Wir haben doch einen HAU!

Kein Gerät kommt heute mehr ohne Chronometer-Surrogat aus. Die Uhrenmanie nervt – speziell im März und Oktober.

Wenn Deutschlands hinterfotzigster Rätselonkel CUS im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ nach einer Handyfunktion mit drei Buchstaben fragt, meint er garantiert nicht „SMS“. Ich brauchte eine Weile, bis ich auf die logische Lösung kam – UHR!

Es ist wirklich so. Meine Kinder etwa besitzen zwar außer ihren Handys auch noch Armbanduhren. Doch die Batterien sind längst leer. Warum sollten sie sich auch ein analoges Rundinstrument an den Arm binden, das nichts anderes kann, als eine allgegenwärtige Information armselig darzustellen? Ohne Hintergrundbeleuchtung und nur bedingt nachttauglich dank einer Uropa-Technik namens „Leuchtziffern“. Naja, einem Computer-kompetenten Mädchen kann man eh nicht zumuten, eine Damen-Armband-Uhr zu tragen, wenn schon der Händler diese Produktgruppe auf dem Bon zur „DAU“ verkürzelt.

Ich Gewohnheitstier trage meine HAU natürlich noch. Dabei habe ich beim Schreiben permanent das Digitaluhr-Widget meines Notebooks vor Augen und weitere Zeitanzeigen immer im Blickfeld. Denn wohin wir kommen, die Uhren sind schon da: in der Küche (Herd, Mikrowelle, Radio, Waage), im Wohnzimmer (Stereoanlage, TV, Video, Sat-Receiver, Wetterstation), im Schlafzimmer (wirklich nur der Wecker?), im Bad (Hygro-Thermo-Chronometer, Radio), im Auto (Multifunktionsanzeige, Freisprecheinrichtung), auf dem Fahrrad (Tacho), an Haltestellen, auf Bahnsteigen, in Bussen und Bahnen.

Wenn künftige Archäologen beim Buddeln auf unsere uhrigen Sammelsurien stoßen, hat unsere Epoche den Stempel weg: „Kult-Uhr-Zeit“. Die Forscher wüssten ja nicht, dass uns die heutige Uhrenflut ungewollt überkam – ausgelöst von einer Kaste besinnungsloser Produktmanager, die auch den letzten Firlefanz durch eine „Uhr-Funktionalität“ meinte aufwerten zu müssen. Sie würden nur sehen, dass allein die Deutschen grob geschätzt eine Milliarde Uhren besaßen, die sie obendrein allesamt brav jeden März eine Stunde vor und jeden Oktober eine Stunde zurückstellten, nur weil ein paar Politiker ihnen 30 Jahre zuvor eingeredet hatten, das spare Energie. Eine Gesellschaft, die so einen Unfug mitmacht, werden sich die Archäologen sagen, die hat echt eine Fehlfunktion mit drei Buchstaben: einen HAU!

Aus der Technology Review 11/2008, Kolumne FROITZELEIEN

Der AA++-Politiker

Glaubt jemand, dass Zuschüsse für effiziente Kühlschränke dem Klima helfen? Hier der Gegenbeweis:

Bayerische Journalisten kennen den berühmtesten Müllermeister der CSU dafür, dass er auf Besuch in seiner unterfränkischen Heimat schon mal frischgemut drauflosplaudert. Mit etwas Pech steht am nächsten Tag ein Zitat in der Zeitung, das nicht unbedingt von innigster Zuneigung von Minister Michael Glos zur Mathematik zeugt. In Berlin hält sich der oberste Vertreter deutscher Wirtschaft und Technologie Experten, die es mit dem Rechnen offenbar auch nicht genauer nehmen als er. Will der Chef Stromsparer fördern und hat zufällig etwas Geld aus dem Verkauf von CO2-Emissionsrechten übrig, denkt sich eine „Projektgruppe Energiepolitisches Programm“ (Pepp) fix starke Sachen aus: Wie wär’s mit Subventionen auf supereffiziente A++-Kühlschränke? Um die größte Not Energiekosten-geplagter Familien zu lindern, schlägt die Pepp einen Zuschuss von 150 Euro vor.

