Wenn Journalisten sich streiten

Ein bizarres Geplänkel liefern sich zwei Kollegen in aller Öffentlichkeit – via Twitter und Facebook. Der NDR ist involviert und macht eine unglückliche Figur. Bushido meldet sich zu Wort, Online-Promis wie Sascha Lobo, Stephan Anpalagan und Chan-jo Jun sind irritiert und kommentieren den Vorgang, Medientwitter hat einen neuen Aufreger. Da es um die Berichterstattung über den Nahostkonflikt geht und um problematische Personalien in international arbeitenden Medienhäusern, öffnen und füllen sich rasch lauter Schubladen, in die man jemanden stecken kann. Eine kleine Einordnung und ein bescheidener Friedensappell.

Da nicht alle, die mein Wortgepresstes lesen, die Gegeben- und Gepflogenheiten meiner Branche kennen, zunächst ein paar zum Verständnis wichtige Erläuterungen zur Arbeitssituation und -weise: „Wenn Journalisten sich streiten“ weiterlesen

Warum der BJV jetzt gute neue Leute braucht

„Tu Gutes und rede darüber“ lautete der Titel eines 1961 erschienenen Standardwerks über Öffentlichkeitsarbeit. Geschrieben hat es Georg-Volkmar Graf Zedtwitz-Arnim, der sich jahrzehntelang im DJV für „Journalisten in Wirtschaft und Verwaltung“ engagierte. Sein altes Motto sollte eigentlich auch „mein“ Landesverband leben – der BJV, der vor 75 Jahren gegründet wurde und das Jubiläum nicht begangen hat. Man kann durchaus darüber streiten, ob es etwas zu feiern gegeben hätte, denn der Verband schrumpft seit Jahren vor sich hin, und weil das nichts Gutes ist, redet man ungern darüber. Ich halte es aber lieber mit dem Kollegen Stefan Primbs, der dafür plädiert, das Versäumte mit einem „Fest der Begegnungen, des Kennenlernens, des Vernetzens“ nachzuholen: Eine Jubliläumsfeier kann ein Anlass sein, sich alter Stärken zu besinnen, neue Pläne zu schmieden, Aufbruchstimmung zu verbreiten und sich in Erinnerung zu rufen, dass „der BJV“ nicht die Funktionäre und die Geschäftsstelle sind, sondern wir alle. 

Bitte anmelden, vormerken, kandidieren: Am 29. Oktober wählt die BJV-Fachgruppe Freie ein neues Vorstandsteam! *

Was ist eigentlich unser Problem? Warum bleibt der BJV seit einiger Zeit so unter seinen Möglichkeiten? Darüber müssen wir reden. Die viel zu kurz angesetzte und noch dazu „hybride“ Mitgliederversammlung im September bot für so einen Diskurs nicht den Rahmen. Sie machte aber allein schon durch die Abwesenheit von 98,7 Prozent der Mitglieder eines klar: Damit ein Journalistenverband Gutes tun kann, über das zu reden sich lohnt, braucht er nicht nur Geld – davon hat der BJV wahrlich mehr als genug auf turmhoher Kante – sondern in erster Linie mehr Aktive und Engagierte. Leute, die mit anpacken, die ihren inneren Schweinehund bezwingen, die nicht am „Lass-lieber-mal-die-Anderen-machen“-Syndrom leiden, das in der Ehrenamtlerei leider überall grassiert, vom Elternbeirat bis zu den alten Volksparteien. Es kann nicht wahr sein, dass man oft schon froh sein muss, wenn es überhaupt genügend Kandidaten gibt für die zu besetzenden Ehrenämter. Früher oder später führt solcher Mangel dazu, dass nicht nur die Besten, Qualifiziertesten und Kreativsten gewählt werden, sondern dass Vereinsmeier und Gschaftlhuberinnen sich mit einem Pöstchen schmücken können, von denen sich niemand repräsentiert sehen will. Wenn wir also mehr sein wollen als eine in die Jahre gekommene Gewerkschaft, die sich um Tageszeitungs- und BR-Redaktionen kümmert, nämlich eine starke, moderne Interessenvertretung aller in Bayern journalistisch Tätigen, dann müssen auch alle ihren Teil dazu beitragen, denen das am Herzen liegt. Je mehr Kolleginnen und Kollegen quer durch alle Generationen etwas Zeit in die gemeinsame Sache investieren, desto weniger Arbeit lastet dann auch auf den Schultern Einzelner. Dann wird unsere alte Gewerkschaftstante BJV auch automatisch attraktiver für Jüngere, die es uns Boomern zeigen (oder auch das eine oder andere von uns lernen) wollen. Dann können wir auch unsere Nachwuchsprobleme lösen, den Schrumpftumskurs verlassen und ihn womöglich sogar umkehren. (Ich meine, wenn das sogar die SPD schafft, sollten wir uns nicht wie die CDU benehmen.)  „Warum der BJV jetzt gute neue Leute braucht“ weiterlesen

