Google, der Wert der Fotografie und der Fellow

Beim Computeraufräumen stieß ich gerade noch einmal auf einen nicht mehr ganz frischen Blogeintrag von Tobias Schwarz. Das ist dieser junge Typ, der sich mutwillig „Isarmatrose“ nennt, obwohl (1.) er an der Spree wohnt, (2.) es auf der Isar mangels Schiffbarkeit nur Flößer gibt und (3.) für ein gestandenes Münchner Mannsbild allenfalls „Eisbachsurfer“ ein satisfaktionsfähiger Web-Nick wäre.

Für alle, die ihn noch nicht kennen: Tobias Schwarz sieht aus wie ein Knallroter zur Zeit der Ostermärsche, diente mal (nomen erat omen) den Schwarzen, und während seine Gesinnung in auffälligen Orangetönen schillert, verdingt er sich heute bei den Grünen – als Kreisgeschäftsführer Berlin-Lichtenberg sowie Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft Netzpolitik.Als Werkstudent hat er schon in der Öffentlichkeitsarbeit des scheingrünen Lobbyverbandes CO2ncept plus (dessen industrielle Mitglieder sehr froh waren, von der EEG-Umlage entlastet zu werden) sowie bei McKinsey gastiert, was allein wegen seines Äußeren jedes linke Vorurteil über die Mäckies ins Wanken bringt. Vielleicht wuchsen ihm Mähne und anachronistischer Zottelbart ja auch erst später, oder Mitarbeiter ohne Kundenkontakt dürfen das. Wie auch immer: Ein CV mit 18 Positionen binnen fünf Jahren zeigen außer ihm nicht viele im Netz (vielleicht auch deshalb, weil mehr manchmal weniger bedeutet).

Also sprach Tobias Schwarz:

„Fotografie existiert nicht deshalb, weil damit Geld verdient werden kann.“

Tja, liebe, arme Fotografen und Bildjournalisten, wie Ihr seht, zäumt hier ein Teilzeit-Urheber (Online-Fachautor und sogar stolzer Inhaber eines VG-Wort-Wahrnehmungsvertrags) gewaltsam den Pegasus vom Schwanz her auf. Und merkt es nicht in seiner Kurzsichtigkeit.

Es ist nur dummerweise so, liebe Netzgrüne: Hätte man mit Fotografie nie Geld verdienen können, gäbe es sie nicht. Louis Daguerre, George Eastman, Carl Zeiss, Ernst Abbe und Ernst Leitz wären auf ihren Kameras und Objektiven sitzengeblieben, wenn sich niemand hätte fotografieren lassen wollen. Im 19. Jahrhundert war eine Kamera eine Investition. Die Fotografie wurde groß, weil an ihr ein lukratives Geschäftsmodell hing: Konnten sich früher nur Fürsten ein Porträt leisten (Daguerre war ursprünglich Maler!), war dies dank Fotografie auch für Bürger erschwinglich. Ohne dieses Geschäftsmodell wäre die innovative Technik gefloppt.

Bis zum heutigen Tag würde niemand Kameras produzieren, wenn damit kein Geld zu verdienen wäre. Die gesamte Weiterentwicklung der Fototechnik war allein deshalb finanzierbar, weil professionelle Anwender (Berufsfotografen und Kameraleute) bereit waren, extrem viel Geld für hochwertige Optiken ausgeben. Sie konnten sich das leisten, weil anständige Honorare gezahlt wurden (nein, ich meine Tier- und Sportfotografen, keine Paparazzi; diese erhielten immer unanständig viel Gage). Amateurfotografen waren stets die Nutznießer des Know-hows, das die Hersteller im Profi-Markt aufgebaut hatten.

Und woher kamen die Abermillionen von Amateuren? Aus der Leserschaft von Zeitungs-, Magazin- und Buchverlagen, die so faszinierende Presse-, Werbe- und Kunstfotos druckten, dass immer mehr Menschen Lust bekamen, es selbst zu versuchen. Man eiferte seinen Idolen nach, von Henri Cartier-Bresson über Ansel Adams, Annie Leibovitz und Reinhart Wolf bis zu den ganzen Magnum-Reportern – und steckte Unsummen in sein Hobby.

Kurzum: Es war immer Geld, das die Fotografie am Leben gehalten hat. Der Satz, den unser naiver Berliner Freund losgelassen hat, müsste also korrekt so lauten:

Fotografie existiert, weil damit jahrzehntelang gutes Geld verdient werden konnte.

