Jungredakteure wissen nichts vom Fernseher

Schön, wenn sich junge Kollegen nicht nur mit modernster Digitaltechnik befassen, sondern sich auch für Technikgeschichte interessieren. Was am Ende dabei herauskommt, sollte allerdings Hand und Fuß haben.

Beim Durchblättern der Medienseiten der Süddeutschen, zu deren Lektüre ich in den vergangenen Wochen nicht gekommen war, entdeckte ich einen Text des Kollegen Johannes B., der die Kunst des Lattenschusses recht gut beherrscht und mich motiviert hat, die gute alte Blog-Rubrik „Ja, liest denn keiner mehr gegen?“ fortzusetzen.

Also schrieb der Autor in seinem Abgesang auf den „guten alten Kasten“ alias Fernsehgerät:

„Oft standen Markengeräte von Grundig und Braun im Wohnzimmer, klangvolle Namen. In den Neunzigern und Nullern dann eher ein Gerät von Bang und Olufsen.“

Möglicherweise hat der junge Kollege ja seine Kindheit und Jugend in Grünwald verbracht oder in einem Haus am Sonnenufer eines besseren oberbayerischen Sees, mindestens aber in Bogenhausen. Sonst könnte sich die Vokabel „oft“ nicht in diesen Satz verirrt haben. OFT standen in der Zeit, als Braun noch Fernseher baute, in Wohnzimmern normaler Bürger keine Geräte dieser Marke, sondern (neben Grundig, in ungefähr dieser Reihenfolge:) die von Philips, Thomson-Brandt (Nordmende, Saba, Telefunken), SEL (Schaub-Lorenz, Graetz), Loewe Opta und Metz. In den Neunzigern und Nullern waren es vorwiegend japanische Modelle (JVC, Toshiba, Sharp, Sony). Braun war zu seiner Zeit ebenso ein Nischenanbieter für Designfreunde, wie es später Bang & Olufsen war.

Nächster Lattenschuss:

„Der Flachbildschirm markiert den größten Wendepunkt in der Geschichte des Fernsehers, weil sich mit ihm der Funktionsempfang und damit die Verwendung des Gerätes stark änderte. … Bereits im Jahr 2012 konnte jeder zweite verkaufte Fernseher ans Internet angeschlossen werden.“

F-Empfang

 

 

 

Bereits in den Achtzigerjahren konnte jeder handelsübliche Farbfernseher an ein Bildschirmtext-Modem angeschlossen werden (von seiner Nutzung als Monitor für den C64 von Commodore mal ganz zu schweigen).

Und den Satz mit dem angeblichen Wendepunkt widerlegt der Kollege selber völlig zu Recht mit der Bemerkung:

„Nur machten das nur wenig Kunden, vor allem, weil die Menüs sehr kompliziert waren und eine Fernsehfernbedienung zur Navigation im Netz ungefähr so geeignet ist wie ein Schnapsglas zum Biertrinken.“

Genau aus diesem Grund stellte die Deutsche Bundespost ihren Btx-Kunden ja auch schon 1991 eine Infrarot-Tastatur zur Verfügung, mit der man wie am PC Text eintippen konnte. Auch dies nutzten bekanntlich nur wenige Kunden. Ein neuer Funktionsumfang führt halt nicht zu einer veränderten Verwendung, solange die Usability nicht stimmt.

„Und dennoch: Der Fernseher von heute ist nur ein Bildschirm. Es kommt auf den Nutzer drauf an, was er damit macht.“

 

Von heute? Falsch. Der Fernseher war vor 30 oder 40 Jahren ein Monitor mit eingebautem Tuner, genau das ist er heute noch. (Wobei der so genannte Flachbildschirm streng genommen gar kein Bildschirm mehr ist. Der Bild-Schirm war die wie ein Schirm gewölbte Projektionsfläche der Kathodenstrahlröhre, auf der das Bild erschien.) Jeder Fernseher hatte damals analoge Eingänge, mit denen man ihn zur Wiedergabe externer Signale nutzen konnte, heute hat er zusätzlich ein paar digitale. Zum Antennenkabel, der Scart-Buchse und den Cinch-Buchsen für die Videokamera kamen USB, HDMI und Wlan hinzu. Es kam also schon immer darauf an, was der Nutzer mit diesen Input-Schnittstellen macht – oder nicht macht.

