Echokammern sind nicht harmlos


Carta lässt den Nachwuchs-Kommunikationswissenschaftler Ben Thies über den „Mythos Filterblase“ sinnieren. der Digital Native vermisst die empirische Evidenz für dieses Phänomen. Der Beitrag hat eine fundierte Replik verdient, die über die 1500 Zeichen hinausgeht, die ein Kommentar bei Carta haben darf. Deshalb habe ich dort nach hier verwiesen. Meine These: Es geht nicht um Filter-Algorithmen, sondern um Menschen – die Meinungsführer in den Echokammern. Dass deren Wirken sich der EMpirie entzieht, macht es nicht irrelevant.

„Dass sie (die Filteralgorithmen) eine Gefahr für die Gesellschaft darstellen, da sie Nutzern eine ganz bestimmte Realität diktieren, kann nur dann der Fall sein, wenn wir die Gesellschaft davor als gefährdet durch ein Diktat der Funk- und Printmedien betrachten.“

Ben Thies

Lieber Ben Thies,

das ist zu kurz gesprungen. Filteralgorithmen stellen eine Gefahr für die Gesellschaft dar, aber sie diktieren den Nutzern ebenso wenig etwas, wie dies die Funk- und Printmedien konnten. Sie sind der Einstieg, ein Anfang.

Die Gefahr hängt also nicht damit zusammen, dass man seiner Filterblase nicht mehr entkommen könnte, wenn man sich einmal in ihr häuslich eingerichtet hat. Sie liegt in dem sozialpsychologischen Belohnungssystem, in das sie instabile oder verunsicherte Menschen hineinziehen. Die Metapher der Echokammer ist insofern die wichtigere und richtigere, und darum sollten wir uns auf sie konzentrieren: Die Filterblase sorgt als Positivauswahl nur für einen steten Zustrom an vermeintlichen Neuigkeiten, die einem ins Weltbild passen. Sie verhindert nicht den Zustrom an diesem Weltbild widersprechenden Nachrichten. Diese kommen durchaus noch beim Rezipienten an – allerdings meist auf Umwegen, mit entsprechenden Stille-Post-Effekten, wobei der Bias beabsichtigt sein kann oder unbewusst hineingebracht wird.

Die Resonanz in der Echokammer, die den sprichwörtlichen Bürgermeister von Wesel zum Esel macht, unterscheidet sich grundlegend von einem Aussieben des Inputs nach Nutzervorlieben. Bei Letzterem geht es nur um Aufmerksamkeitsmanagement, also eine Relevanzfilterung, bei ersterem um die Einordnung des für relevant befundenen Inputs auf einer Gut-Böse- oder einer Wahrheitsskala. Die Filterblase ist ein algorithmisches Konstrukt, die Echokammer ein menschliches Phänomen. Weiterlesen

Nu mal langsam, Herr Steingart!

Gestern abend saß Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart noch bei Sigmund Gottlieb in der Münchner Runde und gab den Amerika-Experten, der die Amerikaner besser versteht als sein verzweifelt um Gehör kämpfender Nachbar Ron Williams. Heute morgen ließ Steingart – quasi zum Nachlesen – sein Morgen-Briefing verschicken, in dem er folgende Analyse feilbietet:

Die großen Heilsversprechen der Moderne – Globalisierung, Digitalisierung und die Bildung multikultureller Gesellschaften – überfordern eine Mehrheit der Bürger, überall im Westen.

