Zu dumm zum Abschreiben

Schlechtes Gewissen: Ich habe meine Blog-Rubrik „Ja, liest denn keiner mehr gegen?“ lange vernachlässigt. Kürzlich gab es wieder mal einen Fall, der dermaßen peinlich für ein großes deutsches Medium ist, dass ich nicht anders kann, als die Rubrik wieder aufleben zu lassen. Da kupfert der „stern“ – der in der Zeit, als Dominik Wichmann Chefredakteur war, wieder so lesenswert geworden war, dass ich ihn abonnierte – einen Beitrag mehr schlecht als recht beim Guardian ab, verschlimmbessert ihn aber durch selbst Hinzugefügtes. An dieser Stelle schon mal ein Spoiler: Es geht wieder mal um das Ammenmärchen vom Kühlschrank, der Milch bestellt.

Als ich gestern nach Ablieferung der fünften Folge meiner brandeins-Serie über Chancen und Herausforderungen des klimagerechten Umbaus der Wirtschaft – diesmal geht es um Wegwerfgesellschaft und Kreislaufwirtschaft – den Computer aufräumte, sprang mich eine „stern“-Fundsache aus dem Juni an. „Zu dumm zum Abschreiben“ weiterlesen

Covid-19: Was wir über „Corona“ wissen und was nicht

Klopapier gibt’s wieder, sogar meine Marke. Hefe liegt auch wieder im Kühlschrank. Nur Hirn ist offenbar aus. Zumindest hat der Herr schon lange keines mehr vom Himmel geworfen. Wenn aber schon der liebe Gott mit Lieferengpässen zu kämpfen hat, müssen wir hier unten improvisieren und unseren Grips anstrengen. Dazu braucht man einen Überblick über Fakten und Fakes. Deshalb sortiere ich hier mal das, was im Netz und in den Medien über die Covi-Seuche 19 an Informationen, Halbwissen und gezielten Desimpformationen* grassiert.

Wie überträgt sich das Virus SARS-CoV2?

Was wir wissen: Der Hauptübertragungsweg ist die Tröpfcheninfektion. Tröpfchen, die Viren enthalten können, verlassen unseren Mund und unsere Nase nicht nur beim Niesen (da sieht man sie zum Teil sogar) und beim Husten, sondern auch beim Sprechen, beim Singen und sogar beim ganz normalen Ausatmen. Die Größe der Tröpfchen ist jedoch sehr unterschiedlich. Sehr kleine Tröpfchen, die man mit bloßem Auge nicht erkennen kann, halten sich länger in der Luft, bilden also eine Art dünnen Nebel, während dickere Tröpfchen quasi abregnen. Sie fallen zu Boden, so dass die Gefahr gebannt ist, sie einzuatmen. Man sollte sich dann aber, salopp gesagt, noch mehr als sonst davor hüten, auf die Schnauze zu fallen. Denn solange die Viren feucht sind, ist davon auszugehen, dass sie noch aktiv sind. Schmierinfektionen sind aber nach allem, was man weiß, eher die Ausnahme. Klar ist, dass man sich nicht ins Gesicht fassen sollte, wenn man einen Türgriff oder den Griff eines Einkaufswagens angefasst hat. Erst mal Hände mit Seife waschen (s.u.)!

Was wir nicht wissen: Es gibt noch keine verlässlichen Informationen dazu, welche quantitative Rolle die nebelartigen Kleinsttröpfchen spielen. Da es ernst zu nehmende Hinweise darauf gibt, dass ihre Bedeutung bisher unterschätzt wurde, ist dieses Nichtwissen ein Grund zur Vorsicht. Auch die Forschung zur Bedeutung von Schmierübertragungen ist nicht abgeschlossen.

Spielt es eine Rolle, ob ich mich im Freien oder in geschlossenen Räumen aufhalte?

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Klarstellung zur Verlegerbeteiligung bei der VG Wort

Ich sage es nicht gerne, aber es gibt bösartige und intrigante Journalisten, die lieber anderen die Worte im Mund verdrehen, statt ordentlich zu recherchieren und sachlich darüber zu schreiben. Wenn sie besonders bösartig sind, nutzen sie ihre eigene verzerrte Darstellung der Realität als Begründung, Kollegen aufzufordern, aus dem Berufsverband auszutreten, den sie selbst nach erfolglosen Versuchen, andere Ehrenamtliche per Online-Mobbing zu demotivieren, verlassen haben.