Covid-19: Was wir über „Corona“ wissen und was nicht

Klopapier gibt’s wieder, sogar meine Marke. Hefe liegt auch wieder im Kühlschrank. Nur Hirn ist offenbar aus. Zumindest hat der Herr schon lange keines mehr vom Himmel geworfen. Wenn aber schon der liebe Gott mit Lieferengpässen zu kämpfen hat, müssen wir hier unten improvisieren und unseren Grips anstrengen. Dazu braucht man einen Überblick über Fakten und Fakes. Deshalb sortiere ich hier mal das, was im Netz und in den Medien über die Covi-Seuche 19 an Informationen, Halbwissen und gezielten Desimpformationen* grassiert.

Wie überträgt sich das Virus SARS-CoV2?

Was wir wissen: Der Hauptübertragungsweg ist die Tröpfcheninfektion. Tröpfchen, die Viren enthalten können, verlassen unseren Mund und unsere Nase nicht nur beim Niesen (da sieht man sie zum Teil sogar) und beim Husten, sondern auch beim Sprechen, beim Singen und sogar beim ganz normalen Ausatmen. Die Größe der Tröpfchen ist jedoch sehr unterschiedlich. Sehr kleine Tröpfchen, die man mit bloßem Auge nicht erkennen kann, halten sich länger in der Luft, bilden also eine Art dünnen Nebel, während dickere Tröpfchen quasi abregnen. Sie fallen zu Boden, so dass die Gefahr gebannt ist, sie einzuatmen. Man sollte sich dann aber, salopp gesagt, noch mehr als sonst davor hüten, auf die Schnauze zu fallen. Denn solange die Viren feucht sind, ist davon auszugehen, dass sie noch aktiv sind. Schmierinfektionen sind aber nach allem, was man weiß, eher die Ausnahme. Klar ist, dass man sich nicht ins Gesicht fassen sollte, wenn man einen Türgriff oder den Griff eines Einkaufswagens angefasst hat. Erst mal Hände mit Seife waschen (s.u.)!

Was wir nicht wissen: Es gibt noch keine verlässlichen Informationen dazu, welche quantitative Rolle die nebelartigen Kleinsttröpfchen spielen. Da es ernst zu nehmende Hinweise darauf gibt, dass ihre Bedeutung bisher unterschätzt wurde, ist dieses Nichtwissen ein Grund zur Vorsicht. Auch die Forschung zur Bedeutung von Schmierübertragungen ist nicht abgeschlossen.

Spielt es eine Rolle, ob ich mich im Freien oder in geschlossenen Räumen aufhalte?

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Rezo oder die Zerstörung der Blauhaarfrisur – Teil IV und Schluss

Lieber Rezo,

Du hast Dich kürzlich bei Deinen Youtuber-Freunden Fabian und Steven hämisch über zwei Themen ausgelassen, die mich beruflich wie demografisch leider triggern: Printmedien und ältere Mitbürger.

Dazu kommt hier der Levitenlesung 4. Teil:

Nicht zerstören, sondern ändern und aufbauen!

Lieber Rezo,

Dir verdankt die deutsche Sprache den Neologismus „Zerstörungsvideo“. Das kann kein Grund sein, stolz zu sein. Die Welt braucht konstruktive Kritik, nicht Destruktion und Disruption. Oder wenn, dann bedarf es der „schöpferischen Zerstörung“ nach Joseph Schumpeter, also der Verdrängung des (vermeintlich) Guten durch das Bessere. Was gut ist, besser und am besten, ist in der Tat eine Frage, die vor allem Deine Generation betrifft, die zugleich die meiner Kinder ist. Wer heute unter 40 ist, muss sich darauf einstellen, die Folgen kurzsichtiger, mutloser und populistischer Umwelt-, Klima-, Entwicklungs- und Migrationspolitik noch mitzuerleben. Wer eine Karriereentscheidung trifft, die auf ein Weiterso hinausläuft, wer sich hedonistisch verhält und ausblendet, welchen Schaden sein Lifestyle oder der Geschäftszweck seiner Firma den Menschen anderswo auf der Erde zufügt, kann die Schuld nicht den Alten in die Schuhe schieben.

