Freude schöner Telefunken


Deutsche Technikmarken sind nicht totzukriegen. Wenn man doch bloß wüsste, wofür sie stehen…

Neulich beim Elektrohändler: Wir wollen auf Satellitenfernsehen umsteigen. Weil ich Wert auf Kundendienst lege, Markenware schätze und mit Schüsseln, LNBs und HDTV-Receivern null Erfahrung habe, frage ich den Meister, welche Fabrikate er empfehlen kann. Sagt der doch tatsächlich „Grundig“. War mir diese Marke nicht unlängst durch eine „multifunktionale Gesichtssauna“ aufgefallen, durch Nasenhaartrimmer und die „Floor Care“-Produkte, die man glatt mit ordinären Staubsaugern verwechselt könnte? Nein, die sind’s nicht, sagt der Experte, er meine natürlich Grundig Sat Systems alias GSS. Es gebe tatsächlich noch ein paar Hanseln, die dem Erbe des alten Max Grundig treu geblieben seien und in Franken tapfer Sat-TV-Zubehör entwickelten – unabhängig von der türkischen Koc-Gruppe, die nach der Pleite der Traditionsfirma das Recht erworben hatte, auf Elektrowaren aller Art, vom Fernseher bis zum Staubsauger, Grundig-Logos zu pappen, wovon sie auch hemmungslos Gebrauch macht.

Vorsicht ist immer geboten, wenn eine aus Kindertagen vertraute Marke im Regal steht. Im Großmarkt prangt auf verdächtig billiger Unterhaltungselektronik das Warenzeichen AEG. Aus Erfahrung gut? Wohl kaum, die Musikgeräte der alten AEG hießen ja Telefunken. Hoffentlich bedeutet es nicht: „Auspacken. Einpacken. Garantiefall.“ So wie bei unserem Sensor-Electronic-Doppellangschlitz-Toaster Marke „Rowenta Family“: Naiv, wie wir sind, hielten wir es für einen Defekt, dass dessen Röstgradskala von unter 1 (sanft gebräunt) über 2 (heftig angekokelt) bis hin zu vier Schattierungen von Holzkohle reichte. Wegen seines brennenden Übereifers schickten wir das Designerstück ein – nach Solingen zum Tefal-Moulinex-Service im alten Krups-Werk.

So läuft das heute, wenn man eines der Geräte „Made in PRC“ erwischt hat, die ein französischer Multi aus der People’s Republic of China importiert und unter den großen Namen untergegangener europäischer Firmen verkauft: Die braven Serviceleute schickten prompt und portofrei originalverpackten Ersatz, doch auch der neue Röster lässt sich von keinem Elektroniksensor daran hindern, unseren Toast zu versengen wie ein im Lagerfeuer vergessenes Stockbrot.

Wie das Recycling alter Technikmarken funktioniert, verrät uns dankenswerterweise die „Telefunken Solar International FZ LLC“ aus Dubai, die – etwas abseits vom traditionellen Markenkern – Herstellern von Photovoltaik-Anlagen dabei helfen will, ihre Produkte zu vermarkten. Zu diesem Behufe sucht sie weltweit Lizenznehmer, die ihren Solarpaneelen mittels „Telefunken“-Aufkleber den Glanz ehemals deutscher Wertarbeit verleihen möchten. Auf einem Schaubild „Mehrwert durch Marke“ präsentieren die Solarscheichs mit dem Hang zu deutschen Industrietugenden treuherzig ein Paar 20-Euro-Turnschuhe, das allein durch Aufbringen eines Nike-Emblems 100 Euro wert wird, sowie einen Kaffeepott ohne und mit Starbucks-Meerjungfrau. Blank bringt die Tasse einen Euro, mit Logo drei. Es gibt immer noch genug Verbraucher, so die Botschaft, die gern den Namen mitbezahlen.

Wenn das Prinzip „Imagetransfer“ sogar bei Firmenzombies wie Telefunken funktioniert, eröffnen sich ganz neue Perspektiven. Die Bundesbank könnte den Euro unter der Premiummarke „D-Mark“ verbreiten. Oder die Regierung die nächste Bundespräsidentenwahl als Fernsehquiz-Klassiker „Einer wird gewinnen“ veranstalten. Kulenkampff hatte doch so was Präsidiales. Und ich? Vielleicht sollte ich als Technikautor unter der Traditionsmarke „Jules Verne“ schreiben. Auch dieser Mann kann sich ja nicht mehr wehren.

 

Bisher gilt: Nur wo „ULF J. FROITZHEIM“ drüber- oder druntersteht, sind auch 100 Prozent Froitzheim- Text drin.

Aus der Technology Review 8/2010, Kolumne FROITZELEIEN

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