Wie Bill Gates sich verspekulierte


Dieser Text über die absehbare kaufmännische und technische Kurzsicht euphorischer Manager aus der Telekommunikationsindustrie erschien 1997 in der August-Ausgabe des Magazins connect!


Kommunikationskrieg im Weltall

Handy und Internet heizen das Satelliten-Fieber bei Microsoft & Co. an. Für 50 Milliarden Dollar wollen acht Konsortien über 500 Satelliten in den Orbit schießen. Um die besten Plätze im Weltall und bei den Finanziers ist ein regelrechter Guerillakrieg entbrannt.


Iridium braucht Geld. Enorm viel Geld: Fünf Milliarden Dollar (8,5 Milliarden Mark) wird der Aufbau des ersten weltumspannenden Handy-Netzes verschlingen. Allein die 66 Fernmeldesatelliten, die das Unternehmen aus Arizona dazu bis Ende 1998 in den Orbit schießen will, kosten schon mehr als 1,3 Milliarden Dollar. Dazu kommen die Raketen, die Bodenstationen, die Werbung. Weiterlesen

Kampf dem Kabel


Infrarot statt Funk oder Kabel – das war Anfang/Mitte der Neunziger der große Hype. Hier ein weiteres Beispiel aus der Technik-Sackgasse.

connect! 11/1994

Trend

Ein PC sieht rot

Jetzt werden Computer richtig mobil: Infrarot-Datenübertragung macht Modem- und Druckerkabel überflüssig.

Las Vegas lädt ein zum großen »Beam-Fest«. Die Veranstalter sind keine spleenigen Trekkies, die in Enterprise-Kostümen von Captain Kirk und Scotty schwärmen, sondern ernstzunehmende Manager aus dem Silicon Valley. Mit einem Special Event auf der Computermesse Comdex (14. bis 18. 10.) wollen sie beweisen, daß man mit heutiger Technik zwar keine Menschen durch die Gegend beamen kann, wohl aber Bytes und Bits. ((Die Bits hat die Redaktion gemeint hinzufügen zu müssen. Nun ja.))

Der Datenfunk per Infrarotstrahl, um den es bei der Light-Show geht, galt noch vor kurzem als recht utopischer Ansatz. Mit mäßigem Erfolg versuchten mehrere Einzelkämpfer unabhängig voneinander, die Idee zu kommerzialisieren. So brachte 1991 der
deutsche Hersteller Infratec Datentechnik seine »Infralink«-Geräte auf den Markt, die eine drahtlose Verbindung
zwischen PC und Drucker herstellten. Trotz guter Kritiken
kamen die Produkte aus der Marktnische nie heraus, weil
die etablierte Konkurrenz das Thema ignorierte.

Nicht nur der mutige kleine Newcomer aus dem Rheinland scheiterte mit dem Versuch, einen Weltstandard zu setzen. Auch die Elektronik-Multis Apple und Sharp langten kräftig daneben, als sie voriges Jahr ihren gemeinsam entwickelten »Newton« vorstellten. Er konnte über sein Infrarot-Interface zwar mit seinesgleichen Informationen austauschen, aber nicht einmal mit Macintosh-Computern im Büro. Einzig der Drucker- und Computerhersteller Hewlett-Packard (HP) verknüpfte konsequent Tisch-PCs, (Sub-) Notebooks und kleine elektronische Organizer über eine einheitliche serielle Infrarot-Schnittstelle (SIR). Dabei war den Vertriebsstrategen im HP-Hauptquartier in Palo Alto frühzeitig klar, daß nicht einmal sie sich einen Alleingang leisten konnten. Kaum ein Kunde, so ihre Überlegung, würde sich als Zubehör zum elektronischen Notizbuch für über 2000 Dollar den passenden HP-Bürorechner kaufen.

Doch plötzlich interessierte sich die ganze Branche für die Technik, schließlich war sie der Konstruktion von Sharp und Apple weit überlegen. So arbeitet SIR mit 115,2 Kilobit pro Sekunde, also zwölfmal so schnell, und erzielt damit akzeptable Übertragungszeiten auch bei normalen PC-Dateien. Dieser Artikel wäre zum Beispiel in einer halben statt in sechs Sekunden durch. Für Eng T. Tan, den Infrarot-Experten im HP-Labor Bristol, und seine amerikanischen Kollegen stand fest: Das SIR-Interface mußte zur internationalen Norm werden. Deshalb trommelten die Kalifornier ihre Geschäftspartner und Konkurrenten zusammen und gründeten eine »Infrared Data Association« (IrDA). In diesem Zirkel bilden inzwischen IBM, Intel, Microsoft, Apple, Sharp und die Daimler-Benz-Tochter Temic neben HP den harten Kern. Zu den Mitstreitern zählen Notebook-Spezialisten von Compaq über Toshiba bis Olivetti, der Organizer-Produzent Psion, diverse Chip- und Softwareproduzenten sowie die Telekommunikationsriesen AT&T, BT, Siemens, Northern Telecom und Nokia.

