Falten gestalten


Wollten Sie nicht schon immer mal jemanden richtig alt aussehen lassen? Passen Sie auf, dass es keiner mit Ihnen macht!

Wenn der Mensch die Wahl hat zwischen Text und Foto, schaut er immer zuerst auf das Bild. Deshalb gibt es die „Bild“-Zeitung, deshalb haben wir hier im Heft diese schönen großen Aufmacherfotos. Sie, lieber Leser, haben ja gerade auch die Karikatur angeschaut, bevor Ihr Gehirn freundlicherweise Ihre Augen weiterdirigiert hat zu meiner Kolumne. Ich muss gestehen: Als Leser, besser gesagt Gucker, falle ich natürlich auch auf die uralte Masche herein.

Bei Facebook, Xing oder Google plus funktioniert das genauso wie auf Papier. Neulich glotzt mich da plötzlich ein komischer alter Knabe an. Wie kommt der in meinen Stream? Das ist doch keiner von meinen Online-Freunden. Andererseits kommt mir der Knittermann auf sonderbare Weise bekannt vor. Ja, und gleich darunter hat sich noch so ein Greisengesicht zu mir verirrt. Die beiden Faltengestalten sehen echt erbarmungswürdig aus.

Zweieinhalb Schrecksekunden später lese ich endlich die Namen. Der eine ist ein Kollege, den ich eine Weile nicht gesehen habe, der andere der Pressesprecher von Google. Beide sind definitiv jünger als ich und wissen immer einen Tick früher, wo man in der wunderbaren Welt des Internets eine Neuheit findet, mit der wir großen Jungs auf unseren virtuellen Erwachsenenspielplätzen Googleplus-Punkte sammeln oder Gefälltmirs einheimsen können. So auch diesmal: Fast gleichzeitig haben die beiden digitalen Trüffelschweine eine App für die Smartphone-Kamera aufgespürt, mit der man die Lebensuhr des Porträtierten weiterdrehen kann: Gerade noch jugendliche 40, und wisch, schon mittenmang im Rentenalter. Den Trick konnte bisher nur das Bundeskriminalamt, nicht mal Photoshop hat eine Schrumpelfunktion im Menü.

Dass jetzt jedermann solche Selbstversuche machen kann, ist eine nützliche Sache, jedenfalls für Menschen in einem Alter, in dem sie noch über das Resultat lachen können. Wer erkennt, was auf ihn zukommt, erschrickt später nicht so beim Blick in den Spiegel. Doch damit nicht genug: Der wahre Reiz der digitalen Vergreisung liegt ja nicht darin, in der Facebook-Chronik schon mal ein bisschen vorzuarbeiten für den Fall, dass man 2032 die Gicht im Mausfinger hat. Ihren Charme entwickelt die App dadurch, dass man damit jeden Mitmenschen alt aussehen lassen kann, der einem vor die Smartphone- Linse kommt.

Bevor etwa eine Frau sich ewig bindet, prüft sie per Handykamera erst mal unauffällig, ob sie dereinst ihren vierten Lebensabschnitt mit einem Sean-Connery-Lookalike verbringen darf oder ob sie mit einem Zombie à la Keith Richards vorliebnehmen muss, mit dem sie höchstens noch an Halloween unter die Leute gehen kann. Nicht zu verachten ist auch die Chance, notorische Netzrüpel zu disziplinieren: Wer pöbelt, muss jederzeit damit rechnen, dass peinliche Greisenbilder von ihm bei Facebook die Runde machen mit dem Kommentar: Was will der denn hier? Kommt der zum Sterben ins Netz?

Wenn die Fototechnik weiter so gute Fortschritte macht, wird es beim Ältermorphen bestimmt nicht bleiben. Demnächst werden uns die Smartphones dicker oder dünner machen, uns die Haare scheren, Locken drehen oder Bärte wachsen lassen. Eine Premium-App mit Lifestyle-Option wird Bierbäuche, Säufernasen und Sonnenbankhäute nach Bedarf wachsen oder verschwinden lassen. Das Beste wird indes die Simulation von Kollagenspritzen sein. Die Society- Lady, die auf dem iPhone vorher sieht, was ihr blüht, riskiert vielleicht keine dicke Lippe mehr.

ULF J. FROITZHEIM, Silver Surfer in spe, denkt beim Stichwort Senioren-Handy jetzt nicht mehr an übergroße Tasten, sondern an witzige Apps.

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