FRANCHISING – Nichts für Amateure

Mit Cyber-Cafes fing es an. Dann kamen Spielhallen, Web-Läden und  Surfschulen für Privatleute und Firmen. Nachahmer sind durchaus erwünscht: Die Konzepte sind käuflich. Potentielle EXISTENZGRÜNDER aber halten sich noch zurück.
Cybersmith
Gast im Cybersmith Boston, 1995

Der Typ jugendlicher Surfer war Marshall Smith gewiß nicht, als er beschloß, seinen Lebensunterhalt fortan im Cyberspace zu verdienen. Der amerikanische Geschäftsmann kapierte anfangs nicht einmal, was dieses ominöse „World Wide Web“ überhaupt sein sollte. Aber mit 62 Jahren fühlte er sich zu jung, um eine vielversprechende Marktchance ungenutzt zu lassen.

Und die sah er klar vor sich: Noch vor dem Höhepunkt jenes großen Medienrummels, der die Metamorphose des Hochschulnetzes zum Freizeitmedium begleitete, stand sein Konzept für „Cybersmith„, die erste Online-Café-Kette in den USA. Während Bürgerrechtler von Key West bis Seattle über den freien Zugang aller Gesellschaftsschichten zu den Wissensschätzen des Internets theoretisierten, dachte Smith längst an harte Dollars. Und an zahlungskräftige Gäste: Jungvolk aus der Mittelschicht, dessen liebstes Spielzeug der Computer ist.

Dem Geld dieser Klientel jagen heute Nachahmer in aller Welt hinterher – „FRANCHISING – Nichts für Amateure“ weiterlesen

SES Astra: Himmlischer Krach

Auch nach dem Abdanken ihres absoluten Herrschers Pierre Meyrat bleibt die LUXEMBURGER SATELLITENFIRMA SES auf Expansionskurs. Doch hinter den Kulissen bahnt sich Streit um Macht und Einfluß an.

Top/Business 1/1995

Seit dem 20. Oktober ist im Chateau de Betzdorf nichts, wie es einmal war. An diesem Tag erhielt Pierre Meyrat, bis dato Generaldirektor des Luxemburger Satellitenkonsortiums Société Européenne des Satellites (SES), völlig überraschend den Laufpaß – der Verwaltungsrat hatte fristlos den Mann gefeuert, der mit seinen cleveren Schachzügen die SES zur Großmacht in Europas Fernsehlandschaft gemacht hatte.

Meyrat tauchte nach dem Eklat mit den Konzernaufsehern spurlos unter. Langjährige Weggefährten schworen noch Wochen nach seinem Abgang, nicht zu wissen, wo der von den Medien früher nur „Mister Astra“ genannte Topmanager steckt. Und die Verwaltungsräte rotierten, um für Meyrat einen geeigneten Nachfolger zu finden, der die Gewinnquelle SES sprudeln lassen kann wie bisher gewohnt. Denn für den Betreiber der Astra-Satelliten stehen astronomische Renditen auf dem Spiel: 1993 wies das Unternehmen bei 326 Millionen Mark Umsatz ein Betriebsergebnis von 141 Millionen Mark aus. Der Grund: Fast alle deutschen und viele internationale TV-Programme werden über die Luxemburger Himmelskörper Astra 1A bis Astra 1C ausgestrahlt, die Vergabe der Sendeplätze für Astra 1D läuft gerade. „SES Astra: Himmlischer Krach“ weiterlesen

Der stille Exitus der Namenlosen

Im Geschäft mit Hardware besinnen sich die großen Hersteller auf ihre Markenidentitäten. Nach Jahren der No-name-Schwemme aus Fernost kehren die Computer-Giganten in den Consumer-Markt zurück. Der Handel ist überrascht.

