Nachwuchs-Verhütung

Nicht erst durch die Studentenproteste ist der Bachelor-Studiengang in Verruf geraten. Auch die hohen Abbrecherquoten in den technischen Fächern bereiten Probleme – vor allem der Wirtschaft. Erste Projekte zeigen: Es geht auch anders – wenn man gute Ideen und viel Idealismus mitbringt.

Ein bemerkenswertes Kontrastprogramm ist das: Während immer mehr Bürger um ihre berufliche Zukunft bangen, treibt manche Arbeitgeber die Frage um, wo sie bloß neues Fachpersonal herbekommen sollen, wenn ihre älteren Spezialisten demnächst in Rente gehen. „Wir wissen, dass der Ersatzbedarf an Ingenieuren in den nächsten Jahren nicht gedeckt ist“, sagt Carola Feiler, Bildungsreferentin des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA). ,,2014 werden 220000 qualifizierte Fachkräfte fehlen.“

Da gäbe es also eine Menge anständig bezahlter Jobs, und keiner will sie haben? Die Wahrheit ist vertrackter. Es stimmt zwar, dass das Interesse der Schulabgänger an Naturwissenschaft und Technik steigerungsfähig wäre. Allerdings hätten die Unternehmen wenig Nachwuchssorgen, wenn alle Gymnasiasten und Fachoberschüler, die Ingenieure werden wollen, ihr Ziel auch erreichten.

Leider fallen allzu viele auf dem Weg dorthin durch den Rost. Die Studienreformen der letzten Jahre haben in den „Mint“-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) nicht etwa – wie von der Politik versprochen – mehr Absolventen, sondern mehr Abbrecher hervorgebracht.  „Nachwuchs-Verhütung“ weiterlesen

Hände hoch, Mund auf!

Um ihre DNA-Datenbank voll zu kriegen, verhaftet die britische Polizei unschuldige Männer. Es ginge auch einfacher – mit Gentests schon im Kreißsaal.

Britannien ist nicht einfach nur groß, sonst hieße es Big Britain. Es ist besser als big. Es ist great. Ein großartiges Land, stilvoll, gediegen, aristokratisch, dabei ohne falsches Understatement – euer United Kingdom, liebe Briten, verkörpert gewissermaßen das Oberhaus unter den Staaten. Wofür die Weltmarke „Great Britain“ steht, habt ihr uns Kontinentalbanausen in eurer unnachahmlich feinen englischen Art beharrlich klargemacht: für ein Volk, das sich so perfekt unter Kontrolle hat wie kein anderes in Europa.

Dabei geht ihr absolut mit der Zeit. Eure legendäre Selbstdisziplin beschränkt sich längst nicht mehr auf das Schlangestehen an der Bushaltestelle oder das stoische Ertragen eures Nieselwetters und der englischen Küche. Nein, heute blickt ihr höchst freiwillig in „die toten Augen von London“: Weil eure Schutzleute, die netten Bobbys, nicht überall sein können, habt ihr Überwachungskameras an jede Ecke gehängt und damit der Welt bewiesen, dass ihr alle brave Bürger seid, die nichts zu verbergen haben.

Das Prinzip der Selbstkontrolle ist so tief in eurer Alltagskultur verankert, dass einer Regierungskommission kürzlich Angst und bange wurde, als sie sich fragte, was ihr Briten denn noch alles mit euch machen lasst. Die Irritation dieser für Gendaten zuständigen Aufpasser hatten ausgerechnet die netten Bobbys ausgelöst. Die waren nämlich nicht mehr nur den wirklich bösen Jungs zu Leibe gerückt, sondern allen Jungs, die aussahen, als könnten sie irgendwann böse werden. Um in einem x-beliebigen Kriminalfall als Verdächtiger kurz mal eben verhaftet und erkennungsdienstlich behandelt zu werden, genügte es dem Bericht zufolge, als Mann unter 35 mit überdurchschnittlich dunkler Hautfarbe einer Streife über den Weg zu laufen. Fast eine Million unbescholtener Migranten bekamen offenbar schon die volle Härte eures Gesetzes zu spüren – in Form eines Wattestäbchens: Mund auffür die Vorratsdaten-Speichelung!

