ROLLATOR ROYCE


AN ALLES, WAS RÄDER HAT, KANN MAN AUCH EINEN ELEKTROMOTOR SCHRAUBEN. SCHÖNE AUSSICHTEN!

Aus Schweden importieren wir – neben Bullerbüchern und Düsterkrimis – traditionell zwei Kulturgüter: Erstens nicht ganz billige, aber unverwüstliche Kraftfahrzeuge, zweitens preisgünstige, mit etwas heimwerklichem Ungeschick durchaus verwüstliche Möbelbausätze, die sich ganz gut in den gigantischen Kofferräumen der Ersteren verstauen lassen. Petter Forsberg, Absolvent des Mechatronik-Masterstudiengangs an der Universität Göteborg, schickt sich nun an, die Traditionen der westschwedischen Autostadt ganz neu zu interpretieren und zu entschlacken. Seine Kreation ist ein noch etwas verwüstlich wirkender Bausatz für ein minimalistisches, aber dafür äußerst umweltfreundliches und billiges Kraftfahrzeug.

Der studierte Bastler Forsberg schert sich einen Dreck um typisch schwedischen Luxus wie ABS, Abstandssensor, Airbag, Einparkautomatik und Seitenaufprallschutz. Sein Gefährt ist nämlich kein Automobil, sondern eine Billigstkopie jenes Querformat-Zweirades, auf das – und auf dem – Technikfans in aller Welt total stehen und abfahren. Eine Art Ikea-Segway, vom Design her eine Kreuzung aus Klappscooter und Handrasenmäher. Dank preiswerter No-name-Elektromotoren made in China kostet der Einachser zum Selbstbauen lausige 300 Euro. Für diesen Betrag darf man sich das amerikanische Vorbild des Standrollers gerade mal für ein Wochenende ausleihen.

Die Elektrifizierung der menschlichen Fortbewegung rollt unaufhaltsam voran. Immer öfter begegnen uns fahrbare Untersätze, deren bloße Existenz noch vor wenigen Jahren niemand zu fürchten wagte. Pedelecs und E-Bikes, sogar die lithiumtechnisch aufgebrezelte Variante eines mit Fußkraft betriebenen Tretrollers aus Rottach-Egern Marke „E-Rosi“ fiel mir auf. Die Fantasie der E-Konstrukteure kennt keine Grenzen mehr. Neulich begegnete mir auf dem Radweg ein rasender Rentner mit einem Liegedreirad. Wenn man genau hinsah, war an dessen Gestänge zweifelsfrei ein verräterischer Akkublock zu erkennen.

Ich ahne, wie das weitergeht. Bald springe ich Slalom zwischen jungen Menschen, die ihre elektrischen Rollerblades und elektrischen Skateboards zu beherrschen versuchen. Der nächste logische Schritt in einer Ära, in der man Baby-Buggys nur noch unter Markennamen wie „Urban Jungle“, „Jogger Fit“ oder „Maclaren“ verkaufen kann, ist die Akkufizierung der Highspeed-Kinderwagen, damit die blöde Schieberei den triathletischen Turbopapa nicht mehr bremst. Auf Bahnhöfen und Flughäfen werden sich eilige Touristen mit elektrischen Rollkoffern und elektrischen Kofferkulis den Weg bahnen. Bessere Supermärkte werden ihre Kunden mit elektrischen Einkaufswagen verwöhnen, wobei sie hoffentlich die Handbremse so unübersehbar anbringen, dass es in der Kassenschlange nicht zur Massenkarambolage kommt.

Für Autos bleibt in der schönen neuen Welt leider kein Platz, auch nicht für batteriebetriebene. Wenn wir so weitermachen, brauchen wir bald jeden verfügbaren Quadratmeter Fahrbahn und Gehsteig, damit all diese neuartigen Vehikel sich nicht in die Quere kommen. Wer den Trend zu Ende denkt und dabei die demografische Entwicklung nicht außer Acht lässt, kann sich ausmalen, was das mit Abstand wichtigste Verkehrsmittel der Zukunft sein wird: das elektrische Gehwägelchen. Kassenpatienten bekommen den einfachen eRollator, so simpel wie Forsbergs Segway-Ersatz. Privat versicherte Pensionäre greifen zum sprachgesteuerten Selbstfahrer mit Car-to-X-Communication und GPS-Autopilot – dem Rollator Royce.

 

ULF J. FROITZHEIM, Fahrradfan, bewundert seit einer Probefahrt den Gleichgewichtssinn derer, die einen Segway steuern können.

TECHNOLOGY REVIEW | OKTOBER 2011

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