Karriere Zwo Null

SILVER AGER. Die demografische Entwicklung bringt einen. neuen Gründertypus hervor: Alter 50 plus, gelassen und abgeklärt. Die Erfolgsgeschichte von drei jung gebliebenen Spätgründern.

Werner Weber und Helmut Becker haben auf den ersten Blick nicht viel gemein. Weber stand immer mittendrin im Leben, beriet Tausende von Kunden aus allen Schichten der Bevölkerung. Becker thronte als Vordenker seines mächtigen Chefs hoch über den Niederungen des industriellen Alltags. Webers beruflicher Horizont war dominiert von der kommenden Vegetationsperiode und den Bedürfnissen der Gartenbesitzer, Beckers Job der Adlerblick auf die langfristige Entwicklung der automobilen Wohlstandsgesellschaft.

Die beiden eint dennoch viel. Der bodenständige Filialleiter einer Gartencenter-Kette in der Nähe von München und der promovierte Volkswirt aus dem vierzylindrigen Elfenbeinturm der BMW AG mussten nach Jahrzehnten des Angestelltendaseins feststellen, dass sie nicht mehr zu ihren Arbeitgebern passten – oder die nicht mehr zu ihnen. Beide waren auf ihre Art unbequem für die Vorgesetzten, die man ihnen irgendwann vorgesetzt hatte. „Karriere Zwo Null“ weiterlesen

Makrolon statt Makrelen

Während wir die Meere leer futtern, entwickeln Forscher künstliche Fische. Können die ihre Vorbilder vor unserer Gefräßigkeit retten?

Als Konsumenten sind wir längst Getriebene, immer hilflos bemüht, nichts falsch zu machen. Wer beispielsweise gern Fisch isst, hat’s schwer, ein nachhaltig reines Gewissen zu bewahren. Wir futterten rücksichtslos die Meere leer, schimpfen Naturschützer unablässig. Um Hering und Kabeljau vor den internationalen Überfischungsflotten zu retten, gewöhnten wir uns an, statt Rollmops, Matjes und Fischstäbchen exotische Filets zu verspeisen – vom Red Snapper, Bonito, Schwertfisch oder dem Nilbarsch aus der naturnahen Zucht -, nur um aufs Neue wahre Öko-Gruselgeschichten aufgetischt zu bekommen. Deren neueste: Die Raubfische, die uns vermeintlich raubbaufreie Aquafarmen liefern, werden als Halbwüchsige aus dem Meer gezogen und in ihrem Gefängnis mit Fischmehl gemästet. Und wo kommt das wohl her? Eben. Da braucht sich kein Fischhändler mehr zu wundern, wenn er beim kritischen Verbraucher weniger Vertrauen genießt als sein Vorvater Verleihnix beim gallischen Dorfschmied Automatix.

Doch was dagegen tun? Sollen wir nur noch vegetarisch gefütterte Farmfische wie Pangasius und Tilapia essen, diese tierischen Eiweißbeilagen ohne Eigengeschmack? Das hilft den leckeren bedrohten Arten auch nicht weiter. Lachs, Barsch & Co. landen dann eben auf den Tellern weniger skrupulöser Zeitgenossen. Abhilfe könnte vielleicht eine technische Errungenschaft schaffen, deren Prototypen das hochgeschätzte M.I.T. soeben vorgestellt hat – als Resultat von mehr als 15 Jahren Forscherfleiß: der autonom schwimmende Roboterfisch, ein preiswertes tiefseetaugliches Zwerg-U-Boot.

Es mag ja stimmen, dass die ersten handgefertigten Exemplare den Gegenwert prämierter Koi-Karpfen haben und dass man sie – bei ansonsten vergleichbarem praktischen Nutzwert – nicht einmal essen kann. Wenn der iFish erst einmal reif ist für die preiswerte Großserie, dürften sich aber Anwendungsgebiete auftun, die für Fischfreunde spannender sind als die von den Erfindern erwogene Inspektion von Unterwasserkabeln oder Pipelines. Mit etwas Fantasie wären zum Beispiel James-Bond-hafte Anti-Trawler-Sonderausstattungen denkbar. Mit messerscharfem Haigebiss aufgerüstete Tauchbots könnten ihre essbaren Brüder und Schwestern aus den Schleppnetzen befreien. Tierbefreiungsarmisten würden ganze Schwärme künstlicher Schwert- und Sägefische auf Aquafarmen loslassen, um den Gefangenen zur Flucht ins offene Meer zu verhelfen, wo diese sich munter fortpflanzen. Und ein paar Jahre später – herzlichen Dank, liebe Tierschützer! – deckt Neptun wieder so reichlich unseren Tisch wie ehedem.