Glosens Oberexperte Stephan Kohler hatte ja bereits verkündet, er wolle „auch Hartz-IV-Empfänger“ mit Geräten beglücken, die jährlich 80 Strom-Euros sparen und so ihren Kaufpreis in nur sechs Jahren wieder einspielen. Lassen wir mal die Frage beiseite, woher die Ärmsten die 330 Euro Eigenanteil für einen 480-Euro-Kühlschrank nehmen sollen. Allemal interessanter ist Kohlers Aussage zum Einsparpotenzial: Sie weckt die Hoffnung, fortan 400 kWh weniger auf der Jahresstromrechnung zu finden – das kommt hin, aber nur, wenn im fraglichen Haushalt vorher einer der letzten Kühl-Gefrier-Dinos aus den Achtzigerjahren Dienst tat.

Nun sind zum Glück nicht alle A++-Kühlschränke so teuer wie die Modelle, die Kohler so kennt. Ein Importfabrikat gibt es schon für 231 Euro, minus Glos-Bonus bleiben 81. Selbst der klamme Hartzagentur-Kunde könnte sich die Anschaffung leisten, denn bei Ebay wird er einen Dummen finden, der den Alten kauft. Das ist zwar nicht prima fürs Klima. Aber zum Aufpeppen der CO2-Bilanz taugen Kühlschränke sowieso nicht: Glos‘ Zuschuss-Budget reicht nur für gut fünf Millionen Exemplare; die sparen bis zu ihrer Verschrottung acht, vielleicht zehn Terawattstunden Strom. Klingt viel? Es wäre: nicht mal ein Promille des Energieverbrauchs der deutschen Privathaushalte. Und wenn wir alle auf A++ umstiegen,  freiwillig und auch ohne Zuschuss? Ein halbes Prozent.

Aus der Technology Review 10/2008, Kolumne FROITZELEIEN

Urlaubsflug im UFO

Die führerlose U-Bahn fährt. Jetzt sind die Luftfahrtforscher am Zug: Sie rationalisieren die Piloten weg.

Pauschaltouristen hoben noch ein Gespür dafür, was ein Mensch leistet, der ein Flugzeug sicher in die Lüfte und heil wieder auf den Boden bringt. Deshalb applaudieren sie gern dem (Co-)Piloten. Aber die ganze Zeit zwischen Take-off und Landung hoben sie Blut und Wasser geschwitzt. Denn dank Hollywood wissen die Leute genau, wie verwundbar ihr Held ist: Von der Fischvergiftung über den Herzinfarkt bis zum brutalen Hijacking ist ihnen kein Todesszenario fremd.

Aus England dringt nun frohe Kunde für alle, die den Risikofaktor Mensch mehr als alles andere fürchten: UFOs – in diesem Fall nicht unbekannte, sondern unbemannte Flugobjekte – funktionieren. Auf der Flugschau von Farnborough konnte sich jeder davon überzeugen, dass Autopiloten nicht nur in 33.000 Fuß Höhe Kurs holten, sondern bis zum finalen Bodenkontakt so souverän arbeiten wie eine Nürnberger SB-U-Bahn. Für die militärisch vorgebildeten Zuschauer war die programmierte Landung vielleicht keine Sensation. Ein schöner PR-Coup für Europos Aerospace-Ingenieurswesen hätte sie aber werden können.

Und was machen die Forscher daraus? Sie vertrösten uns auf die ferne Zukunft. Vorerst sollen nur Feuerwehr, Polizei & Co. in den Genuss der UFO-Technik kommen. Nichts gegen Brandbekämpfung und Temposünderjagd, aber auch die zivile Luftfahrt braucht endlich Jets ohne störendes Cockpit und Besatzung: Die Passagiere könnten sich Getränke selber holen, wenn sie Durst haben. Nagelfeilen würden wieder als Handgepäck geduldet, weil man nur Mitreisende aufspießen könnte. Die Airlines hätten drei, vier Sitzreihen mehr zu verkaufen, und die Besserzahler in der ersten Klasse genössen durchs Panoramafenster ihrer Bug-Lounge einen Premium-Ausblick à la ICE 3 oder Franken-U-Bahn.

