BJV: Money for Nothing

In einer idealen Welt, in der alle Menschen fair und respektvoll miteinander umgehen, wären Berufsverbände und Gewerkschaften überflüssig. Alle Selbständigen und Angestellten würden mit ihrer Arbeit genug Geld verdienen, um einer Familie einen angemessenen Lebensstandard zu bieten. Leistung würde adäquat honoriert, niemand über den Tisch gezogen. Keiner würde die Macht des Stärkeren ausspielen. Wer sagt, dass das leider eine Utopie bleiben wird, ist kein Pessimist, sondern Realist.

Ergo können wir auf Berufsverbände und Gewerkschaften nicht verzichten. Wir brauchen sie, und sie müssen stark sein. So stark, dass sie als Lobby der im jeweiligen Beruf Tätigen ernst genommen werden. So stark, dass sie sich genügend Hauptamtliche leisten können, die ihren Mitglieder Service bieten, die sie juristisch beraten und vertreten. So stark, dass sie, wenn gar nichts anderes hilft, auch mal einen Streik durchstehen, an dem sich dann aber auch alle (!) Mitglieder beteiligen.

Und was heißt stark? Nicht nur finanzstark, sondern auch mitgliederstark. Alles steht und fällt mit dem Organisationsgrad. Egal, ob Berufsverband oder Gewerkschaft: Wer den Anspruch aufgibt, als legitimer Vertreter und Sprecher aller Angehörigen des Berufs anerkannt zu werden, gibt sich selbst auf und kann eigentlich zusperren.

Und was ergibt sich daraus wiederum zwingend? Dass sich alle, die in diesem Beruf ihren Lebensunterhalt verdienen oder ihn erlernen, die Mitgliedschaft auch leisten können müssen.

Bayerischer Beitrag galoppiert dem Preisindex davon

Wer mich kennt, weiß, wem ich hier predige – schließlich lautet der Untertitel meiner Wortpresse „Journalismus unter Druck“ – aber vielleicht nicht, warum gerade jetzt. Ein paar Dutzend meiner lieben Kolleginnen und Kollegen im Bayerischen Journalisten-Verband haben vor einer Woche entschieden, dass unser Mitgliedsbeitrag um 54 Euro pro Jahr steigen soll, auf dann 408 Euro. „BJV: Money for Nothing“ weiterlesen

VG Wort: Rückblick und Dank

Sie ist mein Jahrgang, die VG Wort. Ich kam wenige Monate nach ihr zur Welt, Ende 1958. Als wir beide 40 waren, kam ich zu ihr, als Gremlin, wie Günther Jauch Gremienmitglieder zu nennen pflegt. 20 Jahre lang, ein Drittel meines Lebens, habe ich meine Kolleginnen und Kollegen ehrenamtlich in der Berufsgruppe 2 vertreten, der vor allem Journalisten und Journalistinnen angehören – zunächst als „Delegierter der Wahrnehmungsberechtigten“, dann 16 Jahre im Verwaltungsrat. Als Geste der Anerkennung hat mir der Vorstand am vorigen Freitag in München diese Silbermünze überreicht …

… und ich gestehe hiermit offen, dass ich sie gerne angenommen habe – wohl wissend, dass dies den nicht ganz unbekannten juristischen Fachautor M.V. auf die Idee bringen könnte, das Abschiedsgeschenk als einen Akt der Veruntreuung von Hellern und Pfennigen zu deuten, die zu 100 Prozent den wahrnehmungsberechtigten Urhebern zustehen und niemandem sonst.
Dass mir solche kruden Gedanken kommen – nicht, ob ich ein schlechtes Gewissen haben sollte, sondern ob ich mich durch die Annahme der Münze auf juristisch unsicheres Terrain begebe – ist eine der Nebenwirkungen, die dieses wichtige Amt* mit sich brachte. Die meisten Urheber haben ja keine Vorstellung davon, mit was für Leuten man es da im Lauf der Jahre zu tun bekommt. Deshalb möchte ich zum Abschluss meiner Amtszeit ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern.

Mehr über den Generationswechsel und warum ich der VG Wort noch mehr Mitglieder wünsche, lesen Sie weiter unten in diesem Blogpost.

