Haarsträubende Geschichten

chip-kaufberatungWer sich vor windigen Willis und schraubenden Siggis schützen will, sollte nicht alles glauben, was in bunten Werbebeilagen steht. Mit solchen Discount-Hallodris muß der Kunde überall rechnen – selbst in Läden, die vor ihnen warnen.

Sein Hemd ist bunt, seine Weste auffallend weiß. Heller Borsalino und dunkle Brille verleihen ihm einen mafiösen Touch. Er beweist seine „Kompudenz“ durch die Art, wie er Computer „kontifugiert“: Willi Windig, Zerrbild des deutschen Computerhändlers, ist sogar zu dämlich, seine Kunden nach Strich und Faden übers Ohr zu hauen. Sein Kumpan Siggi Schrauber ist keinen Deut vertrauenswürdiger.

Die derben Späße, die sich die Werbeagentur des Großdiscounters Escom seit Juli mit der Konkurrenz erlaubt, lenken die Aufmerksamkeit der PC-Branche wieder auf Themen, die vor lauter Preiskampf schon vergessen schienen: Beratung. Qualität und Service. Freilich bringt das Heppenheimer Unternehmen diese Themen nicht aus Gründen des Verbraucherschutzes aufs Tapet. sondern um damit Geld zu verdienen. „Haarsträubende Geschichten“ weiterlesen

Aufstand der Zwerge

Mikrosysteme stehen vor der Markteinführung. Deutsche Unternehmen und Forscher liegen gut im Rennen.

Mit bloßem Auge betrachtet, sehen die Krümel aus wie Fliegendreck. Doch Wolfgang Ehrfeld hält in seinen Händen wahre Kleinode: Ultrakleine Mikroturbinen, die erst unter einem hochauflösenden Mikroskop ihre wahre Gestalt offenbaren. Solcherart Mikrosysteme, da ist sich der Geschäftsführer des Instituts für Mikrotechnik Mainz (IMM) sicher, verändern die industrielle Welt ein weiteres Mal von Grund auf: „Von den meisten Anwendungen haben wir heute noch gar keine Vorstellung.“

WirtschaftsWoche 44/1993

Was bis vor kurzem noch wie Science-fiction anmutete – Kleinstroboter, die selbständig Maschinen reparieren, in Blutgefäßen Verkalkungen abtragen oder mit Mikrosensoren ausgestattete selbstnavigierende Fahrzeuge -, wird in den Labors von Mainz bis Madinson/Wisconsin, von Tübingen bis Tokio langsam, aber sicher Realität. In Glasfasernetzen und medizinischen Apparaturen, aber auch in Allerweltsartikeln wie Tintenstrahldruckern und Airbags werden Mikrokomponenten bereits eingesetzt.

Deutsche Unternehmen und Forscher mischen bei dieser vielversprechenden Zukunftstechnik ganz vorne mit, sind in Teilbereichen sogar führend. Der Berliner Fraunhofer-Professor Anton Heuberger und der Münchner Daimler-Forscher Walter Kroy sind zwei der bekanntesten Pioniere der Silizium-Mikrotechnik. Das neuere und flexiblere Liga-Verfahren, mit dem Kleinstteile auch aus Metall, Keramik oder Kunststoff gefertigt werden können, hat IMM-Leiter Wolfgang Ehrfeld in den achtziger Jahren am Kernforschungszentrum Karlsruhe (KfK) entwickelt. Und die Dortmunder Micro-Parts GmbH – ein Joint Venture der Konzerne Steag, Krupp/Hoesch, Hüls, Rheinmetall und VEW – gilt als weltweit einziges Unternehmen, das die Großserienfertigung von mikromechanischen Systemen beherrscht: Das Team um Geschäftsführer Reiner Wechsung kann in einem Arbeitsgang 120.000 mikroskopisch kleine Zahnräder herstellen. „Bei der Grundlagenforschung und ersten Produkten liegen wir wohl vor den USA und Japan.“ Rainer Günzler vom Institut für Mikro- und Informationstechnik (Imit) der Villinger Hahn-Schickard-Gesellschaft bestätigt den Vorsprung der Europäer, schränkt aber ein: „Bei den Patenten sind die Japaner eindeutig vorn.“ Günzler muß es wissen: Sein vom Land Baden-Württemberg gefördertes Institut hilft mittelständischen Feinmechanik-Fabrikanten beim Einstieg in die Mikrotechnik und beobachtet deshalb akribisch die einschlägigen Aktivitäten im In- und Ausland.

