Beyonce belief – oder wie dpa die Sorgfaltslosigkeit ihrer Kunden bloßstellte

Pannen, die einen fast im Boden versinken lassen, passieren jeder Redaktion mal. So  wie das rätselhafte Wort "Imagewinn" (statt "Imagegewinn") in einer Überschrift, das einst mein Kollege, mein Chef, unser Layouter und ich während der Produktion einer Nullnummer hundertmal überlesen hatten; es sprang uns sofort ins Auge, als wir die Andruckexemplare auf den Tisch bekamen.

Trägt also ein Text, der von dem neuen Film der Sängerin Beyoncé Knowles ("If I Were A Boy") handelt, die Überschrift einer ziemlich weit davon entfernten Meldung über Frank Schirrmacher, und ist er auch noch mit einem Foto illustriert, auf dem der FAZ-Mann eine Frau busselt, die wiederum mit Beyoncé herzlich wenig Ähnlichkeit hat, dann ist das eigentlich prima Futter für unsere Schadenfreude. Haha, die anderen machen auch mal Bockmist.

Was der bildbloggende Medienblogger Stefan Niggemeier unter der, sagen wir, leicht uncharmanten Rubrik "Geht sterben" präsentiert*, hat jedoch eine gänzlich andere Qualität als die alltäglichen Einzelpannen (und auch eine andere als das durchschnittliche Material, aus dem Medienblogs gewirkt sind). Nämlich eine scheinbar pandemische: Als habe sich via Internet der Erreger der Schlafkrankheit von Redaktion zu Redaktion fortgepflanzt, zeigen Screenshots eine identische Fehlleistung auf den Online-Seiten des Stern, der Zeit, des Donaukuriers, der Westfälischen Nachrichten, der Lausitzer Rundschau, der Hamburger Morgenpost sowie der  Augsburger Allgemeinen, der Berliner, der Neuen Osnabrücker, der Nordwest-, der Rhein-Neckar- und (puhhh!) der  Süddeutschen Zeitung. Allüberall übertitelt der küssende Frankfurter die Besprechung des Knowles-Films.

Diesen massiv parallelen Murks konnte natürlich niemand selber verbrochen haben. Allerdings war weder ein HxNy- noch ein Computervirus schuld, sondern die grassierende Sparwut (lat.: rabies avaritiae). Diese für das Objekt potentiell tödlich verlaufende Seuche befällt zunächst Verlagsleiter, greift dann auf Chefredakteure über und schaltet schließlich im Immunsystem der Redakteure das für die journalistische Sorgfaltspflicht zuständige Gen ab. Die Infizierten glauben, es genüge, Agenturmeldungen inklusive Headline und Illu nicht nur unredigiert zum (gering) geschätzten Rezipienten durchzutickern. Sondern sogar ungelesen.

tatsächlich war das corpus delicti angeliefert und in den redaktionellen workflow eingespeist worden von der deutschen presse-agentur, also jener genossenschaft von zeitungsverlagen, bei der das minuskulöse firmenlogo dpa noch immer an die versalienfreie zeit der telexmeldungen erinnert. in der zeit, als der ticker noch tickte, wäre so ein fauxpas nicht weiter schlimm gewesen. der nachrichtenredakteur hätte einmal kurz und laut gelacht und dann in hamburg angerufen, auf dass die richtige copy zur head (und umgekehrt) gesendet würde.

Heutzutage ruft dort offenbar kein Schwein mehr an, und in diesem Fall interessierte sich auch keine Sau dafür, nicht einmal als sich schon die halbe Blogosphäre beömmelte angesichts der grandiosen Leistung der Holzpresse-Onliner.

Was? Sie glauben gar nicht, dass an den Onlinenewsdesks überhaupt noch Redakteure hocken, die etwas gegenlesen könnten? Aber jawohl doch! Niggemeier bietet im Bildblog einen Frankfurter Kollegen als unfreiwilligen Kronzeugen dafür auf, dass es durchaus noch Personal gibt, dieses aber vor seinem ureigensten Job kapituliert hat, nämlich dem des Schleusenwärters, der die eintrudelnden Nachrichten sichtet, einordnet, bewertet und eben auch mal stoppt:

"Wie sollen Kunden von Nachrichtenagenturen, also Zeitungen, jede einzelne Meldung überprüfen? Hunderte, tausende täglich. Die Agenturen sind dazu da, dass sie uns korrekt recherchierte Meldungen und Artikel zukommen lassen."

Dieses Zitat stammt zwar, auch wenn das in einigen Blogs so rüberkam, NICHT aus dem Kontext Beyoncé-Schirrmacher, und es belegt nur Agenturgläubigkeit, erhält aber den Anschein aufrecht, es werde wenigstens noch von irgendwem zur Kenntnis genommen, was da so alles an News aus dem Agentennetz hereinströmt.

"Geht sterben!", meint Niggemeier, und tatsächlich wäre es kein Verlust, wenn all die 1:1-Klone von dpa aus dem Web verschwinden würden, die mit der namensgebenden Zeitung nur die "Marke" gemein haben – was insofern immanenter Widersinn ist, als eine Medienmarke (wie jede Marke) für etwas Unverwechselbares, nicht Austauschbares steht. Ein Zeitungsverlag, der mit vorkonfektioniertem Material online geht, schafft nun einmal keinerlei Mehrwert und lässt es deshalb besser ganz bleiben. Dann trägt er wenigstens nicht auch noch selbst zur Kannibalisierung der eigenen Papierausgabe bei, die der Surfer angesichts solcher virtuellen Aushängeschilder für liebloser gemacht halten muss, als sie wirklich ist.

Vielleicht war ja die vermeintliche Schirrmacher-Panne auch gar kein Versehen der dpa-Redaktion, sondern ein absichtliches Eigentor aus purer Notwehr: Für die Verlagsbosse, die gerne mal damit drohen, das dpa-Abo aus Kostengründen zu kündigen, ist es peinlich, wenn jeder merkt, wie blind sie in Wirklichkeit auf den Dienstleister vertrauen – ja dass sie ohne ihn ziemlich nackt dastünden.

Es wäre nicht die erste Bloßstellung dieser Art. Als vor 30 Jahren mit dem Bleisatz auch die Korrektorate abgeschafft wurden, weil ja nur Setzer und Setzmaschinen für die falschen Lettern verantwortlich sein konnten und nicht die Redakteure, erschien in der NRZ in Essen die folgende bemerkenswerte BU zu einem Foto des neuen Papstes Karol Wojtyla in wehender Soutane:

"Schwer zu schaffen machte den Papst der böige Wind bei die Landung in Dublin – zur Freude von die Fotografen."

Damals gab es im Ruhrpott zwar Redakteure, deren Deutsch ein wenig nach dem legendären "Kumpel Anton" klang. Aber es gab keine, die im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte so einen Satz versehentlich getippt hätten.

Postscriptum:

* Niggemeier hatte den Tipp wiederum vom Mediummagazin, das den falschen Lauftext zuerst bei Antenne Bayern entdeckt hatte und dessen Tweets er offenbar followt (followed?). Ach Leute, mit diesem Twitter-Jargon kann man mich jagen. Will sagen: Stefan verfolgt die Neuigkeiten, auf die Kollegin Milz mittels Twitter in aller Kürze hinweist. Eine der wenigen womöglich nützlichen Anwendungen des Gezwitscherdienstes. Aber eigentlich hätten E-Mail, RSS und Blog es auch getan.

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