Der Welthandel schafft Wohlstand, aber nicht für alle. Der Börsenkapitalismus lässt die einen zu den Sternen aufsteigen, derweil andere den sozialen Absturz erleben. Die Digitalisierung gibt jedem eine Stimme, aber zugleich entwertet sie die menschliche Arbeitskraft. Man muss kein Marxist sein, um zu verstehen, dass ökonomische Prozesse dieser Wucht Folgen für den politischen Überbau haben. Disruption ist für die Wirtschaftselite ein Modewort und für den Rest der Menschheit eine Bedrohung. Albert Camus: „Was ist ein Mensch in der Revolte? Ein Mensch, der Nein sagt.“

Halt mal. Langsam. Globalisierung, Digitalisierung und Multikulti-Gesellschaften in einem Atemzug, und diese drei „Heilsversprechen“, so es denn welche sind, überfordern überall im gesamten Westen die Mehrheit der Bürger? Der Gedankengang überfordert jetzt mich.

Globalisierung dürfte in der öffentlichen Wahrnehmung noch nie ein Heilsversprechen gewesen sein. Oder warum sonst assoziiert das Gehirn spontan das Suffix -skritiker, wenn es die ersten Silben wahrnimmt?  Weiterlesen

Clintons Problem, Weiners Spam-Sammlung

Wenn ich lese und höre, was so alles über Hillary Clintons Umgang mit E-Mails veröffentlicht wird, kribbelt es mir in den Zehen. Scheint, dass meine Fußnägel sich aufrollen wollen. Ist es denn zuviel verlangt von Amerikas Agenturjournalisten, Reportern und Fernsehmoderatoren oder von deutschen Politik-Korrespondenten, dass sie mal in die technischen Niederungen eines Kommunikationsmittels aus dem Neuland namens Internet hinabsteigen? Von dem, was man da herauskriegen, begreifen und einordnen könnte, hängt immerhin die Meinungs- und Willensbildung eines Volkes ab, das sich entscheiden muss, ob es sein höchstes Staatsamt samt Verfügungsgewalt über ein Arsenal an Atomwaffen lieber einem selbstverliebten, größenwahnsinnigen, fremdenfeindlichen, sexistischen und verlogenen alten Maulhelden anvertraut oder einer ausgebufften älteren Juristin und Berufspolitikerin, die begriffen hat, dass sie Teile ihrer beruflichen Korrespondenz wohl eine Zeitlang gröbst fahrlässig gehandhabt hat.

Leider bestimmt Oberflächlichkeit und Ignoranz die Berichterstattung. Da geht es nur darum, ob Trump dank Comey doch noch die Kurve kriegt, was Comey wirklich im Schilde führt und was vielleicht in den Mails stehen könnte. Dabei gerät die Absurdität des ganzen Schauspiels aus dem Blick, weil zu Trumps unverdientem Glück niemand die richtigen Fragen stellt und deshalb niemand die Luft aus dem Ballon lässt. Vieles ließe sich bereits durch einfaches Innehalten und Nachdenken erkennen, anderes durch einen Blick in die einschlägigen Fach-Quellen im Web.

Worum geht es also?

Als Außenministerin hat Clinton einen Mailserver im Keller ihres Privathauses genutzt. Die Domain hieß clintonemail.com und wurde über den Dienstleister Perfect Privacy LLC beim Registrar Network Solutions angemeldet, so dass aus dem Whois-Eintrag nicht zu ersehen war, wo der Server steht und ob es sich um DIE Clintons aus Arkansas handelt. Außer Hillary Clinton, die unter anderem die Adresse hdr22@clintonemail.com benutzte (hdr stand für ihren Mädchennamen Hillary Diana Rodham), hatten auch Mitarbeiter Accounts bei dieser Domain, zumindest Huma Abedin, damals Ehefrau des notorischen Polit-Hasardeurs Anthony Weiner.

Was ist neu?

Das FBI hat auf Weiners Computer angeblich 650.000 (!) E-Mails gefunden, darunter eine bisher nicht bekannte Anzahl von Nachrichten, die Abedin über den Clinton-Server gesendet oder empfangen haben soll. Dass die Auswertung nicht vor der Wahl am Dienstag nächster Woche abgeschlossen werden kann, ergibt sich scheinbar schon aus der absurd hohen Zahl.

Was für Fragen ergeben sich daraus?

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