Internet der Hirngespinste

Das Feuilleton der Süddeutschen widmet sich in seiner heutige Spalte „Nachrichten aus dem Netz“ der Maschine-zu-Maschine-Kommunikation, kurz M2M, auch unter dem Schlagwort „Internet der Dinge“ geläufig – und gibt damit ein schönes Beispiel für sinnlose Kommunikation:

„Laut einer IBM-Studie werden schon im Jahr 2015 mehr als eine Billion Objekte Informationen über ihren Status über das Internet senden: Autos sind ebenso online wie medizinische Gerätschaften, Thermostate oder Glühbirnen und natürlich auch der viel zitierte, automatisierte und ans Netz angeschlossene Kühlschrank, der merkt, wenn die Milch alle ist und der schon seit vielen Jahren als fester Bestandteil durch diese Zukunftsvision geistert.“

Eine Billion? Ich konnte es nicht glauben, aber tatsächlich gibt es einige Quellen, denen zufolge IBM-Angestellte tatsächlich schon von einer „trillion“ (Amerikanisch für Billion) Dingen gesprochen haben. Das wären bei grob geschätzt zweieinhalb Milliarden Internetzugängen 400 Produkte pro Anschluss, bei Early Adopters also mindestens 1000. Und das schon in zwei Jahren.

Das das absurder Killefitt ist, muss man zwar wohl niemandem erklären, der nicht auf der Feuilletonistenwolke schwebt, dafür aber einen Taschenrechner bedienen kann. Interessant ist aber, aus welcher Zeit die fantastilliardische Zahl stammt. Tatsächlich lässt sie sich mindestens bis 2009 zurückverfolgen, ohne auch nur auf eine Originalquelle zu stoßen. Seit vier Jahren oder gar länger recyceln IBM-Leute, zum Beispiel Verkäufer und Marketingmenschen, immer wieder diesen Wert, ohne den Namen oder das Datum dieser angeblichen Studie zu erwähnen. Auch in als seriös geltenden Weltkonzernen gibt es also urbane Legenden, die sich halten, weil sie halt so gut klingen.

Eine Qualitätszeitung sollte jedoch Redakteure haben, die wissen, wie schnell Studien (so es denn in diesem Fall überhaupt jemals etwas gab, das diesen Namen verdient gehabt hätte) zu veralten pflegen, deren Forschungsgegenstand weit in der Zukunft liegt. 2009 gab es kaum mehr verinternetzte Gegenstände als die bekannten Computer, Smartphones und Tablets. Wer als Privatmensch irgendetwas anderes online hatte, war ein Exot. Auch in der Industrie war M2M kein Massenphänomen, bei dem jeder Arbeitnehmer an seinem Arbeitsplatz mehrere Online-Geräte vorgefunden hätte. Seither habe ich weniger von einem Boom dieser Technik mitbekommen als von Bekundungen der Macher, dass das alles wohl doch nicht so schnell vorangeht wie erhofft. Daran ändern auch Kameras oder Drucker mit WLAN-Modul nichts: Die tauschen Daten nur lokal aus und haben keine feste IPv6-Adresse.

Was die Gesamtzahl theoretisch M2M-tauglicher „Dinge“ angeht, kenne ich keine belegte Zahl für 2009, auch keine für 2012. Ich halte aber alles in allem eine niedrige zweistellige Milliardenzahl für realistisch. Und die soll sich bis 2015 verfünfzig- oder verhundertfachen? Wie denn? Dazu müsste jeder dieser besagten Gegenstände entweder einen WLAN-Sender enthalten oder seine Daten via Powerline oder gar Ethernet austauschen.

Haben Sie so etwas zu Hause, etwa eine Waschmaschine, die mit dem Smartbot des Miele-Callcenters telefoniert, wenn sie Sehnsucht nach dem Techniker hat? Wenn ja, kennen Sie noch jemanden? Haben Sie mal versucht, eine internetfähige Glühbirne zu kaufen? (Für einen Bezugsquellennachweis wäre ich Ihnen dankbar.)

Naja, vielleicht erkenne ich auch nur nicht, dass der Feuilletonkollege das alles total ironisch gemeint hat. Ein zarter Hinweis darauf könnte die Erwähnung des Kühlschranks sein, der merkt, wenn die Milch alle ist. Einen solchen Kühlschrank hat es nie gegeben, niemand wird ihn je bauen. Und zwar nicht nur, weil es dafür kein Geschäftsmodell und keine Nachfrage gibt, sondern weil es technisch nicht geht. Der Kühlschrank würde nur merken, ob eine Packung Milch in ihm steht, aber nicht, wann diese leer ist oder dass sein Besitzer die nächsten drei Tage auf Dienstreise ist und deshalb gar keine neue geliefert bekommen möchte.

Aber ich wette, so mancher Leser wird das jetzt wieder mal für bare Münze nehmen und glauben, dass Ingenieure und IT-Leute nichts besseres zu tun hätten, als so einen Big-Brother-Mist zu entwickeln, der dem Staat (oder Apple oder Amazon) hilft, die Ernährungsgewohnheiten der Bürger auszuspionieren. Es gibt ja auch Redakteure, die das Märchen mit der Billion weitererzählen.

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