Es ist natürlich Unsinn, New Scotland Yard deshalb gleich Rassismus vorzuwerfen. Bei irgendeiner Bevölkerungsgruppe muss eure Polizei schließlich anfangen, wenn ihr eine landesweite DNA-Datenbank haben wollt, in der jeder potenzielle Gewalttäter (also: Mann) lückenlos erfasst ist. Schlägt im 2l. Jahrhundert ein Mr. Hyde zu, genügt nach der Analyse der Genspuren vom Tatort ein Mausklick, und schon ist Dr. Jekyll überführt.

Hört nicht auf die Regierungskommission, liebe Briten! Lernt von uns Deutschen! Uns braucht keiner festzunehmen. Wann immer wir die Chance bekommen, als völlig Unverdächtige mit bombenfesten Alibis unsere Unschuld mit den Methoden forensischer Biologie nachzuweisen, laufen wir zu Tausenden freiwillig auf die Wache, um Spucke abzugeben. Wir sind durch nichts zu irritieren, weder durch die jahrelange Fahndung nach einer mörderischen Serientäterin, die sich dann als harmlose Arbeiterin der Wattestäbchen-Fabrik entpuppt, noch durch Meldungen, auch DNA-Spuren könne man fälschen.

Warum lassen wir – Briten und Deutsche – nicht schon unseren Säuglingen Genproben abnehmen? Schließlich konnte die Polizei bisher allenfalls vermuten, wir könnten unschuldig sein. Erst wenn Vater Staat unser aller Gene kennt, kommt der ultimative Unschuldsbeweis: Unverdächtig sind alle, deren DNA nicht am Tatort gefunden wird. Eure jungen dunkelhäutigen Mitbürger mit Migrationshintergrund haben das kapiert, als sie mit steifer Oberlippe die Spuckesammlung über sich ergehen ließen. Jetzt ist der Rest an der Reihe.

ULF J. FROITZHEIM, TR-Kolumnist, erinnert sich trübe, dass sich die Menschen einst über so etwas Harmloses wie eine Volkszählung aufgeregt haben.

Aus der Technology Review 1/2010, Kolumne FROITZELEIEN

Vorsicht, Kamera (denkt mit)!

Neue Software macht Fotoapparate endlich idiotensicher. Doch warum muss sich der Fortschritt an Deppen orientieren?

Was haben wir doch damals den Mund voll genommen in dem kleinen Fotogeschäft, in dem ich als Student jobbte. Als „idiotensicher“ verkauften wir die seinerzeit revolutionären Kameras mit Autofokus und Belichtungsvollautomatik. Ein Kollege ätzte, jetzt fehle eigentlich nur noch die Motivklingel, die dem Knipser signalisiert, wann er auf den Auslöser drücken soll. Wer damals fotografierte, dachte sich nämlich etwas dabei.

Bald war freilich klar, dass die Automatisierung dem technikgläubigen Laien ungeahnte Möglichkeiten gab, seine Schnappschüsse kreativ zu ruinieren. Die Abzüge zeigten nicht nur unterbelichtete Mitmenschen vor gleißenden Landschaften, sondern auch verschwommene Gestalten vor gestochen scharfem Hintergrund – wenn nämlich der Entfernungssensor zwischen den Köpfen hindurch gepeilt und das Objektiv auf „unendlich“ justiert hatte. Der künstlerische Schaden ließ sich potenzieren durch eine Innovation namens Aufhellblitz. Der sollte eigentlich die Schatten aus den Gesichtern vertreiben. Fortan wunderten sich die Touristen aber über unförmige weiße Flecken auf ihren Nachtaufnahmen der Skyline von Manhattan: Myriaden von Motten, die beim hoffnungslosen Versuch der Kamera, per Automatikblitz den gegenüberliegenden Wolkenkratzer zu illuminieren, in den Photonenhagel geraten waren.

