DRINGENDE BEDÜRFNISSE


Nicht alles, was Erfindern einfällt, hat der Menschheit wirklich noch gefehlt.

Kaiser Vespasianus Augustus, dem Erfinder des Bezahl-Klos, hätte die „Ideen-Erfindungen-Neuheiten-Ausstellung“ (IENA) bestimmt gefallen. Auf der Nürnberger Messe waren nämlich etliche Versuche zu besichtigen, rund um jenes Örtchen Geschäfte zu machen. „Hab ich’s nicht gesagt?“, hätte der alte Römer triumphiert, „sie stinken nicht, die Sesterzen.“

Gegenüber Vespasians inzwischen weltweit gebräuchlichem WC-Benutzungsentgelt handelt es sich bei den Nürnberger Neuheiten aber allenfalls um Nischen-Innovationen für sehr spezielle Zielgruppen. So bot der Gemeinschaftsstand des Königreichs Saudi-Arabien ein Assistenzsystem für Patienten feil, denen es aufgrund ihrer Leibesfülle schwerfällt, sich zwecks Verrichtung ihres Bedürfnisses sanft und schmerzfrei auf dem Flach- oder Tiefspüler niederzulassen. Kurz gesagt handelt es sich um eine gepolsterte WC-Brille, deren kräftiges Scharnier – aufpassen, Männer! – vorn sitzt. Dank einer ebenso stabilen hydraulischen Teleskopstütze kommt das Hinter-Teil der Apparatur dem ihres Benutzers auf halbem Weg entgegen, dann senkt es sich sachte zurück in die Horizontale. Das entlastet die Bandscheiben ebenso wie die Brille. Und nach der Erleichterung folgt die Erhebung: Per Knopfdruck kippt der aktive WC-Sitz selbst den adipösesten Emir wieder auf die Beine. Die Tragfähigkeit liege bei 450 Kilo, raunt der Fachberater, zudem sei das Teil leicht zu transportieren.

Das europäische Exponat „Man’s Best Friend“ (MBF) ist nicht mobil – zum Glück. Das Konstrukt ist gedacht für Haushalte, deren Vorstand sich nicht herablassen mag, sein Wasser zu lassen, sondern lieber im Stehen pinkelt. Hauptbestandteil ist ein Trichter mit Deckel, der seitlich an ein handelsübliches Wasserklosett angeschlossen wird. Für dieses Kompakturinal hat der Erfinder wohl an Zweimetermännern Maß genommen: Der Trichter sitzt so weit oben, dass er kleinere Herren vor ballistische Herausforderungen stellt und thronende Damen mit einer Geruchs- und Sichtbelästigung auf Nasenhöhe konfrontiert. Ich bitte deshalb Leserschaft und Chefredakteur um Verzeihung, dass mir dabei nur die unfeine Vokabel „Scheißhauseinfall“ in den Sinn kommt. Wobei ich das stille Örtchen als Hort der Kreativität nicht diskreditieren möchte, ganz im Gegenteil: Ein anderes Exponat, augenscheinlich vom Genius auf dem Lokus inspiriert, könnte durchaus das Wohlbefinden des Benutzers nach dem WC-Besuch steigern: ein Stift, der – autsch! – schmerzhafte Analfissuren heilt.

Gemessen am Nutzwert, konnten andere Exponate mit dem Popo-Stift nicht mithalten. Ein Wäscheständer etwa, wie Apple ihn bauen würde, leider erst als Computeranimation zu sehen; ein Jumborucksack fürs Pkw-Heck; Gurtstraffer für Reisetaschen; 3D-Schach für vier Spieler; und – last but not least – eine patentierte „Faltkatzenleiter“. Auch konnte dem aufmerksamen Innovationsbeobachter nicht entgehen, dass bestimmte Dinge offenbar immer wieder neu erfunden werden wie das Rad: der unvermeidliche Zahnpastatubenleerquetscher etwa oder der Fahrradblinker. Auch das Navi für den Einkaufswagen (2005) – alles schon mal dagewesen. Am rätselhaftesten wirkten jedoch die ausladenden, rührend vorgestrigen Gemeinschaftsstände rumänischer, chinesischer, koreanischer und sogar iranischer Erfinder. Sie hatten nichts vorzuweisen, das einem technikverwöhnten Deutschen den Mund offenstehen ließe, oder sie konnten es nicht erklären. Aber solange die Gäste brav bezahlen, kann es dem Veranstalter egal sein – so egal wie einst Vespasian die Herkunft seiner Sesterzen. – Non olet.

ULF J. FROITZHEIM, Froitzelei- Autor und Innovationsliebhaber, fragt sich immer noch, was wohl eine Faltkatze sein mag. Nicht alles, was Erfindern einfällt, hat der Menschheit wirklich noch gefehlt.

TECHNOLOGY REVIEW | DEZEMBER 2011

Sie sind der oder die 1574. Leser/in dieses Beitrags.

3 Gedanken zu „DRINGENDE BEDÜRFNISSE

  1. Das war gar nicht meine Absicht. Ich mache das nicht für jemanden. Eigentlich ist das eine Glosse, die sich darüber lustig macht, auf was für Geschäftsideen man kommen kann.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.