Da es im Blogpost des Spree Isarmatrosen um Googles Bildsuche geht, sei folgender Hinweis gestattet:

Auch Google existiert nur deshalb, weil damit Geld verdient werden kann.

Und wo wir schon bei Google sind:

Tobias Schwarz ist laut eigenen Xing-Angaben „Fellow“ eines Berliner Vereins, dessen Initiator und „primärer Finanzgeber“ Google Germany ist, ohne dass man auf der Vereinswebsite Näheres über den jungen Mann fände.

Der Verein trägt einen sehr albernen Namen, der sich Internet & Gesellschaft Co://aboratory schreibt, folglich “Internet & Gesellschaft Co Doppelpunkt Doppelslash Aboratory” spricht und ganz nach Lust und Laune seiner Aktiven auch unter den etwas weniger manierierten Alias-Namen “Internet & Gesellschaft Co:llaboratory”, “Internet & Gesellschaft Collaboratory”, “Co:Lab”, “CoLab” und “Colab” (allerdings niemals “Cola B”) auftritt.

Ein Kollaboratorium muss wohl so etwas wie ein virtuelles Forschungslabor sein, also kein Lobbyisten-Thinktank nach Astroturf-Art, aber was weiß ich? Jedenfalls beteuert der Trägerverein, von seinem Initiator und Großsponsor nicht abhängig zu sein, während sich CoLab-Gründervater Max Senges, von Beruf zufällig Manager in Googles Berliner Lobbying-Büro, ganz uneigennützig um den Aufbau eines Beirats für das Co:Lab kümmern darf.

Da die Welt klein ist und die Berliner Netzwelt erst recht, dürfte das nicht so schwer werden. Bereits jetzt fungiert als zweitoberster CoLab-Lenker der sympathische Jurist John H. Weitzmann, bekannt erstens als Mitglied der Kanzlei iRights Law um Till Kreutzer, zweitens als Co-Chef von Creative Commons Deutschland. Diese CC DE ist ein rechtliches Phantom, eine Nichtkörperschaft, ein Nichtverein, eine Nichtfirma, eine juristische Unperson, gleichwohl irgendwie existent und gemeinsam betrieben von Markus Beckedahls Firma New Thinking und der Europäischen EDV-Akademie des Rechts gGmbH, die wiederum eine Tochterfirma des Deutschen EDV-Gerichtstags e.V. und des Saarlandes ist. Drittens kennt man Weitzmann als Gründungsmitglied des Beckedahl-Fanclubs Digitale Gesellschaft und viertens als freier Mitarbeiter der Sendung „Breitband“ bei Deutschlandradio Kultur – eine Tätigkeit, die der Gute ungeachtet seiner Eigenschaften aus erstens bis drittens wahrnehmen darf (nicht einmal sein hinsichtlich putativer Interessenkonflikte auf Urheberseite gestrenger Mitstreiter Beckedahl scheint etwas dagegen zu haben). Keine Ahnung, warum mich die Multifunktionäre der hauptstädtischen Netzeria immer so an kölsche Klüngelisten und Münchner Amigos erinnern.

Nun aber zurück zu Tobias Schwarz, dem „Fellow“. Unter dieser Bezeichnung versteht man laut Wikipedia im deutschen Sprachraum „ein zu einer Wissenschaftseinrichtung gehörendes Ehren- oder Gastmitglied, dessen Forschungstätigkeit zumindest teilweise von dieser alimentiert wird, das jedoch kein Beschäftigungs- oder Vertragsverhältnis mit ihr hat.“ Weiter heißt es: „Von Professoren unterscheiden sich Fellows außerdem dadurch, dass sie in der Regel vom Lehrdeputat befreit und auch hinsichtlich des Umfangs, des Inhalts und der Ergebnisse ihrer Forschungstätigkeit kaum institutionellen Zwängen unterworfen sind.“ 

Dass Tobias Schwarz von einem primär aus Google-Mitteln finanzierten Verein alimentiert wird, kann ich mir ja mit Mühe gerade noch vorstellen. Aber damit ich in ihm einen Forscher auf Professorenniveau erkenne, muss er sich noch gewaltig anstrengen. Aber halt, was entdecke ich da in seinem Logbüchlein?