Getrieben vom Ehrgeiz, Intelligenz und Kamerabedienung immer weiter zu entkoppeln, ist die Fotoindustrie inzwischen über sich selbst hinausgewachsen. Ihre neuesten Produkte nehmen nicht nur Technik-Analphabeten die letzte Berührungsangst, sie motivieren sogar notorische Kunstbanausen zu wahren Knips-Exzessen. Wer je bei einem Kollegen über die Schulter auf ein kleines Kameradisplay starren musste, um höflich Hunderte schlechter Urlaubsbilder an Auge und Hirn vorbeizappen zu lassen, wünscht sich zurück in die Zeit der Diaschauen. Damals war jedes missratene Bild verlorenes Geld. Heute belichtet man erst mal drauflos, es gibt ja zu jedem Fehler ein Gegenmittel: Statt einem einzigen Schärfemesser das Fokussieren anzuvertrauen, lässt man Dutzende von Sensoren eine Mehrheitsentscheidung treffen. Droht der Knipser das Bild zu verwackeln, hält die Kamera-Elektronik in Echtzeit dagegen. Vorletzter Schrei war die „Smile“-Funktion, bei der die Kamera erst auslöst, wenn die fotografierte Person „Cheese“ oder etwas Ähnliches sagt. Seither gibt es von manchem griesgrämigen Charakterkopf kein frisches Foto mehr.

Womit die Hersteller jetzt werben, geht allerdings zu weit. „Motiverkennung“ heißt ihr aktuelles Zauberwort. Sie meinen zwar nicht unsere gute alte Motivklingel, die schrillen würde, wenn eine hübsche Frau unseren Weg kreuzt. Aber was sich hinter dem harmlosen Begriff verbirgt, ist Graus genug für jeden anständigen Fotografen, bei dem die Bilder noch im Kopf entstehen. Es gibt bereits Modelle mit virtuellem Visagisten. Ist deren „Make-up-Funktion“ aktiviert, zaubern Chip und Software Falten und Pickel weg. Von da ist es nur noch ein kleiner Schritt bis zur vollautomatischen Smile-Make-up-Software, die missmutige Mundwinkel schon während der Belichtung nach oben zieht.

Unter uns: Die Prototypen sind bestimmt längst in der Erprobung. Oder was glauben Sie, warum Ihnen die Bundeskanzlerin neuerdings so penetrant aus allen Zeitungen ins Gesicht lächelt?

ULF J. FROITZHEIM greift als freier Journalist gern auch mal zur Kamera. Unvermeidliche kosmetische Eingriffe erledigt er lieber von Hand.

Aus der Technology Review 12/2009, Kolumne FROITZELEIEN

Iss doch bloß Medissiiin

Imagepolitur für den Weingeist: Ist er ein Schutzengel für lädierte Säufer? 

Der alljährliche Härtetest für die Lebern und Nieren der Bayern, der Schwaben und ihrer Stammgäste aus Mailand, Melbourne und Minnesota ist absolviert, Oktoberfest und Cannstatter Wasen sind überstanden. Damit ist auch das zweitgrößte Gesundheitsrisiko vorerst gebannt, das einem Freund des Gerstensaftes auf solchen Events droht – nämlich mit seinem Zug um Zug dumpfer werdenden Schädel einem herrenlosen Maßkrug in die Flugbahn zu geraten. In München sind wir ja schon so weit gekommen, dass sich Angestellte, vom Chef zwecks Kundenbespaßung aufs Oktoberfest abgeordnet, nur noch Alkoholfreies in den Hals schütten, weil sie hoffen, mit nüchternem Kopf dem Hagel gläserner Flugobjekte besser ausweichen zu können.