Tja, schön wär’s, Gourmand, seufzt unser innerer Technologiefolgenabschätzer. Wer sagt denn, dass die schwarmintelligenten Biester nicht nachmachen, was ihnen die echten Raubfische vorleben? Große Fische jagen die kleinen. Makrolon frisst Makrelen: Sind die Plastikpiranhas erst mal im Ozean, machen sie alles zu Sushi. Selbst der Thun, der sie verschlingt, hat keine Chance gegen den inneren Feind. Und die Fischpfanne bleibet leer auf alle Zeit.

Da kann man nur hoffen, dass es den M.I.T.-Forschern nie gelingt, eine praxistaugliche Energiequelle für das Bionik-Tier zu entwickeln. Mit heutigen Hochleistungsakkus wäre der Kunstfisch so schwer, dass er gleich auf den Meeresgrund sänke. Der Prototyp im Labor-Aquarium funktioniert nur, weil er als Netzkabel-Jau konstruiert ist: Der Strom, mit dem er schwimmt, kommt aus der Steckdose.

ULF J. FROITZHEIM, seit drei Jahren TR-Kolumnist, hat jeden Tag künstliche Fische vor Augen – auf seinem Bildschirmschoner.

Aus der Technology Review 10/2009, Kolumne FROITZELEIEN

Schlank aus dem Sommerloch

Die Dino-Diät oder: Forschung ist am schönsten, wenn niemand ihre Angaben nachmessen kann.

Othniel Charles Marsh ahnte gar nicht, welch treffenden Namen er sich für das Urzeitmonster ausgedacht hatte, dessen Knochen 1877 in Wyoming am Ostrand der Rocky Mountains entdeckt worden waren: Apatosaurus, die trügerische Echse. Dies war eigentlich eine Anspielung auf eine Besonderheit im Knochenbau, die falsch zu deuten sich ein Paläontologe hüten musste. Zwei Jahre später verpasste Marsh einem anderen Skelett den Namen Brontosaurus, also Donnerechse. Zwar stellte sich bald heraus, dass der Forscher lediglich einem weiteren Trugsaurier auf den Leim gegangen war. Abertausenden von Saurierbuchautoren war der Irrtum aber egal. Sie betrogen die jugendlichen Dinofans um den älteren, wissenschaftlich korrekten Namen, weil Brontosaurus gewaltig klingt, Apatosaurus hingegen apathisch und damit nicht gerade verkaufsförderlich.

Welch massive trügerische Kraft das Gerippe von Wyoming in den Gehirnen junger und alter Urzeitforscher entfaltete, kam erst im Sommerloch 2009 so recht ans Licht. Wenn der US-Saurologe Gary Packard sich nicht verrechnet hat, müssen Abermillionen von Bildbänden eingestampft werden, die in Kinderzimmerregalen thronen. Dann müssen Steven Spielberg und seine Epigonen alle seit „Jurassic Park I“ gedrehten Animationen ersetzen: Das traditionell als prähistorischer Fettwanst mit Minihirn gezeichnete Tier hätte dann nur einen Bruchteil dessen auf den Rippen gehabt, was die Wissenschaft ihm bisher nachsagte. Nach Packards Berechungsmethode hätte des Pflanzenfressers Körpermasse nicht jener von acht, sondern nur der von vier afrikanischen Elefantenbullen entsprochen: schlanke 18 Tonnen. Bei anderen Gattungen wären die Gewichtsverluste nicht gar so monströs, aber immer gravierend genug, dass der Vorher-nachher-Vergleich jeden Diätvermarkter vor Neid erblassen ließe.

Nun ist man es als Technikautor ja gewohnt, dass Forscher grobe Schätzungen dank neuer Formeln und Modelle präzisieren. Eine so ungeheuerliche Fehlerquote wie bei der Betrügerechse weckt indes das journalistische Ur-Misstrauen. Woher wissen Wissenschaftler Dinge, die kein Mensch überprüfen kann? Niemand hat einem Apatosaurus je beim Fressen zugeschaut, keiner hat ihn auf die Körperfettwaage gestellt. Waren alle Exemplare gleich muskulös, oder gab es, wie beim Menschen, die Bandbreite vom asketischen Sportler bis zum hemmungslosen Fresssack? Man muss sich nur mal vorstellen, ein Anthropologe der Zukunft fände das Skelett jenes Mannes namens Enrico, der in der TV-Show „The Biggest Loser“ mit 192 Kilo startete und am Ende nur noch gut die Hälfte wog, und sollte daraus dessen exaktes Lebendgewicht rekonstruieren. Außerdem: Auch die Zoologie der Gegenwart kennt Tiere, die man nicht am Stück auf die Waage legen kann. Manche Arten muss man einfach tranchieren, um zu validen Aussagen zu gelangen. So bekommt die Schutzbehauptung der Japaner, ihre weltberüchtigten Harpunenboote seien doch nur eine Flotte von Walforschungsschiffen, eine ganze neue Facette: Was wüssten wir ohne sie über die Meeressäuger? Das Gewicht schon mal nicht.

