Weniger für mehr

Olaf Kolbrück, Autor der Online-Kolumne off the record im Medienbranchenblatt Horizont, beschreibt mit einer gastronomischen Metapher die suizidale Tendenz mancher Medienhäuser:

Verlage aber reagieren auf die ausbleibende Kundschaft wie jener anekdotischer Restaurantbesitzer, der angesichts sinkender Umsätze erst die Preise erhöht, dann die Portionen verkleinert, und weil die Rendite dann immer noch nicht stimmt, an der Qualität spart, die Blumen schießlich vom Tisch verschwinden lässt , die Vorhänge an den Fenstern nicht mehr wäscht, die Tischdecken nicht mehr austauscht, undsoweiter, bis das Tagesmenu Insolvenz lautet.

Auch mir fallen spontan einige Verlage ein, die in der Tat agieren wie besagter Wirt – oder wie Karcandorstadtquelle & Co. Dennoch würde ich diese Aussage nicht verallgemeinern. Es kommt doch sehr darauf an, wer mit der "ausbleibenden Kundschaft" gemeint ist. In diesem Fall liest es sich, als seien die Leser gemeint. Was mich bei einem Objekt mit der Zielgruppe des "Horizonts" erstaunt: Normalerweise sind ja die Leser aus Verlagssicht gerade keine Kunden. Sie sind demütige, unbezahlte Lieferanten der Handelsware "Awareness", die netterweise noch einen marginalen Deckungsbeitrag als Mitgift mitbringen (jedenfalls solange der Abo-Erlös höher ist als der EK minus WKZ der ausgelobten Espressomaschine). „Weniger für mehr“ weiterlesen

Bitte nur schnelle Bits

Computer to plate heißt der Schlüssel zur schnellen Übertragung von Daten im Mediengeschäft.

Wie es bei der Kampagne zur Markteinführung von Windows ’98 zugehen könnte, läßt sich heute schon ausmalen: Weil es zwei Jahre vor der Jahrtausendwende immer noch nicht ausreicht, im Internet die virtuelle Werbetrommel zu rühren, hat sich Microsoft prominente Plazierungen in diversen Printmedien reserviert. Die Vorlaufzeiten sind bis auf ein Minimum zusammengeschmolzen. Erst wenige Stunden vor dem jeweiligen Andruck überspielt der Softwarekonzern seine Motive via Multiplex-ISDN direkt in den Computer der Druckerei, der die Pixel mittels eines Hitzelasers unmittelbar in die Druckformen brennt. Microsoft will so seinen USP demonstrieren: höchst aktuell und zeitnah zu sein. Oliviero Toscani geht noch einen Schritt weiter: Er stellt brandaktuelle Agenturfotos in den Mittelpunkt seiner 1998er·Benetton·lnserate. Anzeigenleiter schwitzen Blut und Wasser, weil sie juristisch heikle Kreationen manchmal erst zu Gesicht bekommen, wenn das Heft schon gedruckt ist. „Bitte nur schnelle Bits“ weiterlesen

Das Comeback als Zeitung: Computer (Seller) Business 1995

Acht Jahre nach meinem Ausstieg bei dem zu früh gestarteten (und deshalb wegen Unrentabilität später eingestellten) Magazin „Computer Business“ engagierte mich Computerwoche-Herausgeber Dieter Eckbauer im Herbst 1994 als Chef-Entwicklungsredakteur einer Neuauflage. Gemeinsam mit meinem Kollegen Bernhard Rose als Co-Chef und einem kleinen Team (Claudia Petrik, Ute Dorau und Michael Wojatzek) konzipierte ich ein boulevardesk gemachtes Insiderblatt für den Computerhandel. Als Fans von Manfred Bissingers „Woche“ entschieden wir uns, nicht das unhandliche Tabloid-Format der Computerwoche zu übernehmen, bei dem die Redakteure ihre Texte immer L-förmig um handelsübliche DIN-A4-Anzeigen herum umbrechen mussten, sondern für ein kompaktes Zeitungsformat aus mehreren Büchern. Dies gab uns mehr redaktionelle Freiheiten; so konnten wir mit freigestellten Bildern arbeiten.