Wenn dieses Jahr so mancher Wiesn- und Wasengänger wieder ein wenig entspannter vor einem Krug mit echtem Festbier gesessen haben sollte, dann wird er den Wissenschaftsteil oder ein Alcoblog gelesen haben. Just in time haben zum Herbstanfang kalifornische Forscherteams der Droge Alkohol pharmazeutische Nebenwirkungen bescheinigt, die Baldrian für ängstliche FestzeItbesucher sein dürften. Angetrunkene Patienten, berichtete der Mediziner Ali Salim vom Cedars-Sinai Medical Center in Los Angeles in der Septembernummer des Chirurgenfachblatts „Archives of Surgery„, kämen bei schweren Kopfverletzungen glimpflicher davon als nüchterne. Bei der Auswertung der Daten von 38000 Hirnverletzten habe sich herausgestellt, dass die Alkoholisierten nicht nur weniger Beatmung gebraucht und früher die Intensivstation verlassen hätten, es habe auch 20 Prozent weniger Todesfälle gegeben. Diese Zahl konnte Christian de Virgilio vom benachbarten Institut LA-Biomed der University of California Anfang Oktober lässig toppen: Von 100 nüchternen Patienten, die mit irgendeiner schweren Verletzung im Emergency Room landen, sterben sieben, von 100 betrunkenen nur einer.

Jetzt grübeln die Wissenschaftler, warum das so ist. Die wahrscheinlichste Erklärung: Das Nervengift Ethanol hält unsere Neurotransmitter davon ab, das Immunsystem in eine fatale Panik zu jagen. Also prophylaktisch saufen? „Auf keinen Fall!“, rufen die Doktoren, erschrocken über ihre eigenen Forschungsergebnisse. Allenfalls könne man nüchtern aufgefundenen Unfallopfern als erste Hilfe ein Schlückchen Schnaps einflößen, natürlich erst mal nur zu Forschungszwecken und unter ärztlicher Aufsicht. „Wer hat’s erfunden?“, tönt es da aus der Schweiz, dem Land, in dem seit jeher alle Lawinenhunde mit einem Fässchen Obstler am Halsband herumlaufen.

Wie, das macht in Wahrheit keiner, weil Alkohol die Gefäße weitet und das Lawinenopfer jämmerlich erfriert? Na gut, dann führen wir halt den Flachmann fürs Flachland ein. Fällt der Nachbar beim Obstpflücken von der Leiter, retten wir ihn mit Apfelkorn. Moniert der Schupo bei der Verkehrskontrolle unsere Bordration Bordeaux, halten wir ihm entgegen, das sei doch bloß Medizin. Der Weingeist als Schutzengel. Aufpassen müssen wir nur, wenn wir selbst mit gebrochenem Bein neben dem Fahrrad liegen, auf Polizei und Krankenwagen warten und der Unfallverursacher uns mit scheinheilig-schuldbewusstem Blick die Flasche unter die Nase hält.

ULF J. FROITZHEIM, freier Journalist im Bierland Bayern, trinkt Alkohol nur noch zu therapeutischen Zwecken. Ehrlich.

Aus der Technology Review 11/2009, Kolumne FROITZELEIEN

Die Schlaukäufer

EINKAUF. Der Preisdrücker alter Schule hat ausgedient, jetzt kommt ein neues Berufsbild: Der Chief Purchasing Officer denkt strategisch – und redet im Management ganz oben mit.

Für den nächsten Führungskräftetitel, den man sich nach CEO (Chef), COO (rechte Hand vom Chef), CFO (Chefbuchhalter), CIO (Chefsoftwerker) und CTO (Cheftechniker) vorsorglich schon mal einprägen sollte, gibt es eine glänzende Eselsbrücke. Denken Sie einfach an C3-PO, den goldigen Androidenschlaks aus Star Wars. Der war zwar nicht programmiert auf die Aufgaben eines Chief Purchasing Officers. CPO und C3-PO haben aber durchaus Gemeinsamkeiten: Beide machen sich ganz eigene Gedanken und können manchmal anstrengend sein. Hat sich die Crew erst einmal an ihre Gegenwart gewöhnt, entdecken alle, wie beruhigend es ist, jemanden mit ihren Fähigkeiten an Bord zu wissen. „Die Schlaukäufer“ weiterlesen