VG Wort: Sieg der Vernunft

Gestern war ein denkwürdiger Tag für die Verwertungsgesellschaft Wort. Erstmals verabschiedeten die Mitglieder einen regulären Verteilungsplan, der es den Urhebern überlässt, zu entscheiden, ob ihre Verleger ein Stück vom Kuchen abbekommen – etwas, das früher eine Selbstverständlichkeit war. Und nicht nur das: Zwei der drei Verleger-„Kurien“ votierten einstimmig für diese Regelung, die dritte mit einer Fünf-Sechstel-Mehrheit, was man ohne Übertreibung als sensationelles Ergebnis bezeichnen kann. Schließlich erfahren die Verleger nicht einmal, welche Autoren ihnen wohlgesonnen sind und welche nicht. Sie setzen sich quasi unserer Willkür aus.

Aus Autorensicht ist der neue Verteilungsplan der beste, den es je gab, denn endlich ist auch eine Altlast beseitigt, die aus der Zeit der VG Wissenschaft stammt. Diese Verwertungsgesellschaft war 1978 von ihrer großen Schwester geschluckt worden – unter der Prämisse, dass ihr verlegerfreundlicher Verteilungsschlüssel nicht angetastet wird. Während die VG Wort den Autoren 70 Prozent ihrer Einnahmen gutschrieb, zog die VG Wissenschaft die Hälfte als Verlegeranteil ab. Als „Abteilung Wissenschaft“ der VG Wort teilte sie ihre Töpfe weiter halbe-halbe zwischen den beiden Empfängergruppen auf. Deshalb bekamen Fachjournalisten für Texte in Heften, die bei der „Wissenschaft“ gemeldet wurden, einen geringeren Anteil ab als andere Print-Journalisten. Damit ist jetzt Schluss: Fachjournalisten werden mit ihren nicht fachlich ausgerichteten Kollegen gleichgestellt. Alle bekommen mindestens 70 Prozent – oder, wenn sie das wollen, den ganzen Kuchen.

Natürlich kann man als Autor an diesem Kompromiss, auf den sich Mitglieder der Bewertungskommission am Rande der Leipziger Buchmesse verständigt hatten, etwas zum Meckern finden. Man könnte zum Beispiel die Position vertreten, dass eine angemessene Beteiligung der Verleger an den Reprografie-Einnahmen eher bei 20 Prozent liege – und zwar unabhängig davon, ob es sich um General-Interest- oder Special-Interest-Objekte handelt. Doch die Sache ist ganz einfach: Die 30-Prozent-Marke stellt derzeit die Schmerzgrenze dar. Eine 80:20-Aufteilung hätten die Verleger in den Gremien der VG Wort nicht mitgetragen. Wir hätten dann jetzt keinen Verteilungsplan, und für längere Zeit bekäme niemand einen Cent.

Zudem hätte die Gefahr bestanden, dass viele Verleger ihre weitere Mitgliedschaft in der VG Wort für sinnlos gehalten und ausgestiegen wären, um ihr Glück in einer eigenen VG zu suchen, die in Konkurrenz zur VG Wort treten und offensiv Lobbyarbeit für ihre Vorstellungen von der Beteiligung an der Gesetzlichen Vergütung betreiben würde. Dies wäre der Worst Case gewesen: Geschäftsgrundlage der Verträge, denen die VG Wort den Löwenanteil ihrer Einnahmen verdankt, ist die gemeinsame Rechtewahrnehmung. Bräche nämlich unsere VG entzwei, müsste alles neu verhandelt werden. Die Industrie würde ihre Zahlungen einstellen, und es gäbe erneut jahrelange Prozesse, bis irgendwann wieder Geld flösse.

Zur Erinnerung: Das Geld, das jetzt zur Ausschüttung ansteht, wird zum Teil für Texte bezahlt, die wir vor 15 Jahren geschrieben haben. Wer damals an der Schwelle zum Rentenalter stand, kann von Glück sagen, wenn er die Zahlung überhaupt noch erlebt. Ein Teil wird definitiv schon an Hinterbliebene bezahlt.

