Zahnloser Tiger BNetzA zwickt Vodafone

Die Vodafone Kabel Deutschland GmbH hatte sich einen heftigen Biss ins Gesäß redlich verdient. Sie kaufte Adressen und verschickte amtlich aussehende Briefe und Postkarten, versehen mit einem Fake-Stempel „Wiederholter Zustellversuch“. Solche Methoden kennt man sonst nur von Direktmarketingfirmen der untersten Kategorie. Also solchen, die Compliance und Berufsethos für „sowas von 20. Jahrhundert“ halten, dass sie sich einen stinkenden Morast drum scheren. Unter anderem wollten sie so meinem Schwiegervater (88) einen Internetzugang zusätzlich zu seinem Kabelfernsehanschluss andrehen, obwohl Triple Play in dieser Eigentumswohnanlage gar nicht verfügbar ist. Sprich: Die geben Geld dafür aus, Leute kirre zu machen, denen sie das Beworbene nicht einmal verkaufen können.

Heute kam zur diesem Vorgang eine Presseinfo der Bundesnetzagentur mit der hochtrabenden Headline…

Homann: „Wir nehmen Täuschung der Verbraucher nicht hin“

…und der Behauptung, die BNetzA „ahnde“ einen Wettbewerbsverstoß:

„Wettbewerbswidriges Verhalten wird durch die Bundesnetzagentur konsequent geahndet“, betont Jochen Homann, Präsident der Bundesnetzagentur.

Was damit gemeint ist, kann man freundlich als vorsätzliche Verbrauchertäuschung verharmlosen. Nachdem der werbliche One-shot längst abgeschossen ist, verbietet ihn die Netzagentur pro forma nachträglich. Konsequenzen: keine. Es ist ein erhobener Zeigefinger verbunden mit einem öffentlichen „du-du!“, oder ein Biss in den Popo, vor dem sich der Beißer die dritten Zähne herausgenommen hat.

Das liest sich dann wie folgt:

„Sollte das Unternehmen der Untersagung nicht nachkommen, wird die Bundesnetzagentur weitere Maßnahmen prüfen. Zwangsgelder in Höhe von 20.000 Euro wurden bereits angedroht.“

Vodafone KD braucht jetzt nur „sorry, Großes Indianerehrenwort, wir tun’s nicht wieder“ zu sagen. Die Jungs hatten das gewiss auch gar nicht vor, weil man als Direktwerber eh jedesmal etwas anders macht. Und selbst wenn, ginge ihnen ein 20.000-Euro-Knöllchen meterweit am Glutaeus Maximus vorbei.

Vielleicht sollte sich Herr Homann mal die Portokasse eines Telekommunikationsunternehmens anschauen, um eine Vorstellung von deren Größe zu bekommen. Kleiner Hinweis: Selbst wenn die Aussendung pro Kunde nur 40 Cent gekostet haben sollte, muss man bedenken, dass solche Werbung an Hunderttausende bis Millionen von Haushalten geht. Deshalb darf die Agentur gerne mal ein oder zwei Nullen an die Zwangsgeldsumme dranhängen. Und die muss auch dann fällig sein, wenn sich der Delinquent das nächste Mal auf ganz andere Art und Weise daneben benimmt.

Echokammern sind nicht harmlos


Carta lässt den Nachwuchs-Kommunikationswissenschaftler Ben Thies über den „Mythos Filterblase“ sinnieren. der Digital Native vermisst die empirische Evidenz für dieses Phänomen. Der Beitrag hat eine fundierte Replik verdient, die über die 1500 Zeichen hinausgeht, die ein Kommentar bei Carta haben darf. Deshalb habe ich dort nach hier verwiesen. Meine These: Es geht nicht um Filter-Algorithmen, sondern um Menschen – die Meinungsführer in den Echokammern. Dass deren Wirken sich der EMpirie entzieht, macht es nicht irrelevant.