Inzwischen sind die Entwicklungsarbeiten so weit gediehen, daß die Infrarot-Clique sich an die Öffentlichkeit wagt. Nach einer Generalprobe, die vorsichtshalber unter Ausschluß der Öffentlichkeit stattfand, werden in Las Vegas unsichtbare Rotlichtblitze zwischen PCs, Printern und Telefonen hin- und  herzucken. Danach geht es Schlag auf Schlag: Noch vor Weihnachten sollen erste Serienmodelle im amerikanischen Handel auftauchen. Bis zur CeBIT im nächsten März wollen die Mitglieder des Clubs ein ansehnliches Sortiment an Rechnern und Peripheriegeräten mit dem IrDA-Logo »ir Data certified« beisammen haben.

Das Emblem wird als Gütesiegel einen reibungslosen Datenversand garantieren. Möglichst viele Telefongesellschaften sollen motiviert werden, Infrarot-Schnittstellen in ihre öffentlichen Fernsprecher einzubauen. »Uns geht es um eine globale Akzeptanz«, erklärt IrDA-Vizepräsident Mike Watson. Die Zielgruppe, die der Verkaufsstratege als erste anpeilt, ist der Jetset unter den Geschäftsreisenden. Wo die Männer mit dem Laptop-Köfferchen auch landen, sie sollen überall einen Apparat
finden, über den sie Kontakt zum heimischen Computer knüpfen können.

»Die nächste Generation der deutschen Kartentelefone wird bereits mit Infrarot-SchnittsteIle ausgerüstet sein«, orakelt Mark Müller-Eberstein vom HP-Marketing in Böblingen. Tatsächlich hat die Deutsche Telekom inzwischen die Entwicklung eines IrDA-kompatiblen Apparates ausgeschrieben; Ingenieure beim IrDA-Mitglied Siemens in München tüfteln eifrig an der Umsetzung. Mit ersten Installationen rechnen Insider bereits für Ende 1995.

Ulf J. Froitzheim

Datentransport in totaler Funkstille

So kann’s gehen: Das Thema war journalistisch reizvoll, aber die Innovation doch nicht so markttauglich, wie ich damals geglaubt habe. Dass die an sich sympathische Idee, mit Infrarot Daten und Telefonate zu übertragen, sich im vermeintlichen Elektrosmog-Angst-Land Deutschland nicht gegen den ach so bösen Funk durchgesetzt hat, kann aber zumindest als Warnung an allzu euphorische Erfinder dienen, die glauben, dass die Menschheit auf ihre Neuheiten nur gewartet hat.

connect! 3/1993

Unternehmerporträt: Axel Fischer

Mit Rotlicht zum Erfolg

Mit preisgünstigen Infrarot-Telefonen will ein branchenfremder Geschäftsmann aus Neuss den Markt für schnurlose Apparate in Bewegung bringen.


Sorry. Manchmal müssen Anglizismen sein. Im Deutschen gibt es keinen Ausdruck, der für diesen Menschen so treffend wäre wie der amerikanische Vielzweckbegriff „Developer“. In diesem Wort steckt alles drin, was Axel Fischer charakterisiert: Ständig etwas Neues zu entwickeln, ist sein Lebenszweck. Das können Gewerbeparks sein. Oder ein politisch günstiges Klima für seine Geschäfte. Ein Konzern mit ihm an der Schaltstelle. Oder ein neuartiges Telefon.

Infraphone heißt das derzeitige Lieblingsprojekt des 44jährigen Neusser Developers, der als gelernter Bankkaufmann von sich behauptet: „Meine technischen Kenntnisse tendieren gegen Null.“ Nie hat Axel Fischer in der Fernmeldebranche gearbeitet. Das Telefon kennt er nur als Werkzeug, mit dem er sein Mini-Imperium von 14 kleinen und mittelgroßen Firmen unter Kontrolle hält. Trotzdem fordert er mit seiner neugegründeten Infraphone Ges.m.b.H. (Sitz Wien) und deren gleichnamigem Produkt jetzt große Elektronikkonzerne wie Siemens oder Panasonic heraus. Weiterlesen