Mit der Aptiva-Modellreihe wollen IBM-Präsident Lou Gerstner und sein Chefdenker Jim Cannavino im Weihnachtsgeschäft abräumen. Mit großem Werbeauftritt in TV und Print will das Unternehmen den Markt der „Home User“ für IBM-Produkte erschließen. „Das ist ein wichtiges Marktsegment, in dem wir vertreten sein müssen“, sagt Karl Hans Weber, Werbeleiter bei der IBM Deutschland Informationssysteme GmbH in Stuttgart, über den Privatmarkt. Eine aggressive Preispolitik soll das Comeback absichern: Das billigste Gerät kostet 1899 Mark inklusive Bildschirm – ein Angebot, das direkt auf die Klientel des Aachener Preisbrechers Vobis zielt. „Der stille Exitus der Namenlosen“ weiterlesen

Digitaler Hörfunk: Autarkie dahin

Die ARD bremst den UKW-Nachfolger DAS. Das störungsfreie Radio kommt trotzdem.

Fast hätte der digitale Fortschritt nach dem Plattenspieler auch noch das UKW-Radio dahingerafft. Allein in Europa, so sah es der kühne Zeitplan des 125 Millionen Mark teuren EG-Forschungsprojekts Eureka 147 vor, wären bis zum Jahr 2010 mehr als 600 Millionen konventionelle Autoradios, Tuner, Kompaktanlagen und Kofferradios reif für die Wertstofftonne gewesen. Zu jenem Termin nämlich sollte das neue Hörfunksystem Digital Audio Broadcasting (DAB) endgültig das aus den fünfziger Jahren stammende UKW ablösen.

So rasch wird auf der klassischen Ultrakurzwelle nun doch keine Funkstille herrschen. Die Zwangsbeglückung des Publikums mit dem CD-Radio ist im Ansatz gescheitert. Und damit ist auch der Traum der Unterhaltungselektronikmanager geplatzt, binnen 15 Jahren nahezu jedem Bewohner des Kontinents mindestens einen neuen Apparat verkaufen zu können.

Auslöser der Vollbremsung waren die Intendanten der ARD, deren hauseigenes Institut für Rundfunktechnik GmbH (IRT) in München bisher unter den Verfechtern des neuen Super-Hörfunks in der ersten Reihe gekämpft hatte. Auf einer Sitzung Anfang Mai in Köln beschlossen die Anstaltsleiter, den vermeintlichen UKW-Nachfolger, dessen binäre Signale ab der Internationalen Funkausstellung (IFA) 1995 den Äther bereichern sollten, „nicht vor 1997“ einzuführen. Offizielle Begründung: Geldmangel.

Der Aufbau eines Digitalnetzes parallel zur UKW-Senderkette ist nicht aus der Portokasse zu finanzieren. Auf 500 Millionen Mark taxiert Dieter Hoff, Technischer Direktor des WDR in Köln, den Investitionsbedarf: „Es steht außer Zweifel, daß wir uns das mit den jetzigen Rundfunkgebühren, die bis Ende 1996 festgeschrieben sind, nicht leisten können.“

Buchstäblich im letzten Moment haben die Intendanten ein technisches Konzept auf Eis gelegt, das nicht einmal ansatzweise mit der real existierenden Medienszene Deutschlands und seiner Nachbarländer harmoniert. So gibt auch Frank Müller-Römer, Technischer Direktor des Bayerischen Rundfunks und Vorstandsvorsitzender des Vereins DAB-Plattform, unumwunden zu, daß die „Programmkollegen und Intendanten noch zu wenig darüber nachgedacht haben, wie DAB die Rundfunklandschaft verändern wird“.

Selbst die Medienpolitiker hatten eines übersehen: Ohne eine gründliche Überarbeitung würde DAB vielen kleinen Privatsendern die Existenzgrundlage entziehen. Zwar ist für landesweite Privatsender wie Radio Schleswig-Holstein (RSH) oder Antenne Bayern das neue Digitalsystem recht attraktiv. Denn die zu Sechserpacks gebündelten Bitströme garantieren eine Übertragungsqualität, die an jedem Ort mit der des ARD-Programms identisch ist.

