Nu mal langsam, Herr Steingart!

Gestern abend saß Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart noch bei Sigmund Gottlieb in der Münchner Runde und gab den Amerika-Experten, der die Amerikaner besser versteht als sein verzweifelt um Gehör kämpfender Nachbar Ron Williams. Heute morgen ließ Steingart – quasi zum Nachlesen – sein Morgen-Briefing verschicken, in dem er folgende Analyse feilbietet:

Die großen Heilsversprechen der Moderne – Globalisierung, Digitalisierung und die Bildung multikultureller Gesellschaften – überfordern eine Mehrheit der Bürger, überall im Westen.

Der Welthandel schafft Wohlstand, aber nicht für alle. Der Börsenkapitalismus lässt die einen zu den Sternen aufsteigen, derweil andere den sozialen Absturz erleben. Die Digitalisierung gibt jedem eine Stimme, aber zugleich entwertet sie die menschliche Arbeitskraft. Man muss kein Marxist sein, um zu verstehen, dass ökonomische Prozesse dieser Wucht Folgen für den politischen Überbau haben. Disruption ist für die Wirtschaftselite ein Modewort und für den Rest der Menschheit eine Bedrohung. Albert Camus: „Was ist ein Mensch in der Revolte? Ein Mensch, der Nein sagt.“

Halt mal. Langsam. Globalisierung, Digitalisierung und Multikulti-Gesellschaften in einem Atemzug, und diese drei „Heilsversprechen“, so es denn welche sind, überfordern überall im gesamten Westen die Mehrheit der Bürger? Der Gedankengang überfordert jetzt mich.

Globalisierung dürfte in der öffentlichen Wahrnehmung noch nie ein Heilsversprechen gewesen sein. Oder warum sonst assoziiert das Gehirn spontan das Suffix -skritiker, wenn es die ersten Silben wahrnimmt?  Weiterlesen

Clintons Problem, Weiners Spam-Sammlung

Wenn ich lese und höre, was so alles über Hillary Clintons Umgang mit E-Mails veröffentlicht wird, kribbelt es mir in den Zehen. Scheint, dass meine Fußnägel sich aufrollen wollen. Ist es denn zuviel verlangt von Amerikas Agenturjournalisten, Reportern und Fernsehmoderatoren oder von deutschen Politik-Korrespondenten, dass sie mal in die technischen Niederungen eines Kommunikationsmittels aus dem Neuland namens Internet hinabsteigen? Von dem, was man da herauskriegen, begreifen und einordnen könnte, hängt immerhin die Meinungs- und Willensbildung eines Volkes ab, das sich entscheiden muss, ob es sein höchstes Staatsamt samt Verfügungsgewalt über ein Arsenal an Atomwaffen lieber einem selbstverliebten, größenwahnsinnigen, fremdenfeindlichen, sexistischen und verlogenen alten Maulhelden anvertraut oder einer ausgebufften älteren Juristin und Berufspolitikerin, die begriffen hat, dass sie Teile ihrer beruflichen Korrespondenz wohl eine Zeitlang gröbst fahrlässig gehandhabt hat.

Leider bestimmt Oberflächlichkeit und Ignoranz die Berichterstattung. Da geht es nur darum, ob Trump dank Comey doch noch die Kurve kriegt, was Comey wirklich im Schilde führt und was vielleicht in den Mails stehen könnte. Dabei gerät die Absurdität des ganzen Schauspiels aus dem Blick, weil zu Trumps unverdientem Glück niemand die richtigen Fragen stellt und deshalb niemand die Luft aus dem Ballon lässt. Vieles ließe sich bereits durch einfaches Innehalten und Nachdenken erkennen, anderes durch einen Blick in die einschlägigen Fach-Quellen im Web.

Worum geht es also?

Als Außenministerin hat Clinton einen Mailserver im Keller ihres Privathauses genutzt. Die Domain hieß clintonemail.com und wurde über den Dienstleister Perfect Privacy LLC beim Registrar Network Solutions angemeldet, so dass aus dem Whois-Eintrag nicht zu ersehen war, wo der Server steht und ob es sich um DIE Clintons aus Arkansas handelt. Außer Hillary Clinton, die unter anderem die Adresse hdr22@clintonemail.com benutzte (hdr stand für ihren Mädchennamen Hillary Diana Rodham), hatten auch Mitarbeiter Accounts bei dieser Domain, zumindest Huma Abedin, damals Ehefrau des notorischen Polit-Hasardeurs Anthony Weiner.

Was ist neu?

Das FBI hat auf Weiners Computer angeblich 650.000 (!) E-Mails gefunden, darunter eine bisher nicht bekannte Anzahl von Nachrichten, die Abedin über den Clinton-Server gesendet oder empfangen haben soll. Dass die Auswertung nicht vor der Wahl am Dienstag nächster Woche abgeschlossen werden kann, ergibt sich scheinbar schon aus der absurd hohen Zahl.