Die Kunst, eine Vollmacht korrekt auszufüllen

Mit die schönste Erfahrung in meiner Zeit als Verwaltungsrat war, dass die überwältigende Mehrheit der Mitglieder uns Gremlins dafür dankbar war, dass wir uns für sie um die Dinge kümmerten. Dieses Vertrauen drückt sich beispielsweise dadurch aus, dass die meisten Kolleginnen und Kollegen aus meinem Berufsverband, wenn man sie fragt, ob sie zur Mitgliederversammlung kommen, bereitwillig Vollmachten schicken und uns Aktiven die Arbeit überlassen. Ich hätte es zwar noch schöner gefunden, wenn sich ein paar mehr selbst aufgerafft hätten, statt einen Zettel auszufüllen. „VG Wort: Rückblick und Dank“ weiterlesen

Ist das noch mein BJV?

Liebe Kolleginnen und Kollegen im BJV,

die Vorstandsmitglieder wissen es zwar, die meisten Mitglieder wahrscheinlich noch nicht: Der Bayerische Journalistentag 2019 findet ohne mich statt. Am kommenden Samstag, dem 25. Mai, bin ich nicht in Pullach beim BJV, sondern in München im Künstlerhaus bei der VG Wort.

Es ist nicht so, dass ich keine Lust hätte, teilzunehmen. Immerhin bin ich direkt gewähltes Vorstandsmitglied des BJV, für den ich mich in den vergangenen 35 Jahren in diversen Ehrenämtern engagiert habe (plus fünf Jahre als honorierter Blattmacher des BJVreports). Da schwänzt man nicht leichtfertig die Mitgliederversammlung, erst recht keine, auf der Vorstandswahlen und eine drastische Beitragserhöhung anstehen. Dass ich keine Chance habe, meine Stimme für Anne Webert abzugeben, die für den Geschäftsführenden Vorstand kandidiert, schmerzt.

Immerhin kann ich meine Kritik, die eigentlich auf den Journalistentag gehört hätte, auf diesem Weg vorab äußern (und zwar hier). Leicht fällt es mir nicht, das aufzuschreiben statt dass wir miteinander reden. Es ist die Ultima ratio. „Ist das noch mein BJV?“ weiterlesen

BJV: Ein Warnruf zum Abschied

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

in ein paar Tagen endet meine Zeit als Aktiver im Bayerischen Journalisten-Verband. Wenn man Jahrzehnte lang ehrenamtlich unterwegs war, würde man gerne diese Lebensphase in guter Stimmung und voller Optimismus ausklingen lassen. Vielleicht bekäme man auch das eine oder andere nette Wort zu hören oder ein Dankeschön. Bei der VG Wort, in deren Verwaltungsrat ich die letzten 16 Jahre für Sie und Euch gesessen habe, ist das tatsächlich so. Die Worte der Wertschätzung und Anerkennung, die mich im Vorfeld meiner letzten Mitgliederversammlung als Ratsmitglied erreichten, haben mich sehr gefreut, vielen Dank dafür!

Leider klingt meine Mitarbeit im BJV, die bis ins Jahr 1984 zurückreicht, nicht so harmonisch aus. Wenn am 25. Mai meine Amtszeit als Mitglied des Landesvorstands endet, werden mindestens drei bis vier der fünf geschäftsführenden Vorstandsmitglieder sowie der Eine oder die Andere aus dem erweiterten Landesvorstand aufatmen. Und sie werden froh sein, dass ich – in Ermangelung des Talents, mich an zwei Orten gleichzeitig aufzuhalten – nicht im Saal bin, wenn sie versuchen, eine drastische Beitragserhöhung durchzuboxen und (in vier Fällen) wiedergewählt zu werden. Denn ich gelte ihnen als „Querdenker“, den man doch „auch“ brauche (aber wozu, wenn man ihm nicht zuhört?). Das Wort war bei ihnen eh nie freundlich gemeint, sondern als allzu durchsichtiger Euphemismus für den unbequemen Quertreiber, der sie fordert, herausfordert, kritisiert, Finger in Wunden legt, widerspricht und die Konfrontation nicht scheut, wenn es um die Zukunft des BJV und des DJV geht. „BJV: Ein Warnruf zum Abschied“ weiterlesen

Endspurt: Ja zum Urheberrecht, ja zu Europa!