Wir Medienmenschen, alte wie ich und junge wie Du, können die Welt zwar nicht retten. Aber wir können das Unsere tun, Informationen zu finden und in verständlicher Form weiterzuverbreiten, mit deren Hilfe das Leben auf diesem Planeten für die Menschheit einigermaßen erträglich bleibt. Wir können Anwälte der Vernunft sein.

In dem Sinne: Du hast es geschafft, die Aufmerksamkeit von Millionen zu wecken. Verspiele dieses Kapital nicht, indem Du Dich sinnlos an der BILD-Zeitung abarbeitest und sagst, „mimimi, die FAZ stellt mir keine gescheiten Fragen“! Zeig, was Du drauf hast, dass Du mehr bewirkst als wir traditionellen Medienheinis!

Falls Du darauf keinen Bock hast: Halt einfach die Klappe.

Rezo oder die Zerstörung der Blauhaarfrisur – Teil III

Lieber Rezo,

Du hast Dich kürzlich bei Deinen Youtuber-Freunden Fabian und Steven hämisch über zwei Themen ausgelassen, die mich beruflich wie demografisch leider triggern: Printmedien und ältere Mitbürger.

Dazu kommt hier der Levitenlesung 3. Teil:

Schluss mit der Verherrlichung des Digitalen!

Du hast studiert. Das geht auch heute nicht ohne Bücher. Ja, viele gibt es als (piratisch kopierte) PDF. Aber da kann man nicht gut an den Rand kritzeln. Ob man am Tablet liest, am großen Bildschirm oder auf Papier, ist keine Frage für ideologische Streitereien. Das Digitale erweitert, wie gestern schon gesagt, die Möglichkeiten, Texte zu lesen, nicht mehr und nicht weniger. Was dem Leser lieber ist, geht keinen etwas an. Niemand sollte auch nur versuchen, andere zu bevormunden. Einen ökologischen Preis hat nicht nur das Drucken, sondern auch das Am-Bildschirm-Lesen. Also hör bitte auf, Dich über Papier-Leser lustig zu machen. Diese alte Leier langweilte uns schon, als Du in die Pubertät kamst.

Wichtiger als der Kampf gegen die Zellstoff verarbeitende Industrie ist, dass Du lernst, welchen Preis die Verwirklichung der alten Vision vom individualisierten, non-linearen Nachrichtenangebot für die Gesellschaft hatte und hat.

Du meinst, eine Tageszeitung sei per definitionem Schnee von gestern, weil wir jetzt das schnelle Internet haben? Blanker Unsinn! Seit bald 100 Jahren erfährt man von allen wesentlichen Ereignissen, bevor dazu eine Zeile gedruckt ist – aus dem Radio. Nach dem Hörfunk kam das Fernsehen, und immer noch wurden Zeitungen x-millionenfach gelesen, ja sie steigerten noch ihre Auflagen. Denn sie vertieften das Wissen über die Ereignisse, von denen man bereits gehört hatte, ordneten sie ein, überprüften Tatsachenbehauptungen und reicherten dies mit Meinungsbeiträgen an. Wer will, kann mittlerweile die Ergebnisse dieser Bemühungen noch am selben Tag lesen, vor dem Schlafengehen, als E-Paper oder in der App.

Ganz ehrlich: Brauchst Du Breaking News 24/7? Reicht es für uns Normalbürger nicht, am Abend zu erfahren, was an einem Tag los war? In guten Zeitungen stehen täglich viele Reportagen und Hintergrundberichte, die man sogar am Wochenende noch mit Gewinn lesen kann – ganz in Ruhe. Die werden nicht in ein paar Tagen irrelevant oder obsolet. Man reißt Beiträge raus, wenn der Rest der Zeitung ins Altpapier fliegt, und dann liegen sie da und erinnern einen von selbst daran, dass man sie noch lesen wollte. Ein Online-Beitrag, den man nicht sofort liest oder anschaut, ausdruckt (!) oder bookmarkt, ist aus den Augen, aus dem Sinn.

Aber sind Zeitungen denn nicht uninteressant geworden? Manche leider ja. Zur Blütezeit der Massenmedien bot die Zeitungslandschaft viel mehr publizistische Vielfalt als heute. Die Verlage konnten sich das leisten, weil sie im Wesentlichen von Rubrikanzeigen lebten (Stellenmarkt, Miet- und Immobilienmarkt, Gebrauchtwagen), die komplett ins Internet abgewandert sind, ohne dass damit noch guter Journalismus querfinanziert würde. Ohne Geld für Honorare, Gehälter und Reisekosten kann man das nicht bieten.