Eine zuverlässige Analyse des künftigen Mikrotechnik-Weltmarkts kann jedoch auch das Imit nicht bieten. Selbst professionelle Marktbeobachter stochern im Nebel. Die Market Intelligence Research Corp. (Mir) aus Mountain View im Silicon Valley sagte im vorigen Herbst voraus, daß der weltweite Umsatz mit Mikrosystemen und Mikrostrukturen schon 1995 die Marke von drei Milliarden Dollar passieren werde; im Frühjahr korrigierte Mirc die Summe dann auf 2,9 Milliarden Dollar – und das Jahr auf 1998.

Widersprüchliches auch beim Battelle Memorial Institute: Hatte dessen inzwischen geschlossene Frankfurter Filiale vor Jahresfrist für das Jahr 2000 ein Marktvolumen von 20 Milliarden Mark prophezeit, erwartet Battelle Europe inzwischen nur noch einen Umsatz von acht Milliarden Dollar in diesem Markt zur Jahrtausendwende.

Sollten hingegen die kühnen Annahmen stimmen, auf die das Bundesforschungsministerium den Entwurf seines zweiten Förderprogramms Mikrosystemtechnik (Laufzeit: 1994-1999) stützt, müßte der zu erwartende Weltmarkt viel größer sein: Volle vier Prozent des Verkaufspreises sollen bei den Autos des Baujahrs 2000 auf Mikrokomponenten entfallen. Das wären selbst bei schlechtester Konjunktur mehr als 20 Milliarden Mark. Allein in Europa sollen dann Mikrosysteme im Wert von 3,6 Milliarden Mark in Telekommunikationsanlagen eingebaut werden.

Die als besonders vielversprechendes Anwendungsgebiet geltende Medizin- und Pharmatechnik erwähnt der BMFT-Entwurf in diesem Zusammenhang nicht einmal. Einig sind sich die Auguren nur in einem Punkt: daß sich ein weiterer Technologie-Wettlauf zwischen Europa, Japan und den USA anbahnt – mit noch offenem Ausgang.

Alle drei Seiten sind bereit zu investieren. In den Vereinigten Staaten hat sich die Forschungsbehörde Arpa (Advanced Research Projects Agency) des Themas angenommen. Arpa-Manager Kaigham J. Gabriel, selbst ehemaliger Mikrotechniker, darf in drei Jahren 24 Millionen Dollar als Starthilfe (Seed Capital) an Unternehmensgründer auszahlen.

In Japan steht das Micromachine Center (MCC) in Tokio im Mittelpunkt der Mikromaschinen-Entwicklung, an der sich so illustre Firmen wie Fanuc, Hitachi, Kawasaki, Matsushita, Mitsubishi, Seiko oder Toshiba beteiligen, 25 Milliarden Yen (387 Millionen Mark) bewilligte das Industrieministerium Miti 1991 für ein Zehnjahresprogramm, das als konkrete Aufgabenstellung den gemeinsamen Bau eines millimetergroßen, autonomen Blutgefäß-Schrubbers zum Ziel hat.

Ein solches gemeinsames Leitmotiv fehlt beim deutschen Programm für Mikrosystemtechnik, dessen erster Teil Ende des Jahres ausläuft. So verzettelten sich die Bonner Bürokraten während der vergangenen drei Jahre in nicht weniger als 31 (Japan: fünf) Verbundprojekten mit 224 Teilvorhaben, deren 148-Millionen-Mark-Budget je zur Hälfte Industriebetrieben und Forschungseinrichtungen zugute kam. Selbst das volle Dutzend involvierter Fraunhofer-Institute forscht weitgehend unkoordiniert. So gehören nur vier dem paneuropäischen Mikrotechnik-Elitezirkel Nexus an, den Heubergers Berliner Fraunhofer-Institut für Siliziumtechnologie (Isit) betreut.

Während sich das BMFT jetzt anschickt, die mit voraussichtlich 400 Millionen Mark dotierte zweite Förderrunde einzuläuten, kämpft Liga-Erfinder Wolfgang Ehrfeld lieber auf eigene Faust. Als Gründer des von Rheinland-Pfalz getragenen IMM will der Ex-KfK-Mitarbeiter zeigen, wie effizient deutsche Forschung sein kann.

