NZZ liegt bei Blockchain daneben

Über eine ganz besondere „Revolution des Denkens“ lässt sich der Autor Milosz Matuschek in der heutigen „Neuen Zürcher Zeitung“ aus. Auslöser dieses Umsturzes sollen jene „Vordenker, Programmierer und Unternehmer“ sein, die uns „die“ Blockchain beschert haben, also die Datenbank-Technik der Bitcoin-Welt. Leider offenbart der Verfasser – als studierter Jurist nicht vom Fach – ein nicht allzu tiefes Verständnis der Materie.

So inspirierte ihn die von den Propagandisten vorgeblicher Krypto-„Währungen“ in die Medien gepresste Informationsflut zu der rhetorischen Frage:

Kann das, was für die Technologie gilt, nicht auch für soziale Systeme gelten, für die politische Teilhabe, das Wirtschafts- und Geldsystem und letztlich die Funktionsweise von Gesellschaften insgesamt?

Sprich: Matuschek traut „der“ Blockchain-Technik eine disruptive gesellschaftliche Kraft zu. Ihren Charme sieht er in der „weitgehenden Neutralisierung von Mittelsmännern und Gatekeepern“. Das liest sich so, als seien Vermittler etwas Unnützes und Hinderliches – als bedürfe eine Gesellschaft ausgerechnet in Zeiten wachsender Komplexität keiner Spezialisten mehr, die als Transmissionsriemen fungieren, als Erklärer und Übersetzer. Dabei ist das Gegenteil richtig. Das fängt ganz bodenständig an beim Fachhändler, der das Marktangebot für seine Kunden vorfiltert und ihnen nur das anbietet, was wirklich ihre Bedürfnisse erfüllt, geht über den seriösen Anlageberater, der seine Klienten wie ein Pfadfinder durch den Finanzdschungel führt, bis zum Wissenschaftsredakteur, der die Erkenntnisse der Forscher in eine verständliche Sprache bringt und nicht auf Junk-science hereinfällt. Überhaupt: Ist ein Jurist, der für die NZZ über Blockchains schreibt, ohne hierfür als Experte qualifiziert zu sein, nicht selbst ein Mittelsmann, der dieser Logik folgend weitgehend neutralisiert gehörte?

Die Idee, dass die vielen verschiedenen Konzepte, die irreführenderweise unter dem Buzzword „Blockchain“ zusammengefasst werden, „unser ganzes Denken revolutionieren“, ist freilich schon deshalb absurd, weil das Kauderwelsch der Kryptographen den Verständnishorizont eines Normalbürgers ähnlich dramatisch übersteigt wie Vorlesungen über die Heisenbergsche Unschärferelation, Wurmlöcher im Weltall oder Quantencomputer.

Selbst Nerds tun sich schwer mit all dem neuen Kryptogedöns, das in den vergangenen Jahren in die Welt kam. Niemand mag zugeben, dass ihn die Materie überfordert. Statt nachvollziehbare Erklärungen vorzulegen und zu belegen, begnügt sich die Branche mit der Verbreitung von Axiomen. Ein Beispiel: Zertifikate auf der Blockchain sollen die Echtheit von Diamanten oder korrekte Herkunftsangaben bei Fleisch garantieren. Wie das gehen soll, solange die Fleischfasern oder Edelsteine keinen mit der Blockkette abgleichbaren Code in sich tragen, vermag niemand zu erläutern. Es KANN ja auch gar nicht gehen: Blockchains verhindern als nur mit größtem Aufwand manipulierbare Datenbanken bestenfalls die nachträgliche Veränderung eines Dokuments, nicht aber den Austausch eines physischen Originals durch eine Fälschung. Anders gesagt: Geschützt wird nicht das analoge Gut, sondern sein digitales Pendant. Um das Echte zu schützen, muss etwas anderes hinzukommen, zum Beispiel eine versiegelte Verpackung mit einem fälschungssicheren Code. Damit wird die Blockchain zur Nebensache.

