Finger weg von Scopevisio, Kollegen!

Buchhaltung macht keinen Spaß, auch wenn die Haufe-Lexware-Gruppe das in ihrer Werbung für das Cloud-Programm Lexoffice behauptet. Sie hat auch mit dem Lexware-Programm Quickbooks Plus keinen Spaß gemacht, aber sie war von ein paar Bugs der Software abgesehen kein Problem. Jetzt haben die Freiburger das Produkt vom Markt genommen; der Support läuft aus, es wird zwar bis auf weiteres noch so weit gepflegt, dass man damit buchen und elstern kann, letzteres aber nur, solange man Updates einer Software kauft, in die schon länger nicht mehr nennenswert investiert worden ist. Für Elster-Aktualisierungen sind die Updates aber zu teuer.

Da ich eh nicht mehr mit einem Windows-Programm arbeiten wollte, habe ich mir zwei Cloud-Lösungen angeschaut: besagtes Lexoffice, das sich als vorerst untermotorisiert erwies (man kann u.a. noch keinen Datev-Kontenrahmen nutzen und die Daten somit nicht einfach, wie gehabt, dem Steuerberater übergeben) sowie Scopevisio aus Bonn in der Smart Edition. Letzteres ist teurer, kann aber alles. In der Einführung versprach der Anbieter, ich könne meine Buchhaltung „einfach und sicher selbst erledigen – auch ohne Buchhaltungskenntnisse“.

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Schön wär’s gewesen. Dumm nur: Das stimmt nicht. Ich hatte schon Stunden in einen Testlauf investiert, Daten eingetippt und drei Rechnungen geschrieben, da kam die Ernüchterung: Wie verbucht man Einnahmen? Da steht irgendwas mit „ausziffern“. Nie gehört, das Wort. Auch sonst: Buchhalter-Fachchinesich, wohin man klickt. Das große Suchfenster, das Hilfe verspricht, nützt nix: Die Fachvokabeln, mit denen das Programm hantiert, sind offensichtlich gar nicht im Thesaurus hinterlegt.

Also die Hotline angerufen, dem guten Mann Löcher in den Bauch gefragt, bis der abwehrt, wir säßen wohl noch zwei Stunden am Telefon, bis ich das Wichtigste begriffen hätte, was ich wissen muss, um in diesem Programm durchzublicken. Ich solle mir überlegen, ob ich nicht den (kostenpflichtigen) Buchhaltungsservice seiner Firma buchen oder wenigstens an ein paar Webinaren teilnehmen möchte. Beim hassgeliebten Quickbooks war so etwas nie nötig.

Als ich dem Experten die PR-Aussage „auch ohne Buchhaltungskenntnisse“ vorhalte (und so unbeleckt bin ich nach über zehn Jahren Quickbooks eigentlich gar nicht von der Materie), erschrickt er und fragt, wo das denn bitte stehe, das müsse natürlich sofort weg.

Dieses Erlebnis habe ich per Mail dann auch noch der PR-Dame per Mail geschildert, und keine zwei Stunden später suche ich den fettesten Teil der Werbelüge bereits vergeblich. Nur „einfach“ ist keckerweise noch stehengeblieben:

Scopev2
Eigentlich ist das schade. Wenn die Usability nicht so schlecht wäre – was allein an den Fachausdrücken und dem Fehlen einer Klartext-Bedienungsanleitung aus Mandantensicht liegt – hätte Scopevisio gute Chancen, die Quickbooks-Klientel und alle Freiberufler mit Apple-Computern als Kunden zu gewinnen. Die Firmenleitung sollte sich einfach mal anschauen, wie simpel (leider manchmal zu simpel) Lexware das hinkriegt.

Nachtrag: Ich habe noch mal mit den Scopevisio-Leuten geredet. Ja, man sei doch interessiert an Freiberuflern, die keine Buchhaltungsprofis seien. Die Software werde in dieser Richtung weiterentwickelt. Ich habe kritisiert, dass man Rechnungen nur dann damit schreiben kann, wenn man ein zweites Modul bucht, was die monatlichen Kosten verdoppelt.

Ich werde mir das in ein paar Wochen noch mal anschauen – und parallel dazu verfolgen, was sich bei Lexoffice und dem international tätigen (deutsch-dänischen) Anbieter e-conomic tut. Dessen Cloud-Lösung enthält alles, was man braucht, und ist preisgünstig. Die Usability muss ich aber erst noch testen. ujf – 27. März 2013

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11 Gedanken zu „Finger weg von Scopevisio, Kollegen!

