Socken und Høgørøk (Author’s Cut)

WIRTSCHAFTSWOCHE NR. 18/27.4.2000

Wirtschaftswoche-Mitarbeiter Ulf J. Froitzheim über einen perfekten Crashkurs für E-Commerce-Einsteiger. (Ungekürzte Fassung)

Etwas anspruchslos ist er ja, der Text auf dem BMW-Werbebanner im Internet: „Brumm… brumm… brumm!“ Aber sonst wirkt alles vertraut: das Logo, der Slogan „Freude am Fahren“, der Blick auf die leere, kurvige Landstraße. Wie es scheint, hat sich die Werbeabteilung des Münchner Konzerns humormäßig perfekt dem skurrilen Umfeld angepaßt – ganz im Gegensatz zu IBM, Siemens, Intershop und Yahoo, deren stinkseriöse Standard-Banner nicht gerade zum Mausklick animieren. Erstaunlich ist die vor hochkarätigen Marken strotzende Link-Liste vor allem deshalb, weil sie einen Online-Shop adelt, der sich augenscheinlich dem Handel mit Scherzartikeln verschrieben hat – vor allem solchen für den eher robusten Geschmack: Der „kleine Kolonialwarenladen“ zelebriert genüßlich ein Sortiment, das von alten Unterhosen über halbe Sockenpaare und das „Einmachglas Scheiße“ bis zum frischen Ebersperma reicht – was wenigstens erklärt, weshalb gleichberechtigt mit dem World Wide Web Consortium die Schweinebesamungsstation Weser- Ems e.V. in Cloppenburg als „Partner“ erwähnt wird. Merkwürdig ist indes, dass deren Internet-Beauftragter Werner Taphorn davon nichts weiß: „Wie war nochmal die Web-Adresse?“

Der norddeutsche Viehzucht-Experte ist nicht der einzige Partner des Kolonialwarenladens, der keine Ahnung hat, wie er zu dieser Ehre kommt. „Socken und Høgørøk (Author’s Cut)“ weiterlesen

Virtueller Tresor

Handsignierte Schriftstücke sind bald überflüssig. Jetzt kommt das persönliche Internetschließfach.

WIRTSCHAFTSWOCHE NR. 8/2000

Geht die Vision des Hans Strack-Zimmermann in Erfüllung, müssen sich die Deutschen an modernisierte Sprichwörter gewöhnen. Etwa: Was du schwarz auf weiß per Mail erhältst, kannst du getrost ins Netz übertragen. Oder: Darauf gebe ich dir E-Brief und digitale Signatur. Tastatur ist geduldig. Lügen wie gefaxt.

Die neueste Lieblingsidee von Strack-Zimmermann, Mitbegründer und Vorstandsvorsitzender des Grasbrunner Softwarehauses Ixos Software AG, wirkt wie ein radikales Remake der alten Utopie vom papierlosen Büro für das WWW-Zeitalter. Alle Dokumente, die den Menschen wichtig sind, sollen künftig in digitalisierter Form an sicherem Ort hinterlegt werden, jederzeit abrufbar über das Internet, abgeschottet gegenüber Unbefugten. Bei Bedarf könnte der Nutzer, ob Unternehmer oder Privatperson, Dritten einen begrenzten Zugriff auf ausgewählte Daten gewähren: Geschäftspartnern, der Krankenversicherung, dem Steuerberater oder dem Finanzamt. „Virtueller Tresor“ weiterlesen

High-Tech in den Niederungen des Alltags

Aus der Computerwoche-Sonderausgabe zum 25. Geburtstag des Blattes – mit ersten Gedanken zu Google Glass, sprechenden Navis mit Augmented Reality und smarten Kühlschränken

 

Für Innovationen muß die Zeit reif sein. Manche Entwicklung verrät die Abgehobenheit oder die Naivität des Forschers, andere tragen deutlich die Handschrift von Marketiers oder Sensationsmedien.

