Impfgegner-Framing: „Freiwillig“ ist das neue Nein

Heute tun wieder orangegekleidete Menschen das Ihre dafür, Landsberg unsicher zu machen. Genauer gesagt: Sie würden die schöne alte Kreisstadt gerne „impffrei“ machen. Unter diesem Slogan schüren sie auf Facebook und eigenen Websites Angst vor Impfungen aller Art – wobei sie vordergründig so tun, als gehe es ihnen um die Freiwilligkeit bei Impfentscheidungen und „impffrei“ sei nur die Abkürzung dafür. Dabei handelt es sich freilich um durchsichtiges Framing, also um Verbalkosmetik aus dem Handwerkskasten der Agitprop (Agitation und Propaganda). Den Personen aus dem Umfeld des Kauferinger Homöopathen und „Wassertankstellen“-Vermarkters Rolf Kron geht es keineswegs darum, dass Eltern im Individualfall zwischen Pro und Contra abwägen, was ja hieße, dass sie sich unabhängig aus seriösen Quellen informieren und höchstwahrscheinlich FÜR das Impfen entscheiden würden. Dass das Pendel zum Pro ausschlägt, wäre jedoch das Letzte, was einer wie Kron erreichen will. Schließlich hat er sich in den vergangenen Jahren den zweifelhaften Ruf einer Leitfigur der deutschen Impfgegner-Szene erarbeitet – einer Szene, in der gezielte Desinformation, substanzlose Panikmache und Diffamierung von Ärzten, die impfen, alltäglich sind.

Nochmal ganz klar: Die Wortschöpfung „impffrei“ ist bei Kron und seinen Helfern absolut wörtlich zu nehmen. Ihr Ziel ist, dass niemand mehr zum Impfen geht. Bei ihrem rücksichtslosen Feldzug gegen Vernunft, Gemeinwohl und Gesundheit schrecken sie nicht vor der Verbreitung von erwiesenermaßen falschen Behauptungen zurück. Hierzu verweise ich auf meinen Blogbeitrag vom 22. Oktober 2019, in dem ich unter anderem darauf eingehe, dass es sich bei der angeblichen Elterninitiative „Levana Landsberg“ um Etikettenschwindel handelt. Es gibt keinen Verein, der so heißt, niemand außer Kron wird namentlich genannt. Er ist der Alleinverantwortliche. Wer ihm dabei hilft, hat kein Recht, mitzubestimmen oder ihm reinzureden, niemand kann ihn abwählen. 

Mr. Levana (Rolf Kron) bei seiner vorigen Kundgebung

Übrigens ist Kron nicht der Einzige, der das Wort „impffrei“ verwendet. Auch in Bamberg und Wien treiben militante Impfgegner ihr Unwesen unter demselben Kampfbegriff.

Wer mag für diese Wiener Website verantwortlich sein? Im Impressum steht der Allerweltsname Jutta Müller, eine Handynummer, eine Freemail-Adresse. Angesichts der wilden Ansammlung an unseriösen Quellen und längst falsifizierten Behauptungen ist diese Flucht aus der Verantwortung verständlich.
Impfgegner Rolf Kron aus Kaufering bei einem Testimonial für die „Wassertankstelle“, also eine Wasserfilteranlage der Firma truu aus Pforzheim, deren Gesellschafter Marcus V. sich laut einem Bericht der „Welt“ als Scientologe geoutet hat. Vielleicht wäre Herr Kron gut beraten, sich von diesem Unternehmen zu distanzieren. Auf seiner vorigen Kundgebung waren die typischen blauen Flaschen noch werbewirksam auf einem Tisch aufgebaut.
Screenshot aus dem Video, das Levana alias Kron ins Netz gestellt hat. In der Mitte die blauen Flaschen der truu-Wassertankstelle.

 

 

Boomer’s Revenge Vol. II

Aus aktuellem Anlass heute ein Nachtrag zu meinem Rant aus dem vergangenen Spätherbst. Da die Aufmerksamkeitsspanne immer kürzer wird, nicht nur bei Jüngeren, mache ich es kurz. 

Wer mit dem Hashtag #okboomer um sich wirft, sollte sich fragen, was er/sie erreichen will und ob das Klischee ihm hilft, seinem Kommunikationsziel näher zu kommen.