„Zusatzgeräte wie der jetzt erhältliche Chromestick von Google verbinden ihn kabellos und sehr simpel mit dem Netz und allen anderen digitalen Geräten im Haushalt, ganz ohne die komplexen Funktionen der Internetfernseher erst lernen zu müssen.“

Kabellos und simpel mit allen anderen digitalen Geräten? Mit meinem ISDN- oder VoIP-Telefon? Mit meinem iPod shuffle? Mit meinem 20 Jahre alten CD-Player? Mit meiner digitalen Spiegelreflexkamera? Mit der Digitaluhr meines alten UKW-Küchenradios? Das will ich sehen.

Nein, will ich nicht sehen. Da schreibt einer wie ein Blinder von der Farbe. (Falls sich ein Blinder das hier vorlesen lässt, bitte ich hiermit um Verzeihung für den Vergleich.)

„Alternativ gibt es Adapterkabel, die es erlauben, jedes neuere Notebook oder Tablet an neue Fernseher anzuschließen, wie früher den Videorekorder. (Noch so ein ausgestorbenes Gerät.)“

Noch so eine verfrühte Todesmeldung. Der VHS-Rekorder mag ja ausgestorben sein und der DVD-Rekorder im Aussterben begriffen, aber ein USB-Speicherstick oder eine SD-Karte an einem PVR-fähigen Fernseher sind nur eine modernere, kompakte Form von Videorekorder. Miniaturisierung und Aussterben sind zwei verschiedene Dinge. Der Unterschied: Den USB-Rekorder können via Fernbedienung auch Senioren bedienen, die mit einem Smartphone völlig überfordert wären. Die Süddeutsche Zeitung hat viele ältere Leser; darum sollte ein Redakteur dieses Blattes nicht so tun, als sei die Lebenswelt der 30-Jährigen der einzige relevante Ausschnitt der Welt.

„Der Umsatz mit Online-Filmen steigt im Jahr 2014 in Deutschland voraussichtlich um weitere 20 Prozent auf 134 Millionen Euro. Der Trend gilt…“

Ja, und? Was sind 134 Millionen Euro? 28 Cent pro Haushalt im Monat. Wäre der Kollege nicht auf dem Offline-Auge blind, hätte er sich mal die Zahlen vom Bundesverband Audiovisuelle Medien (BVV, vormals Bundesverband der Videotheken) angeschaut. Danach trugen die Online-Angebote zum gesamten Verleihumsatz von 312 Millionen Euro erst ein Drittel bei – und die Verkäufe physischer Videos (immer mehr Bluray-Discs) stiegen 2013 auf ein Allzeithoch von 1,45 Milliarden Euro.

Kurzum: Voriges Jahr gaben die Deutschen fast 1,8 Milliarden Euro für Videos aus, davon nur 0,1 Milliarde im Netz. Es wäre also nicht unseriös zu behaupten, dass die neuen Angebote bislang erst von einer verschwindenden Minderheit genutzt werden. (Dass das stark zunehmen wird, glaube ich durchaus auch. Aber man darf die Relationen nicht verschweigen.)

„Mit den gigantischen Möglichkeiten, die das Netz auf dem Fernseher bietet, sind auch all die kleinen Träume deutscher Fernsehverantwortlicher gestorben, die in einem Anfall von Realitätsverlust jahrelang ernsthaft glaubten, man werde ohne Internet-Anbindung, aber mit digitaler Fernsehtechnik künftig „Sendungen zum Mitmachen“ oder ähnliches produzieren.“

Auch hier wieder die Arroganz des Thesenjournalisten, der partout seinen Standpunkt belegen will. Abgesehen davon, dass ein jahrelang anhaltender Realitätsverlust kein Anfall sein kann, verkennt der junge Kollege zwei Umstände:

1) Die Ideen, von denen er so flockig schreibt, sind etwa 25 Jahre alt, stammen also aus einer Zeit, als vom WWW niemand etwas ahnen konnte.