Du mokierst Dich darüber, dass in der B.Z. der gleiche Mist steht, der Dich in der BILD fassungslos macht. Doch das ist heute ein ganz normales Phänomen: Aus Kostengründen bilden auch seriöse, nicht krawallige Verlage „Redaktionsgemeinschaften“ und verkaufen die gleichen Inhalte unter mehreren Medienmarken. Absurderweise führen solche kaufmännisch folgerichtigen, aber publizistisch fatalen Entscheidungen dazu, dass die Rechten von „Gleichschaltung“ fantasieren. Dieses „Narrativ“ glauben auch junge Leute. Du solltest es nicht ungewollt fördern, sondern Deiner Generation erklären, wie es dazu kam – und dass es etwas mit dem Anspruch bereits der frühen Netzbewohnerschaft zu tun hatte, „Content“ (was für ein Unwort) sei zwar „King“, müsse aber zugleich „free“ sein, wobei man „free“ dümmlichsterweise mit „gratis“ statt mit „frei und ungehindert zu erwerben“ übersetzte und die Verlagsmanager so naiv waren, zu glauben, sie könnten diese Nachfrage allein auf Basis von Werbeeinnahmen befriedigen, ohne die Qualität zu opfern.

Und das lineare Fernsehen? Das ist für Dich nicht mehr zeitgemäß? Das sagt nur, wer Scheuklappen aufhat. Das analoge Antennenfernsehen wurde allein deshalb als Massenmedium groß und wichtig, weil – bei einer geringen Anzahl übertragbarer Kanäle – viele Menschen das Gleiche gesehen hatten. Die Fernsehsendungen lieferten der Gesellschaft den Gesprächsstoff. Alle Bürger waren mehr oder weniger auf dem gleichen Informationsstand, bevor sie sich eine Meinung bildeten.

Als Kabel und Satellit eine Fülle an Programmen entstehen ließen, hatten bald nur noch 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung das Gleiche gesehen. Die mediale Angebotsfülle, die zehn Jahre vor dem Web entstand, führte zu einem Boom der Videorekorder: Das non-lineare Fernsehen begann nicht etwa mit den Mediatheken, Netflix oder Youtube, sondern Mitte der Achtziger mit VHS-Kassetten, denen DVDs und Festplattenrekorder folgten. Wir hielten das für eine Befreiung vom Diktat der Programmplaner, schauten aber viele unserer Video-Aufzeichnungen gar nicht mehr an, weil schon wieder so viel Neues kam. Aus Medien für die Masse wurde eine Masse von Medien für Minderheiten. Das video-fähige Breitband-Internet, das Ihr so liebt, verstärkte lediglich diesen Trend. Folge: Wer nicht mehr Fernsehen schaut, trifft außerhalb von Netzcommunities kaum noch Bekannte, die den gleichen Input kennen. Die Öffentlichkeit löst sich auf in winzige Grüppchen.

Von dieser Zersplitterung profitieren Extremisten. Der Traum der frühen Netzaktivisten von Basisdemokratie durch mediale Teilhabe und Autarkie war eine Utopie. Diese kann als gescheitert gelten. Es ist kein Zufall, dass die Jahrzehnte, in denen es den Massenmedien (Print und Funk) gut ging (weil die Nachfrage hoch genug war für einen gesunden Wettbewerb), zugleich die Jahrzehnte waren, in denen es in weiten Regionen der Welt bei relativem Frieden wachsenden Wohlstand für breite Bevölkerungsschichten gab. Dass heute jeder noch so durchgeknallte Spinner per Mausklick eine Community von Leuten mit dem gleichen Spleen findet, macht es jenen leicht, die keinen Konsens und Kompromiss wollen, den Spaltern und Extremisten. Wie soll eine Gesellschaft, geschweige denn eine Staatengemeinschaft, so noch eine Basis finden für nur gemeinsam lösbare Aufgaben wie das Aufhalten des Klimawandels, wenn die Menschen keine gemeinsame Sprache mehr sprechen und jeder überzeugt ist, sein Mikro-Grüppchen habe (alleine) Recht?

Man kann es auch so sagen: Wir haben die Digitalisierung des öffentlichen Diskurses vergeigt, alle zusammen. Ihr Jungen, indem Ihr uns abgebürstet habt: „Ihr Alten versteht das Internet nicht.“ Wir Alten, indem wir uns die Diskurshoheit in Netzfragen widerstandslos haben abnehmen lassen, obwohl wir es besser wussten oder wissen konnten. Schließlich waren wir dabei, als das alles entstand. Die Digital Natives fanden es vor.