Im Januar 1995 waren wir nach nur zwei Monaten Vorlauf auf dem Markt – ein komfortabler Vorsprung vor dem Konkurrenzprodukt Computer Reseller News aus dem Haus CMP-Weka, dessen Erstausgabe erst zur Cebit erschien. Während der Messe in Hannover übernahm Damian Sicking, der designierte, bis dahin aber vertraglich noch anderweitig gebundene Chefredakteur, im fliegenden Wechsel die Regie. Nach wenigen Ausgaben kippte Sicking unser aufwendig gemachtes Format zugunsten eines produktionstechnisch simpleren (ja, kostengünstigeren) Tabloid-Konzepts.

Auf der Strecke blieb auch meine Idee, die gute alte (wenn auch englische) Marke „Computer Business“ zu reanimieren. Die ersten Ausgaben hießen etwas sperrig „Computer Seller Business“ – ein Name, der zu verwechselbar mit dem Rivalen war. Später wurde daraus „Computer Partner“, heute heißt das Blatt – wiederum ein Anglizismus – „Channel Partner“. Nun gut, das ist Geschmackssache, aber ich finde schon den deutschen „Vertriebskanal“ sprachlich etwas unglücklich.

Kampf dem Kabel

Infrarot statt Funk oder Kabel – das war Anfang/Mitte der Neunziger der große Hype. Hier ein weiteres Beispiel aus der Technik-Sackgasse.

connect! 11/1994

Trend

Ein PC sieht rot

Jetzt werden Computer richtig mobil: Infrarot-Datenübertragung macht Modem- und Druckerkabel überflüssig.

Las Vegas lädt ein zum großen »Beam-Fest«. Die Veranstalter sind keine spleenigen Trekkies, die in Enterprise-Kostümen von Captain Kirk und Scotty schwärmen, sondern ernstzunehmende Manager aus dem Silicon Valley. Mit einem Special Event auf der Computermesse Comdex (14. bis 18. 10.) wollen sie beweisen, daß man mit heutiger Technik zwar keine Menschen durch die Gegend beamen kann, wohl aber Bytes und Bits. ((Die Bits hat die Redaktion gemeint hinzufügen zu müssen. Nun ja.))

Der Datenfunk per Infrarotstrahl, um den es bei der Light-Show geht, galt noch vor kurzem als recht utopischer Ansatz. Mit mäßigem Erfolg versuchten mehrere Einzelkämpfer unabhängig voneinander, die Idee zu kommerzialisieren. So brachte 1991 der
deutsche Hersteller Infratec Datentechnik seine »Infralink«-Geräte auf den Markt, die eine drahtlose Verbindung
zwischen PC und Drucker herstellten. Trotz guter Kritiken
kamen die Produkte aus der Marktnische nie heraus, weil
die etablierte Konkurrenz das Thema ignorierte.

Nicht nur der mutige kleine Newcomer aus dem Rheinland scheiterte mit dem Versuch, einen Weltstandard zu setzen. Auch die Elektronik-Multis Apple und Sharp langten kräftig daneben, als sie voriges Jahr ihren gemeinsam entwickelten »Newton« vorstellten. Er konnte über sein Infrarot-Interface zwar mit seinesgleichen Informationen austauschen, aber nicht einmal mit Macintosh-Computern im Büro. Einzig der Drucker- und Computerhersteller Hewlett-Packard (HP) verknüpfte konsequent Tisch-PCs, (Sub-) Notebooks und kleine elektronische Organizer über eine einheitliche serielle Infrarot-Schnittstelle (SIR). Dabei war den Vertriebsstrategen im HP-Hauptquartier in Palo Alto frühzeitig klar, daß nicht einmal sie sich einen Alleingang leisten konnten. Kaum ein Kunde, so ihre Überlegung, würde sich als Zubehör zum elektronischen Notizbuch für über 2000 Dollar den passenden HP-Bürorechner kaufen.

Doch plötzlich interessierte sich die ganze Branche für die Technik, schließlich war sie der Konstruktion von Sharp und Apple weit überlegen. So arbeitet SIR mit 115,2 Kilobit pro Sekunde, also zwölfmal so schnell, und erzielt damit akzeptable Übertragungszeiten auch bei normalen PC-Dateien. Dieser Artikel wäre zum Beispiel in einer halben statt in sechs Sekunden durch. Für Eng T. Tan, den Infrarot-Experten im HP-Labor Bristol, und seine amerikanischen Kollegen stand fest: Das SIR-Interface mußte zur internationalen Norm werden. Deshalb trommelten die Kalifornier ihre Geschäftspartner und Konkurrenten zusammen und gründeten eine »Infrared Data Association« (IrDA). In diesem Zirkel bilden inzwischen IBM, Intel, Microsoft, Apple, Sharp und die Daimler-Benz-Tochter Temic neben HP den harten Kern. Zu den Mitstreitern zählen Notebook-Spezialisten von Compaq über Toshiba bis Olivetti, der Organizer-Produzent Psion, diverse Chip- und Softwareproduzenten sowie die Telekommunikationsriesen AT&T, BT, Siemens, Northern Telecom und Nokia.