Aber weiter im Text von Herrn Matuschek:

NZZ, 2.10.2017

Es stimmt zum Beispiel nicht, dass die Infrastruktur bei allen Blockchains transparent wäre. Für Laien ist sie überhaupt nicht transparent – diese sehen nur Datensalat –, und in die so genannten „privaten“ Blockchains haben aus gutem Grund nur die Beteiligten Einblick. Autoritätsfreiheit wiederum ist kein Wert an sich; hier verrät sich die Herkunft der Kryptoszene aus dem Dunstkreis der libertären Anarchokapitalisten. Wer eher der klassischen Ordnungspolitik den Vorzug gibt, wird hier keinen Idealfall sehen. Vollends unsinnig ist der Satz vom Aufbau neuer Strukturen „auf leisen Sohlen“: Mit heftigerem Getrampel als die Bitcoin-Zocker hat seit der „New Economy“ niemand mehr die Bühne der Finanzwelt betreten. Aber was möchte man erwarten von jemandem, der das Nakamoto-Paper von 2008 für den Urtext der Kryptobewegung hält? Der wahre Urtext ist fast eine Menschengeneration älter als der Blockchain-Hype. Da gehen wir doch besser mal zurück in die frühen Neunziger zu den Cypherpunks um Eric Hughes und Tim May („Cyphernomicon“). Da lesen wir dann Werke wie das „krypto-anarchistische Manifest“ und lernen, dass einzelne Vordenker dieser Schule meinten, mit Hilfe von „Attentatsmärkten“ (Assassination Markets) korrupte oder missliebige Politiker buchstäblich aus der Welt schaffen zu können.

Wer sich nur ein bisschen mit der Entstehungsgeschichte der Bitcoins befasst hat, weiß auch, dass „Satoshi Nakamoto“ ein Zauberlehrling war/ist, dem seine Erfindung über den Kopf gewachsen ist. Der Pseudonymus wollte beweisen, dass eine Kryptowährung möglich ist, hatte aber – simpel gesagt – trotz seiner mathematischen Genialität nur ein höchst naives Verständnis davon, wie die Weltwirtschaft funktioniert. Bitcoin ist strukturell deflationär. Das klingt toll für Menschen, die Inflation für eine teuflische Sache halten, weil sie dabei automatisch an Hyperinflation denken und spontan Verlustängste bekommen. Deflation ist aber eher noch gefährlicher, weil es keine bessere Konsumbremse gibt als stetig fallende Preise: Wenn die Kaufkraft permanent steigt, spart man gerne und verschiebt Ausgaben, die nicht dringend sind. Die Anbieter senken ihre Preise bis zum Gehtnichtmehr – und gehen schließlich pleite.

Freilich sprechen alle Indizien dafür, dass Bitcoin nur ein Probelauf war, ein akademisches Experiment: Wer eine Weltwährung abseits der Regierungen schaffen will, wäre völlig bescheuert, wenn er für sieben Milliarden wirtschaftlich handelnde Individuen auf diesem Planeten nur maximal 21 Millionen Währungseinheiten vorsähe. Im hypothetischen Erfolgsfall – dass Bitcoin the one and only Weltwährung würde – müssten sich im Durchschnitt 333 Menschen eine „Münze“ teilen. So doof kann keiner sein, dass er das ernst meint.

Von einer „technisch überlegenen Neuerung“, für die Matuschek die Blockkette zu halten scheint, kann also keine Rede sein. Was es gibt, sind höchst unterschiedliche Konzepte und Prototypen, von denen sich vielleicht das eine hier, der andere da durchsetzen wird, aber alles ganz anders als bei Nakamoto.

Nun fragt unser NZZ-Gastautor:

Wozu teure und langwierige Überweisungen über das Banksystem vornehmen, wenn es per Blockchain in Sekunden günstiger und sicherer geht?

Tja, günstiger und sicherer geht es nicht mit jeder Blockchain. Außerdem sind „Bank“ und „Blockchain“ kein Gegensatz. Banken arbeiten an eigenen Blockchain-Varianten, mit denen sie günstiger (unsicher ist es heute ja gar nicht, verglichen mit dem Risiko des Totalverlusts bei gehackten Crypto-„Währungen“) Überweisungen ausführen können.

Wozu noch Aktien über Börsen handeln, wenn es auch von Person zu Person möglich ist?

Das hat mit Blockchain nichts zu tun. Private Aktiendeals gibt es schon immer. Börsen sind Märkte, auf denen sich Preise bilden. Ohne Börse gibt es keine Kurse, und ohne Kurse keine Aktiendeals für Kleinanleger.