Diese Erwägungen sind alle lange bekannt. Dennoch will eine kleine Minderheit der Autoren nach wie vor die Verleger aus der VG Wort herausekeln. Dieses ideologisch motivierte Ziel ist diesen Leuten so wichtig, dass sie gegen den Verteilungsplan votierten – also fanden, gar keine Ausschüttung sei besser als eine, bei der Autoren den Verlegern freiwillig und anonym etwas abgeben dürfen.

Wer diese Fundis sind, darüber könnte ich nur spekulieren. Aufgrund der neuen Möglichkeit, bis zu zehn Stimmen auf einen Bevollmächtigten zu übertragen, waren offene Abstimmungen mit in die Luft gehaltenen Stimmkarten nicht mehr praktikabel. So weiß ich nur, dass die Anti-Fraktion krachend an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert wäre, wenn es denn so etwas bei uns gäbe.

Überhaupt war gestern schön zu beobachten, wie den Personen, die sich an der VG Wort seit längerem abarbeiten, die scharfe Munition ausgeht. Es gibt zwar immer noch den einen oder anderen komischen Vogel (dessen Vorname nicht Martin lautet), der in Ankläger-Attitüde ans Saalmikrofon tritt und sich wohl als Richter im Rampenlicht gefiele (Licht aus! Spot an!). Kollegen also, die 150-prozentige Transparenz fordern, nur leider nicht von jener geheimbündlerischen Autorengruppe, die aus dem Off der finnischen Provinz heraus auf die VG Wort 8 zu geben behauptet. Aber wer den Redebeiträgen lauschte und miterlebte, wie sich gleich vier als Anträge camouflierte Misstrauensbekundungen zu heißer Luft verdünnisierten, wird konstatieren, dass an diesem Tag die Vernunft siegte. Die Opponenten vom Herbst stimmten zu. Und selbst der in den Freischreiber-Himmel gelobte Doktor Vogel fand nur noch Petitessen, an deren er gemäßigt herummäkeln konnte.

Again What Learned!


Den folgenden Text habe ich schon vor ziemlich langer Zeit geschrieben und dann unveröffentlicht ruhen lassen, damit sich niemand unmittelbar auf den Schlips getreten fühlt. Er scheint mir aber zeitlos zu sein, wenn ich höre, was Kollegen so über das heute „Content Marketing“ genannte Schreibgewerbe erzählen. Die Überschrift habe ich Bayern3 geklaut, es ist Loddamaddäus-English.

Tatsächlich kann man alt werden wie eine Schindmähre und 30 Jahre Berufserfahrung haben, man lernt immer noch dazu. Ich werde jetzt keine Namen nennen, aber es wäre schön, wenn ich dazu beitragen könnte, dass wir Kommunikationsprofis etwas professioneller miteinander kommunizieren. Meine Lektion fällt unter die Rubrik „Corporate Publishing“ (CP) „Content Marketing“ (CM), sprich: Kundenmagazine. Und sie lässt sich auf den kurzen Nenner bringen: Von manchen Aufträgen lässt man besser die Finger.

Alarmzeichen 1:

Die Wertschöpfungskette ist zu lang oder verzweigt sich auf zu viele Subunternehmer.

Konzern A beauftragt CM-Tochter von Medienkonzern B, die wiederum die Chefredaktion dem freiberuflich tätigen Kollegen C, die Bildbeschaffung der ebenfalls freien Kollegin D und die Gestaltung dem Grafikstudio E überträgt, während die freien Autoren F bis K die A-internen und -externen Zitatgeber befragen und die freien Fotografen L bis P die Bilder schießen. F bis P müssen nun konstruktiv, effizient und pragmatisch mit C, D und E zusammenarbeiten, was dadurch erschwert wird, dass alle oder fast alle parallel Aufträge anderer Kunden auf dem Tisch haben, und jeder nur seine Deadlines kennt, aber keinen Überblick über den gesamten Produktionsprozess hat, so dass er auch nicht erkennen kann, ob der Gesamtplan realistisch ist.

Alarmzeichen 2:

Der Chefredakteur ist Einzelkämpfer.

