Lilium: Zu schön, um wahr zu sein

Stau am Morgen, Stau nach Feierabend? Bald drohnen wir über die Autos hinweg. Oder nicht?

Wenn etwas zu schön ist, um wahr zu sein, was ist es dann? Nicht wahr, nicht wahr? Der Verdacht, es handle sich um alternative Fakten, liegt zumindest nah, wenn jemand verspricht, uns lang gehegte Wunschträume zu erfüllen. Erinnern Sie sich noch an den Cargolifter? Das war ein Zeppelin, dessen Charme darin bestehen sollte, seine Runden am Himmel nicht (oder nicht als Hauptbeschäftigung) zu Werbezwecken zu ziehen, sondern um Frachten durch die Luft zu befördern, für deren Transport man sonst einen dieselnden Brummi benötigt hätte. Ach, wäre die Sache doch so seriös und solide durchgerechnet gewesen, wie die Urheber des Projekts uns glauben machten! Die rechten und mittleren Spuren der Autobahnen wären immer leerer geworden, und irgendwann hätte es kaum noch Baustellen gegeben, weil frei durch die Lüfte schwebende Trucks nun mal keine Spurrillen in den Asphalt fräsen. Außerdem hätten wir auf der staufreien Urlaubsfahrt in den Süden die Klimaanlage drosseln können, weil die Luftschiffkolonnen über der A3, A7 oder A8 uns kostenlos Schatten gespendet hätten. Wenn ich mich nicht irre, scheiterte das Ganze daran, dass die Planer keinen Plan hatten, wie Luftbrücken aussehen könnten, mit denen Toll Collect weiterhin Maut kassieren kann. Oder so ähnlich.

Als Luftschloss erwies sich auch der elektrische Kleinwagen „Lekkermobil“, der ein paar Jahre später von München nach Berlin surrte, ohne unterwegs die Batterien aufzuladen. Rainer Brüderle, damals Wirtschaftsminister, hatte sich so gefreut, zeigen zu können, dass hiesige Gründer mit vergleichsweise lächerlichen Subventionen etwas hinkriegen, das der allmächtigen deutschen Autoindustrie furchtbar schwer fiel. Am Ende vererbte er seinem Nachfolger Philip Rösler ein Prestigeprojekt dritter Klasse, das sich förmlich in Luft auflöste: Das Autochen ging eines Nachts in Flammen auf, der vermeintliche Wunderakku ward nie wieder gesehen.

Wozu noch autonome Autos?

Dennoch dürfen wir in diesen Stau- und Feinstaub-geplagten Zeiten weiter von innovativen Verkehrsmitteln träumen, zum Beispiel von fliegenden Autos. Die hatten die Futuristen uns Älteren bereits in unserer Kindheit in Aussicht gestellt. Diese imaginierte Zukunft war irgendwo rund um das Jahr 2000 angesiedelt, also lange bevor die überirdische Milla Jovovich alias fünftes Element dem verdutzten Taxler Bruce Willis in seine Flugdroschke plumpst. In den vergangenen Monaten meldeten tatsächlich mehrere Tageszeitungen – und was in der Zeitung steht, ist bekanntlich alles wahr und faktengecheckt – dass uns in ganz, ganz naher Zukunft Drohnentaxis von A nach B kutschieren werden. Noch mal ganz langsam zum Mitdenken: Während sich die Autoindustrie abmüht, dem ansonsten hochgradig ausgereiften Straßenautomobil das unfallfreie autonome Fahren beizubringen, sind andere Unternehmen bereits einen Schritt weiter und lassen die Straße weg (okay, natürlich nur bis auf die Funktionen Landen und Parken).

