Nu mal langsam, Herr Steingart!

Gestern abend saß Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart noch bei Sigmund Gottlieb in der Münchner Runde und gab den Amerika-Experten, der die Amerikaner besser versteht als sein verzweifelt um Gehör kämpfender Nachbar Ron Williams. Heute morgen ließ Steingart – quasi zum Nachlesen – sein Morgen-Briefing verschicken, in dem er folgende Analyse feilbietet:

Die großen Heilsversprechen der Moderne – Globalisierung, Digitalisierung und die Bildung multikultureller Gesellschaften – überfordern eine Mehrheit der Bürger, überall im Westen.

Der Welthandel schafft Wohlstand, aber nicht für alle. Der Börsenkapitalismus lässt die einen zu den Sternen aufsteigen, derweil andere den sozialen Absturz erleben. Die Digitalisierung gibt jedem eine Stimme, aber zugleich entwertet sie die menschliche Arbeitskraft. Man muss kein Marxist sein, um zu verstehen, dass ökonomische Prozesse dieser Wucht Folgen für den politischen Überbau haben. Disruption ist für die Wirtschaftselite ein Modewort und für den Rest der Menschheit eine Bedrohung. Albert Camus: „Was ist ein Mensch in der Revolte? Ein Mensch, der Nein sagt.“

Halt mal. Langsam. Globalisierung, Digitalisierung und Multikulti-Gesellschaften in einem Atemzug, und diese drei „Heilsversprechen“, so es denn welche sind, überfordern überall im gesamten Westen die Mehrheit der Bürger? Der Gedankengang überfordert jetzt mich.

Globalisierung dürfte in der öffentlichen Wahrnehmung noch nie ein Heilsversprechen gewesen sein. Oder warum sonst assoziiert das Gehirn spontan das Suffix -skritiker, wenn es die ersten Silben wahrnimmt? Positiv besetzt war der Begriff bestenfalls bei den Vordenkern der Wirtschaft, die die Chancen und den Nutzen des Welthandels sahen. In diesen Kreisen spricht aber niemand von der Bildung multikultureller Gesellschaften – dieser Begriff taugt ebenfalls nicht (mehr) als Heilsversprechen, weil er längst von den Leserkommentatoren bei Tichys Einblick, Welt.de u.v.a.m. als Kampfbegriff gegen „linksgrün versiffte“ Milieus okkupiert wurde – sondern von Diversity. Dabei geht es freilich „nur“ um Belegschaften, nicht um Gesellschaften. Digitalisierung wiederum ist Unternehmensberaterdeutsch für eine schleichende, sehr langfristige Entwicklung, die vor 50 Jahren begonnen hat, vor 35 Jahren viele Befürchtungen weckte und nach einer langen Phase der Euphorie in eine Phase der Schizophrenie übergegangen ist: Auch die ärgsten Kritiker der Digitaltechnik nutzen diese täglich.

Das alles ist dermaßen komplex, in sich widersprüchlich und grauwertbeladen, dass man es sich tatsächlich zu einfach macht, wenn man so tut, als gebe es „eine Mehrheit von Bürgern“, die das alles überfordert. In Wirklichkeit überfordern den einen diese Aspekte der genannten Phänomene, den anderen jene. Von daher ist es Unfug, zu suggerieren, es gebe ein homogenes, wachsendes Lager revoltierender Neinsager, die in den USA Trump wählten und uns bald – wenn man es zu Ende denkt – einen Kanzler Gauland bescheren müssten.

Sinnvoll wäre die Frage, was in Gesellschaften schief gelaufen ist, in denen so viele Wähler (nicht „Bürger“, siehe Wahlbeteiligung) mit Fortschritt jedweder Art nicht klarkommen. Warum erkennen so viele amerikanische Christen die mittelalterlichen Ansichten von Muslimen oder Islamisten als solche, aber nicht die Rückwärtsgewandtheit, Aufklärungs- und Wissenschaftsfeindlichkeit in ihrem eigenen Denken? Sie sehen nur den Dorn im Auge der anderen. Sie sind, wie es im Englischen so schön heißt, narrow-minded. Engstirnig.

Damit ist man sehr schnell beim Bildungssystem, das gerade in den USA auf Wettbewerb und Leistung getrimmt ist. Traditionell geht es darum, in die Elite aufzusteigen. Man hasst „die da oben“ solange, bis man einer von ihnen ist. Wenn ein Schwarzer oder eine Latina aufsteigt und man selbst kommt nicht in die Puschen, hasst man sie aus Neid, nur um sich nicht selbst für seine eigene Schwäche hassen zu müssen. Wer als seines eigenen Glückes Schmied sozialisiert ist, kann nicht akzeptieren, der Schmied seines eigenen Unglücks zu sein. Irgendwelche bösen Mächte müssen schuld sein, also eine diffuse Schar geheimer Strippenzieher, die an einer neuen Weltordnung basteln. Der Witz ist, dass die Welt ja selbst nach Meinung der Überforderten eine neue Ordnung bräuchte, weil die alte ihnen unheimlich ist. Nur sehnen sie sich nach einer Welt, die es nicht mehr gibt, mit autarken Kleinstaaten. Damit sie aufwachen, müsste man ihnen alles wegnehmen, was sie ohne Welthandel nicht hätten – zuerst Bananen, Ananas und Gewürze, dann ihre elektronischen Geräte. „Der Welthandel schafft Wohlstand, aber nicht für alle“, schreibt Kollege Steingart. Stimmt. Er schafft ihn für die im Norden, die sich Smartphones und billige Bananen kaufen und sich für benachteiligt halten, nicht für die Bananenbauern und Minenarbeiter im Süden, deren berechtigtes Jammern keiner hören will.

Womit wir wieder bei der Digitalisierung wären, die angeblich die menschliche Arbeitskraft „entwertet“ – aus dem Kopf eines Handelsblatt-Chefs eine abenteuerliche Darstellung. In dieser Schwarz-weiß-Lesart ist das so absurd, so klassenkämpferisch, so falsch wie die Parole, Disruption sei für „die“ Wirtschaftselite (hallo? wer schreibt da?) ein Modewort und für den „Rest der Menschheit“ (geht’s noch?) eine Bedrohung. Das, was die „Disruption“ genannten Folgen der durch Digitaltechnik möglich gewordenen Wertschöpfungsprozesse überhaupt erst zu einer Gefahr machen kann, ist ihr Erfolg beim „Rest der Menschheit“, auch „Markt“ genannt. Wenn niemand mehr sein Zimmer bei Air BnB bucht, sich vom Uber-Kleinstunternehmer chauffieren lässt oder seine Bücher, Geräte und Klamotten bei Amazon und Zalando bestellt, sind die „Eliten“ plötzlich Loser.

Kurzum: Der Mensch ist auch in der modernen, hochtechnisierten Welt für sein eigenes Handeln verantwortlich. Den Staat – um den es bei Wahlen wie der gegen dessen Repräsentantin Clinton ja nun geht – kann er nur für das verantwortlich machen, was dieser Staat dem Bürger aus der Hand genommen hat. Und das ist in den USA, verglichen mit Good Old Europe, nun wirklich nicht so arg viel.

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