Auf der Website von Kollege C findet sich kein Lebenslauf, dem zu entnehmen wäre, dass er einige Jahre als Chefredakteur, Chef vom Dienst oder zumindest Ressortleiter Mitverantwortung für redaktionelle Prozesse getragen und (freie oder angestellte) Mitarbeiter geführt hat. Leuchtet zugleich Alarmlampe 1, Weiterlesen

Wenn Urheber an Satzungen herumbasteln

Meine ganz speziellen Freunde von den Freischreibern verweisen in ihrem aktuellen Newsletter auf eine neue Aktivität jener geheimnisvollen Autoren-Initiative, die sich VG Info nennt. Die Suche nach der Adresse, die im Impressum steht, führt uns in die finnischen Wälder. Dort scheint eine Freischreiberin, die in der nächstgelegenen Stadt mal zur Schule ging, noch einen Wohnsitz Briefkasten zu haben.

Die Urheberschaft an dem Text, um den es geht, ist unklar, denn außer dieser einen Autorin sind keine weiteren Mitwirkenden namentlich bekannt.

Jedenfalls haben sich besagte Dame und/oder ihre möglichen Mitstreiter an der Satzung der VG Wort vergriffen – in einem wahrscheinlich gut gemeinten Akt. Leider ist es maximal das: gut gemeint. Die Personen, die sich da vorgenommen haben, die Satzung zu entrümpeln, würden das Gegenteil dessen erreichen, was ihr vorgebliches Ziel ist, nämlich die Position der Urheber zu stärken. Zu diesem Zweck würden sie gerne den „Wasserkopf“ abschaffen, dessen Teil ich bin – und zwar den Verwaltungsrat einschließlich seiner Kommissionen. Es gäbe auch keine Berufsgruppen mehr, nur noch einen Vorstand und eine Mitgliederversammlung. Mit anderen Worten: Es gäbe niemanden mehr, der sich stellvertretend für die Autoren in die vertrackte juristische Materie einarbeitet und den Vorstand kontrolliert. Auf die Politik übertragen ist das so, als würde das Volk die Mitglieder der Bundesregierung direkt wählen, aber kein Parlament – und es gäbe weder Parteien noch irgendwelche Fachgremien. Die Idee ist so grotesk, dass man am Urteilsvermögen der Autorenkollegen zweifeln muss, für die unsere Kollegin aus dem Hohen Norden da stellvertretend ihren Namen hergibt, indem sie sich ins Impressum eintragen ließ.

Nun kann ich damit leben, wenn einzelne Ignoranten meiner ehrenamtlichen Arbeit keine Wertschätzung entgegenbringen. Was mich wirklich fassungslos macht, ist der Umstand, dass die Freischreiber als Verein sich dafür hergeben, dieses unüberlegte und unausgegorene Zeug auch noch bekannt zu machen, anstatt gnädig den Mantel des schamhaft-betretenen Wegschauens darüber zu werfen. Die blinde Entrümpelungswut der VG-Wort-Hasser von VG Info geht nämlich so weit, dass sie sogar den aufgrund des neuen Verwertungsgesellschaftengesetzes (VGG) 2016 neu in die Satzung aufgenommenen § 8 ersatzlos streichen würden („Ausübung von Mitgliedschaftsrechten in elektronischer Form“). Dieser Paragraf soll ja ausdrücklich die Rechte der Mitglieder stärken. Es kann doch nicht sein, dass unsere Journalistenkollegen vom Konkurrenzverein Freischreiber e.V. vorher nicht lesen, was sie da verlinken. Oder wollen sie künftig auf geregelte Mitsprache verzichten?

Hinweis: Ich habe diesen Text am 3.4.2017 in ein paar ziemlich nebensächlichen Punkten, die jemandem sehr wichtig waren, leicht bearbeitet. Ich kann ja nicht zulassen, dass jemand, der mich für den Teil eines organisatorischen Wasserkopfs hält, meinetwegen unglücklich ist. Außerdem habe ich zwei Kommentare gelöscht, die sich auf diese Punkte bezogen und jetzt nicht mehr verständlich wären.