Abheben vom Boden der Tatsachen

Beispielsweise schaffte es ein Startup aus Münchens berühmtem Aerospace-Vorort Oberpfaffenhofen mit einem vollelektrischen Fliewatüüt Made in Germany in die Presse, das schneller vorankommt als ein Cargolifter und bessere Kraftpakete als ein Lekkermobil an Bord haben muss. Mit einer Akkuladung soll die Superdrohne zwei Personen bei Tempo 300 (keine Null zuviel!) über eine Distanz von 300 Kilometern (auch keine Null zuviel) chauffieren und sicher auf dem Boden der Tatsachen absetzen. Konstruiert ist der Miniflieger als Senkrechtstarter mit 36 Rotoren. Auf der Website des aufstrebenden Unternehmens ist der mutmaßliche Prototyp beim Start, einer kleinen Runde über vermutlich oberbayerischer Landschaft sowie der Landung zu bewundern. Wenn nicht alles täuscht, existiert also zumindest ein schickes flugfähiges Gerät, das ohne Passagiere an Bord die Schwerkraft überwindet und ein paar Hundert Meter gemächlich dahingleitet wie ein Motorsegler.

Nun sah aber auch bei Bruce Willis und Milla Jovovich alles ziemlich echt aus. Deshalb mag man sich als gewissenhafter Journalist selbst ein Bild von dem Ding machen. Es einmal in echt aufsteigen und beschleunigen sehen. Mal hören, wie laut die drei Dutzend Propeller sind, denn auf dem angeblichen Jungfernflug-Video, das potentielle Investoren beeindrucken soll, ist der Ton abgestellt. Nicht, dass die Drohne furchtbar dröhnt. Ach, man möchte Fragen stellen, von denen sich mehr aufdrängen, als in diese Kolumne passen – nicht nur nach dem Businessplan, dem Rettungsfallschirm oder den Chancen, dass so etwas hierzulande zugelassen wird.

Probeflug bitte noch vor der BERöffnung

Tja… Angucken ist nicht, und die Dame, die den Posten innehat, den man früher Pressesprecherin nannte, lässt kein Sterbenswörtchen raus. Auf journalistische Neugier reagiert sie empört. So, wie kritische Berichte in gewissen Ländern als Terrorimus gelten, werten manche Firmen knifflige Fragen wohl als versuchte Industriespionage. Dabei würde ich so gerne glauben, dass die netten jungen Leute in dem Video den Mund nicht zu voll nehmen. Ja, ich kann es kaum erwarten, mitfliegen zu dürfen. Deshalb buche ich hiermit bereits heute einen Platz beim ersten regulären Flug – und hoffe inständig, dass er vor der Eröffnung von BER stattfindet.

Diese Kolumne ist bei meinem Auftraggeber nicht mehr online zu finden, deshalb habe ich sie jetzt hier gepostet. Anlass dafür, den gut zwei Jahre alten Text wieder ans Licht zu ziehen, ist der Versuch des Aerokuriers, von Lilium sinnvolle Anworten auf einige auf der Hand liegende Fragen zu bekommen.  ujf/22.1.2020

Neoarchäologie mit Google Street View

Schön, wenn einen die Kollegen nach Jahren bestätigen. 2007 schrieb ich in der Technology Review:

Das alte Bild der Erde

IRGENDWIE BERUHIGEND: GOOGLE EARTH & CO. ZEIGEN NIE DIE WAHRE LAGE IM HIER UND JETZT.

2010 habe ich nachgelegt und mit dem Teenager Google geschimpft:

Street View ist für dich nur ein Kinderspiel, das dir wahrscheinlich rasch wieder langweilig wird. So wie dein angestaubtes Fotoalbum Google Earth: Da sehe ich von oben ganz genau, wessen Vormieter sein Gerümpel im Garten hat liegen lassen – vor acht Jahren.

