Ungerührt remixed


Da die Kommentarfunktion bei Carta vorhin einen Schluckauf hatte, poste ich ein paar Gedanken zur aktuellen Remix-Diskussion einfach hier bei mir zu Hause.

Die Idee, grundsätzlich das „Remixen“ von Werkbestandteilen freizugeben, verleitet dazu, sie als Herabwürdigung derer zu sehen, die Werke schaffen – so wie die Werbung von Sendern wie Bayern 3, sie böten den besten „Musikmix“.

Es ist aber viel absurder und bösartiger.

1. Re-Mixen kann man nur etwas, das schon irgendwie gemixt (vermischt) worden ist. Schüttele ich etwas Durchgeschütteltes erneut durch, habe ich bestenfalls einen schaumigen Brei, ein Smoothie, aus dem man die Zutaten nicht mehr herausschmeckt. Insofern in das Wort genauso unpassend für künstlerische Leistungen wie „Content“ für journalistische Texte und Bilder. Eine kreative Leistung kann nur darin bestehen, bewusst Musikpassagen oder Tonspuren auf neue, kreative Weise abzumischen. Das ist das, worauf sich Andrew Noah Cap bezieht. Diese Tätigkeit, Kerngeschäft der DJs, ist quasi die moderne Form (oder Erweiterung) dessen, was früher ein Arrangeur gemacht hat. Man sollte also das Wort Remix meiden, wenn man von planvollem künstlerischem Umgang mit Werken spricht.

2. Sich von einer Idee inspirieren zu lassen, ist etwas anderes, als ein Zitat zu recyclen und sich anzueignen. Zitate kann man in den Mixer hauen, Ideen nicht.

3. Würde man „Remixe“ grundsätzlich freigeben, würden alle Dämme brechen, was die Arbeit von Journalisten und Fotografen betrifft. Als wäre es nicht schlimm genug, dass Bilder manipuliert und Aussagen aus dem Zusammenhang gerissen werden, würden derlei Unsitten und unethische Gebräuche ebenso legalisiert und legitimiert wie im akademischen Bereich Dissertationen à la Guttenberg und Schavan. Texte, die man sich heute noch selbstständig erarbeiten muss, würden degenerieren zu beliebigen Kompilationen von Passagen, die einer Vielzahl von Köpfen entsprungen sind. Der Wert eines vom Anfang bis zum Ende gedachten Textes würde sinken, weil irgendwann niemand mehr an so etwas gewöhnt wäre. Immer mehr Texte würden sich lesen wie schlechte Wikipedia-Einträge.

4. Entzöge man Fotos der Kontrolle der Fotografen, käme es zu einer massiven Zunahme juristischer Risiken. Gerade bei Bildern von Menschen unterliegen Fotografen oft nicht nur gesetzlichen Vorschriften, sondern auch zivilrechtlichen Verträgen, zum Beispiel bei Model Releases. Da geht es dann nicht mehr nur ums Urheberrecht des Fotografen, sondern auch um die Persönlichkeitsrechte des Fotografierten. Allerdings bräuchte sich niemand mehr über verfälschte Nachrichtenfotos mehr aufzuregen – weil das dokumentarische Foto, also das Bilddokument, endgültig tot wäre. Jedes einzelne Bild stünde unter Verdacht, ein Remix und damit wertlos zu sein, sein Informationsgehalt: Null.

5. Die Idee des freien Remixes fußt auf der absurden Prämisse, jedwede schöpferische Tätigkeit sei nur ein Neumischen von Altbekanntem, alle stünden auf den Schultern von Riesen.
Wie absurd das ist, erkennt man, wenn man fragt: Butter bei die Fische, wer sind denn ganz konkret diese Riesen? Wann haben sie gelebt? Und vor allem: Auf wessen Schultern standen sie?
Tatsächlich ist diese Gründungsthese der Piratisten in sich paradox. So pauschal, wie sie dahergeplappert wird, beschreibt sie eine Henne-Ei- oder Ei-Henne-Konstellation: Immer war schon vorher etwas da, was alles Spätere unbedeutend erscheinen lässt. Jeder vermeintliche Riese wird sofort klein gemacht, weil angeblich unter ihm schon jemand steht, der aber logischerweise selbst nur ein Scheinriese gewesen sein kann, weil auch unter seinen Füßen Schultern gewesen sein müssen.
Wenn es echte Riesen aber gar nicht gibt, wenn alles eine große Menschenpyramide gleich großer Wesen ist, warum werden dann nicht alle Werke in gleichem Umfang regemixt? Warum picken sich Remixer zufälligerweise immer Originale heraus, die kommerziell erfolgreich waren?
Sie tun das, weil sie wissen, dass diese Originale anders sind, originell, überdurchschnittlich kreativ. Sie tun es, weil es leichter ist, etwas Gutes zu variieren, zu interpretieren oder auch perfektionieren, als selbst etwas Originelles zu schaffen. Es gibt Riesen sui generis.
Böse gesagt: Remixe zu verherrlichen, ist eine Selbstrechtfertigungsstrategie der Mittelmäßigen und Einfallslosen, intellektueller Neid der Besitzlosen und eine Kriegserklärung an Vordenker, Avantgardisten, Innovatoren, Genies – im Grunde an jedwede intellektuelle Elite. Diese Elite sollten wir nicht schlechtreden, sondern ihr nacheifern und sie als Vorbild begreifen.
Wäre ich Karikaturist, würde ich das so zeichnen: Zwerg steht auf Schultern des Riesen und sagt zu ihm: Nimm Dich nicht so wichtig, Du stehst nur auf den Schultern eines Riesen.

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