Inzwischen sind die Entwicklungsarbeiten so weit gediehen, daß die Infrarot-Clique sich an die Öffentlichkeit wagt. Nach einer Generalprobe, die vorsichtshalber unter Ausschluß der Öffentlichkeit stattfand, werden in Las Vegas unsichtbare Rotlichtblitze zwischen PCs, Printern und Telefonen hin- und  herzucken. Danach geht es Schlag auf Schlag: Noch vor Weihnachten sollen erste Serienmodelle im amerikanischen Handel auftauchen. Bis zur CeBIT im nächsten März wollen die Mitglieder des Clubs ein ansehnliches Sortiment an Rechnern und Peripheriegeräten mit dem IrDA-Logo »ir Data certified« beisammen haben.

Das Emblem wird als Gütesiegel einen reibungslosen Datenversand garantieren. Möglichst viele Telefongesellschaften sollen motiviert werden, Infrarot-Schnittstellen in ihre öffentlichen Fernsprecher einzubauen. »Uns geht es um eine globale Akzeptanz«, erklärt IrDA-Vizepräsident Mike Watson. Die Zielgruppe, die der Verkaufsstratege als erste anpeilt, ist der Jetset unter den Geschäftsreisenden. Wo die Männer mit dem Laptop-Köfferchen auch landen, sie sollen überall einen Apparat
finden, über den sie Kontakt zum heimischen Computer knüpfen können.

»Die nächste Generation der deutschen Kartentelefone wird bereits mit Infrarot-SchnittsteIle ausgerüstet sein«, orakelt Mark Müller-Eberstein vom HP-Marketing in Böblingen. Tatsächlich hat die Deutsche Telekom inzwischen die Entwicklung eines IrDA-kompatiblen Apparates ausgeschrieben; Ingenieure beim IrDA-Mitglied Siemens in München tüfteln eifrig an der Umsetzung. Mit ersten Installationen rechnen Insider bereits für Ende 1995.

Ulf J. Froitzheim

Datentransport in totaler Funkstille

So kann’s gehen: Das Thema war journalistisch reizvoll, aber die Innovation doch nicht so markttauglich, wie ich damals geglaubt habe. Dass die an sich sympathische Idee, mit Infrarot Daten und Telefonate zu übertragen, sich im vermeintlichen Elektrosmog-Angst-Land Deutschland nicht gegen den ach so bösen Funk durchgesetzt hat, kann aber zumindest als Warnung an allzu euphorische Erfinder dienen, die glauben, dass die Menschheit auf ihre Neuheiten nur gewartet hat.

connect! 3/1993

Unternehmerporträt: Axel Fischer

Mit Rotlicht zum Erfolg

Mit preisgünstigen Infrarot-Telefonen will ein branchenfremder Geschäftsmann aus Neuss den Markt für schnurlose Apparate in Bewegung bringen.


Sorry. Manchmal müssen Anglizismen sein. Im Deutschen gibt es keinen Ausdruck, der für diesen Menschen so treffend wäre wie der amerikanische Vielzweckbegriff „Developer“. In diesem Wort steckt alles drin, was Axel Fischer charakterisiert: Ständig etwas Neues zu entwickeln, ist sein Lebenszweck. Das können Gewerbeparks sein. Oder ein politisch günstiges Klima für seine Geschäfte. Ein Konzern mit ihm an der Schaltstelle. Oder ein neuartiges Telefon.

Infraphone heißt das derzeitige Lieblingsprojekt des 44jährigen Neusser Developers, der als gelernter Bankkaufmann von sich behauptet: „Meine technischen Kenntnisse tendieren gegen Null.“ Nie hat Axel Fischer in der Fernmeldebranche gearbeitet. Das Telefon kennt er nur als Werkzeug, mit dem er sein Mini-Imperium von 14 kleinen und mittelgroßen Firmen unter Kontrolle hält. Trotzdem fordert er mit seiner neugegründeten Infraphone Ges.m.b.H. (Sitz Wien) und deren gleichnamigem Produkt jetzt große Elektronikkonzerne wie Siemens oder Panasonic heraus. „Datentransport in totaler Funkstille“ weiterlesen