„Ich wünsche mir mehr Konkurrenz in der Forschung und Entwicklung“, provoziert Ehrfeld betuliche Ministerialtechnokraten, „nur dadurch werden jene Reserven mobilisiert, die zur Innovation führen.“

So stampfte der ehrgeizige Professor, unterstützt vom rheinland-pfälzischen Wirtschaftsminister Rainer Brüderle, binnen zwei Jahren eine komplett ausgestattete Denkfabrik aus dem Boden – überwiegend mit neuwertigem Secondhand-Equipment bestückt. Seither wuchs das IMM auf 100 Mitarbeiter, finanziert sich bereits zu einem Viertel aus Industrieaufträgen und gilt neben MicroParts als die wichtigste Adresse in der Liga-Technik. Das Mainzer Team begnügt sich nicht mit Anwendungen in den Branchen Telekommunikation, Medizin, Pharma, Auto, sondern widmet sich auch der Verbesserung der Fertigungstechnik und der dazugehörigen Geräteentwicklung.

Gemeinsam mit der Lothar-Späth-Firma Jenoptik in Jena entwickelte das IMM einen Präzisionsscanner für die tiefenlithographische Herstellung der winzigen Förmchen, die man für die Massenproduktion von Liga-Mikroteilen braucht. Da es ein vergleichbares Gerät auf dem Weltmarkt nicht gibt, liegen bereits Anfragen und Bestellungen aus Europa, den Vereinigten Staaten und Fernost vor.

Vor soviel High-Tech freilich schrecken alteingesessene Unternehmer vielfach zurück, selbst wenn die Innovationen schon bald unmittelbare Auswirkungen auf ihr Geschäft haben werden. Im Maschinenbau, so schätzt das BMFT, werden 60 Prozent der Firmen auf den Einsatz von Mikrosystem-Komponenten angewiesen sein. Doch nur funf Prozent der Unternehmen würden solche Produkte selbst entwickeln.

Viel Überzeugungsarbeit müssen denn auch die Mitarbeiter des Imit in Villingen leisten, das als FuE-Dienstleister etwa den traditionellen Schwarzwälder Feinwerktechnik-Betrieben den
Weg in die Zukunft bahnen soll. Seufzt Rainer Günzler: „Es ist nicht einfach, den Chef eines kleineren Unternehmens zu überzeugen, daß er gerade in der Rezessionsphase in neue Dinge investieren soll.“

Ulf J. Froitzheim

Hochleistungscomputer: Konkurrenz der Parallelen

Nie war die Auswahl an Supercomputern größer als heute – und nie verwirrender für die Kunden. Für einige Hersteller wird jetzt die Luft dünn.

Top/Business 10/1993

Eben noch ganz tief unten im Jammertal, will James G. Treybig schon wieder ganz hoch hinaus. Nach einem verheerenden Quartal, in dem der Verlust seiner Firma mit über einer halben Milliarde Dollar größer ausfiel als der Umsatz, denkt der Chef der Tandem Computers Inc. nur noch ans Dach der Welt: „Himalaya“, die neueste Rechnergeneration, soll dem gebeutelten Silicon-Valley-Unternehmen wieder den nötigen Auftrieb verschaffen. „Es gibt kein System mehr auf dem Markt“, behauptet „Jimmy“ Treybig keck, „mit dem Tandem nicht konkurrieren könnte.“

Des Gipfelstürmers Optimismus scheint berechtigt. Die neuen Maschinen stoßen nämlich in Leistungsregionen vor, die mit herkömmlichen Großrechnern kaum zu erreichen sind, kosten aber nur einen Bruchteil. „Hochleistungscomputer: Konkurrenz der Parallelen“ weiterlesen

Digitaler Hörfunk: Autarkie dahin

Die ARD bremst den UKW-Nachfolger DAS. Das störungsfreie Radio kommt trotzdem.

Fast hätte der digitale Fortschritt nach dem Plattenspieler auch noch das UKW-Radio dahingerafft. Allein in Europa, so sah es der kühne Zeitplan des 125 Millionen Mark teuren EG-Forschungsprojekts Eureka 147 vor, wären bis zum Jahr 2010 mehr als 600 Millionen konventionelle Autoradios, Tuner, Kompaktanlagen und Kofferradios reif für die Wertstofftonne gewesen. Zu jenem Termin nämlich sollte das neue Hörfunksystem Digital Audio Broadcasting (DAB) endgültig das aus den fünfziger Jahren stammende UKW ablösen.