Die Süddeutsche Zeitung (Print, 11.9.2013, München, Thema des Tages) hat mal wieder nachgeschaut und herausgefunden, was man sich denken konnte – schließlich wurde schon lange kein Streetview-Auto mehr in München gesichtet:

„Wie Google Street View veraltet:

Heute ist immer gestern

Die Schwabinger 7 steht noch, der Arnulfpark wächst erst heran, und das Oktoberfest hört niemals auf: Im Internet wird ein Bild von München konserviert, das fünf Jahre alt ist. Denn der Internetkonzern Google will seine Straßenansichten nicht aktualisieren. Das lässt einen Überraschendes entdecken – ein virtueller Spaziergang“

Sieh an, der Kollege hat tatsächlich eine Antwort auf die Frage bekommen, ob Google gedenkt, die Bilder mal irgendwann zu aktualisieren: Nein, das ist also nicht geplant. So dynamisch die Welt ist, so statisch ist der Welterklärer. Google entwickelt sich zum virtuellen Museum für neuzeitliche Archäologie.

Abschied von der Froitzelei

Die neue Technology Review ist draußen – und damit die letzte Folge meiner seit November 2006 laufenden Kolumne „Froitzeleien“. Ab März wird es am alten Platz im Heft ein neues Format geben, auf das ich sehr gespannt bin. Wer weiß, vielleicht kann ich dazu auch mal etwas beitragen. Im Moment zweifle ich da noch etwas an meinem Talent.

Wer alte Kolumnen nachlesen möchte: Hier sind sie. Die noch fehlenden Ausgaben der letzten Monate stelle ich in den nächsten Tagen online. (Die Abschiedsnummer folgt natürlich erst dann, wenn das Februar-Heft nicht mehr am Kiosk liegt.)

P.S.: Ich möchte nicht versäumen, mich bei meinem kongenialen Illustrator Matthias Hütter für die gute Zusammenarbeit zu bedanken.

Grins, Rübe!

Auch gekünsteltes Lächeln hebt die Stimmung. Also vorwärts: Fixieren wir unsere Mundwinkel!

Sind Sie mies drauf heute? Spaziert gerade irgendeine Laus über Ihre Leber? Will der Chef Sie dringend sehen, und Sie wissen nur zu genau, warum? Dann ist es höchste Zeit, dass Sie Ihren Browser öffnen und „Tara Kraft University Kansas“ in Googles Bildsuche eintippen. Sie erblicken nämlich nicht nur das lächelnde Gesicht der Doktorandin Tara Kraft, sondern eine ganze Fotogalerie voller strahlender junger Frauen, freundlicher Münder mit zahnpastareklametauglichen Zähnchen und lustiger Smileys. Auch Ihre Mundwinkel werden sich spontan nach oben biegen. Dass dies Ihnen gut tun wird, ist jetzt wissenschaftlich erwiesen. (Achten Sie lieber nicht auf die einzelnen Herren, die sich unter die Suchergebnisse verirrt haben: Die üben noch, nett auszusehen.)

Ich hatte noch nicht das Vergnügen, Miss Kraft persönlich zu treffen. „Grins, Rübe!“ weiterlesen

Wurmloch als Ölpipeline

Uns geht das Erdöl aus? Macht nichts. Es gibt bald Nachschub aus der interstellaren Cloud.

Sie kennen bestimmt das Bild vom Pferdekopfnebel. Das ist diese schwarz wabernde Wolke vor einem rot schimmernden Sternenhimmel, die aussieht wie von einem Posterdesigner per Airbrush hinfantasiert. Da das Kunstwerk aber von der erzseriösen Europäischen Südsternwarte stammt, die dafür Daten des Weltraumteleskops Hubble aufbereitet hat, dürfen wir getrost darauf vertrauen, dass es dort hinten im Sternbild Orion ziemlich exakt so aussieht. Oder vor Kurzem so ausgesehen hat: Das Licht, das heute hier ankommt, hat sich auf den Weg gemacht, als das Frühmittelalter gerade die Spätantike ablöste. Gemessen am Zeithorizont der Astronomen ist das fast eine Live-Aufnahme.

Fans von Harald Lesch, dem TV-Stand-up-Comedian unter Deutschlands Weltraumforschern, „Wurmloch als Ölpipeline“ weiterlesen