WAZ-Mitarbeiter verzweifelt gesucht

Noch vor ein paar Jahren wollten (fast) alle jungen Leute „was mit Medien machen“ und rannten daher allen denkbaren Redaktionen die Bude ein. Die Westdeutsche Allgemeine hat inzwischen entweder ihren Personalbestand so stark ausgedünnt, dass der Nachschub an Freiwilligen, die billig die Seiten füllen wollen, nicht mehr ausreicht, oder ein Job in der Lokalredaktion ist dermaßen unattraktiv geworden, dass selbst die idealistischsten Schwärmer dieses Ziel aufgegeben haben. Wie auch immer: Die Bottroper Lokalredaktion hat es nötig, ihre Leser bei der Rekrutierung um Hilfe zu bitten. Vielleicht hat ja die eine oder andere treue Altabonnentin einen Enkel, der die Grundanforderung an einen Journalisten erfüllt („beste Rechtschreibkenntnisse“) und bereit ist, seinen Online-Jargon abzulegen und „Inhalte von Terminen“ (a.k.a. Verlautbarungscontent) fortan „exakt und im zeitungstypischen Stil wiederzugeben“. Also in einem Deutsch, in dem man „Sachverhalte kennenlernt“, als seien es Menschen.

Wer sich nicht zutraut, Termine zu besuchen (zum Beispiel, weil er glaubt, man könne nur Menschen an einem Termin besuchen respektive Termine wahrnehmen) sollte natürlich lieber die Griffel davon lassen.

Redaktion sucht freie Mitarbeiter

Wo und wie Stefan Aust seine Themen findet

"Wenn Sie ein Magazin machen wollen, können Sie nur nach Berlin gehen", sagte er dem Abendblatt. Das liege nicht nur an der Bundespolitik. "Wenn Sie in Berlin in Restaurants wie das Borchardt oder das Café Einstein gehen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Sie internationale Künstler und Wissenschaftler treffen."

Kai-Hinrich Renner im Abendblatt

Keine Ärzte, keine Journalisten mehr

Klardeutschblogger Markus Reiter zieht eine herrlich absurde Parallele zwischen Journalisten und Ärzten – also zwei Berufsständen, die dank der Errungenschaften des Onlinezeitalters endlich obsolet geworden sind. Reiter hat übrigens ein (wie es scheint) provokantes Buch geschrieben, das derzeit den Adrenalinausstoß derer, die meinen das Web erfunden zu haben, in neue Rekordhöhen treibt. Titel: "Dumm 3.0: Wie Twitter, Blogs und Networks unsere Kultur bedrohen"

Vielleicht muss ich mir das Buch mal besorgen – was so viel Geifer auslöst, muss gut sein.

Werbefreie Anstalten wären 19,99 € wert

Jetzt lavieren sie wieder herum, die Medienpolitiker. Zum Beispiel Kurt Beck, ein wasserscheuer SPD-Knuddelbär, der mutig eine Pelzwäsche fordert. . Werbung raus aus 2DF und ARD, tönt der Gute, aber eigentlich meint er nur die TV-Spots, denen man mit Timeshift-Recorder, Zappen oder Stuhl-Gang leicht entgehen kann. Im Radio dagegen – wo die Nervtöter weitaus penetranter werkeln als im Fernsehen – soll alles so unerträglich bleiben, wie es ist. Und mit den so genannten Sportsponsoren „Werbefreie Anstalten wären 19,99 € wert“ weiterlesen

BR wirbt für Henri – nicht Maske, sondern 4

Was einem so alles unterkommen kann, wenn man am ersten Sommerzeitmorgen durch die Wohnung geistert, um all die eingebauten Uhren seiner Geräte umzustellen, und dann beim DVD-Rekorder ankommt: Da läuft dann im Bayerischen Fernsehen eine Sendung, in der eine so gereifte wie landhausmodische Fitness-Trainerin neben zwei belederhosten Statisten hockt – auf wackligen Biergartenstühlen! – und bettflüchtigen Senioren vormacht, wie sie sich, auch ohne Sport zu treiben, gelenkschonend ein Minimum an Beweglichkeit erhalten können: mit angedeuteter Schuhplattlerei im Sitzen. Eine wunderbare Lästervorlage für Kalkofe, Welke, Priol oder Raab.

Gleich danach der nächste Kulturschock für den Gebührenzahler: Ein Werbespot. Am heiligen Sonntag just in dem Sender, der künftig von einem christlichsozialen Ex-Bundesregierungssprecher in spe geleitet werden soll, welchselbiger einst ein treuer Adlatus von Edmund Stoiber war, der wiederum die Reklame ganz aus dem öffentlich-rechtlichen Programm verbannt wissen wollte. Noch mal: Werbung sonntags, im an sich werbefreien Dritten. Kinowerbung, ein gekürzter Trailer für das aktuelle Werk von Josef-Albert („Jo“) Baier, getarnt als „Kinotipp“ ohne jegliche redaktionelle Alibi-Vertonung.

Wie das? Nun, der Bayerische Rundfunk hat den beworbenen Historienschinken mit dem weichkäsehaften Titel subventioniert. Noch schlimmer, der Film wird als „Henri Vier“ – also „Hännnrie“ wie Nannen oder Maske – angepriesen, und die Vier wird auch noch mit der arabischen Zahl 4 dargestellt. Daran mag ja primär Produzentin Regina Ziegler schuld sein, aber wer zahlt, schafft an – und Zahlmeister waren nicht unmaßgeblich die ARD-Anstalten. Ohne deren Zuschüsse hätte die 20-Millionen-Euro-Produktion nicht in dieser Form funktioniert.

Wenn ich mich also schon am Sonntagmorgen vom BR mit Werbespots belästigen lassen muss, bestehe ich darauf, dass der Bourbone aus der Gascogne wenigstens korrekt benannt wird, getreu dem Bildungsauftrag der Anstalt. Zur Auswahl stehen:

– Heinrich IV. (sprich: Heinrich der Vierte )

– Henri IV (sprich: ãri‘ katr)

– Henri de Bourbon

– Henri le Béarnais

– Enric

Aber bitte nichts auf dem sprachlich-kulturellen Niewo von Marie-Antäunätte, Luuies Vierzehn oder Tscharls Atznawur!

Der Film scheint übrigens Werbung dringend nötig zu haben:

„In erster Linie erzählt Baier Henris Leben als das Leben eines Wollüstlings, der immer wieder mit neuen Frauen im Bett gezeigt wird. Diesen Szenen und hier wieder den zweifellos wohlgeformten Brüsten der diversen Darstellerinnen widmet die insgesamt sehr geschmäcklerische Kamera Gernot Rolls besondere Aufmerksamkeit – da hätte manches besser ins bayerische Lederhosenkino der frühen 70er gepasst, als zu diesem Stoff.“

„Ein billig wirkender, langatmiger, in vielem hundsmiserabler Film, und eine Verschwendung von Fördergeld, wie man sie lange nicht erlebt hat.“

Rüdiger Suchsland auf artechock.de