Digital-naiver Maoismus

Es ist doch immer wieder schön, wenn man sich eine nicht ganz mehrheitsfähige Meinung gebildet hat, diese so bescheiden wie beharrlich vertritt –  und plötzlich ganz überraschend ein Prominenter auf den Plan tritt, der viel weiter geht, der viel radikaler denkt, der viel stärker pointiert und polarisiert.

Deshalb bin ich Jörg Häntzschel und der Süddeutschen Zeitung dankbar, dass sie im Feuilleton der Printausgabe (wenn auch leider nicht auf der Aufmacherseite) einen Fünfspalter mit der Headline „Google ist das Äquivalent zur Kommunistischen Partei“ publiziert haben: ein Interview mit Jaron Lanier, einem amerikanischen Intellektuellen, Künstler und Unternehmer, der schon im Cyberspace unterwegs war, als die so genannten Digital Na(t)ives unserer Tage noch nicht mal am analogen Schnuller genuckelt haben. Den ersten Text über ihn bekam ich vor 20 Jahren „Digital-naiver Maoismus“ weiterlesen

Staatsknete für die Presse?

Preisfrage: Wer denkt sich so etwas aus?

Öffentliche Aufgabe der Medien bedingt öffentliche Finanzierung

Die Medien und ihre Journalisten haben im demokratischen Staat eine wichtige öffentliche Aufgabe. Öffentliche Aufgaben müssen auch öffentlich, d.h. durch den Staat finanziert werden. Eine Pflicht Privater, öffentliche Aufgaben wahrzunehmen und zu bezahlen, gibt es nicht. Soweit eine öffentliche Aufgabe von Privaten – Verlagen oder Journalisten – tatsächlich wahrgenommen wird, hat der Staat entsprechende Subventionen zu gewähren. Diese können – und müssen – in Privilegien (z.B. Abschaffung der Umsatzsteuer für Presseerzeugnisse, keine GEZ-Gebühr für Journalisten, Freibeträge bei Lohn- und Einkommensteuer, etc.) oder direkten Zuschüssen bestehen. Der DJV duldet es nicht, dass der Staat unseriöse Banken und kriminelle Börsenzocker mit Hunderten von Milliarden alimentiert, Journalisten aber der Verelendung überlässt – Journalisten und Medien sind „systemrelevant“. „Staatsknete für die Presse?“ weiterlesen

Aktualisiert: Ich hab‘ doch nur zitiert, sprach der Blogger

Original-Post (1.11.): Habe vorhin mal wieder bei Bluelectric vorbeigeschaut und habe gemerkt, dass man nicht mal einen Tag offblog sein kann, ohne eine Diskussion zu verpassen, bei der man sich ans Hirn zu langen fast gezwungen ist.

Es geht um eine freie Journalistin, die von Manhattan aus Reiseberichte und Bücher schreibt sowie tazblogt und sich auf etwas brachiale Art gegen Urheberrechtsverletzer wehrt.

Es ist ziemlich anstrengend, sich durch die endlosen Kommentarspalten bei Niggemeier, Spreeblickjohnny, Carta, Freischreiber & Co. zu kämpfen. Aber wer eine Master Thesis im Fach Kommunikationswissenschaft über die kommunikativen Gräben zwischen erwerbsmäßigen Journalisten und Hobbybloggern schreiben will, findet sicherlich reiche Ausbeute.

Und hier ein bisschen Senf von mir.

Nachtrag (3.11.): Den Senf hätte ich mir sparen können. Niggemeier-Leser schreiben lieber als zu lesen. Argumente? Ach, egal. Wir haben doch schon eine Meinung. Und es gibt doch noch so schöne Off-topic-Aufreger: Die Autorin aus New York/Berlin hatte tatsächlich die Chuzpe, ihr eigenes Buch per Kundenrezension bei Amazon zu bewerben und sich fünf Sternchen zu geben nehmen. Das ist so dreist, dass es fast schon wieder genial ist. Und Hand aufs Herz: Würde irgendein Autor sein eigenes Buch mit nur einem Stern bewerten? 😉 Jedenfalls hat dieser Fauxpas ein "Möbchen" (Detlef Gürtler) auf den Plan gerufen, das jetzt die positiven Fremdrezensionen des Buchs in den Orkus zwonullt – man darf annehmen: ohne das Buch gelesen zu haben. Ein Mensch hat sich sogar die Mühe gemacht, einen kleinen Verriss zu schreiben – mit ganz offener Anspielung auf die skandalöse "Schleppnetzfahndung" der Autorin nach harmlosen Plagiatoren.