Ein Zeitgenosse dieses Schlages verbreitet seit längerer Zeit bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Mär, der DJV im Allgemeinen sowie der DJV-Bundesvorsitzende und ich im Besonderen seien für eine „Teil-Enteignung“ der Journalisten zugunsten der Verleger. Diese Behauptung steht im Kontext der Umsetzung der Europäischen Richtlinie zum Urheberrecht im Digitalen Binnenmarkt (DSM-RL) in deutsches Recht. Neuester Aufhänger für den Kollegen, der gerne seine eigenen Tweets retweetet, ist die Stellungnahme des DJV zum Entwurf des Bundesjustizministeriums. Darin heißt es, die gemäß Artikel 16 wieder einzuführende Beteiligung der Verleger an den Einnahmen der Verwertungsgesellschaften aus der Gesetzlichen Vergütung sei unter Journalistinnen und Journalisten nicht unumstritten, da „die Urheber“ etwas abgeben müssten.

Diese Formulierung in dem für kundige Mitarbeiter des BMJV geschriebenen Papier ist insofern etwas unglücklich, als der bestimmte Artikel hätte gestrichen werden sollen. Urheber werden etwas abgeben müssen, aber nicht DIE Urheber. Beispielsweise sind Rundfunkmitarbeiter – und um einen solchen handelt es sich bei dem eifernden Twitterer – nicht betroffen. Sendeanstalten wie sein Stammkunde, der Deutschlandfunk, sind keine Verleger (weder im richtigen Leben noch im Sinne des Gesetzes). Wenn sich also ein Radiojournalist in Szene setzt als Opfer einer (Teil-)Enteignung, lügt er.

Woher kommt überhaupt das Gerede von der Enteignung? Und was hat das mit dem DJV zu tun? Zunächst Letzteres: Der besagte Kollege wurde nach seinem pompös verkündeten Austritt aus dem DJV bei den Kollegen von ver.di gesichtet. Dabei vertreten die Autorengewerkschaften in ver.di die gleiche Position wie der DJV. Dass der Mann immer nur gegen den DJV schießt, hat lediglich etwas mit seinen persönlichen Animositäten zu tun. „Klarstellung zur Verlegerbeteiligung bei der VG Wort“ weiterlesen

In memoriam Syrthos J. Dreher

Für uns in der 17. Lehrredaktion der DJS war Syrthos nur der „Floh“. Den Spitznamen hatte der Schwabe mit nach München gebracht. Dass Kommilitonen, die ihn noch nicht kannten, zunächst dachten, wir unterhielten uns mit einem Florian, störte ihn nicht. Aber er legte Wert auf das „h“, das ihn von den normalen Flos unterschied.

Sein richtiger Vorname, der so griechisch klang, war eigentlich gar kein richtiger Vorname, sondern eine Erfindung seiner Eltern, die das Tuttlinger Standesamt durchgehen ließ. Gut 40 Jahre vor dem Suchmaschinenzeitalter hatten sie für ihren am ersten Weihnachtstag 1955 geborenen Sohn einen Namen gefunden, der bis heute so einzigartig ist, dass es genügt, „Syrthos“ zu googlen, und man findet prompt die vielen Spuren, die Floh im Netz hinterlassen hat; den Nachnamen braucht es nicht. Auch hier macht das kleine h den Unterschied: Syrtos ist ein griechischer Tanz.
Dass unser stets freundlicher, leiser Mitschüler und Kommilitone nicht mehr ist, dass sein geschwächtes Herz ihn im Sommerurlaub endgültig im Stich ließ, sprach sich nur langsam herum. Wie es leider so ist, schlafen auch Kontakte zu sehr lieben Menschen ein. Man verliert einander ungewollt aus den Augen und zuckt zusammen, wenn man beim DJV-Verbandstag auf die schwarz umrandete Liste schaut, die für die obligatorische Gedenkminute ausgelegt wird, und einen vertrauten Namen entdeckt. 63 ist doch kein Alter. Wann haben wir uns das letzte Mal gesehen? Vor zehn Jahren muss das gewesen sein, beim 60. Geburtstag der DJS. Wie die Zeit rennt.
Damals hatte der SWR-Redakteur, Regisseur, Produzent und Filmemacher gerade an der Musikhochschule Karlsruhe einen Studiengang für Fernseh-Musikjournalisten entwickelt und begonnen, als Dozent seine Erfahrungen weiterzugeben. Seine Spezialität waren einfühlsame Features und Künstler-Porträts. Er erzählte Zeitgeschichtliches entlang der Musik dieser Jahre (in der SDR-Sendereihe „Schön war die Zeit“) und ging als Redakteur der Tigerentenclubs auf Entdeckungsreise durch Manhattan.

