Freemium, Doepfnerium oder das 5. Element

Mathias Döpfner ist bekanntlich ein gebildeter Mensch und hat schon als Journalist gearbeitet. Daher darf man von ihm Kreativität, Originalität und Aufgeschlossenheit für naturwissenschaftsnahe Neuerungen erwarten. Diese Erwartungshaltung hat er soeben befriedigt, indem er die Wortschöpfung „Freemium“ in die Diskurs-Arena warf.

Das denglisch-neulateinische Kunstwort, das trefflich ein neues Element aus dem Reich der Transurane kennzeichnen könnte, ist komponiert aus Versatzstücken, die Döpfner dem Wortbaukasten einer ihm bildungsmäßig eher unterlegenen Zunft entnommen hat, nämlich derjenigen, die journalistische Werke aus der Perspektive der Verpackungsindustrie sehen: Free Content (der Inhalt hat keinen Wert, Hauptsache irgendein Dummer bezahlt das Drumherum) und Premium Content (der Inhalt ist dem Verbraucher eine kleine Prämie wert). Der Guteste bedient sich also bei Leuten, die Journalismus mit Mineralwasser vergleichen, bei welchem sich der Preis bekanntlich auch nicht nach Qualität, Geschmack oder gar Nährwert bemisst (sondern neben der Quantität allein nach der Bekanntheit des Markennamens).

Freemium heißt beim Ober-Springer Döpfner, dass die Zielgruppe das meiste für lau kriegt und für Besonderes zur Kasse gebeten wird. Die Leute, die mehr wollen, sollen also den Übrigen die Grundversorgung mit Banalitäten subventionieren. Das könnte man sich so vorstellen, als würden die Fernsehgebühren umgelegt auf die Leute, die Arte, Phoenix und Dreisat schauen.

Aber halt, Kinders, so hat Onkel Mathias das nicht gemeint! Nur noch gegen Prämie herausrücken will der multiregionale Lokalzeitungsverleger „das Archiv, den Staumelder oder die Exklusivgeschichte aus der Stadtverordneten-Sitzung“.

Das Archiv als Cashcow? Das wäre schön, wenn die Autoren davon etwas abbekämen. Aber ist es nicht auch etwas abenteuerlich, die virtuelle Variante des Fischeinwickelpapiers (nichts ist älter als der Content von vor zwei Stunden) für geldwert zu halten, nicht aber die frische Nachricht? Bei brand eins ist es zum Beispiel genau umgekehrt: Wer meine druckfrischen Geschichten sofort lesen möchte, muss wohl oder übel das Heft kaufen, aus dessen Erlösen mein Honorar bezahlt wird. Wenn mit dem Erscheinen der nächsten Nummer die vorige zum Altpapier wird (rein theoretisch natürlich, denn brand eins archiviert man selbstverständlich), rutschen die Texte ins kostenlos zugängliche Online-Archiv. Ich will nicht arrogant sein, aber ist ein vergilbter 30-Zeilen-Terminbericht aus dem Lokalteil des Abendblatts von anno schnuff mehr wert als eine große Wirtschaftsreportage, in der viel Rechercheaufwand, Zeit, Knoffhoff steckt?

Ob es Springerische Lokalzeitungen gibt, die das Melden von Staus zu ihren Kernkompetenzen zählt, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich weiß nur, dass ich derartige Informationen woanders gratis bekomme.

Das Lustigste an Döpfners kreativem Anfall ist denn auch die Exklusivgeschichte aus der Stadtverordneten-Sitzung. Erstens sind diese Sitzungen normalerweise öffentlich, dann sitzen auch Exklusivreporter anderer Medien drin. Zweitens sind sie meistens ödestes Routinegeschäft. Drittens handelt es sich bei den wenigen nicht-öffentlichen Sitzungen (die allein wegen der Geheimhaltung das Potenzial haben, interessanter zu sein), um einen der möglichen Rohstoffe für Scoops. Wenn ich aber einen Scoop lande, hänge ich den an die große Glocke, gebe die Vorabnachricht über DPA, sorge dafür, dass alle mich zitieren. Auf keinen Fall aber stecke ich diese Katze in den Sack, dessen Bund ich nur gegen Gebühr öffne. Wenigstens der Kopf und die Vorderpfoten müssen herausschauen.

Das Geschäftsmodell, das Döpfner hier entdeckt hat, ist also ein völlig neues Element im Periodensystem des Journalismus. Er hat sich verdient, dass es nach ihm benannt wird. Wie wäre es mit Doepfnerium?

Die Enteigner der Enteigneten…

…werden enteignet, bloggt die Redaktion der DJV-Freienseiten. Sehr treffender Kommentar zur Bigotterie der Rechteverwerter.

Ein Zeitungsverleger will klüger werden

Schaden macht klug, und darum werden jetzt auch Tageszeitungsverleger klüger. Oder sie tun wenigstens so. In einem Gastbeitrag für carta.info legt der als knallharter Kaufmann gefürchtete Geschäftsführer des Nordkuriers,  Lutz Schumacher, dar, warum es für ihn dumm ist, sich für schlauer zu halten als seine Leser.