So rasch wird auf der klassischen Ultrakurzwelle nun doch keine Funkstille herrschen. Die Zwangsbeglückung des Publikums mit dem CD-Radio ist im Ansatz gescheitert. Und damit ist auch der Traum der Unterhaltungselektronikmanager geplatzt, binnen 15 Jahren nahezu jedem Bewohner des Kontinents mindestens einen neuen Apparat verkaufen zu können.

Auslöser der Vollbremsung waren die Intendanten der ARD, deren hauseigenes Institut für Rundfunktechnik GmbH (IRT) in München bisher unter den Verfechtern des neuen Super-Hörfunks in der ersten Reihe gekämpft hatte. Auf einer Sitzung Anfang Mai in Köln beschlossen die Anstaltsleiter, den vermeintlichen UKW-Nachfolger, dessen binäre Signale ab der Internationalen Funkausstellung (IFA) 1995 den Äther bereichern sollten, „nicht vor 1997“ einzuführen. Offizielle Begründung: Geldmangel.

Der Aufbau eines Digitalnetzes parallel zur UKW-Senderkette ist nicht aus der Portokasse zu finanzieren. Auf 500 Millionen Mark taxiert Dieter Hoff, Technischer Direktor des WDR in Köln, den Investitionsbedarf: „Es steht außer Zweifel, daß wir uns das mit den jetzigen Rundfunkgebühren, die bis Ende 1996 festgeschrieben sind, nicht leisten können.“

Buchstäblich im letzten Moment haben die Intendanten ein technisches Konzept auf Eis gelegt, das nicht einmal ansatzweise mit der real existierenden Medienszene Deutschlands und seiner Nachbarländer harmoniert. So gibt auch Frank Müller-Römer, Technischer Direktor des Bayerischen Rundfunks und Vorstandsvorsitzender des Vereins DAB-Plattform, unumwunden zu, daß die „Programmkollegen und Intendanten noch zu wenig darüber nachgedacht haben, wie DAB die Rundfunklandschaft verändern wird“.

Selbst die Medienpolitiker hatten eines übersehen: Ohne eine gründliche Überarbeitung würde DAB vielen kleinen Privatsendern die Existenzgrundlage entziehen. Zwar ist für landesweite Privatsender wie Radio Schleswig-Holstein (RSH) oder Antenne Bayern das neue Digitalsystem recht attraktiv. Denn die zu Sechserpacks gebündelten Bitströme garantieren eine Übertragungsqualität, die an jedem Ort mit der des ARD-Programms identisch ist.

Doch viel zu verlieren haben die Stadtradios. Als Gleichwellennetz ist DAB darauf ausgelegt, daß ein Autofahrer nicht mehr hinter jeder Bergkuppe am Frequenzknöpfchen drehen muß. Diese Technik mag für Rundfunkstationen mit großen Einzugsgebieten das Nonplusultra sein. Für lokale Programmanbieter ist sie eine Katastrophe: Allein in Nordrhein-Westfalen mit seinen 45 lokalen Stationen wären acht separate Übertragtmgsblöcke erforderlich, damit jeder zum Zug käme. Selbst wenn genügend Frequenzraum bereitstünde, müßten die Lokalfunker eine maßlos übertriebene technische Reichweite finanzieren, ohne diese Mehrkosten auf ihre Werbekunden umlegen zu können. Ein Einzelhändler aus Bielefeld bezahlt schließlich nicht dafür, daß man seinen Spot auch in Leverkusen hören kann.

Trotz allem ist die Einführung des digitalen Radios nicht endgültig passe. Die Gefahr, daß die Europäer ihren technischen Vorsprung gegenüber den Amerikanern verlieren könnten, macht sogar der deutschen Verteidigungsbürokratie Beine. So bekam Horst Stumkat, Fachbereichsleiter für Rundfunksender bei der Telekom, plötzlich vom Bundespostminister grünes Licht für Testreihen mit dem von Frankreich favorisierten „L-Band“ (1452 bis 1492 Megahertz), obwohl dieses hierzulande noch teilweise für militärische Zwecke genutzt wird. Ein Teil dieser Frequenzen kann kurzfristig geräumt werden.