„Im Co:llaboraty (!) e.V. kümmere ich mich als Research Fellow um die Pflege des CRM & des Einladungsmanagements, die Organisation von Podcasts zu den Themenbereichen des Co:Lab, sowie die Unterstützung bei Eventorganisation und -koordination und administrativen Aufgaben, wie z.B. Pflege der Webseite und der Co:llaboratory Knowledge Base.“

Fellow ist scheinbar Neuberlinerisch für „Mädchen/Männchen für alles“. 😉

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5 Gedanken zu „Google, der Wert der Fotografie und der Fellow

  1. Eine bemerkenswert gute Aufarbeitung dieses verblendeten „Netzextremisten“ (als den er sich ja selber bezeichnet). Mit Aussagen wie auf Twitter „illegal, scheißegal“ wird auch deutlich, dass es ihm nur um Recht geht, wenn ihm dieses Recht nützt. Da er die Schwelle zur Schöpfungshöhe wohl nicht überschreitet, kann er mit dem Wort Urheberrecht nichts anfangen. Witzig finde ich immer zu lesen, dass er ein „über den Tellerrand hinausschauender Politologe“ sei. Ist das nicht anmaßend, dass ein (Langzeit-)Student sich mit einem akademischen Titel schmückt? Zu guter letzt noch eine Ergänzung: Dieser Google-Lobbyist ist weder ein Isar- noch ein Spreematrose. Als Magdeburger kann er sich maximal „Elbmatrose“ nennen…aber so genau sollte man es vielleicht nicht nehmen – sonst ist der Zauber seiner Netzrevolution zu schnell dahin.
    Schön fände ich noch einen Artikel über Dr. Jeanette Hofmann. In ihrem Institut für Internet und Digitale Gesellschaft wird Humboldts Name arg strapaziert – auch sie steht auf der Lohnliste von Google, aber das darf man nicht sagen, sonst wird man verklagt, wie die Zeit es kürzlich erfahren musste – vielleicht schreibt das nochmal jemand beweiskräftiger zusammen – lohnen würde es sich, denn ich möchte mir meine digitale Welt nicht von solchen Google-Günstlingen zusammenbasteln lassen.

    • Ich muss Sie leider eines Besseren belehren: Den Anforderungen an die Schöpfungshöhe, die das Urheberrecht stellt, genügen die Matrosentexte regelmäßig. Was ja nicht heißt, dass sie Ihnen oder mir gefallen müssten oder dass wir das Bohren dickerer Bretter nicht begrüßen würden. 🙂

      Was den netzextremistischen ewigen Studiosus angeht, denke ich, Sie meinen dies:
      Xing
      Netzextremisten-Impressum

      Frau Dr. Hofmann steht auf der Gehaltsliste eines Instituts, dass sich seinerseits aus Googles Sponsorengeldern finanziert. Formaljuristisch ist sie also unabhängig, sie unterliegt keinem Weisungsrecht. Auf die Frage, wes Brot es ist, das sie isst, wird ein Jurist folglich eine andere Antwort finden als auf die Frage, wes Lied sie singt. Gehen wir also doch alle mal vorsichtshalber davon aus, dass sie – wie jede Wissenschaftlerin – Lieder grundsätzlich nur aus innerer Überzeugung singt. Wenn a) ihr Lied Google gefällt (was anzunehmen ist) und b) Google-Geld indirekt den Arbeitsplatz sichert, den derzeit sie innehat, so ist dies selbstverfreilich pure Koinzidenz. Honi soit, qui mal y pense.

      P.S.: Um es noch mal ganz klar und ohne Ansehen von Personen zu sagen: Google braucht niemanden zu korrumpieren, weil es auch in gebildeten Schichten leider genug Menschen gibt, die Google nicht kritisch sehen. Google hat übrigens das Institut initiiert und ist zu diesem Zweck auf Hofmann zugegangen, hat sich also eine passende Person für die Ziele des Unternehmens ausgesucht. Sie selbst sagt inzwischen, der Kontakt sei gar nicht mehr eng. Ja, und sie wundert sich darüber, wie feindselig ihr die Menschen wegen ihrer Google-Finanzierung begegnen. Sie habe gedacht, ihre Reputation halte das besser aus. Wie man sich täuschen kann.

  2. Pingback: Open Data – cui bono? | Froitzheims Wortpresse

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