Immer Ärger mit Horny Harry

Ein Freund hatte mir eine E-mail geschickt. Aus Italien. Kein echter Freund, nur „A.Friend@gefran.it“. Der Anonymus wollte mir nur einen guten Rat geben: Ich möge einen Blick auf die geile Website von „Horny Harry“ werfen. Ich wollte ein höfliches „Nein, Danke“ zurückmailen. Aber wohin? Dem voluminösen E-Briefkopf zufolge stammte die Mail „von: jimmycricket@cybernet.com“. Doch als „Authenticated sender“ nannte der Mail-Server einen „barry12@aol.com“. Kurz darauf kam eine identische Mail von Barrys drittem Ich „A.Friend@com.msu.edu“.

Da ich auf solche Friends gerne verzichte, freute ich mich über eine Nachricht meines Providers. „Bei vielen Online-Nutzern stapeln sich 20, 30 oder mehr Werbe-Mails täglich“, prahlte die Pressestelle, „Compuserve-Mitglieder bleiben davon verschont.“ Möglich sei dies durch einen Anti-Spam-Filter, „ein zuverlässiges System … um kommerzielle Massen-Mails zu blockieren“.

Gar so zuverlässig war der Schutz vor „Spam“, benannt nach dem von Monty Python bejubelten Büchsenfleisch, nicht. Bald gelang es „Kim & Ray“, in meiner Mailbox nach Singles und Paaren zu suchen, die Interesse haben an jenem „Zeug, das Erwachsene mögen“. Weiterlesen

Firmendatennetze: Weltmarkt in Bewegung

Wie schnell sich die Zeiten ändern: Noch im Frühjahr waren Sir lain Vallance und Sir Peter Bonfield sicher, British Telecom habe nur mit fester Verankerung auf dem US-Markt eine  Zukunft. 35 Milliarden Mark war es den Chefs von Aufsichtsrat und Vorstand wert, den BT-Partner MCI vollständig in Besitz zu nehmen. Der Traum-Konzern sollte unter dem Namen Concert zum Weltmarktführer in der Telekommunikation werden.

Heute köchelt das Thema „Going Global“ in London auf kleiner Flamme. Statt in Weltmachtvisionen zu schwelgen, jubeln die beiden Sirs nun über den Milliardengewinn, den ihnen der Verkauf ihrer MCI-Anteile beschert. Der Geldadel in der City ist happy: Seit feststeht, daß die aufstrebende US-Telefongesellschaft Worldcom die schwer defizitäre MCI übernimmt, zog die BT-Aktie kräftig an. Die Analysten applaudieren; British Telecom könne seine Mittel sinnvoller anlegen, als den Zahlmeister für den Aufbau einer zweiten regionalen Netz-Infrastruktur in den USA zu spielen. Weiterlesen

Pink Panther

Das Monopol der Telekom ist Geschichte, der Postminister geht in Pension. Die Stärken und Schwächen aus alten Behördenzeiten haben mehr Bestand. Wie lange der Ex-Monopolist allerdings seinen Vorsprung verteidigen kann, hängt davon ab, ob das Team um Ron Sommer es schafft, mit innovativen Ideen in die Offensive zu wechseln. Eine GLOBAL-ONLlNE-Bestandsaufnahme.

Von Ulf J. Froitzheim, Roland Keller und Eckhard Rahlenbeck

DIE ZUKUNFT BEGINNT in Gievenbeck-Südwest. Wenn im Frühjahr 1998 die ersten Familien mit dem Möbelwagen anrücken und das neue Stadtviertel im Nordwesten von Münster einweihen, wird sich zeigen, wie fit die Deutsche Telekom tatsächlich für den freien Wettbewerb ist, der par ordre de Brüssel am 1. Januar auf dem deutschen Fernmeldemarkt ausbricht.

