Kaufering: Rinks vor lechts und kein Ende

Beschimpfen Sie nie diesen Mann. Er fährt zwar wie der Henker, hat aber ein empfindsames Gemüt.

Das Erlebnis, in Kaufering Rad zu fahren, kann man inzwischen so auf den Punkt bringen: Wer geradeaus radelt, muss an jeder Kreuzung und Einmündung auf Schritttempo abbremsen, um dem von links kommenden Fahrer eines Autos mit eingebauter Vorfahrt nicht die schöne Motorhaube zu verbeulen oder von einem eiligen Kurierfahrer schwungvoll ins Jenseits befördert zu werden.

Autofahren in Kaufering kann man ähnlich beschreiben: Wer geradeaus fährt, sollte an jeder Kreuzung und Einmündung auf Schritttempo abbremsen, um nicht mit dem von links kommenden Traumtänzer zu kollidieren.

Das ist – wie auch immer die Mitglieder unseres zerstrittenen „Marktgemeinderats“ (also Gemeinderats) es sehen – der Status quo. Und zwar nicht nur in der Riesen-Tempo-30-Zone, die voriges Jahr in einem kollektiven Anfall von Gutmeinerei westlich der alten Bundesstraße 17 eingeführt wurde, sondern auch östlich derselben, wo es schon ein paar Jahre so geht.

Denn:

  1. Viele Menschen wissen spontan nicht, wo rechts ist und wo links. Für sie ist der Straßenverkehr die reinste Querfront. 
  2. Viele Menschen haben die Rechts-vor-links-Regel nach Verlassen der Fahrschule gleich wieder vergessen. „Rechts vor links“ ist in der öffentlichen Wahrnehmung lediglich eine Schikane, die sich Fahrprüfer ausgedacht haben, um Leute durch die theoretische Prüfung rasseln zu lassen. 
  3. Viele Menschen fahren unterbewusst so weiter, wie sie auf der jeweiligen Straße schon immer gefahren sind.
  4. Viele Menschen beachten weder Verkehrsschilder noch das Fehlen derselben, sondern lassen sich davon leiten, dass eine Straße aussieht, als sei sie eine Vorfahrtsstraße. Dass manche Straßen so aussehen, kommt wiederum daher, dass sie vor Jahr und Tag tatsächlich als Vorfahrtsstraßen geplant und angelegt wurden. Man nennt den Effekt „gefühlte Vorfahrt“. Er verschärft sich natürlich bei Benutzung eines Kraftfahrzeugs mit eingebauter Vorfahrt; das nennt man dann „faktische Vorfahrt“. Deren normative Kraft lässt sich durch Beschlüsse von Markt- und sonstigen Gemeinderäten leider nicht schmälern. 

Theoretisch könnte man natürlich sagen, dass Menschen nur aus Schaden klug werden und dass es einige Male richtig scheppern muss, bis die Leute ihr Verhalten ändern. Erstens zeigt die Erfahrung aber, dass jeder Mensch nur aus eigenem Schaden klug wird und nie aus Fehlern anderer lernt. Zweitens trägt der von links kommende Pseudo-Vorfahrtsberechtigte zwar hinterher die Hauptschuld, aber eher nicht den Hauptschaden, denn er fährt ja entweder mit dem Auto einen Radler über den Haufen oder knallt mit seiner Knautschzone einem anderen Autofahrer in die Fahrertür – ein Unfalllszenario, für das unsere Autos nicht so optimiert sind.

Tatsache ist, dass keine Woche vergeht, in der ich nicht aus pragmatischen Erwägungen (ich mag nicht im Krankenhaus liegen und auch kein neues Fahrrad oder Auto kaufen) ein- bis mehrmals jemandem, der von links kommt, die Vorfahrt lasse. Oft sind es Leute, die auf dem Ahornring in Richtung Kolpingstraße unterwegs sind (seit jeher links vor rechts), auf der Dr.-Gerbl-Straße (Kreuzung beim Netto-Markt) oder der Iglinger Straße (an der Kreuzung mit der Bahnhofstraße, wo früher Stopschilder hingen). Beliebt bei Ignoranten ist auch die Löhestraße (Fahrtrichtung gegen den Uhrzeigersinn; wer aus Main- oder Donaustraße kommt, sollte immer nach links schauen).