Vermutlich hoben die UFO-Konstrukteure einfach nur Angst vor einem Image-Absturz. Sie werden kaum zugeben, dass sie Computer für sicherer halten als jede hormongesteuerte Crew. Dann brächte Hollywood nämlich garantiert bald den ultimativen Katastrophenthriller auf die Leinwand, in dem Terroristen die Tower aller Großairports stürmen und den Fluglotsen die Fernbedienungen entreißen. So aber werden Pauschaltouristen noch ewig jemanden zum Beklatschen hoben – jedenfalls solange sie sich das Kerosin leisten können.

Aus der Technology Review 9/2008, Kolumne FROITZELEIEN

Knopflos in Peking

Kurz vor den Olympischen Spielen erwacht die Industrie aus ihrer China-Trance. Es wurde auch Zeit.

Sie fragen sich doch bestimmt auch, wieso heute etwa 997 Promille aller Markenklamotten, Handys, Radios und Spielsachen aus China zu kommen scheinen – ganz so, als gäbe es nur ein Billiglohnland auf der Welt. Und Sie wundern sich, dass sich die weltweit größte Kaderschmiede des Raubtierkapitalismus ausgerechnet „Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas“ nennt.

Dafür gibt es nur eine logische Erklärung: Ein Geheimlabor der Volksbefreiungsarmee hat eine Technik zur Telehypnose entwickelt! Wissen Sie noch, wie plötzlich alle neuen Konzernpaläste zwischen Helsinki, München und L. A. nach den Regeln des Feng Shui gebaut wurden? Die Bosse waren noch nicht eingezogen in ihre Wellness-Lounges, da schwärmten sie schon vom neuen Shangri-la. Auf ihren Gebetsmühlen stand „Globalisierung“, doch ihr Mantra klang wie „Chi-na-chi-na-chi-na-chi-na“. Die mentale Fixierung war perfekt: Vergessen waren Asiens einst gefürchtete „Tigerstaaten“, Lateinamerika und Afrika.

In ihrer Trance sahen die Manager alle Widersprüche aufgehoben: Ein Milliardenheer fleißiger Arbeiter würde dank Nanolöhnen einen Zukunftsmarkt mit Gigakaufkraft bilden. Die ameisenhaft selbstlosen Menschen würden passable Qualität produzieren, ohne einen Technologietransfer zu Lasten der Neokolonialherren zu wagen. Die Hypnose der West-Bosse gelang so perfekt, dass sie keinen Schimmer hatten, wo plötzlich all die Containerflotten voller Piraterieprodukte auf den Weltmeeren herkommen mochten.

Fast wäre sie gelungen, die Zerstörung des Kapitalismus mit seinen eigenen Waffen. Dummerweise aber sind die Erben Maos kurz vor dem Ziel ihres langen Marschs gestolpert. Erst mischten Saboteure Gift ins Spielzeug. Dann legten völlig unchinesische Umweltschutzvorschriften ganze Fabriken lahm – deren Dreck, hieß es, könnte den Blick auf Olympia trüben. Als die Behörden auch noch fast Bush-artige Einreiserestriktionen für Manager und ihre Familien verfügten, überwand deren Immunsystem die Wirkung der Hypno-Strahlen.

Die deutschen Teddybären sind schon abgereist, Steiff setzt ihnen jetzt wieder in Deutschland den Knopf ins Ohr. Falls es auch den Handy-Produzenten mulmig wird: Wir wüssten da noch ein paar leer stehende Fabriken.

Aus der Technology Review 8/2008, Kolumne FROITZELEIEN

Energieversorger: Unterirdische Projekte

Versorger. Konzerne wie RWE, Eon und Vattenfall ventilieren große Pläne, das klimaschädliche Kohlendioxid künftig zu vergraben statt in die Luft zu blasen. Doch das ist längst nicht ausgereift – und auch keine Dauerlösung.

