Netzpolitik und Lobbyismus

Wie ich heute auf Twitter erfuhr, gibt es tatsächlich Leute, die Markus Beckedahl kennen, aber sich wundern, dass er Lobbyist sein soll. Im Netz findet man tatsächlich Hinweise darauf, dass er, der sich (auch) als Autor und Journalist sieht, dieses Etikett als Vorwurf empfindet – vermutlich deshalb, weil es dann schwerer wird, es anderen als Vorwurf anzuhängen.

„Oft wurde mir vorgeworfen ich sei Lobbyist, weil ich für freies Internet und Netzneutralität einstehe. Deshalb wurde mir auch die Akkreditierung für den Bundestag verwehrt.“ Aber nach einigem Geplänkel habe er sie doch bekommen. Beckedahl ist eben einer, der immer einen Weg findet.

Allerdings hat er es oft genug akzeptiert, als solcher einem Publikum vorgestellt zu werden, und er hat sogar schon selbst darüber gesprochen, dass dies einer der Hüte sei, die er abwechselnd trägt. Hier eine kleine Auswahl an Fundstellen. Die jeweilige Quelle ergibt sich aus dem Link im Zitat. Weiterlesen

Rübenreporter

Kraut & Rüben ist eine Zeitschrift für Hobby-Biogärtner. Aber dort arbeiten die Krautreporter nicht, über die in diesen Tagen viel zu lesen ist. Der erste, ältere Markenname ist witzig, der zweite, neuere nur albern und damit für ein ambitioniertes Projekt eher unpassend. „Krautreporter“ ist die Sorte Kantinenkalauer, die man besser nicht an die Öffentlichkeit lässt. Schließlich handelt es sich um die Homophonie eines Ausdrucks, der seinerseits ungelenk, ja schlichtweg irreführend und – schlimmer noch – immanent abwertend bis beleidigend für die Zielgruppe ist: „Crowd Reporter.“ Eine Crowd ist eine Horde beliebiger Menschen, bei der das Individuum irrelevant ist. Tja, schon seltsam, dass sich ein so verächtlicher Terminus im Englischen durchgesetzt hat – siehe Crowd Sourcing und Crowd Funding. Sich zur Crowd zu zählen, ist in etwa so, als würde ein Journalist sich „Schreiberling“ nennen, zur „Journaille“ zählen und „Content“ produzieren.

Überdies bezieht sich der an die „Krauts“ erinnernde englische Ausdruck nicht einmal auf die Reporter, sondern auf die Art, wie sie das Geld auftreiben, von dem sie beim Reportieren leben. Die diffuse Masse ist also gerade gut genug als Sponsorenheer für den Journalismus, soll ihn aber bitte nicht selbst betreiben, wie das bei den Leserreportern der Bild-Zeitung der Fall ist?

Nein, es ist nicht lustig, wenn Reporter in einem Atemzug sich selbst und ihre Leser mit dem Klischee des Sauerkraut mampfenden Wehrmachtsinfanteristen identifizieren. Was beim „Krautrock“ noch originell und selbstironisch war, ist vierzig Jahre später nur noch peinlich.

Deshalb ist es wirklich schade, dass die Kollegen, die bei dem Projekt des notorisch umtriebigen Sebastian Esser mitmachen, kein Veto gegen den unsäglichen Namen eingelegt haben – Weiterlesen

Jungredakteure wissen nichts vom Fernseher

Schön, wenn sich junge Kollegen nicht nur mit modernster Digitaltechnik befassen, sondern sich auch für Technikgeschichte interessieren. Was am Ende dabei herauskommt, sollte allerdings Hand und Fuß haben.

Beim Durchblättern der Medienseiten der Süddeutschen, zu deren Lektüre ich in den vergangenen Wochen nicht gekommen war, entdeckte ich einen Text des Kollegen Johannes B., der die Kunst des Lattenschusses recht gut beherrscht und mich motiviert hat, die gute alte Blog-Rubrik „Ja, liest denn keiner mehr gegen?“ fortzusetzen.