Untersuchungen des kanadischen Rundfunks CBC geben dem L-Band wesentlich bessere Noten als den vom Fernsehen abgeknapsten VHF-Kanälen – zumal der L-Bereich ab 2007 sowieso weltweit für den Empfang ziviler Radiosender reserviert ist. Damit gäbe es – wie heute bei UKW – einen einheitlichen Weltmarkt für Empfangsgeräte.

Selbst die Infrastruktur für die Einführung von DAB im L-Band ließe sich leicht bereitstellen. Nach kanadischen Messungen muß mindestens alle 60 bis 70 Kilometer ein Sender stehen. Die Antennenmasten der digitalen Mobilfunksysteme D 1 und D2 stünden demnach bereits heute in vielen Regionen dicht genug beieinander, um das Rückgrat eines solchen Netzes zu bilden.

Nur für die ARD-Anstalten wäre diese Lösung fatal: Ihre Sendernetze sind viel zu weitmaschig. Und der milliardenteure Aufbau eines eigenen Netzes für das L-Band wäre aus den Rundfunkgebühren erst recht nicht zu finanzieren. Die Folge: Auch die ARD müßte sich an die Funktürme von Telekom, Mannesmann Mobilfunk oder des neuen – von Thyssen und Veba geplanten – E1-Netzes anhängen. Die geheiligte ARD-Autarkie wäre dahin.

Für den Verbraucher hätte das L-Band auf jeden Fall Vorteile: Weil es zwischen den Frequenzen von D- und E-Netz liegt, könnten die Hersteller von Autotelefonen ohne großen Aufwand die Radiofunktion in ihre künftigen Geräte mit einbauen und sogar beide Komponenten über dieselbe Antenne versorgen. Und weil DAB nicht auf Audiosignale beschränkt ist, könnten auch tragbare Computer und „digitale Assistenten“ auf diesem Weg Informationen empfangen.

Eine neue Anwendung ist bereits erfunden – die drahtlose Übermittlung brandaktueller Kreditkarten-Sperrlisten an den Handel.

Ulf J. Froitzheim

aus der WirtschaftsWoche 34/1993

Bill Gates: Größer als Muhammad Ali

ms-boss-chip1993Vor zehn Jahren startete Microsoft von München aus seinen außeramerikanischen Siegeszug. Anlaß genug für ein Dutzend Bosheiten über das beliebteste, meistgehaßte Softwarehaus der Welt – und über den MS-Boß.

Wenn es sogar Eliteblätter wie das Wall Street Journal und Business Week schreiben, muß wohl etwas dran sein. Also: William H. Gates der Dritte ist ein Genie. Billy weiß, was User wünschen. Intuitiv. Gates ist die Inkarnation des American Dream, ein Mega-Superstar, dessen kommerzieller Erfolg Madonna, Michael Jackson und Arnold Schwarzenegger als arme Wichte erscheinen läßt. Mit diesem Status darf er sich alle nur denkbaren Allüren erlauben. Am liebsten spielt Gates den Oskar Matzerath aus der „Blechtrommel“: Obwohl er mit 37 nun endlich erwachsen sein sollte, bleibt er der verzogene, unbeherrschte Lümmel aus der Vorstadt von Seattle, dem als Pennäler jeder Trick recht war, sich Rechnerzeit auf der PDP-10 zu erschleichen.

Sicher, Billyboy ist lieb und nett zu jedem, der ihm die gebührende Huldigung zuteil werden läßt. Dann und wann läßt er sogar so etwas wie Umgangsformen erkennen, aber nur, wenn er Lust hat. Wehe dem, der ihm kritisch kommt – da kann der Junge richtig jähzornig werden. Für seine aggressiven Auftritte liebt ihn das Publikum umso mehr, wie einst das Großmaul Muhammad Ali. Nur daß Gates‘ sich nicht erst das Hirn weichklopfen lassen mußte, um der Größte zu werden.