Von Ulf J. Froitzheim

„Dialyse? Das ist ja finsterstes Mittelalter!“ Angesichts der qualvollen Behandlungsmethoden des späten 20. Jahrhunderts überkommt den Zeitreisenden „Pille“ McCoy spontanes Mitleid mit der alten Patientin. Da muß sogar der schwer verletzte Pavel Chekhov warten, den der Bordarzt und sein Boß Jim Kirk gerade aus den Fängen barbarischer kalifornischer Chirurgen retten wollten. Bevor der Gast aus dem 23. Jahrhundert durch bloßes Auflegen eines elektronischen Apparats auf die Stirn des Russen dessen lädiertes Gehirn repariert, steckt er der maladen Greisin heimlich eine Tablette zu, die ihr im Nu eine neue Niere wachsen läßt.

Für eine spätere „Startrek“ -Generation haben die Drehbuchautoren die beiden zukunftsträchtigsten Wissenschaften unserer Epoche miteinander vermählt. Die Liaison der Informationstechnik mit den „Life Sciences“ macht auf dem intergalaktischen Forschungskreuzer Voyager den Arzt überflüssig: Die holographische Projektion eines Doktors – ein lebensechtes, dreidimensionales Phantom mit dem vereinigten Wissen sämtlicher Koryphäen der Medizingeschichte – flickt Patienten jedweder humanoiden Spezies wieder zusammen.

Bei Bedarf ist das Retortenwesen, das auf den drögen Namen „medizinisches Programm“ hört, 24 Stunden am Tag fit. Damit es nicht gar so übermenschlich wirkt, haben die Software-Ingenieure der Sternenflotte ihrem Geschöpf einen Hang zur Larmoyanz in die Algorithmen eingeflochten: Ständig nölt Dr. med. Allwissend über irgendeinen Mißstand – nicht zuletzt über den, daß man ihn einfach abschaltet, wenn gerade niemand krank ist.

Eine bessere Dauer-PR als die nicht enden wollende Startrek-Saga hätten sich die Forscher und Entwickler aus Amerikas IT-Industrie kaum wünschen können: Da manövriert uns der Computer an Plätze, die nie zuvor ein Mensch gesehen hat. Er beamt unsere biochemischen Moleküle als Quantenstrom durchs All und kocht uns als Replikator in der Bordkantine blitzschnell das Mittagessen. Paart sich menschliche Cleverness mit kühler Logik und High-Tech, das lehren uns Kirks spitzohriger Freund Spock und Jean-Luc Picards bleichgesichtiger Adjutant Data, sind wir bald alle Sorgen los: Vorsprung durch Technik. Nichts ist unmöglich. Alles wird gut.

Oder auch nicht. „High-Tech in den Niederungen des Alltags“ weiterlesen

Büro statt Berghütte

WIRTSCHAFTSWOCHE 42/1999

Die Silvesternacht verbringen viele Leute am Arbeitsplatz, um mögliche Crashfolgen zu minimieren.

Nur vier Stunden, dann ist alles zu spät. So lange dauert es, bis ein Betriebsstillstand in einer Aluminiumschmelze einen Totalschaden anrichtet. Wird der Elektrolyseprozeß in den mächtigen, stromdurchfluteten Becken länger unterbrochen, läßt er sich nicht wieder in Gang bringen; die Masse erstarrt. Dann ist nicht nur der wertvolle Rohstoff hin, aus dem sogenannte Walzbarren für die Weiterverarbeitung hergestellt werden, sondern die ganze Anlage.

Ein klassisches Worst-Case-Szenario. Damit es nicht eintritt, hat Harald Kresse mit seinen Mitarbeitern sämtliche Computersysteme im Rheinwerk Neuss der VAW Aluminium AG akribisch durchgecheckt: Steckt irgendwo jenes vermaledeite Kurzdatum mit zweistelliger Jahreszahl? Der EDV-Leiter kann aber nicht mit hundertprozentiger Gewißheit ausschließen, daß irgendwo im Verborgenen ein „Millennium Bug“, ein Jahrtausendkäfer, die Überprüfungen unenttarnt überstanden hat: „Man kann“, sagt Kresse, „nicht alles wirklich testen.“ Es bleibt nichts anderes übrig, als – den Notfallplan im Kopf – im realen Betrieb zu beobachten, wie sich die Systeme tatsächlich verhalten.