Text: Ulf J. Froitzheim

Capital 15/2008

Kohle hat als Energieträger nicht den besten Ruf, aber eine tüchtige Lobby. Auch Christian Ehler macht sich für sie stark, Europaabgeordneter aus dem Braunkohleland Brandenburg. Mit Blick auf seine ostdeutschen Wähler hat er Mitte Oktober in Brüssel einen ambitionierten Antrag durchgebracht: Die EU-Mitgliedsstaaten überlassen danach einen Teil ihrer CO₂-Emissionsrechte kostenlos den Betreibern von zwölf „Demonstrationskraftwerken“, die den Klimakiller CO₂ nicht in die Luft pusten, sondern abtrennen und unterirdisch lagern (siehe „CO₂ – und wie es verschwindet“). Ehler taxiert das Hilfspaket für das drecklose Dutzend auf sechs Milliarden Euro. Größter potenzieller Nutznießer: die deutsche Kohlewirtschaft.

„Carbon Capture & Storage“ (CCS), die Abschöpfung und Lagerung des Karbon-Abgases, steht in den Chefetagen von RWE, Vattenfall und Eon ganz weit oben auf der Themenliste. Die Topmanager dieser Anbieter, die zusammen etwa drei Viertel der deutschen Stromproduktion bestreiten, rechnen offenbar fest damit, einen Teil der EU-Subventionen abzuschöpfen.

Für sich allein ist die CCS-Technik bis auf weiteres sicher kein Geschäft – und technische, rechtliche und finanzielle Bedenken sind längst nicht geklärt. Nur die öffentlichkeitswirksame Vermarktung läuft bereits auf hohen Touren. Stromanbieter RWE Power ließ diesen Sommer wissen, man werde bis 2014 ein ultramodernes Braunkohle-Kraftwerk in die Kölner Bucht stellen, das seine CO₂-Ausscheidungen über eine 500 Kilometer lange Pipeline nach Schleswig-Holstein pumpt. Bernhard Fischer, Vorstandsmitglied der Eon Energie, stellte in Aussicht, sein Unternehmen werde im Energiemix des Jahres 2030 – neben ganz viel regenerativer Energie und Kernkraft – „zehn Prozent aus Steinkohle mit CCS-Technologie“ gewinnen. Und die Eröffnung einer kleinen Pilotanlage von Vattenfall Europe im Lausitz-Nest Schwarze Pumpe machte Anfang September bundesweit Furore, als sei der Einstieg in eine klimakompatible Kraftwerkstechnik nur noch eine Frage des Wann und Wie.

In Wirklichkeit ist nicht einmal das Ob gewiss. Der Zeitplan für die Nordsee-Pipeline, die als derzeit ehrgeizigstes CCS-Projekt weltweit gilt, ist reines Wunschdenken. Bauherr RWE antizipiert nämlich rechtliche Rahmenbedingungen, die das parlamentarische Prozedere noch gar nicht durchlaufen haben. Unternehmen, die daran arbeiteten, ihre Kraftwerke umweltfreundlicher zu machen, müssten „Finanzentscheidungen auf einer nicht existenten Rechtsgrundlage treffen“, beschreibt Europapolitiker Ehler den aus seiner Sicht „grotesken Status quo“. Ein Antrag, das CO₂ in eine Kaverne, also einen unterirdischen Hohlraum, zu pumpen, sei nach geltendem Bergrecht gar nicht genehmigungsfähig. Das hält die RWE freilich nicht davon ab, schon mal auf ein Raumordnungsverfahren zu drängen, das ihr die Trassenplanung für die halbmeterdicke, unterirdische Abgasröhre ermöglichen würde.