Der theoretische Milliardär

Daß er aber der reichste Milliardär Amerikas sei, gehört ins Reich der Fabel. Denn der oft zitierte astronomische Börsenwert seines Windows-Konzerns ist fiktiv. Bill und sein Spezi Paul Allen hatten einst die nach Microsoft-Dividenden lechzenden Börsianer recht clever mit einem Bruchteil der Aktien abgespeist. Die Rechnung ging auf – solange die Nachfrage an der Wall Street das Angebot übersteigt, bleibt der Kurs oben. Würfe Gates auch nur die Hälfte seiner Anteile auf den Markt, der Kursverfall würde ihn im Handumdrehen um eine Milliardensumme ärmer machen. Armer Bill-Ionär: Sein Reichtum existiert nur auf dem Papier der Forbes-Hitliste.

Millionen Kunden können nicht irren.

Mit Computern ist es wie mit dem Essen: Es muß kein Kaviar sein. Zum Beispiel hat jeder Erdenbürger, statistisch gesehen, mindestens sieben Mal bei McDonald’s gegessen – Bill Clinton noch öfter. Durch bewußten Verzicht auf große kulinarische Ansprüche und professionelle Werbung wuchs die US-Bullettenbraterei zum erfolgreichsten Gastronomieunternehmen aller Zeiten.

Ähnlich funktioniert das Marketing von Microsoft: Orientiere Dich nicht an den Bedürfnissen der Elite – wer mitreden kann, macht Dir bloß Ärger. Schau lieber dem Volk aufs Maul. Gib den Kunden, die der Qual der Wahl nicht gewachsen sind, das Gefühl, Du verstündest ihre Nöte – dann fallen mindestens 90 Prozent des Marktes vor Dir auf die Knie. Empfiehl Dich den Mühseligen und Beladenen als Seelsorger, und sie empfehlen Dich weiter. „Für die DV-Anwender“, schreibt die deutsche Microsoft GmbH in einer Einladung, „stellt sich in der gegenwärtigen Umbruchphase die Frage: Wie soll man sich im neuen Zeitalter der Unabhängigkeit von einzelnen Herstellern orientieren? Microsoft bietet diesen Anwendern Orientierung…“

Ist das nicht nett? Jetzt braucht wieder keiner selber zu denken, wie ehedem in der Großrechnerwelt von IBM.

Der Anwender haßt perfekte Software.

Man stelle sich einmal das Geschrei vor, wenn ein Kfz-Hersteller ein neues Auto ausliefern würde, dessen Räder bei Tempo 100 plötzlich blockieren oder dessen Airbag sich beim Betätigen des Blinkers aufbläst.

Großen Softwarehäusern nimmt vergleichbare Pannen niemand krumm. Kündigt ein so bekanntes Unternehmen wie Microsoft eine „New Technology“ an, gieren viele Anwender sogar danach, die Software als allerallererste zu bekommen, selbst wenn sie noch gar nicht fertig ist. Für diese Bitbastler gibt es nichts Schöneres, als höchstselbst an den Kinderkrankheiten herumzudoktern. Dafür wollen sie kein Geld, im Gegenteil, sie bringen sogar noch welches mit – etwa als Beitrag für eine User Group, deren Mitglieder an Vorabversionen herangelassen werden und darauf mächtig stolz sind. Allein an der Erprobung von Windows NT arbeiten 9.000 Kunden (weltweit 80.000) als „Betatester“ – während der von ihren Chefs bezahlten Arbeitszeit. Microsoft bekommt so nicht nur ein besseres Produkt, sondern spart zur Freude seiner Aktionäre auch noch ein hübsches Sümmchen.

Ach ja, was sagt eigentlich Hans Kamutzki, Geschäftsführer der Windows User Group, zum unfertigen NT? „Daß es noch nicht auf dem Markt ist, sehen wir mit Bedauern.“ Solche Verbraucherschützer braucht die Industrie.

Wir brauchen keine Visionen.

Die amerikanische Computerwissenschaft hat überragende Köpfe hervorgebracht, die mit ihren Visionen ihrer Zeit oft weit voraus waren. Alan Kay zum Beispiel, dessen „Dynabook“-Konzept schon in den siebziger Jahren den Personal Digital Assistant gedanklich vorwegnahm. Oder Adele Goldberg mit ihrer objektorientierten Programmierung. Sogar Steve Jobs, der im Xerox Palo Alto Research Center brachliegende Ressourcen entdeckte und im Macintosh auf den Markt brachte.

Keiner von diesen hochintelligenten Vordenkern spielt auch nur entfernt die Rolle in der Branche wie der schlaue Kaufmann Gates, dem visionäres Denken zutiefst wesensfremd ist. Sein Talent liegt woanders: Er wittert Geschäfte 5000 Meilen gegen den Wind.

