Purple Pizza für Zörner oder Die Rache des Orange Blowdryer

Matthias Platzeck hat dem deutschen Ableger von Russia Today neulich ein Interview gegeben. Das war ziemlich dämlich und pure Zeitverschwendung. Kein Kopp-Kunde, Reichsdeppenbürger, Querfrontler oder Chemtrailgläubiger wird deshalb SPD wählen.

Leserkommentare bei deutsch.rt.com

Hendrik Zörner, Pressesprecher meines Berufsverbandes DJV, hat sich über diesen Auftritt des früheren brandenburgischen Ministerpräsidenten so geärgert, dass er einen deftigen Rant gebloggt hat, wobei ihm der Lapsus unterlief, „RT deutsch“ für den ersten russischen Sender gehalten zu haben, der den „Fall Lisa“ kolportierte. Der Irrtum ist bedauerlich und ärgerlich, allein schon weil es peinlich ist, bei einer Propagandaschleuder um Entschuldigung bitten zu müssen, aber er bleibt ein Irrtum. Wer sich als Medienprofi auch nur ein bisschen mit der Arbeitsweise der staatsfinanzierten russischen Medien befasst hat, wird Zörner auch hinsichtlich dessen mildernde Umstände zugestehen, was aus besagtem Irrtum erwuchs: eine polemische Äußerung gegenüber RT deutsch und später, als er auf den Irrtum hingewiesen wurde, eine emotionale, impulsive Abwehrreaktion. Anders gesagt: Sein Schuss ging daneben, weil es die falsche Munition war, aber das Ziel war grundsätzlich kein Verkehrtes.

Die Redaktion von RT deutsch hätte jetzt souverän reagieren und den Angreifer dumm dastehen lassen können, um den Eindruck zu erwecken, der Vorwurf „Propagandaschleuder“ sei unberechtigt. Das hat sie aber nicht. Sie meldete die Entschuldigung im Stil einer veritablen Propagandaschleuder:

„Deutscher Journalistenverband entschuldigt sich für Verbreitung von Fake News über RT Deutsch“

Sie ließ sogar einen Schreiber ran, der entweder bei Hans Werner Conen (Achtung: Insidergag für DJVler!) in die Lehre gegangen ist oder dessen Stil bis in die letzten Nuancen zu kopieren versteht. Sowohl die Tonalität als auch die Stoßrichtung der verbalen Attacken lösen bei Kennern der Szene ein Déjà-vue aus. Jemand schlägt den Pressesprecher, der ihm eigentlich egal ist, um den Verband zu treffen.

Nun fehlen nur noch die Claqueure zu einem echten Conen-Lookalike-Contest. 56 Kommentare kamen zusammen. Nur zwei tragen Namen, die unter Umständen echt sein könnten – „Fritz Otto“ und „Manni Guerth“. Ein Kommentar kommt aus der „Reichsbürger“-Ecke Sachsen-Anhalts („Gardelegen staseve“; Gardelegen ist ein Ort, Staseve steht für Staatliche Selbst-Verwaltung“, einen in der Szene gängigen Terminus). 13 Diskutanten verwendeten irgendwelche Allerwelts-Nicknames. Aber doppelt so viele bastelten sich nach einheitlichem Schema Aliasse zusammen wie aus Legosteinen: Vorname = Farbe, Nachname = Gegenstand, alles jeweils auf Englisch.

Hier ist die Liste, nach Farben sortiert:

Blue Bottle, Blue Controller, Cyan Bottle, Cyan Mustache, Cyan Raindrop, Cyan Scooter, Gold Battery, Gold Pumpkin, Green Tooth, Olive Blowdryer, Olive Ducky, Olive Hat, Olive Plane, Olive Submarine, Orange Blowdryer, Orange Cocktail, Orange Submarine, Orange Turtle, Purple Pizza, Purple Popsicle, Red Battery, Red Car, Red Dog, Red Planet, Red Popsicle, Red Wrench.

Wenn ich jetzt schreibe, „das sind nie im Leben 26 verschiedene Menschen“ oder „da waren Trollbots am Werk“, kommt sicher jemand angerannt und brüllt: „Fake News“. Na gut, dann schreibe ich’s nicht. Denke sich jeder sein Teil.

 

 

BGE-Freunde können nicht rechnen

„Weltgrößter BGE-Versuch in Kenia“, titelt das Social-Business-Magazin Enorm, „26.000 Menschen, 300 Dörfer, 12 Jahre, 0,75 Dollar am Tag – das sind die Eckpunkte des größten Experiments, das bislang zum bedingungslosen Grundeinkommen stattfinden soll.“ Tja, das stimmt schon mal nicht, denn das Budget des Experiments beträgt nur 30 Millionen Dollar. Wenn 26.000 Menschen je 75 Cent pro Tag erhielten, wären das 19.500 Dollar am Tag, binnen 12 Jahren oder 4383 Tagen also 85.468.500 Dollar.

