – und das trotz der zweifachen Sonderkonjunktur durch Fußball-WM und anstehende Mehrwertsteuererhöhung. Bis Juli 2007 sah der Zuwachs mit 1,3 Prozent, ebenfalls flächenbereinigt, nicht viel besser aus.

„Der deutsche Markt stagniert seit Jahren und wir haben es geschafft, in diesem Umfeld unseren Anteil zu erhöhen“, hält Roland Weise in Interviews gegen. Der Chef der Media-Saturn-Holding gibt sich „damit sehr zufrieden“. Doch Wettbewerber zeigen, dass mehr geht: So steigerte der Fachhandelsverbund Expert seinen Außenumsatz im Geschäftsjahr 2006/2007 um 14,8 Prozent, ein Drittel davon durch Flächenexpansion.

Zudem wird die Suche nach neuen Standorten schwerer: Seit Januar gönnten sich die beiden Vertriebslinien Rot (Media Markt) und Blau (Saturn) nur sechs neue Märkte in Deutschland, im Ausland wuchs das Filialnetz um 15 Standorte – eine Petitesse für einen Konzern, der 2005 und 2006 insgesamt 120 Läden aufgemacht oder übernommen hat, davon 38 in Deutschland. Gemessen an seinem gewohnten Tempo tritt der Schrittmacher der Metro fast auf der Stelle.

Rächt sich „Geiz ist geil“? Vize-Chef Klaus Peter Voigt will eine Abkehr von der provokanten Parole nicht bestätigen. „Als Konsumhaltung wird ,Geiz ist geil‘ ewig leben.“ Seine Firma stelle sich aber ein auf einen neuen, anspruchsvollen und preisbewussten Verbrauchertypus, den,er „clever Consumer“ nennt. Dieser Schlaukäufer soll in seinen Häusern „nicht an der Qualität, nicht am Service, nicht an der Beratung sparen, sondern nur am Preis“.

Rächt sich nun das langjährige Konzept „Geiz ist geil“?

In die Outlets der Kette, die von den beteiligten Geschäftsführern als Profitcenter geführt werden, scheint Voigts Philosophie noch nicht so recht vorzudringen. Beispiel München, Saturn in der Fußgängerzone: Der wegen der hohen City-Mieten etwas zu kompakte Laden – genauer gesagt seine Fotoabteilung – quillt fast über vor Interessenten. Sie buhlen um die Aufmerksamkeit der wenigen Verkäufer. Wer auf eigene Faust in den Regalen mit Kameraakkus und Speicherchipkarten den passenden Typ sucht, muss sich erst an seinen Mitkunden vorbeiquetschen, um dann festzustellen, dass die Beschriftung der SB-verpackten Ware doch Fragen offenlässt. Da heißt es warten, ein Gespräch stören, auf gut Glück kaufen – oder zur Konkurrenz gehen, wo die Ware oft auch nicht mehr kostet. Viele Computerabteilungen bei Saturn und Media Markt vermitteln ebenfalls den Eindruck, sie pflegten noch die „Stand-by-Beratung“, die Gründer Stiefel einst zum Kosten sparenden Bestandteil der Firmenphilosophie machte: Man lässt den Kunden tunlichst in Ruhe; bei Fragen wird er sich schon melden.

Glaubt man Voigt, haben die Ingolstädter die Zeichen der Zeit erkannt. Voigt: „Wir müssen der Komplexität der vernetzten Welt gerecht werden.“ Sein Haus bewerbe deshalb „sehr intensiv“ seine Dienstleistungen. „Installation, Lieferung, Home Service, vom Angebot her bleibt kein Wunsch unerfüllt.“ Service „als Produkt“ sei „definitiv verfügbar“. Will heißen: Er muss bezahlt werden.

Und die Gratisberatung im Laden? Zwar gibt es immer einen Hardwareexperten, der sich nach Einschätzung seiner Kollegen mit der gesuchten Gerätemarke perfekt auskennt, doch der spricht oder ist im Haus unterwegs. Voigt kennt das Problem und beteuert, ihn störe es auch, dass Kunden „vereinzelt“ und „insbesondere zu Stoßzeiten“ warten müssten. Dass zusätzliche Berater den Umsatz beflügeln könnten, glaubt er indes nicht: „Wir haben nicht zu wenig Personal.“

Doch so viele Mitarbeiter sind es auch wieder nicht für einen Vollsortimenter, der zunehmend erklärungsbedürftige Produkte anbietet: Eine durchschnittliche Filiale hat gut 3000 Quadratmeter und beschäftigt etwa 70 Mitarbeiter im Schichtdienst. In manchen Abteilungen ist es ganz alltäglich, dass ein Verkäufer auf einer Fläche von 100 Quadratmetern und mehr stundenlang der einzige Ansprechpartner ist.

So etwas ist gerade für reifere Jahrgänge, die auch für den Elektrohandel eine immer wichtigere Klientel werden, ein K.-o.-Kriterium: Wer sich als Techniklaie ein Heimkino mit Plasmabildschirm und Webanschluss zulegen will oder sich demnächst für Waschmaschinen interessiert, die den Programmablauf per Wireless-Lan an den Fernseher funken, steht sich ungern die Beine in den Bauch.

Fachhändler stürzen sich auf die Klientel der Best-Ager

Während der Marktführer noch mit sich ringt, stürzen sich die verbliebenen unabhängigen Händler auf die wachstumsträchtige Nische. Unter der Marke „Media@Home“ hat beispielsweise die Ditzinger Einkaufsgenossenschaft Euronics ein Konzept für ihre Händler entwickelt, das zahlungskräftige „Best Agers“ in den Mittelpunkt stellt. In eleganten Showrooms, die an gehobene Küchenstudios erinnern, zelebrieren die aus dem Massengeschäft gedrängten oder geflüchteten Fachhändler zeitlos moderne Lifestyleware von Marken wie Loewe, Bang & Olufsen oder KEF. Das Geschäftsmodell ist wie zur TV-Gründerzeit das des Handwerksmeisters: Die älteren Besserverdiener und wohlhabenden Jungpensionäre bezahlen Honorare für Beratung, Planung, Installation und Einweisung.

Gehobene Klientel in Berlin

Einen Teil der Media-Saturn-Geschäfte gezielt auf gehobenere Klientel auszurichten – in Berlin haben beide Vertriebslinien zusammen demnächst 23 Häuser, in München neun, in Hamburg acht -, hält Voigt indes für überflüssig: „Wir wollen kein ,50-plus‘, sondern alle Zielgruppen gleichermaßen ansprechen.“ Ein Spagat. Nur selten zeigt er noch so durchschlagenden Erfolg wie bei der Eröffnung des weltgrößten Media Markts im Berliner Einkaufszentrum Alexa Mitte September: Die Sonderangebote erschienen rund 5000 Käufern so verlockend, dass es im Gedränge zu zerdrückten Glastüren und mehreren Verletzten kam.