2) Die Fernsehleute haben versucht, technische Lösungen für eine Rundfunklandschaft zu finden, in der nicht jeder Haushalt einen VDSL-Anschluss hat. Der Breitbandausbau ist auch heute noch nicht annähernd so weit gediehen, dass alle Zuschauer/Teilnehmer über All-IP-Netze versorgt werden könnten.

Realitätsverlust ist es eher, den eigenen 100-MBit-Anschluss in der Großstadt als Normalfall anzusehen.

„So wird der Fernseher künftig mehr können, aber weniger bedeuten. Als Informations- und Unterhaltungsapparat konkurriert er mit den all den anderen Geräten im Haushalt, mit denen er vernetzt sein wird. Wer die Nachrichten noch nicht zu Ende gesehen hat, aber dringend aus dem Haus muss, schaut halt auf dem Handy weiter.“

Auch hier hat einer nicht nachgedacht. Wären die anderen Geräte, sprich: die mobilen mit den kleinen Displays, eine Konkurrenz für den großen Fernseher, würde man sie auch zu Hause benutzen. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Das Handy ergänzt den Fernseher.

Sie sind der oder die 1948. Leser/in dieses Beitrags.

5 Gedanken zu „Jungredakteure wissen nichts vom Fernseher

  1. Nur der Vollständigkeit halber:

    Es gab auch noch die Firma Körting aus Grassau, die überwiegend für Neckermann produzierte.

    Nicht vergessen darf man auch die Firma Kuba Imperial, die nach dem Krieg mit ihrer Übersiedlung nach Wolfenbüttel aus dem Fernsehgerätewerk Staßfurt hervorging. Zu Beginn baute man Tonmöbel, wie man es damals nannte, später auch TV- und Radiogeräte eigener Entwicklung.

    Und zum Abschluss möchte ich auch noch die Firma WEGA erwähnen, deren Firmengründung auf das Jahr 1926 zurück geht und die in Fellbach bei Stuttgart beheimatet war. Sie war bis 1975 Deutsch und ab dann Teil der Firma Sony. Ähnlich der Firma BRAUN hoben sich ihre Produkte durch ihr Design von der üblichen braunen Ware ab.

    • Stimmt. Kuba verschwand aber, wenn ich mich recht entsinne, schon gegen Ende der Schwarzweiß-Zeit. Landete die Marke Imperial dann nicht bei SEL/Graetz? Egal. Wega hatte ich vergessen, aber die gehören natürlich auch in die Hall of Fame.

      • Es stimmt, dass Kuba Imperial nicht mehr in die Farbtechnik der Fernsehgeräteentwicklung einstieg. Da fehlte wohl das Kapital. Denn Kuba Imperial war damals schon eine „Billigmarke“, die sicher nicht in Grünwald oder Bogenhausen vertreten war, dagegen in in Bottrop oder Castrop-Rauxel schon. Allerdings machte Kuba mit dem ersten erschwinglichen Koffer-SW-TV Fernsehgerätegeschichte. Das Modell hieß CHICO, war teiltransistorisiert und hatte eine Bildschirmdiagonale von 30 cm. Es kostete, wenn ich mich recht erninnere, 525 DM. Es war ein Netzgerät, es war also kein Batteriebetrieb möglich. Dieses Privileg hatte ein Transistorgerät von Loewe aus Kronach für rund 1000 DM.

  2. Uups, jetzt habe ich selbst an die Latte geschossen, indem ich nicht nur den Fehler überlesen, sondern per ctrl+v auch noch verzwiefältigt habe. Ich hab’s in meinem Text der Unmissverständlichkeit halber korrigiert, das Originalzitat aber heil gelassen.

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