Hysterichia coli? Kripo!

Was noch mehr gelitten hat in den letzten Wochen als die Gesundheit der Deutschen ist die ihres Menschenverstandes. Den kann man nach alledem, was da gedruckt und gesendet wurde, nur als schwer infiziert betrachten.

Der späte Ruf nach der Kripo lässt immerhin hoffen, dass die Denkapparate wieder ihre Funktion aufnehmen. Na endlich! Was war denn bitte so ungewöhnlich an der Idee, bei einem gravierenden Tötungsdelikt die Polizei zu rufen?

Es handelt sich um fahrlässige Tötung in mehr als 20 Fällen und schwere Körperverletzung in Hunderten Fällen. Der eigentliche Serienkiller ist zwar ein Bakterium, aber er findet seine Opfer durch Menschen, die Spuren hinterlassen. Das war daher ganz klar ein Fall für die „Spusi“, die Spezialisten von der Spurensicherung, und für gestandene Kriminalisten. Deren Job besteht ja erst in zweiter Linie darin, die Täter dem Staatsanwalt zu übergeben. Ihre oberste Aufgabe besteht darin, die Bürger zu schützen und weitere Todesfälle zu verhindern. Die Unterstellung, dass Landeskriminalämter dies noch schlechter machen würden als die Lebensmittelaufseher, kann man getrost als grundlose Verunglimpfung der Polizisten ansehen.

Die Indizien, dass Sprossen aus Bienenbüttel verseucht waren, „Hysterichia coli? Kripo!“ weiterlesen

Bittere Gurkenzeit

Eigentlich sollte man meinen, dass die Kollegen vom Aktuellen in Sachen EHEC langsam zur Besinnung kommen müssten.

Das ist offenbar nicht der Fall. Die Medien versagen auf der ganzen Linie.

„Vor allem norddeutsche Verbraucher sollten rohe Blattsalate, Tomaten und Salatgurken meiden.“

Innerhalb der Holtzbrick-Gruppe syndizierte Meldung von heute, so wertvoll wie ein kleines Horoskop

„Die Katz mog d‘ Mais roh, i mog’s ned amoi kocht“, sagt der bayerische Volksmund. (Für Preißn: Die Katze mag die Mäuse roh.) Ja, wenn man Blattsalat nicht roh essen darf, dann isst man ihn halt gar nicht.

Nicht nur wegen des impliziten Vorschlags, Salat abzukochen, ist die Empfehlung Schwachsinn erster Güte: Außer der Beobachtung, dass die Erkrankten die typischen Bestandteile eines gemischten Salats, wie sie an jedem Salatbuffet zu finden sind, genossen haben, gibt es nichts, was gegen die einzelnen Zutaten spräche.

Bisher ist mir nicht eine einzige Meldung untergekommen, derzufolge irgendwo in Nord- oder Restdeutschland auch nur eine Tomate oder ein Kopf Salat mit dem Killerbazillus aufgefunden worden wäre. Gurken waren es, ganze drei Stück – und niemand scheint zu wissen, wie das Teufelszeug an das Gemüse gekommen ist. Hat irgendjemand recherchiert, wieviele Gurken untersucht worden sind – und wieviele davon ohne Befund? Hat irgendwer die Frage gestellt, warum selbst Bauern, deren Gurken (von Tomaten/Salat ganz zu schweigen) nicht nur nicht positiv, sondern explizit negativ getestet wurden, jetzt ihre Ernte vernichten müssen? Wäre das Zeug so gefährlich, wie getan wird, dürfte es nicht untergepflügt oder kompostiert werden, sondern müsste in der Müllverbrennungsanlage landen. Gäbe es handfeste Gründe, anzunehmen, dass Salat, Tomaten und Gurken verseucht sind, müsste der Verkauf sofort eingestellt werden – bei  Entschädigung unschuldiger Gärtner und Landwirte.

Die Behörden tappen offensichtlich im Dunkeln, sie haben nicht einmal eine publikationsreife Hypothese, mit der sie den zur Beruhigung der Öffentlichkeit gedachten Boykott der Gemüsebauern rechtfertigen.

Leute, macht Euren Job! Stellt Fragen, und zwar die richtigen und den Richtigen. Ich will keine Verlautbarungen und keine unsinnigen Ratschläge mehr lesen, sondern:

Recherche-Ergebnisse!!!

Nachtrag 1. Juni:

Inzwischen steht fest, dass die Gurken gar nicht als Erklärung aller Infektionen herhalten können. Das hindert Politiker aber nicht daran, weiterhin pauschal vor Rohkost-Gemüse zu warnen.