Neulich war es ein vermutlich ostukrainischer oder kasachischer Berufskraftfahrer in Diensten eines FedEx-Subunternehmers aus dem Landkreis München. Ich kam mit dem Fahrrad die Jahnstraße hinauf; der Ostmann fetzte, aus Richtung Schule kommend, ungebremst mit einem Tempo nahe der 50 die Lechfeldstraße nordwärts, ohne die Verkehrslage eines Blickes zu würdigen; er war wohl mit seinem Handy beschäftigt. Dass in diesem Marktgemeindeviertel de jure schon jahrelang „rechts vor links“ gilt, ist in diesem Fall ohne Belang. Im Gegenteil zeigt das Beispiel, wie ein Auswärtiger die Straße wahrnimmt, und darauf kommt es an, wenn man mit Verkehrssicherheit argumentieren will. Eine Verkehrsregelung darf nicht nur Menschen klar sein, die als Einwohner die Diskussion darüber kennen und brav die Zeitung lesen. Sie muss für jedermann unmissverständlich sein. Sonst taugt sie nichts.

Dem Verkehrssünder so laut hinterherzubrüllen, wie ich es in solchen Situationen zu tun pflege, ist leider auch keine Lösung. Der von mir als solcher bezeichnete Vollidiot bremste hinter der Kreuzung scharf, stellte seinen Sprinter am linken (!) Straßenrand ab und ging – mir körpersprachlich Prügel androhend – auf mich los, weil er glaubte, „Arschloch“ verstanden zu haben. So undeutlich ist meine Aussprache eigentlich nicht, aber sei’s drum. Er hatte das Recht des Stärkeren auf seiner Seite, nicht nur PS-mäßig, sondern auch Kraft seiner Muskulatur.

Abhilfe kann also nur eine pragmatische Einigung unserer Ratsdamen und -herren bringen. Erstaunlich viele von denen veranstalten aber leider ein solches, sorry, Provinztheater, dass man sich dringlichst Kommunalwahlen wünscht, um Leute abwählen zu können. In der Praxis sieht das so aus, dass eine Eingabe mit 2200 Unterschriften von Bürgern, die eine Rückkehr zur Vorfahrt auf den ursprünglichen Vorfahrtsstraßen vorsah, abgebügelt wurde, weil dies laut StVO mit Tempo 50 auf diesen Straßen verbunden wäre. Allen Ernstes hatte eine kleine Nimby-Initiative (Not in my backyard, verschon‘ mein Haus, St. Florian, zünd‘ andere an) für die Räte mehr Gewicht, obwohl sie nur von 91 Bürgern aus der Iglinger Straße getragen wird, also geschätzt bestenfalls der Hälfte der Anrainer dieser einen (betroffenen) Straße.

Die Debatte in der Ratssitzung in der vergangenen Woche, nachzulesen im Tagblatt vom Freitag auf Seite 25, zeigte recht deutlich, wie weltfremd manche Mitmenschen sind. So durfte ein Sachverständiger Maßnahmen vorstellen, mit denen Verkehrsströme umgelenkt werden können. Dabei ging es konkret darum, Autofahrer von der ehemaligen auf die heutige B17 zu verdrängen, weil heute nicht weniger Autos den nördlichen Ortseingang passierten als vor der Eröffnung der Umgehungsstraße – was schon insofern fragwürdig ist, als nicht alles Durchgangsverkehr ist, was von Norden hereinkommt: Seit 2010 wurden gerade im Nordosten neue Wohnhäuser gebaut, und auch das Gewerbe floriert.