Seine Bachelor- und Master-Studenten unterrichtete Syrthos bis 2017, dann zwang ihn eine Herzerkrankung zum Pausieren. Im laufenden Wintersemester wollte er wieder als Dozent einsteigen. Dazu kam es nicht mehr. Auch das Projekt seines Lebens, eine 90-minütige Doku über den Ausnahme-Pianisten Arturo Benedetti Michelangeli (1920-1995), konnte Syrthos nicht mehr abschließen. Er hinterließ nur den Rohschnitt des Films, mit dessen Planung er schon zu Lebzeiten des Virtuosen begonnen hatte. Das Werk sollte zu dessen 100. Geburtstag im Januar 2020 erscheinen – mit dem Untertitel: „Auf der Suche nach dem Absoluten.“
Die Faszination für Michelangeli passte zu Floh. Wie der Protagonist seines Films hatte er auch selbst eine perfektionistische Ader. Immer wieder habe er an dem Projekt gearbeitet, schrieben vier langjährige SWR-KollegInnen im Intranet des Senders: „Er zog für ein halbes Jahr nach Italien, um sich die Muttersprache des großen Pianisten anzueignen, nahm ein Sabbatical, um das Archiv des Genius zu sichten. Das war Syrthos. Nie war ihm etwas zu viel, wenn es um gutes Programm, um die Kunst und um die Lebenskunst ging, das ganz Große im Leben. Und gleichzeitig konnte keiner wie er solch eine Freude und Dankbarkeit in den kleinen Dingen des Alltags finden, und mehr noch, diese Freude ausdrücken und den Moment zum Fest machen.“

Am morgigen Sonntag, dem 100. Geburtstag Arturo Michelangelis, habe ich die Ehre, mir im Kabarett „Die Galgenstricke“ in Esslingen mit Weggefährten von Floh alias syr den Rohschnitt des Films anschauen zu dürfen. Eine Woche später – und damit seltsam unpünktlich – läuft die von einem anderen Regisseur fertiggestellte Fassung im Fernsehen. Schade, dass das, was über den Sender gehen wird, nicht die Handschrift von Syrthos J. Dreher trägt. Aber gut, dass all die liebevolle Kleinarbeit, die so ein Projekt ausmacht, nicht völlig vergebens war.

Rezo oder die Zerstörung der Blauhaarfrisur – Teil IV und Schluss

Lieber Yannick*,

Du hast Dich kürzlich bei Deinen Youtuber-Freunden Fabian und Steven hämisch über zwei Themen ausgelassen, die mich beruflich wie demografisch leider triggern: Printmedien und ältere Mitbürger.

Dazu kommt hier der Levitenlesung 4. Teil:

Nicht zerstören, sondern ändern und aufbauen!

Lieber Yannick*,

Dir verdankt die deutsche Sprache den Neologismus „Zerstörungsvideo“. Das kann kein Grund sein, stolz zu sein. Die Welt braucht konstruktive Kritik, nicht Destruktion und Disruption. Oder wenn, dann bedarf es der „schöpferischen Zerstörung“ nach Joseph Schumpeter, also der Verdrängung des (vermeintlich) Guten durch das Bessere. Was gut ist, besser und am besten, ist in der Tat eine Frage, die vor allem Deine Generation betrifft, die zugleich die meiner Kinder ist. Wer heute unter 40 ist, muss sich darauf einstellen, die Folgen kurzsichtiger, mutloser und populistischer Umwelt-, Klima-, Entwicklungs- und Migrationspolitik noch mitzuerleben. Wer eine Karriereentscheidung trifft, die auf ein Weiterso hinausläuft, wer sich hedonistisch verhält und ausblendet, welchen Schaden sein Lifestyle oder der Geschäftszweck seiner Firma den Menschen anderswo auf der Erde zufügt, kann die Schuld nicht den Alten in die Schuhe schieben.

Wir Medienmenschen, alte wie ich und junge wie Du, können die Welt zwar nicht retten. Aber wir können das Unsere tun, Informationen zu finden und in verständlicher Form weiterzuverbreiten, mit deren Hilfe das Leben auf diesem Planeten für die Menschheit einigermaßen erträglich bleibt. Wir können Anwälte der Vernunft sein.

In dem Sinne: Du hast es geschafft, die Aufmerksamkeit von Millionen zu wecken. Verspiele dieses Kapital nicht, indem Du Dich sinnlos an der BILD-Zeitung abarbeitest und sagst, „mimimi, die FAZ stellt mir keine gescheiten Fragen“! Zeig, was Du drauf hast, dass Du mehr bewirkst als wir traditionellen Medienheinis!

Falls Du darauf keinen Bock hast: Halt einfach die Klappe.

* Yannick F. aus A., bekannt unter seinem Künstlernamen Rezo