Was für Fragen ergeben sich daraus?

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Multiplikatoren des Blödsinns

Kürzlich stolperte ich bei einer Recherche über ein Interview aus Österreich, das insofern bemerkenswert war, als ein Manager eines namhaften Handelskonzerns ziemlichen Unfug erzählte und die Interviewerin aus dem Wirtschaftsressort der „Kleinen Zeitung“ aus Graz ihm das durchgehen ließ. Schon die Überschrift zog mir fast die Schuhe aus: „Wenn die Waschmaschine die Socken bestellt.“

Wenn solche Aussagen in der Welt sind, gibt es immer wieder Kollegen, die sie – wegen der scheinbar sachkundigen Quelle – als Ausgangspunkt für ihre Arbeit nehmen und sich damit zu Multiplikatoren des Blödsinns machen. Deshalb erlaube ich mir, das krauseste Zeug zu zitieren und glattzuziehen. Es ging um eine Prognose zum Handel in zehn Jahren.

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Wann vergreist Kollege Hofer?

Joachim Hofer tut mir leid. Seine biologische Uhr tickt nämlich. Er geht der Frühvergreisung entgegen. Ich kann zwar nur schätzen, wie alt der Kollege vom Handelsblatt ist, aber ich würde sagen: Die 40 hat er wahrscheinlich hinter sich, und er wird bis ins Greisenalter arbeiten müssen – mit anderen Worten, bis er 67 ist. Mit 67 sei man heutzutage doch noch kein Greis, meinen Sie? Tja, sehe ich ja auch so. Aber der arme Kollege Hofer hat andere Maßstäbe (noch, denn sobald er selbst nicht mehr jung ist, wird sich seine Meinung ändern).

Aufhänger seines Beitrags mit der achsowitzigen Headline „Betreutes Segeln“ ist der Umstand, dass 30 % der Yachtkäufer die 60 überschritten haben (also ein Alter, in dem außer BMW-Managern eigentlich niemand, der sich eine Yacht leisten kann, in Rente geht). Übrigens: Rollo Gebhard ist mit 82 noch gesegelt, ohne Betreuung zu benötigen. Auch die Software-Großmoguln Hasso Plattner und Larry Ellison (beide Jahrgang 1944, also 71) sollen noch rüstig genug sein, ohne Altenpfleger an Bord zu gehen.

Vergreishofer

„Doch knapp 40 Prozent der in Deutschland in Vereinen registrierten Motorboot-Fans sind inzwischen über 60; bei den Seglern liegt der Anteil bei fast 30 Prozent. Den Vereinen fehlt zunehmend der Nachwuchs, die Hersteller müssen fürchten, dass ihnen künftig die Käufer fehlen. Zum Vergleich: Die über 60-Jährigen stellen in der gesamten Bevölkerung einen Anteil von nur rund einem Viertel.“

Internet der Wunderdinge

„Wissen“ nennt sich die Rubrik der Süddeutschen Zeitung, in der es um Forschung und Innovation geht. An diesem Donnerstag widmet sich der Seitenaufmacher dem „digitalen Dorf“, also einem Widerspruch in sich. In Deutschland ist das Dorf der Ort, an dem Digitalisierung am aufwendigsten und damit am unwahrscheinlichsten ist. In dörflich strukturierten Regionen lohnt sich der Ausbau der Infrastruktur oft weder für Festnetz- noch für Mobilfunkbetreiber. Der Autor der Wissensseite lässt erkennen, dass er das eigentlich auch weiß. Dennoch schreibt er ausführlich über die nette Utopie des digitalisierten Dorfs – über Wunschdenken von Wissenschaftlern und Technokraten. Dieses kulminiert im letzten Absatz:

„Heute nutzen weltweit drei Milliarden Menschen das Internet. Für das Internet der Dinge rechnen Experten aber mit 50 Milliarden Gegenständen, die Daten ins Netz schicken werden“, sagt Trapp. Auch in der smarten Stadt könnte die Internet-Bandbreite dann knapp werden.

Das ist leider grober Unfug, und das nicht nur, weil für viele meiner Kollegen jeder als Experte durchgeht, der solche steilen Prognosen nach der Formel Pi mal Kristallkugel abgibt. (Selbst wenn eines Tages 50 Milliarden Gegenstände online sein sollten: Die allermeisten werden nur innerhalb des Hauses kommunizieren und nicht Daten „ins Netz schicken“, weil es dafür keinen sinnvollen Business Case gibt und es kein Normalverbraucher will.) Weiterlesen