Zu originelleren seiner Thesen gehört die Forderung an sich selbst und seinesgleichen, Mittel für Forschung und Entwicklung bereitzustellen. Die derzeitige Qualitätsdebatte hält der Mann aus dem Nordosten für verlogen, Begriffe wie „tiefgründige Analyse“, „ausgewogene Hintergrundberichterstattung“, „gesellschaftspolitische Aufgabe“ und „für die Demokratie unverzichtbar" empfindet er als hohle Phrasen. Es gehe darum, Zeitungen zu machen, die für die Leser attraktiv seien; dies könnten die Macher derzeit aber gar nicht richtig einschätzen. Indes: Schumacher ist immer noch in der Zielgruppendenke verhaftet, die allein schon semantisch den Leser degradiert – zum Objekt einer Jagd auf zahlende Kunden. So dient der Abonnent dem Verlag, nicht umgekehrt.

Aus dieser altväterlichen Denke resultieren dann Zitate wie "wir müssen viel mehr Geld und Zeit in eine wirklich gute Marktforschung stecken" oder "genaue Leserforschung und Geomarketing werden immer wichtiger". Vielleicht müssten ja nur die Redakteure mit den Bürgern reden, am besten nicht nur webzwonullig, sondern sogar live im Richtigen Leben 1.0 – und siehe da, auch darüber hat sich Schumacher schon einen Kopf gemacht: "Wir müssen die Leser durch leibhaftige Vorort-Präsenz, etwa Sprechstunden in Cafés, Rundreisen etc., aber auch durch Mikroblogs und als Plattform für lokale Gemeinschaften (Communities) einbeziehen." Wenn aber das Interesse des Lesers für ihn alles ist, warum fordert der Mann dann: "Wir müssen verstärkt selbst die Themen setzen, über die dann gesprochen wird"? Ist das nicht auch altes Denken? Der bevormundende Schlaumeier-AllesBesserWisser-Journalismus, der doch die jüngeren, internet-affinen – ähem – Zielgruppen bekanntlich so anödet?

Letztlich bleibt von Schumachers halbgaren Thesen im Gehirn hängen, dass Journalismus in seiner heutigen Form zu teuer ist: "Wirtschaftlich arbeiten heißt in der Zukunft, bei einem weiterhin sehr hohen Personalkostenanteil den Journalisten vernünftige Rahmenbedingungen für unabhängiges  und dennoch zielgruppenorientiertes Arbeiten zu bieten und sie zu motivieren – etwa indem man sie am Erfolg partizipieren lässt." Aber woran soll denn, bitteschön, die Erfolgsbeteiligung gemessen werden? Per Readerscan? Je nach Anzeigenschaltung im Ressort? "Die alten Zeitungstarife", wettert der Verlagschef, "sind … undifferenzierte, gleichmacherische Auslaufmodelle, die unter ehrgeizigen Redakteuren nur Frust erzeugen und die innerbetriebliche Solidarität auflösen." Interessante Idee: Kollegiale Solidarität stärken, indem man den Ehrgeizlingen mehr bezahlt als denen, die einfach nur einen guten Job für die Leser machen möchten und zufrieden sind, ein Berufsleben lang Lokalredakteur zu sein. (Nicht, dass ich das für eine erstrebenswerte Lebensplanung hielte, aber ich kenne und schätze ein paar Kollegen, die genau darin ihre Berufung sehen.)

Aber seien wir nicht unfair: Wenn ein Verleger mal nicht zuerst an die Inserenten denkt, sondern an die Leser, sollten wir das loben. Den Rest lernt er mit etwas Glück auch noch.

Weniger für mehr

Olaf Kolbrück, Autor der Online-Kolumne off the record im Medienbranchenblatt Horizont, beschreibt mit einer gastronomischen Metapher die suizidale Tendenz mancher Medienhäuser:

Verlage aber reagieren auf die ausbleibende Kundschaft wie jener anekdotischer Restaurantbesitzer, der angesichts sinkender Umsätze erst die Preise erhöht, dann die Portionen verkleinert, und weil die Rendite dann immer noch nicht stimmt, an der Qualität spart, die Blumen schießlich vom Tisch verschwinden lässt , die Vorhänge an den Fenstern nicht mehr wäscht, die Tischdecken nicht mehr austauscht, undsoweiter, bis das Tagesmenu Insolvenz lautet.

Auch mir fallen spontan einige Verlage ein, die in der Tat agieren wie besagter Wirt – oder wie Karcandorstadtquelle & Co. Dennoch würde ich diese Aussage nicht verallgemeinern. Es kommt doch sehr darauf an, wer mit der "ausbleibenden Kundschaft" gemeint ist. In diesem Fall liest es sich, als seien die Leser gemeint. Was mich bei einem Objekt mit der Zielgruppe des "Horizonts" erstaunt: Normalerweise sind ja die Leser aus Verlagssicht gerade keine Kunden. Sie sind demütige, unbezahlte Lieferanten der Handelsware "Awareness", die netterweise noch einen marginalen Deckungsbeitrag als Mitgift mitbringen (jedenfalls solange der Abo-Erlös höher ist als der EK minus WKZ der ausgelobten Espressomaschine). „Weniger für mehr“ weiterlesen

Qualität kostet Geld…

…sage nicht nur ich. Sondern auch Professor Hans J. Kleinsteuber von der Uni Hamburg im Interview mit turi-Mitarbeiter Björn Czieslik.

interview2: Prof. Hans Kleinsteuber, Uni Hamburg