Purple Pizza für Zörner oder Die Rache des Orange Blowdryer

Matthias Platzeck hat dem deutschen Ableger von Russia Today neulich ein Interview gegeben. Das war ziemlich dämlich und pure Zeitverschwendung. Kein Kopp-Kunde, Reichsdeppenbürger, Querfrontler oder Chemtrailgläubiger wird deshalb SPD wählen.

Leserkommentare bei deutsch.rt.com

Hendrik Zörner, Pressesprecher meines Berufsverbandes DJV, hat sich über diesen Auftritt des früheren brandenburgischen Ministerpräsidenten so geärgert, dass er einen deftigen Rant gebloggt hat, wobei ihm der Lapsus unterlief, „RT deutsch“ für den ersten russischen Sender gehalten zu haben, der den „Fall Lisa“ kolportierte. Der Irrtum ist bedauerlich und ärgerlich, allein schon weil es peinlich ist, bei einer Propagandaschleuder um Entschuldigung bitten zu müssen, aber er bleibt ein Irrtum. Wer sich als Medienprofi auch nur ein bisschen mit der Arbeitsweise der staatsfinanzierten russischen Medien befasst hat, wird Zörner auch hinsichtlich dessen mildernde Umstände zugestehen, was aus besagtem Irrtum erwuchs: eine polemische Äußerung gegenüber RT deutsch und später, als er auf den Irrtum hingewiesen wurde, eine emotionale, impulsive Abwehrreaktion. Anders gesagt: Sein Schuss ging daneben, weil es die falsche Munition war, aber das Ziel war grundsätzlich kein Verkehrtes.

Die Redaktion von RT deutsch hätte jetzt souverän reagieren und den Angreifer dumm dastehen lassen können, um den Eindruck zu erwecken, der Vorwurf „Propagandaschleuder“ sei unberechtigt. Das hat sie aber nicht. Sie meldete die Entschuldigung im Stil einer veritablen Propagandaschleuder:

„Deutscher Journalistenverband entschuldigt sich für Verbreitung von Fake News über RT Deutsch“

Sie ließ sogar einen Schreiber ran, der entweder bei Hans Werner Conen (Achtung: Insidergag für DJVler!) in die Lehre gegangen ist oder dessen Stil bis in die letzten Nuancen zu kopieren versteht. Sowohl die Tonalität als auch die Stoßrichtung der verbalen Attacken lösen bei Kennern der Szene ein Déjà-vue aus. Jemand schlägt den Pressesprecher, der ihm eigentlich egal ist, um den Verband zu treffen.

Nun fehlen nur noch die Claqueure zu einem echten Conen-Lookalike-Contest. 56 Kommentare kamen zusammen. Nur zwei tragen Namen, die unter Umständen echt sein könnten – „Fritz Otto“ und „Manni Guerth“. Ein Kommentar kommt aus der „Reichsbürger“-Ecke Sachsen-Anhalts („Gardelegen staseve“; Gardelegen ist ein Ort, Staseve steht für Staatliche Selbst-Verwaltung“, einen in der Szene gängigen Terminus). 13 Diskutanten verwendeten irgendwelche Allerwelts-Nicknames. Aber doppelt so viele bastelten sich nach einheitlichem Schema Aliasse zusammen wie aus Legosteinen: Vorname = Farbe, Nachname = Gegenstand, alles jeweils auf Englisch.

Hier ist die Liste, nach Farben sortiert:

Blue Bottle, Blue Controller, Cyan Bottle, Cyan Mustache, Cyan Raindrop, Cyan Scooter, Gold Battery, Gold Pumpkin, Green Tooth, Olive Blowdryer, Olive Ducky, Olive Hat, Olive Plane, Olive Submarine, Orange Blowdryer, Orange Cocktail, Orange Submarine, Orange Turtle, Purple Pizza, Purple Popsicle, Red Battery, Red Car, Red Dog, Red Planet, Red Popsicle, Red Wrench.

