Bahn erschwert Pseudo-Journalistenverbänden das Geschäft

Presserabatte hatten schon immer ein leichtes Gschmäckle. Dass jemand etwas billiger bekommen soll, weil er Journalist ist, klingt nach Korrumpierungsabsicht. Es gab und gibt reichlich Fälle, in denen solche Versuche offensichtlich sind. Ganz klar ist der Fall zum Beispiel, wenn ein Autohersteller Redakteuren von auflagenstarken Zeitungen/Zeitschriften oder von relevanten Autoheften Rabatte oberhalb dessen gewährt, was man als halbwegs cleverer Kunde auch so herausschlagen könnte.

Bekommen Journalisten, die gar nicht über Autos schreiben, einen identischen Rabatt, handelt es sich vermutlich eher um eine Verkaufsförderungsmaßnahme. Dann darf man annehmen, dass es ähnliche Rabatte auch für ein paar andere Berufsgruppen gibt, zum Beispiel Beamte oder Bundespräsidenten. Solche Nachlässe wie Erich Sixt, die Polizei oder die Bundesregierung dürfte aber kaum ein Medienmensch ergattert haben, der nicht unter Werbevertrag steht.

Damit zum angeblichen „Presse“-rabatt für die Bahncard, den die Bahn jetzt auslaufen lässt. Er geht zurück auf Werner Klingberg, PR-Adlatus von Hartmut Mehdorn in der Zeit, als die Bahn infolge eines völlig verkorksten „Neuen Tarifsystems“ eine – wie man so sagt – schlechte Presse hatte. Die DB hatte die Bahncard – also die Karte, die heute „Bahncard 50“ heißt – zunächst durch eine Bahncard 25 ersetzt und Staffelrabatte für Menschen eingeführt, die sich frühzeitig an einen ganz bestimmten Zug binden, der ihnen dann wegen Verspätung des Zubringerzugs vor der Nase wegfährt. Die Presse hatte der Bahn und Klingbergs Vorgänger Dieter Hünerkoch das unsinnige Konzept um die Ohren geschlagen, und als die Bahncard in Gestalt der BC50 re-inkarniert war, dauerte es nicht lange, bis sie den Medienleuten regelrecht hinterhergewulffen wurde.

Die „Bahncard für Journalisten“ (BCJ) war das Zuckerbrot, mit dem die Bahn alle jene, von denen sie ausgepeitscht worden war, wieder in die Züge locken wollte, auf dass sie sich selbst davon überzeugen, dass die DB doch nicht so schlecht ist, wie sie geschrieben wird. Es war aber kein plumper Bestechungsversuch. Der große Korruptionsbekämpfer Mehdorn steckte ja nicht ausgewählten Meinungsführern heimlich eine Bahncard 100 zu, sondern versuchte sich eine viel reisende Zielgruppe, auf die auch Air Berlin (ausgerechnet!) ein Auge geworfen hatte, als Kunden zu sichern. Die Journalisten zahlten unter dem Strich immer noch mehr als die Frühbucher, die ja nun keine Bahncard mehr kaufen mussten, um billig zu fahren. Sie erhielten lediglich für 115 Euro im Jahr die Flexibilität, in jeden Zug einsteigen zu dürfen.

Klingberg und Mehdorn ahnten nicht, welche Pandorabüchse sie öffneten. 2004 gab es noch den bundeseinheitlichen, von den Innenministern anerkannten Presseausweis, mit dem die Journalisten- und Verlegerverbände DJV, DJU/ver.di, BDZV und VDZ eine hauptberufliche Tätigkeit bescheinigten. Nachdem der Fotografenverband Freelens sich 2005 in den exklusiven Zirkel eingeklagt hatte, gab es kein Halten mehr. Immer mehr Organisationen forderten Gleichbehandlung, darunter auch solche, für die das Ausstellen von „Presseausweisen“ quasi das Kerngeschäft war. Plötzlich fuhren Versicherungsvertreterinnen, Wirte, Kaufleute, Schauspieler und Politikerinnen mit presserabattierten Karten Bahn. Und im Bahntower dämmerte die Einsicht, wie das Geschäftsmodell dieser Aussteller funktionierte: Schnäppchenjäger, die im Internet gelesen hatten, wo man einen dieser Pseudo-Ausweise bekam, kauften sich diese von exakt dem Geld, auf das die Bahn verzichtete.

Tja: Die letzte Journalisten-Bahncard verliert am 13. Juli 2013 um 24 Uhr ihre Gültigkeit. Nur noch bis zum 15. April 2012 kann die BCJ bestellt werden, der erste Gültigkeitstag kann nicht nach dem 14. Juli liegen.

Nun müssen sich die Ausweisverkäufer ein neues Marketing einfallen lassen. Wer möchte schon Jahr für Jahr einen runden Hunderter an diese oder diese Leute abdrücken, wenn er gar nicht weiß, ob er damit wirklich regelmäßig über 100 Euro spart? Den Jahresbeitrag hatte man bisher allein durch die BCJ schon wieder drin. Damit war das Angebot ein Selbstläufer:  Der DB-Kartenrabatt finanzierte die DFJV- oder DPV-Rabattkarte.

Hier die Liste der Presseausweise, mit denen die BCJ nicht mehr lange erhältlich ist:

• Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm e.V.
• Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger e.V.
• Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (ver.di)
• Deutscher Journalisten-Verband e.V.
• Deutscher Presseverband e.V.
• Deutscher Medienverband e. V.
• DFJV Deutscher Fachjournalisten-Verband AG
• Verband Deutscher Sportjournalisten e.V.
• Verband Deutscher Zeitschriftenverleger e.V.
• Freelens e.V.
• Wissenschafts-Journalisten – Wissenschafts-Pressekonferenz e.V. (WPK)
• Verband der deutschen Filmkritik – VDFK
• Verband der Motorjournalisten (VdM)
• Deutsche Foto-Journalisten e.V. – DFJ

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Ein Gedanke zu „Bahn erschwert Pseudo-Journalistenverbänden das Geschäft

  1. Noch ein dazu passendes Detail: Laut Keyword Tool von Google Adwords ist der Wettbewerb beim Keyword „Presseausweis“ immerhin als „mittel“ eingestuft.

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