Liebe Abgeordnete des Europäischen Parlaments,

es liegt jetzt an Ihnen. Beweisen Sie Weitblick! Widerstehen Sie der Versuchung, bei der Urheberrechtsnovelle populistisch zu entscheiden, aus der trügerischen Hoffnung heraus, sich mit einer Entscheidung gegen die Urheber die Stimmen der Generation Y(ouTube) oder I(nstagram) für die Europawahl am 26. Mai zu sichern! Es wäre naiv, zu glauben, dass diejenigen, die lautstark gegen die Richtlinie protestieren, zum Dank für Sie votieren, wenn sie morgen ihren Willen bekommen. Ob sich diese Leute überhaupt aufraffen würden, zur Wahl zu gehen, ist sogar eher zweifelhaft, denn von allgemeinpolitischer Reflexion oder gar tiefergehender politischer Bildung war rund um die Empörung über vorformulierte und geschickt lancierte „Aufreger“ leider nicht viel zu sehen in den Social Media.

Vielleicht haben Sie in der Süddeutschen Zeitung vom Samstag den sehr treffenden und überfälligen Kommentar meines Kollege Andrian Kreye gelesen („Ihr unterstützt datengierige US-Konzerne!„) oder vor einer Woche Heribert Prantls Wochenblick. Falls ja, nehmen Sie sich die Mahnungen bitte zu Herzen. Falls noch nicht, lesen Sie die Texte bitte jetzt (und nehmen sie sich zu Herzen). Und vergessen Sie all den Unsinn, den einige andere Redakteure und Autoren der SZ in den vergangenen Wochen in Unkenntnis der Zusammenhänge nachgebetet haben. Wenn Ihr Leib-und-Magen-Blatt die FAZ ist, sind Sie wahrscheinlich schon etwas länger gut informiert.

Ich appelliere an Sie in meiner Eigenschaft als altgedienter Technik- und Wirtschaftsjournalist, der sich mit Onlinemedien und IT-Firmen schon auseinandergesetzt hat, als das Wort „Internet“ in Deutschland noch unbekannt und das World Wide Web noch lange nicht erfunden war, und sich seit Jahrzehnten ehrenamtlich mit dem Urheberrecht befasst. Unter anderem war ich auf Autorenseite Gründungsmitglied der Arbeitsgruppe „Metis“ in der VG Wort, die das Vergütungssystem für Texte auf Internetseiten auf die Beine gestellt hat. Seit längerer Zeit stehe ich zudem in ständigem Austausch mit Urhebern ganz anderer Disziplinen – von Komponisten über die Fotografin bis zur Bestsellerautorin – und einschlägigen Fachleuten. Kurz gesagt: Im Gegensatz zu vielen Menschen, die sich seit vorigem Sommer zu meinungsstarken öffentlichen Äußerungen berufen fühlen, kenne ich die Thematik aus all ihren Perspektiven.

Im Vorfeld der entscheidenden Abstimmung möchte ich noch einmal die viel zu selten hinterfragte Absurdität der Argumentation hervorheben, mit der die Gegner versuchen, Sie von einem Ja zur Richtlinie abzuhalten oder abzubringen. Neudeutsch spricht man ja von „Narrativen“, die in die Welt gesetzt wurden. Gemeint sind damit freilich Dinge, die man früher als Legenden oder Märchen bezeichnet hätte. Noch treffender wäre es, von kampagnentauglichen Sprachregelungen zu reden, denn dann kommt man nicht mehr der Frage aus, wer weshalb wessen Sprache regelt.

Entscheiden Sie also bitte morgen richtig, nämlich für den ausgehandelten Kompromiss, und erklären Sie im vor Ihnen liegenden Wahlkampf sachlich, offen und ehrlich, warum Sie sich so entschieden haben! Hier meine Zusammenfassung der Knackpunkte:

Das Zensur-Argument gegen Artikel 17 (13)

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