Wenn ich jetzt schreibe, „das sind nie im Leben 26 verschiedene Menschen“ oder „da waren Trollbots am Werk“, kommt sicher jemand angerannt und brüllt: „Fake News“. Na gut, dann schreibe ich’s nicht. Denke sich jeder sein Teil.

 

 

BGE-Freunde können nicht rechnen

„Weltgrößter BGE-Versuch in Kenia“, titelt das Social-Business-Magazin Enorm, „26.000 Menschen, 300 Dörfer, 12 Jahre, 0,75 Dollar am Tag – das sind die Eckpunkte des größten Experiments, das bislang zum bedingungslosen Grundeinkommen stattfinden soll.“ Tja, das stimmt schon mal nicht, denn das Budget des Experiments beträgt nur 30 Millionen Dollar. Wenn 26.000 Menschen je 75 Cent pro Tag erhielten, wären das 19.500 Dollar am Tag, binnen 12 Jahren oder 4383 Tagen also 85.468.500 Dollar.

Liest man weiter, erfährt man, dass weder 300 Dörfer Geld bekommen noch 26.000 Menschen 12 Jahre lang. Das fängt damit an, dass 100 Dörfer als Kontrollgruppe definiert sind; dort bekommt niemand auch nur einen Cent dafür, dass er sich der Neugier amerikanischer Möchtegern-Sozialwissenschaftler stellt, die sich damit brüsten, das größte Experiment der Weltgeschichte zu veranstalten

We’re running the largest experiment in history.“

Bleiben 200 Dörfer. In 160 von ihnen, also 80 Prozent, ist nicht nach zwölf, sondern schon nach zwei Jahren Schluss. Diese Gruppe mit 20.000 Teilnehmern wird noch einmal geteilt. Eine Hälfte bekommt monatlich ein Pro-Kopf-Grundeinkommen von 22,81 Dollar ausbezahlt, die andere Hälfte einen Einmalbetrag von 547,50 Euro. Nur die restlichen 40 Dörfer mit zusammen 6000 Bürgern nehmen an der Langzeitstudie teil. Bedingungslos, wie die enorm-Redaktion ausweislich ihrer Headline glaubt, ist das Grundeinkommen übrigens selbst dann nicht, wenn man die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Dorfgemeinschaft alternative-facts-technisch zur Nichtbedingung schönredet: Man muss erwachsen sein. Kinder gehen leer aus, und die Eltern bekommen das Grundeinkommen auch nicht als Kindergeld anvertraut.

Noch mal nachgerechnet:

20.000 mal 547,50 sind knapp elf Millionen Dollar. Die 6.000 Langzeitprobanden erhalten zusammen knapp 20 Millionen Dollar. Wenn die nötigen 31 Millionen zusammenkommen, wird man etwa anno 2030 einen Abschlussbericht erwarten können. Solange hat das Experiment also schon einmal keinen wissenschaftlichen Nutzen.

Ob es ihn je haben wird? Die Dörfer haben – zuzüglich Kinder und Jugendliche – eine durchschnittliche Einwohnerzahl von 125 (Zwei-Jahres-Probanden) beziehungsweise 150 (Zwölf-Jahres-Gruppe), also geschätzt 300 Einwohner. Ich kenne die Siedlungsstruktur nicht, aber die Spreizung dürfte so ausfallen, dass 1000 Einwohner schon den oberen Rand bilden. Das heißt: Das gesamte Experiment beschränkt sich auf Gemeinden, in denen jeder jeden kennt. Das dörfliche Sozialverhalten auf dem Land dürfte sich von dem in einer Großstadt wie Nairobi signifikant unterscheiden.

Welche Rückschlüsse man aus den Daten dann erst auf die Auswirkungen eines Grundeinkommens in, sagen wir, New York City oder dem Freistaat Bayern ziehen können soll, bleibt das Geheimnis der Empirie-Genies aus Amerika – und der deutschen Redaktionen, die unkritisch über solche „Studien“ berichten, bei denen Menschen in fernen Ländern in neokolonialer Manier zu Studienobjekten degradiert und für ihre Teilnahme mit einem Almosen abgespeist werden, das nicht einmal alle erhalten.