  1. Arbeite inzwischen seit gut einem Jahr mit Scopevisio. Nach anfänglich permanenten Telefonaten, ob ich denn zufrieden sei -während der Testphase – bekomme ich inzwischen nur sehr zögerlich, nach etlichen Wochen, Rückmeldung auf die Supporttickets. Mit Mac arbeitet das Programm nicht fehlerfrei, die Druckfunktion versagt immer wieder, der Fehler wird immer nur für für kurze Zeit behoben. Darüberhinaus ist das Programm unübersichtlich und überfrachtet. Die Bedienoberfläche ist komplex und unübersichtlich, für die Hilfefunktion gilt das ebenso. Ich kann das Programm nicht weiter empfehlen.

  2. Anmerkung zu Lexware: Zu deren Cloud-Lösung kommen peu à peu Mails über neue Funktionen, die auf Kundenwunsch eingearbeitet wurden. Bin mal gespannt, wann der Baukasten so vollständig wird, dass man damit wirklich gut bedient ist. Bisher ist das Bananaware: Der Kunde ist fürs Reifwerdenlassen zuständig.

  3. Ich habe einen Cloud-Dienst gefunden, den ich weiterempfehlen kann – nicht weil er einen guten Telefonsupport hätte (den gibt es nicht, nur Mail), sondern weil man den gar nicht braucht. Heißt Collmex. Weder schick noch hübsch, aber sehr funktionell. No bells, no whistles, sondern etwas zum nüchternen Arbeiten, dabei absolut verständlich für einen Durchschnittsmandanten. Ich bin seit Juli noch nicht auf einen einzigen Bug gestoßen – nur auf ein paar Funktionen, die in ich der Basisversion vermisse, die mir aber nicht so wichtig sind, dass ich deshalb ein Upgrade buchen würde.

  4. Hallo, ja das ist schade. Ich mache die gleichen Erfahrungen mit Scopevisio. Ich hatte allerdings bisher wenig Gelegenheit, mit einem Support zu reden. Das Telefon scheint tagelang gar nicht besetzt zu sein. Die integrierte Ticketlösung im Buchhaltungsprogramm wirkt eher wie eine Ruhighaltungstaktik. Wird doch im Programm der Belegimport über mail angeboten, der bei mir aber einfach nicht sauber oder gar nicht funktioniert. Das Ticket ist jetzt 10 Tage alt. Eine kompetente Fachperson am Support gibt es zu diesem Thema leider bisher nicht. Wenn ein Programm schon etwas schwieriger zu bedienen ist und noch in der Entwicklung, so erwarte ich dafür doch mindestens einen anständigen Support, der gut zu erreichen ist, und auch technische Probleme lösen kann. Leider sind auch die Supportzeiten bis 17:30 für einen Freiberufler oder Kleinhandwerker wenig sinnvoll. Zu diesem Zeitpunkt sitze ich erst an der Buchhaltung und da bin ich sicher nicht der Einzige.

    • Schauen Sie sich doch mal Collmex an. Mich würde interessieren, was Sie davon halten. Für Ihre Anforderungen wird die Basic-Version allerdings nicht reichen. Ich denke, das wäre dann schon die Variante plus, die allerdings um die Hälfte teurer ist als das Paket, das ich nutze.

      • Hallo,

        wir haben mittlerweile auch eine Online Warenwirtschaft und Buchhaltung. Sschauen Sie sich doch bitte aus unabhängigem Blickwinkel unsere Lösung an: http://www.sage-office-online.de

        Mich würde sehr eine unabhängige Meinung interessieren.
        Was finden Sie nicht so gelungen / Was gelungen?
        Wie sieht es mit der Einarbeitung und den Begrifflichkeiten aus?

        Gerne auch ein direkter Austausch.

  5. Nachtrag: Scopevisio hat sich gemeldet. Freiberufler, wie freie Journalisten, sind durchaus Zielgruppe. Das Problem scheint zu sein, dass die Entwickler (und die Supporter) mit dieser Zielgruppe noch fremdeln. Man hat mir ein Gespräch mit dem Support-Leiter angeboten. Vielleicht gelingt es mir ja, mit ihm nicht nur zu klären, wie ich jetzt mit der Software zurecht kommen kann, sondern was er tun kann, damit Freiberufler auch ohne mühsame Telefonberatung durchblicken. Eine Lösung, die ich mir vorstellen könnte: per Mausklick alles ausblenden, was unsereins eh nie braucht, und den Rest in Klardeutsch bezeichnen. Dazu ein paar genial einfache Hilfetexte, fertig. Anders gesagt: Es hilft, wenn Entwickler kaufmännischer Software nicht von maximalistischen Anforderungen des Finanzamts her denken, sondern minimalistisch von denen des Steuerpflichtigen.

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