Relevant ist das insbesondere im Kontext des Klimawandels. Jüngere, die wirklich etwas gegen den exorbitanten CO2- und Methan-Ausstoß der Menschheit tun wollen, dürfen sich nicht einreden, dass – böse gesagt – mit meiner „Generation“ diejenigen aussterben werden, die für das Problem verantwortlich sind. Das ist schon deshalb eine unsinnige Annahme, weil der deutsche Babyboom erst vor 50 Jahren endete. Die Jüngsten von „uns“ bestimmen noch bis zum Braunkohle-Ausstieg (2038 oder vielleicht jetzt 2035) mit, und unsere hohe statistische Lebenserwartung bedeutet, dass viele von uns auch 2050 noch durch die Altenheime tattern werden – als überwiegend wahlberechtigte Bürger.

Viel schlimmer noch ist aber der immanente Irrtum, dass sich das Klimaproblem überhaupt demographisch lösen wird. Wären Einsicht oder Einstellung eine Generationenfrage, würde das Problem ja quasi mit der Zeit von selbst verschwinden. Man bräuchte sich um die Jüngeren gar nicht zu kümmern, sie nicht zu überzeugen. Dabei hat ein 30-Jähriger, der an das Märchen von der Klimahysterie und vom Alarmismus glaubt, noch doppelt soviel Zeit, Schaden anzurichten, wie jemand meines Alters.

Die Gefahr, dass er das wirklich tut, ist sehr real. Ich weiß, wovon ich rede. Zwischen Anfang 20 und Anfang 40 war ich nach damaligen Maßstäben Vielflieger, obwohl ich grundsätzlich von der Gefahr namens Global Warming wusste. Ich kann mich gut erinnern, wie man in diesem Alter tickt und dass man gut darin ist, den eigenen Beitrag zur Lösung des Problems zu prokrastinieren. Morgen fange ich an, vorher kaufe ich mir nur noch dies und will ich nur noch kurz Australien sehen, bevor es ganz abgefackelt ist. Meine Ausrede gegenüber meinem Öko-Ich, mein Anteil sei verschwindend gering, höre ich heute ständig auch von jüngeren Menschen. Sie betrügen sich selbst, so wie ich es tat.

Was nützt es, wenn aus meinen Fehlern nur ich selbst gelernt habe, nicht aber auch diejenigen, die jetzt so alt sind wie ich damals?

TL;DR: Wer „Boomer“ sagt, setzt sich selbst Scheuklappen auf. 

In memoriam Syrthos J. Dreher

Für uns in der 17. Lehrredaktion der DJS war Syrthos nur der „Floh“. Den Spitznamen hatte der Schwabe mit nach München gebracht. Dass Kommilitonen, die ihn noch nicht kannten, zunächst dachten, wir unterhielten uns mit einem Florian, störte ihn nicht. Aber er legte Wert auf das „h“, das ihn von den normalen Flos unterschied.

Sein richtiger Vorname, der so griechisch klang, war eigentlich gar kein richtiger Vorname, sondern eine Erfindung seiner Eltern, die das Tuttlinger Standesamt durchgehen ließ. Gut 40 Jahre vor dem Suchmaschinenzeitalter hatten sie für ihren am ersten Weihnachtstag 1955 geborenen Sohn einen Namen gefunden, der bis heute so einzigartig ist, dass es genügt, „Syrthos“ zu googlen, und man findet prompt die vielen Spuren, die Floh im Netz hinterlassen hat; den Nachnamen braucht es nicht. Auch hier macht das kleine h den Unterschied: Syrtos ist ein griechischer Tanz.
Dass unser stets freundlicher, leiser Mitschüler und Kommilitone nicht mehr ist, dass sein geschwächtes Herz ihn im Sommerurlaub endgültig im Stich ließ, sprach sich nur langsam herum. Wie es leider so ist, schlafen auch Kontakte zu sehr lieben Menschen ein. Man verliert einander ungewollt aus den Augen und zuckt zusammen, wenn man beim DJV-Verbandstag auf die schwarz umrandete Liste schaut, die für die obligatorische Gedenkminute ausgelegt wird, und einen vertrauten Namen entdeckt. 63 ist doch kein Alter. Wann haben wir uns das letzte Mal gesehen? Vor zehn Jahren muss das gewesen sein, beim 60. Geburtstag der DJS. Wie die Zeit rennt.
Damals hatte der SWR-Redakteur, Regisseur, Produzent und Filmemacher gerade an der Musikhochschule Karlsruhe einen Studiengang für Fernseh-Musikjournalisten entwickelt und begonnen, als Dozent seine Erfahrungen weiterzugeben. Seine Spezialität waren einfühlsame Features und Künstler-Porträts. Er erzählte Zeitgeschichtliches entlang der Musik dieser Jahre (in der SDR-Sendereihe „Schön war die Zeit“) und ging als Redakteur der Tigerentenclubs auf Entdeckungsreise durch Manhattan.

