Fossil verstümpert Kundendialog

Irgendwann Anfang des Jahrtausends habe ich mir eine sehr schöne Uhr geleistet, sehr flach, unaufdringlich, dänisches Design. Skagen heißt die Marke. Leider war das Teil von Anfang an nicht ganz dicht. Bös gesagt: Die Uhr sparte die Wünschelrute. Sobald man auch nur eine gedachte Wasserader überschritt, beschlug das Glas von innen. Eine Uhr, die als „wassergeschützt“ klassifiziert ist, sollte man nicht bei jedem Händewaschen ablegen müssen. Jedenfalls wurde die Skagen mehrfach vom Uhrmachermeister trockengelegt – und dampfte immer wieder zu. Jetzt blieb sie stehen, vermutlich Korrosion im Uhrwerk.

Was der Hersteller Fossil damit zu tun hat? Nun, er vermarktet seit ein paar Jahren das pseudoskandinavische Fabrikat. Dazu gehört die Behauptung, für Skagen gelte eine „lebenslange“ Garantie, sofern kein „unautorisiertes“ Personal die Uhr gewartet oder repariert habe. Das ist natürlich Grund, nachzufragen, wie das konkret zu verstehen ist. Bis ans Ende meiner Tage oder das der eher gezählten Tage meiner Uhr? Hätte ich bei jedem Batteriewechsel das Zertifikat des Wechslers verlangen müssen? Mit einer pfiffigen Antwort auf solche spitzen Fragen kann ein Unternehmen nicht nur bei mir punkten. Bei Fossil sind sie aber alles andere als pfiffig. Damit ist auch Skagen bei mir durch. Schade.

Hier der Kundendialog im Wortlaut – als Beispiel, wie man nicht reagieren sollte: Weiterlesen

Wir haben doch einen HAU!


Kein Gerät kommt heute mehr ohne Chronometer-Surrogat aus. Die Uhrenmanie nervt – speziell im März und Oktober.

Wenn Deutschlands hinterfotzigster Rätselonkel CUS im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ nach einer Handyfunktion mit drei Buchstaben fragt, meint er garantiert nicht „SMS“. Ich brauchte eine Weile, bis ich auf die logische Lösung kam – UHR!

Es ist wirklich so. Meine Kinder etwa besitzen zwar außer ihren Handys auch noch Armbanduhren. Doch die Batterien sind längst leer. Warum sollten sie sich auch ein analoges Rundinstrument an den Arm binden, das nichts anderes kann, als eine allgegenwärtige Information armselig darzustellen? Ohne Hintergrundbeleuchtung und nur bedingt nachttauglich dank einer Uropa-Technik namens „Leuchtziffern“. Naja, einem Computer-kompetenten Mädchen kann man eh nicht zumuten, eine Damen-Armband-Uhr zu tragen, wenn schon der Händler diese Produktgruppe auf dem Bon zur „DAU“ verkürzelt.

Ich Gewohnheitstier trage meine HAU natürlich noch. Dabei habe ich beim Schreiben permanent das Digitaluhr-Widget meines Notebooks vor Augen und weitere Zeitanzeigen immer im Blickfeld. Denn wohin wir kommen, die Uhren sind schon da: in der Küche (Herd, Mikrowelle, Radio, Waage), im Wohnzimmer (Stereoanlage, TV, Video, Sat-Receiver, Wetterstation), im Schlafzimmer (wirklich nur der Wecker?), im Bad (Hygro-Thermo-Chronometer, Radio), im Auto (Multifunktionsanzeige, Freisprecheinrichtung), auf dem Fahrrad (Tacho), an Haltestellen, auf Bahnsteigen, in Bussen und Bahnen.

Wenn künftige Archäologen beim Buddeln auf unsere uhrigen Sammelsurien stoßen, hat unsere Epoche den Stempel weg: „Kult-Uhr-Zeit“. Die Forscher wüssten ja nicht, dass uns die heutige Uhrenflut ungewollt überkam – ausgelöst von einer Kaste besinnungsloser Produktmanager, die auch den letzten Firlefanz durch eine „Uhr-Funktionalität“ meinte aufwerten zu müssen. Sie würden nur sehen, dass allein die Deutschen grob geschätzt eine Milliarde Uhren besaßen, die sie obendrein allesamt brav jeden März eine Stunde vor und jeden Oktober eine Stunde zurückstellten, nur weil ein paar Politiker ihnen 30 Jahre zuvor eingeredet hatten, das spare Energie. Eine Gesellschaft, die so einen Unfug mitmacht, werden sich die Archäologen sagen, die hat echt eine Fehlfunktion mit drei Buchstaben: einen HAU!

Aus der Technology Review 11/2008, Kolumne FROITZELEIEN