Ein Visionär hätte schon 1981 erkannt, daß die 640 Kilobyte des Quick-and-Dirty Operating System (Q-DOS alias MS-DOS) zu wenig sind. Er hätte auch keine zehn Jahre gebraucht, um den technischen Vorsprung des Apple Macintosh aufzuholen. Und die berühmte Gates-„Vision“ namens „Information at your fingertips“? Das Werk eines pfiffigen Puzzlespielers: Der MS-Boß brauchte nur die vielen bunten Steinchen, die andere Leute gemeißelt hatten, zu einem hübschen Mosaik zusammenzufügen. Es ist das altvertraute Strickmuster von MS-DOS: Warum selber machen, was man kaufen kann?

Software vom Bill-igen Jakob

Wer reich ist, muß gönnen können. Selbstverständlich hat unser Freund Bill ein großes Herz für arme Anwender. Zumindest, wenn sie in Amerika wohnen. Damit sich die Kids nicht beim Piraten um die Ecke eine illegale Kopie kaufen müssen, gewährt er ihnen schon mal einen Supersondersubskriptionspreis von 99 Dollar für ein neues Datenbankprogramm, für das deutsche Anwender mit 995 Mark den sechsfachen Einführungspreis berappen sollen. Allerdings nur unter einer Bedingung: daß er mit seiner Offerte gleichzeitig einem frech gewordenen Konkurrenten wie Borland-Boß Philippe Kahn die Suppe versalzen kann.

Echt großzügig gibt sich Bill nur bei Großkunden. PC-Herstellern, die Zigtausende von Geräten in den Markt drücken, offeriert er verführerische Paketpauschalen für MS-DOS, Windows und Anwendungsprogramme. Die cleverste Idee ist die „DOS-Steuer“: Wer eine Betriebssystemlizenz für seine gesamte PC-Produktion erwirbt, zahlt durchschnittlich gerade noch 20 Mark für MS-DOS. Wundert sich da noch jemand, warum so wenige Händler DR-DOS anbieten?

Harte Einstiegsdrogen für Softjunkies

Als Hewlett-Packard-Chef Lew Platt im Juni stolz den Zwergcomputer Omnibook 300 präsentierte, der ab Werk mit DOS, Windows, MS-Word und Excel bestückt ist, wagte ein Reporter die häretische Frage: „Und wenn ich keine Microsoft-Programme mag?“

Solches sei, wurde dem Mann beschieden, eigentlich nicht vorgesehen, denn die ins ROM eingebrannte Software sei schließlich vom Feinsten; er könne sein Wunschprogramm ja in den Flash-Memory laden.

Allerdings schienen die Herren auf dem Podium, unter ihnen Bill der Größte, es eher als gelungenen Witz anzusehen, daß jemand einer anderen Softwaremarke den Vorzug geben könnte. Das Produktkonzept ist ja auch unmißverständlich: Wenn der Außendienst nur noch Microsoft hat, muß man eben die Computer im Büro an die Notebooks anpassen – statt wie bisher umgekehrt. Für Wordperfect, Lotus 1-2-3 und Paradox hieße das dummerweise „Delete“. Der nächste Schritt liegt nahe: Microsoft-ROMs auch für Desktop-PCs.

Wettbewerb der Halsabschneider

Unterstellt man ihm unfaires Verhalten gegenüber seinen Mitbewerbern, wird Bill Gates so aggressiv, als habe man mit der glühenden Nadel sein schlechtes Gewissen angepiekst. Die Vorwürfe sind nicht neu, aber ernst: Microsoft baue in seine Betriebssysteme geheime Funktionsaufrufe ein, die ausschließlich für die Entwickler von Word, Excel und Access bestimmt seien, störe mit verfrühten Produktankündigungen das Geschäft der anderen, reiße sich gute Ideen unter den Nagel, ohne sie gebührend zu honorieren. Inzwischen warnte Mike Maples, einer der einflußreichsten Microsofties, den Firmen Sun, Novell und IBM sogar unverblümt, daß künftige DOS- und Windows-Anwendungen auf deren Betriebssystemen nicht mehr laufen würden.