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TELEKOMMUNIKATION: Mit hohem Tempo

Die Telekom führt Mitte des Jahres die Datenautobahn für jedermann ein. Die Konkurrenz steht außen vor.

 

WIRTSCHAFTSWOCHE 12/1999

Noch drei Monate, dann schaltet die Telekom den T-Online-Turbolader ein. Am Unternehmenssitz Bonn und in sieben weiteren Großstädten (Berlin, Düsseldorf, Frankfurt am Main, Hamburg, Köln, München und Stuttgart) können Surfer dann mit zigfacher ISDN-Geschwindigkeit durchs internet brettern. Sie bekommen bis zu einem Megabit pro Sekunde frei Haus. Das neue T-DSL, außerhalb des Konzerns als ADSL (Asymmetrie Digital Subscriber Line) bekannt, läßt selbst die überladensten WWW-Seiten ohne merkliche Verzögerung auf dem Monitor erscheinen. T-DSL funktioniert allerdings nur bei Anschlüssen, die maximal fünf Kilometer von der nächsten Vermittlungsstelle der Telekom entfernt sind. „Mit der schnellen Einführung dieser Technologie nimmt die Deutsche Telekom eine Pionierstellung in Europa ein“, klopft sich Vorstandsmitglied Gerd Tenzer auf die eigene Schulter.

Deutsche Webaholics mögen in den Jubel noch nicht einstimmen. Im Februar sickerte durch, daß der rosa Riese ordentlich hinlangen will wie in alten Monopolistentagen. 250 Mark (128 Euro) monatlich soll die Hochdruckdatendüse kosten. Mit dem happigen Pauschaltarif wären allerdings 25 Onlinestunden abgegolten; für jede weitere Stunde kämen nach diesem Plan sechs oder acht Mark hinzu. Das wäre zwar attraktiv für Telearbeiter und kleinere Firmen, entspräche aber kaum den Budgets von Privatleuten, die sich für „leistungsfähiges Entertainment mit Videoclips, Spielen oder 3-D-Animationen“ interessieren, wie es in der Telekom-Werbung heißt.

Harald A. Summa vom Branchenverband Electronic Commerce Forum (ECO) findet diese Preispolitik fatal: „Solange sich nur Minderheiten ADSL leisten können, lohnt es sich kaum, für deutsche Konsumenten innovative Multimediaangebote zu entwickeln.“ Um beispielsweise einen voll digitalen Vertrieb für Software, Musik, virtuelle Bücher oder Videos aufzubauen, brauche man mehr als die maximal 100.000 Kunden, die die Telekom bis Ende des Jahres mit T-DSL versorgen will. Dabei wäre das Interesse der heute acht Millionen Internetnutzer an schnelleren, erschwinglichen Netzzugängen nach Ansicht von Experten schon heute sehr groß. Der „etwas prohibitive“ Mindestumsatz von 250 Mark diene wohl hauptsächlich dazu, die Nachfrage während der Startphase unter Kontrolle zu halten, vermutet Werner Knetsch, Geschäftsführer beim Beratungskonzern Arthur D. Little in Berlin. „Nächstes Jahr gehen die Tarife spürbar nach unten“, glaubt er.

Amerikanische Carrier führen unterdessen vor, was sie unter einer schnellen Einführung neuer Technik verstehen. Seit dem vorigen Sommer drängen regionale Telefongesellschaften wie Bell Atlantic, US West und SBC vehement mit ADSL in den Massenmarkt. Mit Pauschalpreisen weit unterhalb der künftigen Telekom-Gebühr ködern sie jene Netzbewohner, die zur abendlichen Internet-Prime-Time ganze Ortsnetze an den Rand des Kollapses surfen und chatten.

Das hohe Tempo, das einige Dienstleister bei der Einführung ihrer Megabitnetze an den Tag legen, hat freilich auch damit zu tun, daß ihnen neue Konkurrenten die regionalen Monopole streitig machen. Alle großen Kabelfernsehunternehmen der USA drängen in die Telekommunikation. Mittels Kabelmodem machen sie die Buchse des Kabelfernsehnetzes zur ultimativen Multimediasteckdose, Telefon und Internet inklusive.