„Dass sie (die Filteralgorithmen) eine Gefahr für die Gesellschaft darstellen, da sie Nutzern eine ganz bestimmte Realität diktieren, kann nur dann der Fall sein, wenn wir die Gesellschaft davor als gefährdet durch ein Diktat der Funk- und Printmedien betrachten.“

Ben Thies

Lieber Ben Thies,

das ist zu kurz gesprungen. Filteralgorithmen stellen eine Gefahr für die Gesellschaft dar, aber sie diktieren den Nutzern ebenso wenig etwas, wie dies die Funk- und Printmedien konnten. Sie sind der Einstieg, ein Anfang.

Die Gefahr hängt also nicht damit zusammen, dass man seiner Filterblase nicht mehr entkommen könnte, wenn man sich einmal in ihr häuslich eingerichtet hat. Sie liegt in dem sozialpsychologischen Belohnungssystem, in das sie instabile oder verunsicherte Menschen hineinziehen. Die Metapher der Echokammer ist insofern die wichtigere und richtigere, und darum sollten wir uns auf sie konzentrieren: Die Filterblase sorgt als Positivauswahl nur für einen steten Zustrom an vermeintlichen Neuigkeiten, die einem ins Weltbild passen. Sie verhindert nicht den Zustrom an diesem Weltbild widersprechenden Nachrichten. Diese kommen durchaus noch beim Rezipienten an – allerdings meist auf Umwegen, mit entsprechenden Stille-Post-Effekten, wobei der Bias beabsichtigt sein kann oder unbewusst hineingebracht wird.

Die Resonanz in der Echokammer, die den sprichwörtlichen Bürgermeister von Wesel zum Esel macht, unterscheidet sich grundlegend von einem Aussieben des Inputs nach Nutzervorlieben. Bei Letzterem geht es nur um Aufmerksamkeitsmanagement, also eine Relevanzfilterung, bei ersterem um die Einordnung des für relevant befundenen Inputs auf einer Gut-Böse- oder einer Wahrheitsskala. Die Filterblase ist ein algorithmisches Konstrukt, die Echokammer ein menschliches Phänomen. Weiterlesen

Falsche Hanna wirbt für Journalistenausbildung


„Das Studium war viel praxisnäher, als ich mir das vorgestellt habe“, behauptet angeblich eine gewisse Hanna Schmidt (26), ihres Zeichens freie Journalistin. 

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Welches Studium?, kann man da nur fragen, denn die „freie journalisten schule“ (FJS) in Berlin ist eine Anbieterin von Fernunterricht und mitnichten eine Fernuni. Was auch immer Hanna studiert hat, das hat sie woanders studiert.

Man kann aber auch fragen: Welche Hanna? Denn das Foto zeigt eine Frau, die 26 Jahre alt sein soll. Wäre sie das bei der Aufnahme tatsächlich gewesen, so wäre sie heute 35. Das Bild steht nämlich seit 2007 in der Datenbank der Stockfoto-Agentur Photocase. Dort heißt Hanna, die 2009 schon mal ihr Gesicht für eine Seite über Singlebörsen zur Verfügung stellte sowie irgendwann für eine Frauenberatungsstelle und eine IT-Firma, seltsamerweise Diana.

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2DF-Fernsehräte von Gnaden der IT-Wirtschaft

Die so genannten Gremlins des deutschen Fernsehens verträten gesellschaftlich relevante Gruppen, habe ich mal gelernt. Jetzt lese ich in der Süddeutschen, dass bei der Auswahl eines neuen ZDF-Gremlins unter anderem der Verband der Internetwirtschaft (eco e.V.) mitreden durfte, der Chaos Computer Club, der „SPD-nahe Netzverein“ D64  sowie ein „Medienverband media.net“, von dem ich noch nie gehört habe – und nein, bitte geben Sie jetzt nicht media.net als URL in Ihren Browser ein, die sind’s sicher nicht. (Sobald ich herausgefunden habe, wen die SZ meint, trage ich’s nach.)