Doch viel zu verlieren haben die Stadtradios. Als Gleichwellennetz ist DAB darauf ausgelegt, daß ein Autofahrer nicht mehr hinter jeder Bergkuppe am Frequenzknöpfchen drehen muß. Diese Technik mag für Rundfunkstationen mit großen Einzugsgebieten das Nonplusultra sein. Für lokale Programmanbieter ist sie eine Katastrophe: Allein in Nordrhein-Westfalen mit seinen 45 lokalen Stationen wären acht separate Übertragtmgsblöcke erforderlich, damit jeder zum Zug käme. Selbst wenn genügend Frequenzraum bereitstünde, müßten die Lokalfunker eine maßlos übertriebene technische Reichweite finanzieren, ohne diese Mehrkosten auf ihre Werbekunden umlegen zu können. Ein Einzelhändler aus Bielefeld bezahlt schließlich nicht dafür, daß man seinen Spot auch in Leverkusen hören kann.

Trotz allem ist die Einführung des digitalen Radios nicht endgültig passe. Die Gefahr, daß die Europäer ihren technischen Vorsprung gegenüber den Amerikanern verlieren könnten, macht sogar der deutschen Verteidigungsbürokratie Beine. So bekam Horst Stumkat, Fachbereichsleiter für Rundfunksender bei der Telekom, plötzlich vom Bundespostminister grünes Licht für Testreihen mit dem von Frankreich favorisierten „L-Band“ (1452 bis 1492 Megahertz), obwohl dieses hierzulande noch teilweise für militärische Zwecke genutzt wird. Ein Teil dieser Frequenzen kann kurzfristig geräumt werden.

Untersuchungen des kanadischen Rundfunks CBC geben dem L-Band wesentlich bessere Noten als den vom Fernsehen abgeknapsten VHF-Kanälen – zumal der L-Bereich ab 2007 sowieso weltweit für den Empfang ziviler Radiosender reserviert ist. Damit gäbe es – wie heute bei UKW – einen einheitlichen Weltmarkt für Empfangsgeräte.

Selbst die Infrastruktur für die Einführung von DAB im L-Band ließe sich leicht bereitstellen. Nach kanadischen Messungen muß mindestens alle 60 bis 70 Kilometer ein Sender stehen. Die Antennenmasten der digitalen Mobilfunksysteme D 1 und D2 stünden demnach bereits heute in vielen Regionen dicht genug beieinander, um das Rückgrat eines solchen Netzes zu bilden.

Nur für die ARD-Anstalten wäre diese Lösung fatal: Ihre Sendernetze sind viel zu weitmaschig. Und der milliardenteure Aufbau eines eigenen Netzes für das L-Band wäre aus den Rundfunkgebühren erst recht nicht zu finanzieren. Die Folge: Auch die ARD müßte sich an die Funktürme von Telekom, Mannesmann Mobilfunk oder des neuen – von Thyssen und Veba geplanten – E1-Netzes anhängen. Die geheiligte ARD-Autarkie wäre dahin.

Für den Verbraucher hätte das L-Band auf jeden Fall Vorteile: Weil es zwischen den Frequenzen von D- und E-Netz liegt, könnten die Hersteller von Autotelefonen ohne großen Aufwand die Radiofunktion in ihre künftigen Geräte mit einbauen und sogar beide Komponenten über dieselbe Antenne versorgen. Und weil DAB nicht auf Audiosignale beschränkt ist, könnten auch tragbare Computer und „digitale Assistenten“ auf diesem Weg Informationen empfangen.

Eine neue Anwendung ist bereits erfunden – die drahtlose Übermittlung brandaktueller Kreditkarten-Sperrlisten an den Handel.

Ulf J. Froitzheim

aus der WirtschaftsWoche 34/1993

Telefonzellen: Rote Karte für die Karte

WirtschaftsWoche 12/1992

Was waren wir doch alle ungerecht. Jahrelang haben wir die gute alte Bundespost in übelster Weise beschimpft, nur weil sie uns vorschreiben wollte, welches Telefon wir uns ins Wohnzimmer stellen dürfen, weil die Briefkästen zu selten geleert wurden oder weil mit unseren ach so hohen Fernmeldegebühren immerzu Löcher im Staatssäckel gestopft wurden.