Wozu noch mühsam Wagniskapital für eine Geschäftsidee einwerben, wenn sich heute per Crowdfunding ganz neue Möglichkeiten ergeben?

Gegenfrage: Welche Möglichkeiten? Solche wie bei DAO, dem ersten großen Blockchain-basierten Crowdfunding? Das ist höllisch in die Hose gegangen. Crowdfunding an sich ist nicht mehr und nicht weniger als eine Ergänzung zum klassischen VC-Modell. Damit können Projekte finanziert werden, die großen VCs zu klein sind. Das Ausfallrisiko ist mindestens so hoch, und deshalb ist es heikel für Gründer, dieses Risiko mit Kleinanlegern zu teilen. Sie kommen haftungsmäßig in Teufels Küche, wenn jemand ihretwegen Omas klein‘ Häusken verjubelt. Das gilt zumindest im europäischen Wirtschaftsraum mit seinem hohen Verbraucherschutz. Dass verzweifelte Amerikaner ihr Heil in solchen Anlageformen suchen, heißt nicht, dass das klug wäre. Schließlich sind die großen VC-Fonds nicht von ungefähr so groß und mächtig: Sie wissen aus langjähriger Erfahrung, wann sie den Gründern dazwischengrätschen oder ihnen den Weg zeigen müssen.

Als nächstes macht Matuschek den Fehler, Vitalik Buterin als „Gründer der Kryptowährung Ethereum mit der nach Bitcoin zweithöchsten Marktkapitalisierung“ vorzustellen. Ethereum ist keine Währung, sondern ein Ökosystem für kryptographisch abgesicherte „Smart Contracts“. Darin fungiert der so genannte Ether (ohne -eum) als Vehikel für die Transaktionen, doch dieser ist weniger eine Währung als ein virtuelles Wertpapier.

Überhaupt die Sache mit der Währung: Sämtliche so bezeichneten Cypher-Münzen sind Spekulationsobjekte und damit Goldbarren, Aktien oder Optionsscheinen ähnlicher als einem Zahlungsmittel. Dass man in Zug damit bezahlen kann, ist kein Zeichen für einen Trend: Die Stadt und ihre Nachbarstadt Baar sind die Hochburgen der Schweizer Fintech-Szene und können sich solche publikumswirksamen PR-Aktionen leisten. Und Venezuela, der failed state am Südrand der Karibik? Wer da noch Geld hat, kann wenig tun, um es vor der Inflation und dem Zugriff der sozialistischen Regierung in Sicherheit zu bringen. Es in die traditionelle Fluchtwährung aus dem Norden umzutauschen, ist riskanter: Bitcoins kann kein Räuber einfach so einsacken und ausgeben wie Yankee Dollars.

Das rasante Wachstum von Bitcoin und Co. lässt sich dabei auch als Vertrauensabstimmung über das heutige Fiat-Geldsystem lesen.

Es mag sich so lesen lassen, aber dann hat die Brille definitiv die falsche Sehstärke. Bitcoin ist derzeit (aber nicht nachhaltig) das Investment of Last Resort für Anleger, die vor lauter Nullzins nicht mehr wissen, wohin mit ihrem (Schwarz-) Geld. Die Blase wird früher oder später platzen. Sie ist ein Symptom von Gier auf der einen und Verzweiflung auf der anderen Seite. Das Wort „Vertrauen“ wirkt in diesem Kontext besonders komisch: Bei Bitcoin & Co. gibt es keinerlei Instanz, der man vertrauen könnte. Nicht einmal Vertrauen in die Technik hilft weiter, weil diese nicht den Kurs bestimmt. Den machen klassische Spekulanten. Und wenn dann eines Tages die heiße Luft aus den imaginären Münzen entweicht, weil es wieder andere lukrative Anlagemöglichkeiten gibt, werden die Follower feststellen, dass die vermeintliche Währung – im Gegensatz zu Edelmetallen – keinerlei intrinsischen Wert hatte. Der Tag, an dem sich das energieverschwenderische Mining nicht mehr lohnt, wird kommen. Es ist nur eine Frage der Zeit.

Alles klar, NZZ?

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