Auf wen haben sich diese so unterschiedlichen Lobbyisten geeinigt? Ausgerechnet auf den österreichischen Ökonomie-Jungprofessor Leonard Dobusch (36), der im Berliner Netzpolitik-iRights-Soziotop zu Hause ist und sich insbesondere mit unausgegorenen Ideen einen Namen gemacht hat, die zu einem Paradigmenwechsel vom Urheberrecht zum Nutzerrecht führen würden. „Leonido“ segelt im intellektuellen Kielwasser des Creative-Commons-Kapitäns Lawrence Lessig und legt das Postulat „Information wants to be free“ so aus, als hieße es „Geistiges Eigentum muss jederzeit überall mühe- und kostenlos für alle Bürger nutzbar sein“ und nicht „Wissen muss grundsätzlich frei zugänglich sein“. Kurz gesagt, er ist der ideale Kompromisskandidat für Leute, die die Sozialisierung der Werke von Urhebern fordern, und solche, die Urheberansprüche als Handelshemmnis sehen. Dobusch soll die Internet-Insassen im Fernsehrat vertreten, also 75 Prozent der Bevölkerung, aber er ist ein Ideologe mit einer klaren Mission.

Kann es schlimmer kommen? Vielleicht schon. Laut SZ darf die Bayerische Staatskanzlei einen weiteren Digitalmenschen in den Fernsehrat schicken; dies solle ein Vertreter des Industrieverbandes Bitkom sein. Darin ist alles Mitglied, was in der IT Rang und Namen hat – deutsche Firmen, aber auch US-Konzerne wie Apple und Microsoft und japanische Hersteller wie Epson und Canon. Schaut man beim ZDF nach, wer den Posten innehat, stößt man direkt über Dobusch auf den Namen Wolfgang Kopf. Der Mann ist Leiter des Zentralbereiches Politik und Regulierung des Bitkom-Mitglieds Deutsche Telekom AG und wird deshalb auch als „Cheflobbyist der Telekom“ bezeichnet. In einem Land, in dem so etwas möglich ist, müsste konsequenterweise auch die Autoindustrie Vertreter in den Rat entsenden dürfen, vielleicht einen VW-Mann in Kooperation mit der niedersächsischen Staatskanzlei. Baden-Württemberg stünde ein Maschinenbauer zu, NRW (oder Brandenburg) ein Lobbyist der Braunkohlewirtschaft.

Geht’s noch?

Internet der Wunderdinge

„Wissen“ nennt sich die Rubrik der Süddeutschen Zeitung, in der es um Forschung und Innovation geht. An diesem Donnerstag widmet sich der Seitenaufmacher dem „digitalen Dorf“, also einem Widerspruch in sich. In Deutschland ist das Dorf der Ort, an dem Digitalisierung am aufwendigsten und damit am unwahrscheinlichsten ist. In dörflich strukturierten Regionen lohnt sich der Ausbau der Infrastruktur oft weder für Festnetz- noch für Mobilfunkbetreiber. Der Autor der Wissensseite lässt erkennen, dass er das eigentlich auch weiß. Dennoch schreibt er ausführlich über die nette Utopie des digitalisierten Dorfs – über Wunschdenken von Wissenschaftlern und Technokraten. Dieses kulminiert im letzten Absatz:

„Heute nutzen weltweit drei Milliarden Menschen das Internet. Für das Internet der Dinge rechnen Experten aber mit 50 Milliarden Gegenständen, die Daten ins Netz schicken werden“, sagt Trapp. Auch in der smarten Stadt könnte die Internet-Bandbreite dann knapp werden.

Das ist leider grober Unfug, und das nicht nur, weil für viele meiner Kollegen jeder als Experte durchgeht, der solche steilen Prognosen nach der Formel Pi mal Kristallkugel abgibt. (Selbst wenn eines Tages 50 Milliarden Gegenstände online sein sollten: Die allermeisten werden nur innerhalb des Hauses kommunizieren und nicht Daten „ins Netz schicken“, weil es dafür keinen sinnvollen Business Case gibt und es kein Normalverbraucher will.) Weiterlesen