Wurmloch als Ölpipeline


Uns geht das Erdöl aus? Macht nichts. Es gibt bald Nachschub aus der interstellaren Cloud.

Sie kennen bestimmt das Bild vom Pferdekopfnebel. Das ist diese schwarz wabernde Wolke vor einem rot schimmernden Sternenhimmel, die aussieht wie von einem Posterdesigner per Airbrush hinfantasiert. Da das Kunstwerk aber von der erzseriösen Europäischen Südsternwarte stammt, die dafür Daten des Weltraumteleskops Hubble aufbereitet hat, dürfen wir getrost darauf vertrauen, dass es dort hinten im Sternbild Orion ziemlich exakt so aussieht. Oder vor Kurzem so ausgesehen hat: Das Licht, das heute hier ankommt, hat sich auf den Weg gemacht, als das Frühmittelalter gerade die Spätantike ablöste. Gemessen am Zeithorizont der Astronomen ist das fast eine Live-Aufnahme.

Fans von Harald Lesch, dem TV-Stand-up-Comedian unter Deutschlands Weltraumforschern, kennen die „Dunkelwolke“ bereits als „Recyclinganlage“, die aus dem von „jungen wilden Sternen“ ins All geschleuderten Staub und Dreck neue Himmelskörper formt – oder auch als „Kreißsaal der Milchstraße“. Dem französischen Astronomen Jérôme Pety zufolge beherbergt der Pferdekopfnebel jedoch etwas für die energiehungrige Menschheit noch viel Interessanteres: „Was wir hier beobachten, ist eine natürliche Erdölraffinerie gigantischen Ausmaßes.“ Endlich müssen sich die Sterngucker nicht mehr fragen lassen, wofür der Steuerzahler eigentlich ihre sündteuren Instrumente bezahlt. Sie treiben nicht l’art pour l’art, sondern Rohstoffprospektion…

Äh, Moment mal! Hat der Mann Erd-Öl gesagt? Wie soll das von der Erde dorthin gekommen sein? Aber nein, es gibt einfach nur kein passendes Wort für das Zeug. Raum-Öl? Erinnert zu sehr an Duftkerzen oder Bohnerwachs. All-Öl? Hört sich an wie Altöl. Vielleicht Space Oil? Oder noch zeitgemäßer: Öl aus der Cloud. Bodenschätze waren gestern, die Schätze der Zukunft prangen zwischen den Sternlein am Himmelszelt.

Vom schwarzen Gold 2.0 hat das IRAM-Radioteleskop auf dem Pico del Veleta, einem Dreitausender in der spanischen Sierra Nevada, raue Mengen geortet: eine Kohlenwasserstoff-Ressource, die das Fassungsvermögen aller irdischen Ozeane ums 200-Fache übersteigt. Zumindest die Mähne des Pferdekopfs besteht also gar nicht aus Dreck. Sie ist Energie pur.
Zwar sind auf der Momentaufnahme der interstellaren Spritfabrik nicht jene hochraffinierten Moleküle zu finden, die wir Autofahrer als Zutaten von Diesel oder Superbenzin so schätzen, sondern nur das Kation Cyclopropenyl. Das ist der simpelste Kohlenwasserstoffring, den die Petrochemie kennt: C3H+, drei Kohlenstoffatome, ein Wasserstoff-Atomkern, fertig! Allerdings hatten die Moleküle seit der Ära Karls des Großen alle Zeit der Welt, miteinander zu reagieren. Heute schwappt bestimmt eine Brühe durchs All, die irdischem E10 nicht nachsteht.

Bevor wir Kraftstoff-Bestellungen ans Universum richten können, brauchen die Astrophysiker leider noch ein paar Forschungsmilliarden. Die Menschheit muss noch lernen, die aus der Sci-Fi-Literatur bekannten Wurmlöcher als Abkürzung durch die Milchstraße zu bohren. Durch eines zapfen wir den natürlichen Öltank an, ein zweites dient als Auspuff, der unser CO2 zum Recycling zurückschickt. Haben wir die Wurmlochtechnik erst im Griff, können wir auch gleich die Suche nach irdischen Endlagern für unseren Atommüll abblasen. Den schicken wir ins All.

ULF J. FROITZHEIM (54) ist immer wieder fasziniert, was die Astrophysiker alles über ferne Sterne wissen, deren Licht oft aus prähistorischer Zeit kommt.

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