Seine Bachelor- und Master-Studenten unterrichtete Syrthos bis 2017, dann zwang ihn eine Herzerkrankung zum Pausieren. Im laufenden Wintersemester wollte er wieder als Dozent einsteigen. Dazu kam es nicht mehr. Auch das Projekt seines Lebens, eine 90-minütige Doku über den Ausnahme-Pianisten Arturo Benedetti Michelangeli (1920-1995), konnte Syrthos nicht mehr abschließen. Er hinterließ nur den Rohschnitt des Films, mit dessen Planung er schon zu Lebzeiten des Virtuosen begonnen hatte. Das Werk sollte zu dessen 100. Geburtstag im Januar 2020 erscheinen – mit dem Untertitel: „Auf der Suche nach dem Absoluten.“
Die Faszination für Michelangeli passte zu Floh. Wie der Protagonist seines Films hatte er auch selbst eine perfektionistische Ader. Immer wieder habe er an dem Projekt gearbeitet, schrieben vier langjährige SWR-KollegInnen im Intranet des Senders: „Er zog für ein halbes Jahr nach Italien, um sich die Muttersprache des großen Pianisten anzueignen, nahm ein Sabbatical, um das Archiv des Genius zu sichten. Das war Syrthos. Nie war ihm etwas zu viel, wenn es um gutes Programm, um die Kunst und um die Lebenskunst ging, das ganz Große im Leben. Und gleichzeitig konnte keiner wie er solch eine Freude und Dankbarkeit in den kleinen Dingen des Alltags finden, und mehr noch, diese Freude ausdrücken und den Moment zum Fest machen.“

Am morgigen Sonntag, dem 100. Geburtstag Arturo Michelangelis, habe ich die Ehre, mir im Kabarett „Die Galgenstricke“ in Esslingen mit Weggefährten von Floh alias syr den Rohschnitt des Films anschauen zu dürfen. Eine Woche später – und damit seltsam unpünktlich – läuft die von einem anderen Regisseur fertiggestellte Fassung im Fernsehen. Schade, dass das, was über den Sender gehen wird, nicht die Handschrift von Syrthos J. Dreher trägt. Aber gut, dass all die liebevolle Kleinarbeit, die so ein Projekt ausmacht, nicht völlig vergebens war.

All We Want For Christmas …

Liebe Freundinnen und Freunde,

aus unerfindlichen Gründen verbinden wir ja alle Weihnachten mit Schnee. Vielleicht ist Bing Crosby schuld, der bekanntlich auch nur davon träumte, vielleicht weil er in Kalifornien oder Florida am Strand saß. Meteorologisch war ein Wetter, wie wir es heute haben, schon vor den wärmsten Jahren seit Beginn der Aufzeichnungen eher die Regel als die Ausnahme, jedenfalls hier in den oberbayerischen Niederungen. Lassen wir daher heute mal den Klimawandel Klimawandel sein; der wird auch so die tollen Allgäuer Loipen viel öfter und länger in Matsch verwandeln, als ich mir vorstellen mag.


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2,53 Promille Payback: dm verkauft Stammkunden für blöd

Seit über 30 Jahren war ich, von Petitessen abgesehen, ein sehr zufriedener dm-Kunde. Ab sofort hat in Karlsruhe allerdings nicht mehr der langjährige Geschäftsführer Erich Harsch das Sagen – er wechselt zu Hornbach – sondern Christoph Werner, der Sohn des dm-Gründers Götz Werner. Und der ist zum Einstand gerade drauf und dran, die Kundenbindung kurz und klein zu hacken, die sein Vater und Harsch aufgebaut hatten.

So war dm vor 20 Jahren die Handelskette, die dem Loyalty-System Payback zum Erfolg verhalf. Man bekam ein Prozent des Umsatzes in vollen DM oder Euro in Form von Bonuspunkten gutgeschrieben, und bei dm war das ein echter Naturalrabatt (bzw. ein Natural-Skonto): Man konnte mit den Punkten einkaufen.