Also schrieb der Autor in seinem Abgesang auf den „guten alten Kasten“ alias Fernsehgerät:

„Oft standen Markengeräte von Grundig und Braun im Wohnzimmer, klangvolle Namen. In den Neunzigern und Nullern dann eher ein Gerät von Bang und Olufsen.“

Möglicherweise hat der junge Kollege ja seine Kindheit und Jugend in Grünwald verbracht oder in einem Haus am Sonnenufer eines besseren oberbayerischen Sees, mindestens aber in Bogenhausen. Sonst könnte sich die Vokabel „oft“ nicht in diesen Satz verirrt haben. OFT standen in der Zeit, als Braun noch Fernseher baute, in Wohnzimmern normaler Bürger keine Geräte dieser Marke, Weiterlesen

Kurzer Frühling des Internets?

In der Süddeutschen stand am Wochenende ein seltsamer Text auf der Meinungsseite. Titel: „Der kurze Frühling des Internets“

Darin spintisiert der Autor, ein Feuilletonist:

„Es ist kein Zufall, dass sich einige der klügsten Köpfe in den letzten Jahrzehnten in der Informatik wiederfanden. Und dass zu ihnen einige kluge Menschen gehörten, die während der Ära der Bürgerrechte die Gesellschaft zum Besseren wandeln wollten. Es war gegen Ende der Achtzigerjahre, als die Informatiker vom Media Lab des MIT ein Credo postulierten, das aus den Rechenmaschinen eine Lebenswelt machen sollte. In Zukunft, so hieß es damals, wird es nicht mehr so wichtig sein, wie schnell ein Computer ist, sondern mit wie vielen anderen Computern er vernetzt ist. Das technische Wettrüsten fand damals ein Ende. Die sozialen Experimente begannen.

Es war nur ein kurzer digitaler Frühling. Die klugen Optimisten werden jetzt zu scharfen Kritikern: Jaron Lanier, Evgeny Morozov oder Sascha Lobo prägten Geschichte und Rezeption des Internets. Der allumfassende Zugriff der Geheimdienste auf die neue Lebenswelt zeigte ihnen, dass Freiheit in diesen Netzen nicht möglich ist.“

Nun, erstens fing das technische Wettrüsten damals, um 1990, erst richtig an. Es war Voraussetzung dafür, die Ideen der Leute um Nicholas Negroponte (MIT) und den Kalifornier Jaron Lanier umzusetzen. Sonst wäre heute noch alles textbasiert wie im alten Usenet oder in der Mailbox-Ära.

Zweitens haben die Namen Morozov und Lobo in diesem Kontext nichts zu suchen. Bei sind gewisse helle Köpfe, aber keine Informatiker. Lobo war bis vor ein paar Jahren Werbetexter. In der hier angesprochenen Ära war er Teenager. Morozov war sogar noch ein kleines Kind im zerbröckelnden Ostblock, als Lanier & Co. sich die digitale Zukunft ausmalten. Auf die Idee, die beiden als Optimisten zu charakterisieren, muss man auch erst mal kommen.

Internetfirmen wollen Stromsubventionen

EEG-Hub

Der FDP-Mövenpick-Gedächtniskrake für den gierigsten Abgreifversuch des Monats geht an Bernhard Pussel, deutscher Repräsentant des Netzbetreibers City Of London Telecommunications (COLT) sowie Vorstand des Digital Hub FrankfurtRheinMain e.V., eines notleidenden Lobbyclubs, der sich nicht mal mehr Leerzeichen, Schräg- oder Bindestriche für seinen Namen leisten kann und deshalb FrankfurtRheinMain schreibt, als sei das ein Wort. Offenbar ist ihm für die zwei zusätzlichen Bytes in Frankfurt/Rhein-Main der Strom zu teuer.

Oder warum sonst fordert Pussel, dass die von der unfair hohen EEG-Umlage gebeutelten deutschen Privathaushalte einschließlich der internetfernen 90-jährigen Witwe im Breitband-Nichtausbau-Gebiet gefälligst den Mitgliedern seines Vereins einen Teil ihrer Stromrechnung zahlen? Richtig gelesen: Pussel verlangt, dass Sie und ich NOCH MEHR EEG-Zuschlag aufgebrummt bekommen und im Gegenzug den Internetfirmen dieser Zuschlag ganz erlassen wird. Weiterlesen