Fernseher für Maulwürfe

Seniorenhandys haben Riesentasten und ein Display, das für die riesigen Ziffern viel zu klein ist. Auf der IFA zeigt Samsung jetzt einen Fernseher, dessen Zielgruppe vermutlich ebenfalls sehgestörte Senioren sind. Riesig an ihm sind neben dem Preis (7999 Euro – nein, da ist keine 9 zuviel!)  vor allem die Pixel: Der Bildschirm hat die fünffache Diagonale eines Macbooks mit Retina-Display, nämlich 1,89 Meter, füllt das Bild aber mit 60 Prozent weniger Bildpunkten als jenes: 1080 Punkte in der Höhe, 1920 in der Breite. Pro Zentimeter sind das etwa 12 Pixel. Die Punkte sind also fast einen Millimeter groß. Wer sich noch an die ersten Röhren-Farbfernseher von 1969 erinnert, weiß, was ich meine.

Um die Grobkörnigkeit eines solchen Bildes nicht wahrzunehmen, muss man schon eine Turnhalle als Wohnzimmer oder die Sehstärke eines Maulwurfs haben. (Wer so schlecht sieht, erkennt vielleicht auch nicht, dass im Preis tatsächlich drei Neunen hinter der Sieben stehen.)

2006: Das große Fernseh-Spiel

Das Handelsblatt hat im Moment ein großes Thema: Apples vermuteten Einstieg ins Fernsehgeschäft. Eigentlich ist es erstaunlich, dass das alles noch Zukunftsmusik ist und nicht längst Gegenwart. Den folgenden Beitrag habe ich vor fünf Jahren geschrieben – im BJVreport anlässlich der Münchner Medientage 2006. Die Illustration mit der Apple-Front-Row-Fernbedienung sollte symbolisieren, dass TV-Fernbedienungen, die wie Computertastaturen anmuten, eigentlich ausgedient haben.

Ob Computer und Fernseher zusammenwachsen, ist auch eine Frage der Ergonomie. Computertastaturen sind wenigstens genormt und beschriftet. Mit einer „Universal-Fernbedienung“ bewältigt der Zuschauer indes nur die Grundfunktionen von Fernseher und Recorder. Am radikalsten ist der Ansatz, gleich alle Funktionen in die Software zu verlagern: Die knopfarme Fernbedienung links gehört zu einem Multimedia-Computer.

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Lauffs Leviten lesen!

Es ist viiiieeelll Text, den Werner Lauff uns zum Jahreswechsel zumutet, aber jeder Medienmensch sollte sich die Zeit für seinen medienjährlichen Rück- und Ausblick nehmen – vor allem die Führungskräfte der Branche. Lauff hat buchstäblich alles, was in der Medienwelt derzeit abgeht, analysiert, sortiert, strukturiert, in den Zusammenhang gestellt. Die Einzelfakten kennt man, aber hier wird das große Bild sichtbar.

Pflichtlektüre! (bei Kress.de)

„Die Verantwortung spüren

…Ein Ereignis wird binnen Stunden zum dominierenden Thema. Danach bleibt es wochenlang in den Schlagzeilen, wobei jede Sekundärmeldung – eine These, eine Forderung, ein Gerücht – recht zu sein scheint. Von einem Tag auf den anderen verschwindet das Thema dann wieder in der Versenkung, als sei der Fortgang der Angelegenheit kein Wort mehr wert…

…Der Wettbewerb um Nachrichten ist so groß, dass zum Nachdenken kaum Zeit bleibt. Die meisten Redaktionen sind mit zu vielen Themen befasst und können weder Erfahrung noch Expertenwissen abrufen. … Journalisten werden permanent zum Verdichten animiert. Doch viele Hochrechnungen auf tiefere Absichten oder gar Strategien, die auf diesem Weg zustande kommen, liegen weit neben der Sache. Die häufigsten Probleme sind assoziative Fehlschlüsse, Fehlgewichtungen von Anlass oder Äußerungsmodus sowie elementare Unkenntnis über die Historie, die Zusammenhänge und die Interessen der handelnden Personen. …

Viele dieser oberflächlich zustande gekommenen Artikel in Nachricht-Kommentar-Feature-Mischform können fatale Auswirkungen haben. Sie können blutige Reaktionen hervorrufen. Sie können Wirtschaft und Währung in Gefahr bringen. …“

Kundenjagd im World Wide Web


Mit keinem anderen Medium lassen sich potenzielle Kunden besser aufspüren und Werbebotschaften treffsicherer platzieren als per Internet. Online-Marketing ergänzt TV- und Printwerbung, statt sie zu verdrängen – noch.

Für zerstreute Zeitgenossen können die Tricks der modernen Online-Werber recht praktisch sein. Wer zum Beispiel beim Stöbern in einer Billigflugbörse gestört wurde und den PC heruntergefahren hat, kann heute fast darauf warten, dass ihn das Gerät am nächsten Tag an sein Vorhaben erinnert. Auf einer ganz anderen Website, die er womöglich noch nie besucht hatte, springt ihn dann ein blinkendes Werbebanner an. Und das wirbt nicht etwa abstrakt für irgendeine Fluggesellschaft, sondern ganz konkret für Sonderangebote auf der zuletzt ausgewählten Strecke: „München–Düsseldorf ab 49 €“. Ein Klick genügt, und man steht wieder mittendrin im virtuellen Reisebüro. Beim Shopping passiert das Gleiche. Hat man sich in einem Onlineladen nach einer Kamera oder nach Sportschuhen umgeschaut, stolpert man plötzlich überall im Netz über Reklame für Fotoapparate oder Sneakers, und natürlich sind es exakt die Marken, die der Noch-nicht-Kunde schon in der engeren Wahl hatte.

Dass der Computer zu wissen scheint, was seinen User interessiert oder wonach dieser sucht, ist weder Einbildung noch Zufall. Die zuvor besuchten Server haben ihm diese Informationen eingetrichtert, ohne den PC-Besitzer um Erlaubnis zu fragen. Weiterlesen

SZ verschenkt Medienseite


„Auch diese Themenseite wird wieder ganz sinnlos sein.“

Wunderbar wahrer Einstiegssatz des Beitrags „Im Land der verseuchten Begriffe“ von Tobias Kniebe auf der heutigen Medienseite der Süddeutschen Zeitung.

SZ-Medienredakteur Christopher Keil hatte sich in den Kopf gesetzt, mittels fünf Texten – verfasst von ihm selbst, dem Kollegen Kniebe, Heyse-Tochter Katharina Riehl, Martin Zips und Roger Willemsen – zu ergründen, warum das öffentlich-rechtliche Fernsehen nicht besser ist. Dabei hat er lediglich gezeigt, wie unterschiedlich die Erwartungen an das Fernsehen sind. Die Autoren sind sich selbst nicht darin einig, was Qualität, Kultur und Unterhaltung überhaupt sind. Ergebnis: Eine ganze Zeitungsseite ohne neue Erkenntnis, ohne Perspektive, ohne Sinn.