Büro statt Berghütte

WIRTSCHAFTSWOCHE 42/1999

Die Silvesternacht verbringen viele Leute am Arbeitsplatz, um mögliche Crashfolgen zu minimieren.

Nur vier Stunden, dann ist alles zu spät. So lange dauert es, bis ein Betriebsstillstand in einer Aluminiumschmelze einen Totalschaden anrichtet. Wird der Elektrolyseprozeß in den mächtigen, stromdurchfluteten Becken länger unterbrochen, läßt er sich nicht wieder in Gang bringen; die Masse erstarrt. Dann ist nicht nur der wertvolle Rohstoff hin, aus dem sogenannte Walzbarren für die Weiterverarbeitung hergestellt werden, sondern die ganze Anlage.

Ein klassisches Worst-Case-Szenario. Damit es nicht eintritt, hat Harald Kresse mit seinen Mitarbeitern sämtliche Computersysteme im Rheinwerk Neuss der VAW Aluminium AG akribisch durchgecheckt: Steckt irgendwo jenes vermaledeite Kurzdatum mit zweistelliger Jahreszahl? Der EDV-Leiter kann aber nicht mit hundertprozentiger Gewißheit ausschließen, daß irgendwo im Verborgenen ein „Millennium Bug“, ein Jahrtausendkäfer, die Überprüfungen unenttarnt überstanden hat: „Man kann“, sagt Kresse, „nicht alles wirklich testen.“ Es bleibt nichts anderes übrig, als – den Notfallplan im Kopf – im realen Betrieb zu beobachten, wie sich die Systeme tatsächlich verhalten.

Die Silvesterparty mit Freunden ist damit gestrichen – ausgerechnet zu jenem Jahreswechsel, dem die Menschheit so entgegenfiebert. Kein Sekt, kein Feuerwerk, kein Küßchen: Harald Kresse begeht das große Ereignis am Arbeitsplatz. Seine Frau sieht er erst am Morgen wieder.

Wie dem Neusser Manager wird es in der Neujahrsnacht vielen Menschen ergehen, deren Betriebe von Computern und Steuerchips abhängig sind. Für Elektrizitätswerke, Banken, Chemiefabriken und Telekommunikationsfirrnen ist es das kleinere Übel, ihren Software-, Hardware- und Netzexperten das Fest des Jahrtausends zu verderben, als eine peinliche, teure oder gefährliche Panne zu riskieren.

Wenn die anderen feiern, beginnt in der Aluminiumschmelze am Niederrhein die Sonderschicht gegen 22 Uhr. Die gesamte EDV-Mannschaft muß antreten, nur die Sekretärin darf zu Hause bleiben. „Einige hofften, daß der Kelch an ihnen vorübergeht“, erzählt Kresse. Doch keiner der elf Kollegen entging der Urlaubssperre – zuviel steht auf dem Spiel.

Bei einem normalen Softwareproblem hätte es genügt, eine Stallwache im Werk zu postieren und den übrigen Spezialisten nur Rufbereitschaft aufzuerlegen. In dieser speziellen Nacht gelten andere Regeln: Wer garantiert, daß das Telefon funktioniert? Die Anlage wird auch von Chips gesteuert. Was passiert, wenn ein Mobilfunkmast wegen Stromausfalls ausfällt? Und hatte nicht Telekom-Vorstandsmitglied Hagen Hultzsch angekündigt, daß auch er eine Nachtschicht im Büro einlegen werde, statt sich wie gewohnt auf eine Berghütte zurückzuziehen?

„Wer sich ums Telefonnetz sorgt, hat wohl nicht mit uns gesprochen“, sagt Babette Drewas, Projektleiterin Jahr 2000 in der Bonner Telekom-Zentrale. Die 31jährige konnte schon etliche Geschäftskunden beruhigen – und doch wird auch sie am Abend des 31. Dezember 1999 auf ihrem Posten sein. Zu diesem Zeitpunkt werden die Berichte aus Australien, Neuseeland, Japan sowie etlichen anderen Staaten bereits ausgewertet sein, in denen das Datumsproblem ein paar Stunden früher akut wird. Wenn bis drei Uhr keine ernsten Probleme gemeldet werden – und davon ist Drewas überzeugt -, haben die Telekom-Troubleshooter allen Grund, mit ihrem Chef Hultzsch anzustoßen. Ob er Sekt spendiert oder vorsichtshalber Selters, werden sie dann sehen.

Zur Gelassenheit der Nachtarbeiterin Drewas trägt bei, daß die Telekom, die auf verschiedenen Zeitreisen die Jahr-2000-Festigkeit ihrer Anlagen getestet hat, sogar einem Stromausfall bis zum Abend des 3. Januar trotzen würde. So lange halten die Notstromaggregate im Ernstfall das Telefonnetz aufrecht.

Auch in den Elektrizitätswerken werden allerorten Techniker Dienst schieben, um durchgeknallte Steuerungsrechner ganz schnell ersetzen oder überbrücken zu können. Einer von ihnen ist Günter Reulein. Der 37jährige Junggeselle weiß schon seit einem Jahr, daß er den Datumssprung in der Leitwarte der Augsburger Stadtwerke erleben wird. Er hat turnusmäßig die Funktion des diensthabenden Ingenieurs für die Prozeßleittechnik inne, und in der schwäbischen Großstadt mochte sich trotz aller Zusicherungen der Telefongesellschaften niemand auf die sonst übliche Rufbereitschaft verlassen.

Die Wahrscheinlichkeit, daß das Jahr 2000 für ihn stressig beginnt, ist gering. Selbst Pessimisten behaupten nicht mehr, daß in Deutschland in der Neujahrsnacht in großem Stil die Lichter ausgingen.

So wird es sein in der Jahrtausendnacht: Die Telekom schaut, daß sie Strom hat, die Energieversorger sehen zu, daß sie telekommunizieren können. Der Arbeit entkommen auch Feuerwehrleute und Polizisten, Ärzte und Sanitäter, Taxifahrer und Fernsehmacher, Köche und Kellner nicht. „Ich frage mich“, witzelt Telekom-Projektleiterin Babette Drewas, wer da überhaupt noch feiert.“

ULF J. FROITZHEIM

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