Der wichtigste Drahtzieher heißt Michael Armstrong: Der Chef des Fernmeldekonzerns AT&T kaufte dieses Jahr für 48 Milliarden Dollar den führenden Kabel-TV-Netzbetreiber TCI, der wiederum den Kabelmodempionier @Home Networks kontrolliert. So stellt Sanierer Armstrong den Zugang zu den Ortsnetzen wieder her, der seinem Arbeitgeber per Gesetz von 1984 bis 1996 verwehrt war.

Weil die Technik der Kabelmodems größere Datenmengen über weitere Entfernungen transportieren kann als ADSL, entscheiden sich mittlerweile jeden Monat mehrere zehntausend für die Offerten von @Home und dem Time-Warner-Ableger Road Runner. Sie zahlen dafür nur einen Bruchteil dessen, was das langsamere T-DSL kosten soll: Für 39,95 Dollar (36 Euro) gibt es eine „always on“-Verbindung – eine Art Standleitung – zum World Wide Web. Die Telefongesellschaft SBC Communications aus San Antonio/Texas, die derzeit über 500 Vermittlungsstellen mit ADSL-Modems ausrüstet, ist notgedrungen auf den @Home-Preis eingestiegen: Die „Flatrate“ für die permanente 1,5-Megabit-Connection liegt jetzt bei 39 Dollar (35 Euro).

Von solchen Schnäppchen können die meisten deutschen Internetfans nur träumen. Denn bei Hochgeschwindigkeitszugängen zum Internet steht die Telekom trotz Deregulierung praktisch konkurrenzlos da.

Wettbewerber, die ADSL anbieten, brauchen einen Zugang zu den Telekom-Ortsvermittlungsstellen. Daraus wird so schnell nichts. Seit Klaus-Dieter Scheurle, Chef der Regulierungsbehörde, die monatliche Miete, die die Telekom-Konkurrenten für die letzte Meile zum Kunden berappen sollen, oberhalb der Telefongrundgebühr fixiert hat, ist den Wettbewerbern der Appetit aufs multimediale Massengeschäft erst einmal vergangen. Der Ausbau von Lokalnetzen für jedermann, von Mannesmann Arcor noch im Dezember für 1999 angekündigt, liegt vorerst auf Eis. Gerichte sollen jetzt entscheiden, ob die Scheurle-Entscheidung Rechtens war; bis dahin konzentrieren sich die neuen Telefongesellschaften auf das Geschäft mit Geschäftskunden.

Die Alternative, das Fernsehkabel zusätzlich zum Telefonieren und als Zugang zum Internet zu nutzen, wird derzeit nur in Berlin verfolgt. Für 10.000 Mieter im Bezirk Mitte ist das Telefonieren über das Fernsehkabel schon Realität. Als nächstes will die Augsburger Telekabel Service Süd (TSS), die die Berliner Anlage installiert hat und betreibt, schnelle Internetzugänge zu attraktiven Tarifen anbieten.

TSS-Geschäftsführer Peter Stritzl hofft jetzt, das Konzept auf weitere Bezirke der Hauptstadt übertragen zu dürfen. Wenn es nach Scheurles Vize Arne Börnsen geht, könnte er die Genehmigung bald bekommen. Bei einer Visite in Washington verblüffte der Sozialdemokrat seine Gesprächspartner mit der Drohung an die Adresse des Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Telekom, Ron Sommer, die beantragten Preissenkungen für Telefon und T-Online könnten nur genehmigt werden, wenn die Telekom endlich mit dem Verkauf ihrer Kabelnetze beginne.

Doch selbst wenn die Verträge sehr schnell unter Dach und Fach kommen, kann die Telekom noch eine ganze Weile ihren Vorsprung mit ADSL ausbauen. Denn es wird lange dauern, ehe die Kabelfernsehnetze zu Datenautobahnen umgebaut sind. TSS-Chef Stritzl ist allerdings sicher, daß sich Interessenten finden, die bereit sind, entsprechend zu investieren. „Wir dürfen Multimedia nicht zu einem Luxusprodukt werden lassen“, warnt Stritzl, „nur um die Aktionäre der Telekom zu befriedigen.“

ULF J.FROITZHEIM