Dann beschloß die Bundesregierung, uns unserer Vorurteile zu berauben. Ausgestattet mit ungeahnten unternehmerischen Freiheiten sollten industrieerprobte Manager beweisen, zu welchen Leistungen ein bundeseigener Betrieb fähig ist.

Am augenfälligsten äußert sich das Modernisierungstalent der deregulierten Postler in den Telefonzellen. Nicht nur, daß das auf Corporate Identity bedachte Management die gelben Häuschen gerne weiß lackieren und mit einem Dekorstreifen in exklusivem Telekom-Pink verzieren möchte. In einem wahrhaft atemberaubenden Tempo, das man dem Noch-Monopolisten kaum zugetraut hätte, überzieht das Postunternehmen die Republik mit modernsten und zudem noch eleganten Kartentelefonen. Da kann unsereins doch gar nicht mehr anders, als ein Loblieb auf die Telekom anzustimmen: nie mehr nach Kleingeld kramen, endlich auch Gespräche von unterwegs von der Steuer absetzen, dazu ein Naturalrabatt von 20 Prozent als Dank der Telekom dafür, daß man ihr ein zinsloses Darlehen in Höhe von 50 Mark gewährt.

So weit die Theorie. Nun zur Praxis. Tatort: München, ein U-Bahn-Fußgängergeschoß, zwei Telefone, davon eins für die besagten Chipkarten. Der Teilnehmer schiebt sein postalisches Plastikgeld ein, Restguthaben: 30 Mark. Doch der Automat hat keinen Appetit: „Karte ungültig“. Beim Münzapparat nebenan fallen natürlich die Groschen durch. U-Bahn-Fahrt zur nächsten Station, Versuch Nummer zwei: „Karte ungültig.“

Dritter Anlauf, diesmal unter dem Marienplatz, im Revier der gefürchteten Wegelagerer. Wie die Hyänen lauern diese aufdringlichen Spekulanten harmlosen Karteninhabern auf – ein Entrinnen gibt es nur, wenn man den angeblichen Philatelisten ein Exemplar vorweisen kann, das aus einer für Sammler uninteressanten Massenserie stammt. Unser telefonierwütiger Zeitgenosse hat Glück, wartet eine Viertelstunde, bis ein Apparat frei wird, und siehe da: Die Karte ist ja gar nicht ungültig. Erst am folgenden Tag gibt sie den Geist für immer auf.

Vier Wochen nach dem Erstattungsantrag liegt ein Gutschein im Briefkasten: Das Restguthaben kann im Postamt abgeholt werden, wobei der „Rabatt von 10 DM bei dem zu erstattenden Betrag berücksichtigt“ – sprich abgezogen – wird. „Eine Erstattung auf Postgiro- oder Bankkonto ist leider nicht möglich.“ Natürlich nicht: Was hat schließlich die deregulierte Telekom noch mit der deregulierten Postbank zu schaffen? Außerdem würden solche Bequemlichkeiten ja nur noch mehr Menschen dazu verleiten, Erstattungsanträge zu stellen, statt die Karte einfach wegzuschmeißen.

Inzwischen trägt unser Freund seine unwiderruflich letzte Telefonkarte in der Brieftasche – hat er geschenkt bekommen, sehr hübsch, Sondermodell „Team Olympia ’92“. Vorsorglich hat er nach jedem Gespräch pfenniggenau den Restwert notiert. Gestern war mal wieder die „Karte ungültig“. Jetzt reicht’s ihm – morgen fährt er zum Marienplatz, zu den Sammlern. Den Erlös wird er gleich in Markstücke und Groschen wechseln: Seitdem die Telekom Monat für Monat 1,5 Millionen Chipkarten unters Volk bringt, muß man an den guten alten Münzfernsprechern überhaupt nicht mehr warten.

ULF J. FROITZHEIM