Liest man weiter, erfährt man, dass weder 300 Dörfer Geld bekommen noch 26.000 Menschen 12 Jahre lang. Das fängt damit an, dass 100 Dörfer als Kontrollgruppe definiert sind; dort bekommt niemand auch nur einen Cent dafür, dass er sich der Neugier amerikanischer Möchtegern-Sozialwissenschaftler stellt, die sich damit brüsten, das größte Experiment der Weltgeschichte zu veranstalten

We’re running the largest experiment in history.“

Bleiben 200 Dörfer. In 160 von ihnen, also 80 Prozent, ist nicht nach zwölf, sondern schon nach zwei Jahren Schluss. Diese Gruppe mit 20.000 Teilnehmern wird noch einmal geteilt. Eine Hälfte bekommt monatlich ein Pro-Kopf-Grundeinkommen von 22,81 Dollar ausbezahlt, die andere Hälfte einen Einmalbetrag von 547,50 Euro. Nur die restlichen 40 Dörfer mit zusammen 6000 Bürgern nehmen an der Langzeitstudie teil. Bedingungslos, wie die enorm-Redaktion ausweislich ihrer Headline glaubt, ist das Grundeinkommen übrigens selbst dann nicht, wenn man die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Dorfgemeinschaft alternative-facts-technisch zur Nichtbedingung schönredet: Man muss erwachsen sein. Kinder gehen leer aus, und die Eltern bekommen das Grundeinkommen auch nicht als Kindergeld anvertraut.

Noch mal nachgerechnet:

20.000 mal 547,50 sind knapp elf Millionen Dollar. Die 6.000 Langzeitprobanden erhalten zusammen knapp 20 Millionen Dollar. Wenn die nötigen 31 Millionen zusammenkommen, wird man etwa anno 2030 einen Abschlussbericht erwarten können. Solange hat das Experiment also schon einmal keinen wissenschaftlichen Nutzen.

Ob es ihn je haben wird? Die Dörfer haben – zuzüglich Kinder und Jugendliche – eine durchschnittliche Einwohnerzahl von 125 (Zwei-Jahres-Probanden) beziehungsweise 150 (Zwölf-Jahres-Gruppe), also geschätzt 300 Einwohner. Ich kenne die Siedlungsstruktur nicht, aber die Spreizung dürfte so ausfallen, dass 1000 Einwohner schon den oberen Rand bilden. Das heißt: Das gesamte Experiment beschränkt sich auf Gemeinden, in denen jeder jeden kennt. Das dörfliche Sozialverhalten auf dem Land dürfte sich von dem in einer Großstadt wie Nairobi signifikant unterscheiden.

Welche Rückschlüsse man aus den Daten dann erst auf die Auswirkungen eines Grundeinkommens in, sagen wir, New York City oder dem Freistaat Bayern ziehen können soll, bleibt das Geheimnis der Empirie-Genies aus Amerika – und der deutschen Redaktionen, die unkritisch über solche „Studien“ berichten, bei denen Menschen in fernen Ländern in neokolonialer Manier zu Studienobjekten degradiert und für ihre Teilnahme mit einem Almosen abgespeist werden, das nicht einmal alle erhalten.

 

 

 

Das Märchen vom Geldverdienen mit Online-Essen

Mehr als 15 Jahre ist es her, dass ich das erste Mal über den LEOH geschrieben habe, den Lebensmittel-Onlinehandel. Schon damals konnte man haltbare Spezialitäten – etwa Kaffee, Tee, Gewürze – im Internet bestellen. Was nie richtig ans Laufen kam, waren Vollsortiments-Angebote. Wer sich im LEH (Lebensmittel-Einzelhandel) auch nur ein bisschen auskennt, weiß: Im Netz lässt sich ein normaler Supermarkt nicht mit vertretbarem Aufwand 1:1 abbilden. Das Sortiment an industriell konfektionierten Markenartikeln mag zwar leicht zu handhaben sein, der USP jedes guten Ladens ist jedoch seine abwechslungsreiche Auswahl an frischen Produkten, die entweder nach Marktlage zu Tagespreisen eingekauft werden wie Obst, Gemüse, Fleisch und Fisch, oder den regionalen Vorlieben angepasst sein müssen wie das Käsesortiment oder Brot und Kuchen von regionalen Bäckereien. Selbst wenn diese nur 20 Prozent des Umsatzes beisteuern, verursachen sie gewiss mehr als 80 Prozent des Aufwands für die Pflege der Produktdatenbank.