Freuen Sie sich auf halbierte Punkte!

Eigentlich sind 20 Jahre Zusammenarbeit im Marketing ein legitimer Anlass zum Feiern. Sie sollten aber kein Anlass für die Partner sein, ihre gemeinsamen Kunden zu vergackeiern. Genau das tun Payback und Werner junior gerade mit vereinten, aber leider völlig irregeleiteten Kräften.

„Punktiläum“ nennen sie – ha, ha, ha – das Punkte-Jubiläum, und sie nehmen dieses zum Anlass, aus Punkten Pünktchen zu machen. Gab es bis jetzt für jeden Euro einen Punkt, ist es künftig nur noch ein Punkt je volle zwei Euro. Das heißt: Kaufe ich für 3,95 Euro ein, schreibt mir dm statt drei Cent nur noch einen Cent gut. Das Skonto beträgt dann 0,253 Prozent – was mich an die Zinsentwicklung bei Tagegeldkonten Anfang/Mitte der Zehnerjahre erinnert. Mal ehrlich: Ist ein Cent Nachlass auf vier Euro (Schwellenpreis) noch ein Kundenbindungsinstrument oder schon eine rotzlöffelige Beleidigung? Sehen Sie, wir sind uns einig.

Zum Start in die Reduktion des Skontos zur Quantité négligeable schießt der Nachwuchswerner eine Doppel-Nebelkerze in die Silvesternacht: Bis zum 31.12. darf man noch einen Einkauf mit 10-fach-Punkten tätigen, für die Tage nach Neujahr folgt ein Coupon mit 20-fach-Punkten. Das soll offenbar aussehen, als sei es ein Geschenk an die Kunden, dabei ist dieser Coupon natürlich nicht mehr, sondern sogar ein klitzekleines bisschen weniger wert als der von 2019 mit den 10-fach-Punkten.

Wer jetzt mich für den Pfennigfuchser hält, verkennt die Lage: Nicht ich mache mit halben Cents herum, sondern das neue dm-Management. Es folgt damit dem schlechten Beispiel von Aral und Rewe.

Jetzt ist es aber so, dass die Payback-Punkte nie ein echtes Skonto oder eine Treueprämie waren wie Tante Emmas gute alte Rabattmarke. Sie waren eine Gegenleistung für die Daten über mein Einkaufsverhalten. Ich habe mich einverstanden erklärt, mich ausmarktforschen zu lassen, dafür konnte ich von Zeit zu Zeit meinen Einkauf mit Punkten bezahlen. Es war ein Deal, eine Win-Win-Geschichte nach dem Prinzip „Kleinvieh macht auch Mist“.

 

Dabei war eigentlich schon ein Prozent vom Umsatz erbärmlich wenig Gegenwert für die Daten, weshalb ich per Mischkalkulation die halbwegs regelmäßigen 5-fach-Punkte-Aktionen für Vorratskäufe nutzte und so unter dem Strich halbwegs den drei Prozent im Laden von Tante Emma selig nahekam. Aber künftig sind dm’s 5-fach-Punkte nur noch 2,5-fach-Punkte, und bei Bonsummen mit ungerader Zahl auf der letzten Euro-Stelle nicht einmal mehr das.

Damit ist der Deal für mich keiner mehr. Ja, ich geb’s zu, ich war ein käuflicher Kunde. Aber die neuen Konditionen sind derart kleinstkrämerisch, dass es mein Reststolz als Verbraucher mir verbietet, mich für diese Kinkerlitzchen noch korrumpieren zu lassen.

Deshalb, lieber Christoph Werner, kaufe ich jetzt mit den Zehnfachpunkten noch ein letztes Mal groß ein, in der Hoffnung, dass es wirklich nur Produkte sind, bei denen Ihre Nettomarge unter zehn Prozent liegt. Ich kaufe Ihrer Filiale bei allem, was sich lange hält, die Regale leer. Und dann schaffe ich meine Payback-Karte ab und wechsle auf die andere Straßenseite in Erwin Müllers Drogerie. Jedenfalls solange, wie mir Herr Müller auf jedem Kassenzettel nach alter Kaufmannssitte drei Prozent Skonto für den nächsten Einkauf innerhalb ein bestimmten Frist gutschreibt.