Ob sich das RWE-Gaslager eignet, wird erst geprüft

Mit ihrem Bau anzufangen hätte eh keinen Sinn, denn noch ist nicht zweifelsfrei erwiesen, dass der Plan überhaupt technisch machbar ist. Auf Nachfrage gibt ein Sprecher der zuständigen RWE-Tochter Dea in Hamburg an, dass bisher nicht einmal die seismologischen Tests terminiert seien, mit denen der Konzern erst ausloten kann, ob die ins Auge gefassten Gesteinsformationen unter Nordfriesland und Ostholstein tatsächlich die Beschaffenheit und Größe aufweisen, um die Gasmenge aufzunehmen, die bei jahrzehntelangem Kraftwerksbetrieb anfallen würde. Die Erkundungsbohrungen, die letzte Klarheit geben werden, können wohl nicht vor 2010 erfolgen.

Auch der Rummel von Vattenfall Europe um das CCS-getunte Kraft-Wärme-Werklein Schwarze Pumpe war verfrüht. Die Lagerung des Gases unter der sächsischanhaltinischen Altmark kann bestensfalls 2009 beginnen. Ob die Betreiber überhaupt starten können, müssen Ergebnisse von Versuchen erst noch zeigen, die das Deutsche Geoforschungszentrum Potsdam durchführt.

Obwohl mehrere Methoden zur CO₂-Abscheidung technisch erprobt sind und der norwegische Statoil-Konzern seit 1996 Abfallgas ins Gestein unter seiner Bohrplattform Sleipner West presst – und erfolgreich lagert –, haben die CCS-Befürworter keinen leichten Stand. Umweltschützer vom BUND wittern „Greenwashing“, also Alibi-Veranstaltungen zwecks Imagepolitur. Die NRW-Grüne Bärbel Höhn – einst als Umweltministerin gescholten, weil sie beim Tagebau Garzweiler II Wolfgang Clement nachgab – unterstellt RWE-Chef Jürgen Großmann, er wolle sich „einen Freifahrtschein in eine fossile Zukunft“ sichern.

Ihr Fraktionskollege Reiner Priggen rechnete medienwirksam vor, wenn die Technik etwas bewirken solle, brauche man im Braunkohlerevier 90 Pipelines. Vorerst geht es nur um eine einzige, um die erste Röhre – und ums Geld. Das CCS-Kraftwerk Hürth samt Pipeline könnte laut Schätzungen bis zu zwei Milliarden Euro kosten, RWE-Chef Jürgen Großmann will aber nur eine Milliarde selbst tragen. Den Rest, so weit er nicht durch öffentliche Zuschüsse gedeckt wird, sollen Partner einbringen. Die vom Europaparlament avisierten Subventionen würden also helfen.

Doch die Richtlinie, Grundlage für das in Deutschland geplante nationale Gesetz zur Förderung der Abscheidung und Lagerung von industriellen CO₂-Emissionen (kurz: CCS-Gesetz), ist noch nicht durch. Zunächst müssen in einem „Trilog“ zwischen Parlament, Kommission und Rat noch Geldfragen geklärt werden. Nicht alle Staaten sind erfreut darüber, dass sie auf bereits in ihren Budgets verplante Einnahmen aus der CO₂-Abgabe verzichten sollen.

Dass aber ohne Aussicht auf Subventionen so schnell niemand aus der Energiewirtschaft große Summen in CCS investieren wird, ist spätestens klar, seit McKinsey für Energie-Kommissar Andris Piebalgs die Wirtschaftlichkeit der zur Debatte stehenden Techniken durchgerechnet hat. Die Consultants veranschlagen Zusatzkosten von 60 bis 90 Euro pro Tonne CO₂, die abgespalten und eingegraben wird. Erst in gut 20 Jahren wäre CCS-Strom nach ihrer Rechnung konkurrenzfähig.

Konsens herrscht in der Branche, dass es sich auf keinen Fall rechnet, veraltete Kraftwerke mit den voluminösen CO₂-Abscheidern nachzurüsten – so das überhaupt technisch möglich und Platz dafür vorhanden wäre. Denn allen Techniken zur Abspaltung ist gemeinsam, dass sie die Effizienz der Kraftwerke verringern. „Der durchschnittliche Wirkungsgrad von Steinkohlekraftwerken beträgt weltweit rund 30 Prozent“, erklärt der Münchner Eon-Manager Bernhard Fischer, „in Europa 36 und in Deutschland 38 Prozent.“

Da CCS mindestens acht, wenn nicht sogar zwölf Prozentpunkte schluckt, sieht Fischer nur bei den modernsten Kraftwerken einen Sinn in der Sequestrierung, wie CCS unter Fachleuten heißt.