Vor allem ist bei Frischware Out-of-Stock keine Seltenheit: Wenn Kopfsalat aus ist oder nur noch ein paar welke Exemplare in der Kiste gammeln, kommt frühestens am nächsten Morgen Nachschub. Der Präsenzkunde greift in so einem Fall vielleicht zur Endivie oder zum Eisbergsalat, achtet aber auch dabei auf Frische, Größe und Preis. Der Onlinekunde kann nicht wissen, ob er überhaupt den Salat bekommt, den ihm der Markt mit einem perfekten Symbolfoto schmackhaft gemacht hat. Das Warenwirtschaftssystem, das zwischen ihm und der Ware vermittelt, kennt nun einmal nicht den Zustand der noch nicht abverkauften Salatköpfe und sieht nicht, ob die Bananen grasgrün, schön gelb oder braungesprenkelt sind. Kommt die Lieferung nicht aus einem Logistikzentrum, sondern aus einem normalen Supermarkt mit Publikumsverkehr, kann auch jedes abgepackte Frischprodukt vergriffen sein. Welche der acht Sorten Milch oder 30 Sorten Jogurt soll es dann sein?

Aus diesem Grund begnügen sich Supermärkte – auch dann, wenn sie so tun, als böten sie ein Vollsortiment an – im Netz grundsätzlich mit einer geringeren Sortimentsbreite und -tiefe als in ihren Filialen. Nur lagerfähige Schnelldreher, die das Kernsortiment bilden und deshalb ständig hinreichend bevorratet sind, dürfen in den Onlineshop.

Das erkläre man mal meinen Kollegen, die zwar über diese Thematik schreiben, sich ihr Branchenwissen aber nicht als mitdenkende Verbraucher oder mittels eigener Handelserfahrung angeeignet haben, sondern in Gesprächen mit Managern und Unternehmensberatern. Sprich: die wiedergeben, was jene sich am grünen Tisch ausgedacht haben, um den LEOH endlich aus der Nische zu holen.  Weiterlesen

Tichys Austick

Jens Twiehaus von Turi2 hat den Xing-Mitarbeiter und Vorstandsvorsitzenden der Ludwig-Erhard-StiftungRoland Tichy, videointerviewt und dabei auch auf die Aktion #keingeldfürrechts angesprochen. Tichy schimpft in dem Gespräch wie ein Rohrspatz über den angeblichen Boykottaufruf des Berliner Werbemanagers Gerald Hensel, der zum Jahresende bei der Agentur Scholz & Friends gekündigt hat. Zitat aus der ungeschnittenen Fassung (ab 13min 56sec):

„Sowohl das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen wie das Kartellgesetz wie auch das Medien…, wie die Presse…, wie das Presserecht untersagt Boykott.“

Das unsouveräne Gestotter wirft in doppelter Hinsicht ein seltsames Licht zurück auf Tichy, der sich mit seinem Projekt „Tichys Einblick“ heute alle Mühe gibt, Leser zu bespaßen, denen die CDU zu linkslastig geworden ist und die wohl allesamt entsetzt wären, wenn sie wüssten, dass ihr Leib-und-Magen-Polemiker in einem früheren Berufsleben die grandiose Wirtschaftswoche-Titelgeschichte „Ausländer rein!“ und ein gleichnamiges Buch geschrieben hatte. Weiterlesen

Wer verspottet hier eigentlich die Urheber?


Kaum hatte der Bundestag vorige Woche die Änderungen des Urhebervertragsrechts und der Verwertungsgesellschaftengesetzes beschlossen, war Martin Vogel bereits mit seiner Einschätzung auf dem Markt der Meinungen. Wer diese Schnelligkeit auch von mir erwartet, den muss ich leider enttäuschen.

Martin Vogel hat es gut. Er muss nicht vom Verkauf seiner Texte leben. Nach Jahrzehnten im Öffentlichen Dienst ist der Jurist prima versorgt und hat Zeit, zu schreiben, wann und was immer er mag. Der Münchner Unruheständler brauchte sich nicht einmal in IT-Kram wie WordPress einzuarbeiten, um seine Texte online zu verbreiten. Die Mühe nimmt ihm „Perlentaucher“-Betreiber Thierry Chervel ab. Die „Essays“, in denen sich Vogel unsere* Köpfe mal zerbricht, mal sie uns zu waschen versucht, mal sie fordert, könnte man auch anders nennen – nämlich „PR in eigener Sache“. Es kann als sicher gelten, dass der Rechtsgelehrte nicht schreibt, weil ihn der Perlentaucher mit üppigen Honoraren dazu überredet hätte. Auch von der VG Wort hat Vogel keine erwähnenswerte Ausschüttung zu erwarten, denn Chervels Website nimmt an der METIS-Zugriffszählung nicht teil.

„Verspottung der Urheber“ heißt die neueste Perle, nach der der eifrige Feuilleton-Webcrawler Chervel nicht zu tauchen brauchte; sie erschien am vorigen Samstag. Vogel nimmt darin das erst am Vor-Vorabend verabschiedete „Gesetz zur verbesserten Durchsetzung des Anspruchs der Urheber und ausübenden Künstler und zur Regelung von Fragen der Verlegerbeteiligung“ zum Anlass, wieder einmal Unterstellungen, Mutmaßungen und Behauptungen hinsichtlich der Rolle, des Einflusses oder gar der Macht der Autorenverbände in die Welt zu setzen. Weiterlesen