Im amerikanischen Slang heißt dieser Stil „Cutthroat Competition“; im deutschen bleibt die Gurgel heil: Verdrängungswettbewerb. Zwei der Unterlegenen versuchen es jetzt mit einer ungewohnten Taktik: Borland und Wordperfect verbünden sich gegen den großen Bruder. Sehr ungewöhnlich: Bei Bündnissen in der Softwareindustrie heißt einer der Partner sonst immer Microsoft.

Eine gute Rechtsabteilung ist Gold wert.

Alle wollen Microsoft ans Leder: Produktpiraten treiben den Konzern mit ihren MS-DOS-Blüten fast an den Rand des Ruins. Apple will beweisen, daß Windows ein Plagiat der Macintosh-Software ist. Ehemalige Geschäftspartner wie die Stac Electronic, deren Datenkompressor Stacker als Element von DOS 6.0 „Doublespace“ heißt, fühlen sich geprellt und ziehen rudelweise vor den Kadi. Nicht zuletzt hat die US-Kartellbehörde FTC Microsoft seit Ewigkeiten auf dem Kieker.

Bill, der Anwaltssohn, hat für so etwas seine Leute. Eine Rechtsabteilung mit hochprofessionellen Experten für prozessuale Retourkutschen, Dementis, Verzögerungsstrategien und Drohgebärden. Keine juristische Spitzfindigkeit ist ihnen fremd. Angreifer wie Stac etwa bringen sie mit Widerklagen einstweilen in die Defensive. Auch ausgebuffte Profis beißen sich die Zähne aus: Nicht einmal die cleveren Apple-Anwälte, die vier Milliarden Dollar Schadenersatz fordern, oder die FTC-Juristen haben bisher eine Handhabe gegen Gates‘ gnadenloses Geschäftgebaren gefunden.

If you can’t beat him, join him.

Macht macht platt – und sexy. So führt Microsofts stetiges Wachstum nicht nur dazu, daß kleine Softwarehäuser keine Geldgeber mehr finden, wenn sie gegen den Riesen aus Redmond anstinken wollen. Bei anderen Hardware- und Softwarefirmen wird das Gates-Unternehmen zusehends beliebter. Hasso Plattner, Vizechef von Deutschlands größter Programmiererei, der SAP AG in Walldorf, hat beispielsweise sein Herz für Windows NT entdeckt. Computerhersteller NCR ist „ein Herz und eine Seele“ mit Microsoft. Partnerschaften dieser Art sind, so Geschäftsführer Haink, das „Herz von Microsoft“. Poetisch, gell?

Wir kennen uns selbst nicht mehr

Wie alt ist eigentlich MS-Windows? Dieses Geheimnis verrät uns der Geschäftsführer der Microsoft GmbH, Jochen Haink, in einer Zeitungsbeilage zum Zehnjährigen seiner Firma: „Mehr als 6000 Programme gibt es für das erst drei Jahre alte Windows.“

Moment mal, so neu noch? Nein, Haink irrt. Die Werbeagentur weiß es besser: „1985 war das Mittel (gegen die Angst vor dem PC) erfunden: Microsoft Windows.“ Nee, stimmt doch noch immer nicht. Da haben wir’s: „Das Unternehmen verfolgt seine Ziele mit einer unbeirrbaren Beharrlichkeit. So haben wir etwa zehn Jahre an der Durchsetzung der graphischen Benutzeroberfläche für den PC gearbeitet – obwohl Windows in den Anfängen in keinster Weise die Akzeptanz erfahren hatte, die wir anstrebten.“ Dies schreibt wieder Haink, damals (wie weit über 90 Prozent der heutigen Mitarbeiter) noch längst nicht im Unternehmen. Aber jetzt hat er wenigstens den Richtigen gefragt.

NT: Der Anwender muß dran glauben

Vor ein paar Jahren erregte in der Wirtschaftspresse die Nachricht Aufsehen, daß einige der erfolgreichsten Computerunternehmen sogenannte Evangelisten beschäftigen – eine Art Business-Missionare, die frohe Botschaften über neue Technologien unter die Leute bringen. Besonders gelungen scheint dieser fromme Marketingansatz bei Microsoft, wo offenbar gleich ein Neues Testament (NT) geschrieben wurde: Mancher, für den Unix eine Glaubensfrage zu sein schien, hat sich bereits bekehren lassen.

Einem solchen Produkt steht gewiß eine große Zukunft bevor. Es müssen in der Softwarebranche einfach nur viele dran glauben.