Makrolon statt Makrelen


Während wir die Meere leer futtern, entwickeln Forscher künstliche Fische. Können die ihre Vorbilder vor unserer Gefräßigkeit retten?

Als Konsumenten sind wir längst Getriebene, immer hilflos bemüht, nichts falsch zu machen. Wer beispielsweise gern Fisch isst, hat’s schwer, ein nachhaltig reines Gewissen zu bewahren. Wir futterten rücksichtslos die Meere leer, schimpfen Naturschützer unablässig. Um Hering und Kabeljau vor den internationalen Überfischungsflotten zu retten, gewöhnten wir uns an, statt Rollmops, Matjes und Fischstäbchen exotische Filets zu verspeisen – vom Red Snapper, Bonito, Schwertfisch oder dem Nilbarsch aus der naturnahen Zucht -, nur um aufs Neue wahre Öko-Gruselgeschichten aufgetischt zu bekommen. Deren neueste: Die Raubfische, die uns vermeintlich raubbaufreie Aquafarmen liefern, werden als Halbwüchsige aus dem Meer gezogen und in ihrem Gefängnis mit Fischmehl gemästet. Und wo kommt das wohl her? Eben. Da braucht sich kein Fischhändler mehr zu wundern, wenn er beim kritischen Verbraucher weniger Vertrauen genießt als sein Vorvater Verleihnix beim gallischen Dorfschmied Automatix.

Doch was dagegen tun? Sollen wir nur noch vegetarisch gefütterte Farmfische wie Pangasius und Tilapia essen, diese tierischen Eiweißbeilagen ohne Eigengeschmack? Das hilft den leckeren bedrohten Arten auch nicht weiter. Lachs, Barsch & Co. landen dann eben auf den Tellern weniger skrupulöser Zeitgenossen. Abhilfe könnte vielleicht eine technische Errungenschaft schaffen, deren Prototypen das hochgeschätzte M.I.T. soeben vorgestellt hat – als Resultat von mehr als 15 Jahren Forscherfleiß: der autonom schwimmende Roboterfisch, ein preiswertes tiefseetaugliches Zwerg-U-Boot.

Es mag ja stimmen, dass die ersten handgefertigten Exemplare den Gegenwert prämierter Koi-Karpfen haben und dass man sie – bei ansonsten vergleichbarem praktischen Nutzwert – nicht einmal essen kann. Wenn der iFish erst einmal reif ist für die preiswerte Großserie, dürften sich aber Anwendungsgebiete auftun, die für Fischfreunde spannender sind als die von den Erfindern erwogene Inspektion von Unterwasserkabeln oder Pipelines. Mit etwas Fantasie wären zum Beispiel James-Bond-hafte Anti-Trawler-Sonderausstattungen denkbar. Mit messerscharfem Haigebiss aufgerüstete Tauchbots könnten ihre essbaren Brüder und Schwestern aus den Schleppnetzen befreien. Tierbefreiungsarmisten würden ganze Schwärme künstlicher Schwert- und Sägefische auf Aquafarmen loslassen, um den Gefangenen zur Flucht ins offene Meer zu verhelfen, wo diese sich munter fortpflanzen. Und ein paar Jahre später – herzlichen Dank, liebe Tierschützer! – deckt Neptun wieder so reichlich unseren Tisch wie ehedem.

Tja, schön wär’s, Gourmand, seufzt unser innerer Technologiefolgenabschätzer. Wer sagt denn, dass die schwarmintelligenten Biester nicht nachmachen, was ihnen die echten Raubfische vorleben? Große Fische jagen die kleinen. Makrolon frisst Makrelen: Sind die Plastikpiranhas erst mal im Ozean, machen sie alles zu Sushi. Selbst der Thun, der sie verschlingt, hat keine Chance gegen den inneren Feind. Und die Fischpfanne bleibet leer auf alle Zeit.

Da kann man nur hoffen, dass es den M.I.T.-Forschern nie gelingt, eine praxistaugliche Energiequelle für das Bionik-Tier zu entwickeln. Mit heutigen Hochleistungsakkus wäre der Kunstfisch so schwer, dass er gleich auf den Meeresgrund sänke. Der Prototyp im Labor-Aquarium funktioniert nur, weil er als Netzkabel-Jau konstruiert ist: Der Strom, mit dem er schwimmt, kommt aus der Steckdose.

ULF J. FROITZHEIM, seit drei Jahren TR-Kolumnist, hat jeden Tag künstliche Fische vor Augen – auf seinem Bildschirmschoner.

Aus der Technology Review 10/2009, Kolumne FROITZELEIEN

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