Und Handys erzeugenmöglicherweise – Krebs, wieder einmal. Eine Erkrankung, die uns statistisch alle 20.000 Lebensjahre ereilt, tritt angeblich mit 40 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit auf. Gibt es neue empirische Studien, die das belegen? Nein. Wer hätte das auch erwartet? Aber eine Meldung ist diese Nicht-Nachricht allemal.

Otti Fischer, die Moral und die Medien

Damit das klar ist: Die Methoden der Bild-Zeitung, Prominente zu Interviews zu bewegen, sind indiskutabel. Und wenn ein Prominenter ins Freudenhaus geht, ist das so lange seine Privatsache, wie er nicht öffentlich eheliche Treue oder gar den Zölibat predigt.

Aber deshalb muss man mit Ottfried Fischer, dem Darsteller des modernen Pater-Brown-Remakes, noch lange kein Mitleid bekommen. Der XXXL-Bayer hat nämlich wirklich etwas zu büßen und beichten: seine jahrelangen Werbe-Auftritte für die Möbelkette, die nach dem Ableben des Herrn Hiendl endgültig den Boden des kaufmännischen Anstands verlassen hat.

Die österreichischen Marktschreier posaunten nämlich unlängst heraus, sie gäben 19 Prozent Rabatt – angeblich die Mehrwertsteuer, was in jeder Hinsicht, auch und gerade in mathematischer, Quatsch ist – auf „Möbel, Küchen, Matratzen und Teppiche“.

Die mit dem roten Stuhl? Im Zeitalter von EHEC und Denglisch eine etwas makabre Aufforderung...

Im Kleinstgedruckten (6-Punkt-Schrift) folgt eine Liste mit fast 140 Marken, die davon ausgenommen sind, plus weitere Einschränkungen. Ich weiß nicht, wie viele nennenswerte Marken in so einem ottifischerhaft überdimensionierten XXXL-Möbelhaus Platz haben. Aber ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es weniger Platz in der Anzeige verschlungen hätte, die Marken aufzuzählen, auf die es tatsächlich Rabatt gibt.

 

Mann im Spiegel

11.631 Zeichen, einschließlich reichlich Zitaten, widmete Stefan Niggemeier der Titelgeschichte des Spiegel über Dominique Strauss-Kahn. Fast die sechsfache Zeichenmenge schund daraufhin Niggemeiers Kommentarvolk, einschließlich Konstantin Neven-Dumont.

Auf diesen rund 80.000 Zeichen oder 2.222 Standard-Druckzeilen fehlt leider jeder Hinweis darauf, dass vor dem Spiegel bereits „Time“ aus der Frage, was mächtige Männer zu Schweinen macht, eine Titelstory gestrickt hatte. Am 19. Mai 2011, dem Donnerstag vor dem Hamburger Redaktionsschluss, machte dieses Stück schon Furore.  Wer Time gelesen hatte, dem kam so manches im Spiegel bekannt vor (besonders die Beispiele für triebgesteuerte Prominente). Den Trüffel-Burger, dem im Niggemeierblog eine zentrale Rolle zukommt, erwähnt Autorin Nancy Gibbs mit keinem Wort.

Dass diese dekadente Fast-Food-Kreation den Text würzen durfte, hat offensichtlich nichts mit den kulinarischen Vorlieben des nackten Franzosen zu tun, sondern damit, dass der Spiegel seine Redakteure zu gut bezahlt:

106. Lieber Herr Niggemeier,

Polemiken müssen nicht stimmen, aber zünden, insofern hat Ihre wütende Abrechnung sogar mich amüsiert, obwohl ich der Autor des Stückes bin. Hätten Sie Recht, und wären Sie konsequent, dann müssten Sie die Abschaffung des erzählenden Journalismus fordern, die Einstellung aller Magazine, das Ende der Wochenend-Beilagen, den Tod der Reportage.
Vor der Kritik, wie Sie sie vortragen, hätte am Ende nur ein Telegramm Bestand. Oder eine dpa-Eil-Meldung. Kann man haben, diese Haltung. Muss man aber nicht.
Mit freundlichen Grüßen,
Ullrich Fichtner
PS: Wenn Sie mal in New York sind, lade ich Sie gerne zu einem Trüffel-Hamburger ins „db Bistro Moderne” ein, wo ich erst kürzlich gegessen habe. Auch als kleines Dankeschön für unser Gespräch über die „Bild”-Zeitung, das leider so unergiebig war, dass wir es für die spätere Titelgeschichte nicht gebrauchen konnten.

Ullrich Fichtner — 25. Mai 2011, 18:30

 

Experteria

Das Expertentum im Fernsehen nervt die Zuschauer – aber wie.