Call-by-Call abzuschaffen ist Verbraucherschutz

Wer mal wieder Lust auf eine richtig scheinheilige PR-Nachricht hat, sollte mal hier zu Tele 2 klicken. Oder hier.

Das ist ein Anbieter so genannter Sparvorwahlen, mit denen Menschen, die sich in der Telekommunikation nicht so gut auskennen, mit etwas Glück ein bisschen weniger, oft aber sehr viel mehr fürs Telefonieren bezahlen als beim Magenta-Riesen. Zeh-nTele 2, das sind die mit der hirn zehenamputierten Werbung: Null Zeh’n am linken Fuß, drei Zeh’n am rechten. Man möchte fast schon vor dem Beschreiten der Eselsbrücke laut i-aaah schreien, weil einem der Phantomschmerz in die Zehn, äh, Zehen schießt.

Das Unternehmen, in den Frühtagen der Liberalisierung des Telefoniemarkts von der schwedischen Kinnevik-Gruppe gegründet, hat jetzt Angst, dass es seine Vorwahl 01013 bald nicht mehr nutzen darf, die man Gespräch für Gespräch („Call-by-Call“) vor der eigentlichen Rufnummer wählen kann, sofern man Telekom-Kunde ist. Die böse Kommission in Brüssel ist schuld. Sie rät den Mitgliedsstaaten der EU, die Vorwahl vor der Vorwahl abzuschaffen. Und die Bundesnetzagentur wäre sehr gut beraten, dem Rat zu folgen.

Dass Call-by-Call (CbC) heute nur noch als Instrument des Dummenfangs eine zweifelhafte Existenzberechtigung hat, zeigt sich schon bei einem kurzen Tarifvergleich, bei ausgeprägter Dyskalkulie notfalls unter Zuhilfenahme eines Taschenrechners. Zur Erinnerung: Nur die Telekom als Ex-Staatsmonopolist muss überhaupt dulden, dass ihre Kunden auf diese Weise fremdgehen. Die Grundgebühr liegt heute bei 17,95 Euro im Tarif „Call Start“, daran kann man nichts sparen, wenn man meint CbC nutzen zu müssen. Die Gespräche selbst sind aber nicht mehr teuer, es sei denn, man ruft ein Handy an (dazu später). Eine Minute ins Festnetz kostet 2,9 Cent – und zwar nicht nur für Anrufe innerhalb Deutschlands, sondern auch in die Nachbarstaaten, weitere europäische Länder, die USA und sogar nach Australien. Zum Vergleich: Vor 1998 kostete eine Minute nach Übersee bis zu 3,22 Mark (1,65 Euro). Der Minutenpreis ist um über 98 Prozent gesunken (was nicht ganz stimmt, weil man damals angefangene Minuten nicht voll bezahlen musste, aber 95 Prozent sind ja auch ein Wort).

Wie günstig die böseböse Telekom ist, kann man beispielsweise sehen, wenn man sie mit dem Tarifkonstrukt „Fon Klassik“ von Tele 2 vergleicht, an dem nichts klassisch ist. Für 12,95 Euro Grundgebühr bekommt man eine Festnetznummer, aber keinen Festnetzanschluss, sondern einen über Funk. Die angefangene Minute kostet tagsüber 4,9 Cent – 69 Prozent teurer als bei „Teuerkom“. Wer ein deutsches Handy anruft, zahlt momentan 25 Cent gegenüber 19 Cent beim Riesen (31,6 Prozent zu teuer). Nach Australien anrufen? Gerne, für 75 Cent (2486 Prozent teurer als beim großen T). SMS? Sind möglich, kosten aber 39 (in Worten: neununddreißig) Cent. Natürlich dürfen Tele 2-Kunden KEIN CbC nutzen:

Floriansprinzip: Call-by-Call nur für die Kunden der anderen.

Floriansprinzip: Call-by-Call nur für die Kunden der anderen.

Alter Schwede, die niedrigere Grundgebühr hast Du da fix wieder hereinverdient!

Wieviel kann man denn per CbC sparen, wenn man beim echten T-Festnetzanschluss bleibt, und für wen lohnt sich das? Bleiben wir bei Tele 2 als Beispiel für CbC: Die Minute ins Festnetz kostet tatsächlich nicht einmal einen Cent – zwischen 19 und 7 Uhr. Dafür – sorry, Nepp muss man beim Namen nennen – zockt der Anbieter die dummselige Sparvorwählerklientel tagsüber auf dreistete Weise ab: 9,99 Cent pro Minute, sogar am Wochenende ab 7 Uhr früh.

999

Das ist mehr als das Dreifache wie bei der Telekom! Ruft Oma ihren Enkel an, der nur noch ein Handy hat, und verlässt sich dabei auf die Bauernfängerwerbung von Tele 2…

Dreister Trick von Tele2

Dreister Trick von Tele2

 

 

 

…zahlt sie sogar elf Cent pro Minute mehr, als ließe sie die Vorwahl 01013 einfach weg (siehe oben). Dabei nimmt die Telekom mit 19 Cent schon gut das Doppelte dessen, was man gemeinhin von Handy zu Handy bezahlt (9 Cent). Treiben sich die Kinder im Ausland herum, zahlt Großmutter typischerweise 15 statt 2,9 Cent: Der Strafzuschlag, den Tele 2-Kunden für ihre Naivität zahlen müssen, beträgt dann 417 Prozent (Festnetz).

Bitte, lieber Herr Homann, Chef der BNetzA, haben Sie ein Erbarmen! Ihr Vorgänger, der geduldige Herr Kurth, hat der Branche ja vieles durchgehen lassen. Aber irgendwann muss Schluss sein. Schaffen Sie Call-by-Call ab. Tele 2 mag ein schwarzes Schaf sein. Aber das ist eine völlig normale Fellfarbe in diesem Wirtschaftszweig.

Laut teltarif.de muss man derzeit bei folgenden Vorwahlen damit rechnen, mehr als im schlechtesten Telekom-Tarif für ein werktägliches Telefonat ins Festnetz zu bezahlen:

010013 010018 010052 01017 01023 01049 01050 01053 01055 01059 01066 01067 01070 01072 01078 01090 01094 01095 (ohne Gewähr)

 

Ach ja: Verbieten Sie bitte auch jede Art von Tariftipp oder -siegel wegen nachgewiesener Komplizenschaft bei der (sorry, jetzt geht der Gernot Hassknecht in mir durch) Verbraucherverarschung.

Dieser Tipp ist auch noch zwei Jahre alt. In einer Branche, die ihre Preise öfter wechselt als Otto N. seine Unterwäsche.

Dieser Tipp ist auch noch zwei Jahre alt. In einer Branche, die ihre Preise öfter wechselt als Otto N. seine Unterwäsche.

 

 

Sie sind der oder die 2042. Leser/in dieses Beitrags.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.