World Wide Kindergarten oder was?

Nachtrag (6.11.): Johannes Boie von der Süddeutschen hat von Eva Personanongrata Schweitzer erfahren, wie die Schleppnetzfahndung zustandekam. Ein Lehrstück darüber, dass man als Journalist um Abmahnjuristen besser auch dann einen Bogen macht, wenn sie vorgeben einem helfen zu wollen. Dennoch bleibt festzuhalten: Viele, die Eva Schweitzer vorwärts, seitwärts und rückwärts durch den Sauermilchkakao schleifen und dann noch in Kaba pudern, zeichnen sich aus durch ein Rechtsverständnis, das mindestens ebenso befremdlich ist wie das ihrige.

Noch ’ne Metapher? Voilà: Stefan Niggemeier hätte eine Menge Arbeit, wollte er die Scherben aller Glashäuser wegfegen, die seit dem 30. Oktober in seiner Kommentarspalte zu Bruch gegangen sind.

Geht der Journalismus stiften?

Man verzeihe mir bitte das Wortspiel, denn ich habe es aus einer guten Zeitung geklaut. In der Süddeutschen war es die Familie zu Guttenberg, die "stiften geht", indem KTs Bruder das familäre Schloss in eine österreichische Stiftung einbringt.

Wenn der Journalismus stiften gehen muss, geht es hoffentlich nicht um Denkmalpflege; das Thema ist auch so ernst genug. Kernfrage dieses erfreulich langen ausführlichen Beitrags vom elektrischen Reporter und Diplom-Agnostiker Mario Sixtus: Wer hat genug pinke-pinke, wer bezahlt noch politischen Journalismus, welcher dem gemeinen Inserenten am Allerwertesten entlangschrammt, wenn die traditionellen Qualitätszeitungen (ich höre schon wieder die hämischen Zwischenrufe derer, die glauben, dass die Demokratie nur ein paar Blogger braucht) über die Wupper gehen?

Der Beitrag ist übrigens ein schönes Beispiel dafür, dass Networking und Arbeit für klassische Medienunternehmen kein Gegensatz sind. Wer das Jonet kennt, trifft in dem Video(-blog) alte Bekannte, die zwischen der analogen und der digitalen Medienwelt wandeln.

Tunichtgut & Sprichnichtdrüber

"Öffentlichkeit machen" – so hieß etwas unscharf das Motto des Kongresses, bei dem ich soeben die Ehre hatte, mich auf dem Podium zuerst in einen sonderbar plüschigen Sessel und sodann in die Nesseln setzen zu dürfen. Mein Publikum: Mitglieder des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV), die sich für PR interessieren, viele von ihnen Freie, die ohne Einkommen aus der "Auftragskommunikation" kein so gutes Auskommen hätten. Mein Part in der Diskussionsrunde war der des kritischen Wirtschafts- und Medienjournalisten, der zwischen Oberkommunikatoren von Bahn und Post, einem Krisenkommunikationsexperten und dem PR-Magazin-Chef Thomas "Roki" Rommerskirchen die Sicht derer vertrat, deren Arbeit dem einen oder anderen Unternehmenskommunikator die eine oder andere Kommunikationskrise einbrockt: Eine Krise liegt bekanntlich nicht dann vor, wenn irgendwo etwas Schlimmes passiert ist, sondern wenn die Öffentlichkeit erfährt, es sei irgendwo etwas Schlimmes passiert. Nur was die Leute wissen, macht sie heiß (unabhängig vom Wahrheitsgehalt, wie jeder Spin Doctor weiß).

Machen wir unseren Job gut, sind die Welt und ihr mediales Abbild weitgehend deckungsgleich: Dann berichten wir über alles, was schlimm ist, und es ist auch wirklich alles schlimm, von dem wir behaupten, es sei schlimm. „Tunichtgut & Sprichnichtdrüber“ weiterlesen