Während im Rest der Republik das Gesetz der trägen Masse gilt – jeder, der nichts unternimmt, bleibt Telekom-Kunde – schreiten die Gievenbecker unfreiwillig zur Abstimmung. Wer dort telefonieren, faxen oder im Web surfen will, muß sich entscheiden, ob er seine TAE-Dose an die Glasfasern des lokalen Netzbetreibers Citykom Münster anschließen läßt oder wie gewohnt ans T-Net – erstmals liegen zwei separate Kabelstränge unter dem Pflaster. Gewinnen kann die Telekom nur, wenn sie die Zuzügler überzeugt, daß sie den besseren Service bietet: An der Preisfront hat sie mit ihren bundeseinheitlichen Tarifen keine Chance. Weiterlesen

KODAK: Lange Leitung

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Via Internet können Hobbyfotografen bald digitale Bildkarten versenden, Online-Alben anlegen oder Abzüge bestellen. Die Nachfrage ist höchst ungewiß.

MIT DIGITALER FOTOGRAFIE wollte George Fisher den Celluloid-Riesen Kodak für die Zukunft fit machen. Statt dessen wurde sie für den Vorstandschef eines der größten Probleme. Im ersten Halbjahr produzierten Kodaks Versuche mit Bit-Bildern 100 Millionen Dollar Miese. Grund: Amateure verschmähen teure Digitalkameras, deren Bilder so grobkörnig sind, daß man einen Schnappschuß nicht mal als Miniposter an die Wand hängen kann.

Mit dem Kodak Picture Network ziehen Fisher und sein Marketingmanager Carl Gustin jetzt die Konsequenz aus der Treue der Knipser zum Film. Für fünf Dollar pro 24er Rolle scannen Kodak-Labors die Negative ein. Mit den Abzügen erhält der Kunde ein Paßwort, das ihm via Web Zugang zu einer Reihe von Services verschafft – etwa E-Postkarten mit eigenen Bildern an beliebige Mail-Adressen zu senden.

Wer will, kann die Bilder auf seine Festplatte laden, retuschieren oder verfremden und von diesen Elaboraten online Papierbilder nachbestellen. Geplant sind virtuelle Fotoalben, die man für Freunde und Verwandte in aller Welt öffnen kann. Weiterlesen

MY WORLD: Karstadts einstürzende Neubauten

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Gut ein Jahr ist es her, da ließ Karstadt-Vorstandsmitglied Klaus Eierhoff im Internet ein merkwürdiges Ensemble von Hochhäusern errichten, an denen weder die Proportionen stimmten noch die Perspektive, von der architektonischen Ästhetik ganz zu schweigen. An den Bauwerken hingen als Fremdkörper Firmenembleme etwa von Sega und Dual, Talkline und IBM, und das Ganze nannte sich „My World“.

Nun geht Eierhoff zu Bertelsmann, und prompt hat Karstadt die virtuellen Wolkenkratzer aus dem Weg geräumt. Erst kurz zuvor hatte ein Schweizer Markenexperte im Fachblatt „werben & verkaufen“ den Karstadtschen Web-Auftritt verbal hingerichtet. Die neue „My World“ hat mit der alten bis aufs Logo kaum noch Ähnlichkeit. Die eigentliche Schwäche besteht indes weiter: Man findet nicht die Waren, die man sucht, und zu den Waren, die man findet, nicht die Informationen, die man sucht. Wer einen PC bestellen will, stößt erst einmal auf exotische Betriebssystem-Upgrades und Motherboards, und hat er einen PC gefunden, wirft die Datenbank wirre Dinge aus wie „Festplattenkapaz:>1000“. Unter „Geschenktips“ wimmelt es von Staubsaugern, Bügeleisen und ähnlich anzüglichen Präsenten. Daß es den Partyservice nur in vier Städten gibt, erfährt man erst, nachdem man seine Postleitzahl übermittelt hat. Immerhin steht über der enttäuschenden Antwort fett das Wort „Entschuldigung!“. Vor diesem Hintergrund ist es vielleicht weniger erstaunlich, daß die profane „My World Uhr Limited Edition“ (DM 89,95), die zur Funkausstellung in limitierter Auflage von 330 Stück erschien, auch zwei Monate später noch vorrätig war.