Man könnte allerdings auch die Tatsache zur Kenntnis nehmen, dass die B17 neu eben nicht als Ortsumgehung für Kaufering geplant wurde, sondern als Entlastung für Landsberg und als Erschließung der Gewerbegebiete im Westen der Kreisstadt. Wer je behauptet hat, die Neubaustrecke sei zwecks Schutz der Kauferinger gebaut worden, ist entweder ein Lügner oder er kann nicht mit Landkarten und Routenplanern umgehen. Zwei Beispiele: Wer von Langerringen zum Kauferinger Kino, Aldi oder Fahrradladen will, könnte zwar über die B17 fahren, fährt aber zweieinhalb Kilometer Umweg, verbraucht also 19 Prozent mehr Sprit. Wer von Obermeitingen zum Landsberger Baumarkt Sailer möchte, muss sogar sechs Kilometer draufrechnen: Auf der „korrekten“ Strecke ist der Weg um mehr als die Hälfte weiter als der durch Kaufering, und die Fahrt dauert spürbar länger. Wer es gar nicht eilig hat, könnte auch durch Igling knattern, würde damit aber deutlich mehr Anwohner belästigen, als führe er bei uns hinter den Kolpingstraßen-Supermärkten und Lärmschutzwänden vorbei (siehe Nimby).

Fazit: Wer den Autofahrern die Benutzung der alten B17 verleiden möchte, kann sie zwar schikanieren, aber nicht zur Benutzung der neuen B17 motivieren. Realisten würden das erkennen, aber es ist das Privileg der Ideologen, Fakten zu ignorieren.

Ein Punkt noch aus Sitzung, dann reicht’s für heute:

In einer Tempo-30-Zone gibt es laut StVO keine Ampeln, keine Radwege, vor allem keine gemischten Fuß-/Radwege (von denen wir mehr haben als reine Radwege). Ampeln sind bei uns keine große Sache, das andere sehr wohl. Sowohl als Radfahrer als auch als Autofahrer hielte ich es für einen gefährlichen Rückschritt, wenn beide Verkehrsmittel auf dieselbe Fahrbahn gezwungen würden. Auf Straßen, die ursprünglich für Tempo 50 gebaut wurden, wären dann Verkehrsteilnehmer unterwegs, von denen viele nur 12 bis 18 km/h schaffen (Kinder über 10, Mütter mit Kinderanhängern, gebrechliche Senioren). Die Autos kämen kaum noch vorbei, Autofahrer würden gefährliche Manöver riskieren. Um genügend Raum für sicheres Miteinander zu schaffen, müssten beispielsweise die Kolping- und die Albert-Schweitzer-Straße komplett umgeplant werden, würde dort Tempo 30 eingeführt. Der Gehweg würde schmäler, die Fahrbahn breiter, Bäume müssten gefällt werden. Das würde einen Haufen Geld kosten, aber keinen Gewinn an Lebensqualität bringen. Es würde auch keine schlimmen Unfallzahlen aus der Welt schaffen, denn die gibt es bei uns nicht. Ich kann mich aus meinen knapp zwei Jahrzehnten in Kaufering nicht an einen einzigen tödlichen Verkehrsunfall innerhalb des Gemeindegebiets erinnern, und die Polizei muss nur etwa einmal im Monat anrücken, um einen Verkehrsunfall aufzunehmen, bei dem ein Radfahrer zu Schaden gekommen wäre (ob leicht verletzt oder Fahrrad kaputt). Wenn etwas passiert, sind die Radfahrer aber fast immer Geschädigte und nicht Verursacher, so dass also niemand wirklich vor vermeintlichen Radlrambos Angst haben muss. Wenn der ADFC-Vertreter Martin Baumeister im LT zitiert wird, der Gehweg gehöre Fußgängern allein und Radfahrer gehörten auf die Straße, weiß ich, welchem Verein ich nicht beitreten werden.

 

 

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