Die Lagertechnik lohnt sich nur für neue Kraftwerke

Stand der modernen Technik seien heute 45 Prozent Wirkungsgrad, das Ziel von Eon heiße „50 plus“. Das erste Demonstrationskraftwerk dieser Generation, die mit neuen Materialien höhere Verbrennungstemperaturen erreicht, soll 2014 in Wilhelmshaven ans Netz gehen. Wie praktisch alles, was in diesen Jahren in die Planung geht, wird es natürlich „capture ready“ sein, also fit für die carbonreduzierte Zukunft mit unterirdischen Gas-Lagern. Das hat seinen Preis: Eon investiert mehr als eine Milliarde Euro in das Projekt.

Wie stark sich die CO₂-Entsorgung auf den Verbraucherpreis auswirken würde, ist noch Spekulation. Laut Berechnungen des Mathematikers Jürgen-Friedrich Hake vom Forschungszentrum Jülich sind es mindestens drei Cent pro Kilowattstunde, denn die Herstellungskosten würden sich von drei auf sechs Cent verdoppeln, selbst Optimisten gehen von fünf Cent aus. Auch Johannes Ewers, als Leiter Neue Technologien bei der RWE Power für Hürth zuständig, räumt ein, nach derzeitigem Stand der Technik steige der Kohleverbrauch um 30 Prozent.

Ein heftiger Preisaufschlag käme den Gegnern der fossilen Rohstoffe wiederum ganz recht, denn er würde die Konkurrenzfähigkeit der erneuerbaren Energien steigern und zum Energiesparen motivieren. So sind Umweltorganisationen wie Greenpeace und BUND vor allem die geplanten Subventionen für die Sequestrierung ein Dorn im Auge. Sie sähen die Fördermilliarden lieber in die Forschung an regenerativen Energiequellen investiert.

Selbst wenn sie im großen Stil kommen würde, wäre die unterirdische Lösung kein Persilschein für die Kohle. So will sogar CSS-Förderer Ehler mit seinem EU-Vorstoß für diese „Brückentechnologie“ vor allem „Zeit gewinnen“. Am anderen Ufer sieht er nicht Kohlestrom, sondern einen Mix aus erneuerbaren Energien – die erst gar kein CO₂ mehr verursachen, das man teuer vergraben müsste.

Wird das klimaschädliche Gas bei der Stromproduktion abgespalten und verbuddelt, zehrt das an der mühsam erhöhten Effizienz der Kraftwerke.

CO₂ – und wie es verschwindet

❏ Deutsche Kohlekraftwerk erzeugen jährlich 300 Milliarden Kilowattstunden Strom und mehr als 250 Millionen Tonnen CO₂. Pro Kilowattstunde stoßen sie bis zu 1200 Gramm Kohlendioxid aus – mit moderner Technik sind unter 400 Gramm möglich.

❏ Würden sämtliche Altanlagen durch hocheffiziente neue ersetzt, wären die Klimaziele schon übertroffen. Als eher finanzierbar gilt aber die Abspaltung und unterirdische Lagerung von CO₂ – etwa in leergepumpten Erdöl- und Erdgaslagerstätten, salzhaltigen Grundwasserleitungen oder Kohleflözen. Kernproblem ist der Nachweis, dass die Lager auf Dauer dicht halten. Als kritisch gilt auch der Abtransport.

❏ Alle Techniken, das CO₂ abzuspalten, verschlechtern den Wirkungsgrad von Kraftwerken. Der liegt im Branchenschnitt bei 38 Prozent – das heißt 38 Prozent der eingesetzten Primärenergie wird zu Strom. Moderne Anlagen bringen es auf 45 Prozent. Durch CO₂-Abspaltung sinkt die Quote um bis zu 12 Prozentpunkte.