Die georgisch-britische Sängerin Katie Melua unterscheidet in ihrem empiriekritischen Werk „Nine Million Bicycles“ zwischen Tatsachen (fast jeder Einwohner Pekings hat ein Rad!, „that’s a fact“) und Annahmen (wir sind zwölf Millionen Lichtjahre vom Rand des Universums entfernt, „that’s a guess“). Solange niemand bis dorthin geflogen ist, um das nachzumessen, könnten wir Meluas Song ja vielleicht zur Hymne der Naturwissenschaft erklären.

ULF J. FROITZHEIM, freier Journalist, kennt das Phänomen, dass an einem Knochengerüst mal mehr und mal weniger Speck hängt, von sich selbst.

Aus der Technology Review 9/2009, Kolumne FROITZELEIEN

DFJV: Verbandsimitat aus der Retorte

aus: BJVreport 4/2009

Aktiengesellschaft baut perfekte Kulisse im Look eines Journalistenverbandes

 

Als es vor drei Jahren darum ging, wer künftig offiziell Presseausweise ausgeben darf, riefen zwei Außenseiter-Vereine, deren Chefs niemand kannte, lauthals „wir!“: der Deutsche Presseverband (DPV) und der Deutsche Fachjournalisten-Verband (DFJV). Die Folge war zwar keine amtliche Weihe ihrer Plastikkärtchen, sondern die komplette Deregulierung des „Markts“ für Presseausweise. Geschadet hat diese Abwertung des einstmals exklusiven Dokuments den ins Geschäft drängenden Kaufleuten nicht, die Nachfrage nach den vermeintlichen Türöffnern und Rabatthelfern floriert. 

Über den Hamburger DPV berichtete der BJVreport in Heft 3/2009. Hier folgt die nicht minder irritierende Erfolgsgeschichte seiner Berliner Rivalin, einer Aktiengesellschaft.

So kann man sich irren. Axel Milberg ein Schauspieler? Der Krimimann hat als Kultur-Fachjournalist einen „deutschen Presseausweis“, begehrt damit freien Eintritt in Wien und weint sich in Thorsten Ottos Mikro aus, weil sein Geschnorre nicht auf Gegenliebe stößt. Bayern3 Die Euro-Liberale Silvana Koch-Mehrin und die Hausfrauenrevolutionärin Marie-Theres Kroetz-Relin entpuppen sich als Politik-Fachjournalistinnen, Ex-Pfanni-Konsul Otto „Otec“ Eckart als Wirtschafts-Fachjournalist. Ballermann-Vermarkterin Annette Engelhardt kapriziert sich im Fachjournalisten-Textportal auf Justiz-, Kultur- und IT-Themen.

Fachjournalismus, Fachrichtung Tourismus-PR

Schlagerproduzentin Claudia Kohde-Kilsch offeriert dort Centrecourt-Memoiren; dafür hat sie sogar eine Fachjournalisten-Fernschule absolviert. „DFJV: Verbandsimitat aus der Retorte“ weiterlesen

Nicht im Sinne der Erfinder

Das internationale Patentwesen steckt in einer Akzeptanzkrise. Statt Plagiatoren abzuwehren und den Fortschritt zu fördern, zementiert es oft nur die Macht des Stärkeren. An Reformvorschlägen herrscht kein Mangel. Doch der nötige internationale Konsens ist nicht in Sicht.

Gäbe es ein Märchenbuch für Unternehmer, wäre dies wohl der Plot für die perfekte Gutenachtgeschichte: Eine Textilmaschinenfirma aus Schleswig-Holstein hat technisch den Anschluss verpasst, aber irgendwer bringt den Chef auf die rettende Idee, die F&E-Mitarbeiter sollten doch einfach alle Patentanmeldungen des Weltmarktführers analysieren. Dann wüssten sie genau, woran dieser arbeitet. Am Ende verhilft ihnen die Lektüre der Dokumente aus dem Patentamt nicht nur dazu, zur Konkurrenz aufzuschließen, sondern sogar ein besseres Produkt zu entwickeln.

Auch wenn es kaum zu glauben ist, wie arglos sich der Wettbewerber in die Karten schauen lässt: Die märchenhafte Turnaround-Story ist keine Erfindung. Das Fallbeispiel stammt lediglich aus einer Zeit, in der kaum jemand deutschen Ingenieuren die Chuzpe zugetraut hätte, in einem eleganten Bogen um die Patente der Kollegen herum zu entwickeln und die Übertölpelten dann mit eigenen Patenten einzukesseln. Als die Kieler Wirtschaftsförderungsgesellschaft WTSH 1998 die Geschichte veröffentlichte, um dem Mittelstand den Charme von Patentrecherchen nahe zu bringen, hing so manche Entwicklungsabteilung noch dem „Not Invented Here“-Prinzip an: „Nicht im Sinne der Erfinder“ weiterlesen