Voll im Bild: Multimedia zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Im Mittelpunkt des zweiten highTech-Specials der WiWo vor der Cebit 1992 stand das Hype-Thema Multimedia. Eigentlich wusste jeder, dass die Technik noch lange nicht dafür reif war, die ehrgeizigen Konzepte in die Praxis umzusetzen, aber die Marketiers mussten schon zur großen Posaune greifen. Hier ist der Aufmacher des mehr als 80 Seiten dicken Specials._

WirtschaftsWoche 11/1992

Mit Schwung drängt die Computerindustrie ins multimediale Zeitalter. Doch der Durchbruch in den Massenmarkt läßt noch auf sich warten.

Die Begriffsverwirrung ist so komplett, daß jeder Blick ins Lexikon unausweichlich in die Irre führt. Die Definitionen rücken Multimedia bis in die Nähe von Gesamtkunstwerken, die ihre Wurzeln im Dadaismus haben und deren Interpreten mit allen möglichen visuellen und akustischen Medien arbeiten. Auch der Duden-Redaktion fiel bei der neuesten Überarbeitung ihres Fremdwörterbuchs zum fraglichen Schlagwort nicht mehr ein als die lapidare Umschreibung „Informations- und Unterrichtssysteme“, die mehrere Medien wie „Fernsehen, Dias und Bücher“ simultan verwenden.

Selbst die Industrie mag sich mit dem schwammigen Gattungsbegriff Multimedia nicht recht anfreunden. Beim Computerhersteller Apple steht er längst auf dem Index. Statt dessen gilt die nüchterne Alternative „Medienintegration“. Japans Elektronikgigant Sony Corp. geht ebenfalls eigene Wege und versucht, das wenig aussagekräftige Markenzeichen „SonyCom“ als Synonym zu etablieren. EDV-Multi IBM schließlich verkürzt die angejahrte Vielzweckvokabel auf „Ultimedia“. „Solche Wortzauberei führt beim Anwender zu einer kompletten Verwirrung“, jammert Takaya Endo, Leiter der Human Interface Laboratories der Nippon Telegraph and Telephone Corporation in Kanagawa, „denn jeder, der heute einen Lautsprecher an seinen Bildschirm hängt. bezeichnet das schon als multimediale Anlage.“

Ob in Industrie oder Wissenschaft, unumstritten ist indes, daß die neue Mixtur aus Computer-, Telekom- und Videotechnologien durchaus das Zeug dazu hat, Arbeitswelt und Freizeit mindestens so gründlich zu verändern wie einst die Erfindung des Fernsprechers. Die kühnen Visionen reichen vom multifunktionalen Bürocomputer, der gleichzeitig als Bildtelefon, Videorecorder, Telefax und Anrufbeantworter dient, bis hin zur persönlichen elektronischen Zeitung, die auf dem Monitor automatisch nur solche Artikel anzeigt, für die sich der Leser tatsächlich interessiert. Diese werden dann mit kurzen Filmbeiträgen angereichert. Doch all das ist – von Prototypen in Labors wie dem Media Lab des Massachusetts Institute of Technology (MIT) oder dem Darmstädter Institut für Integrierte Informations- und Publikationssysteme (Ipsi) einmal abgesehen – noch reine Zukunftsmusik. Und doch bekommen die Adressaten der neuen Technik bereits heute überall Multimedia wie auf dem Silbertablett präsentiert. Sei es bei den Winterspielen in Albertville, bei der Sommerolympiade in Barcelona oder der Weltausstellung in Sevilla, schon heute geht keine Großveranstaltung mehr ohne multimediales Zuschauer-Informationssystem über die Bühne. Bei solchen oft als Kiosk-Installationen heruntergespielten Anwendungen kann der Besucher Texte, Bilder, Filme und Tabellen über Veranstaltungen, Sehenswürdigkeiten, Hotels oder Zugverbindungen abrufen und im Idealfall sogar Buchungen vornehmen.

Auch auf der Hannover-Messe Cebit, die nächste Woche beginnt, steht bei vielen Ausstellern Multimedia im Mittelpunkt. Die informationstechnische Industrie glaubt mit diesem Thema bereits den neuen Aufhänger für ihr kränkelndes Computergeschäft gefunden zu haben. Wenn es der Branche gelingt, dem Verbraucher die schöne neue Welt der Information schmackhaft zu machen, könnte sie nach Ansicht von Medienexperten langfristig sogar doppelt profitieren: Sie hätte die Chance, nicht nur mehr Geräte und kostspieliges Zubehör zu verkaufen, Multimedia öffnet auch die Tür zu einem neuen Kundenkreis, der durchaus bereit ist, viel Geld in hochspezialisierte Hard- und Software zu investieren.

Und die ist notwendig, denn ohne Datenreduktion wäre zum Beispiel die 40-Megabyte-Festplatte eines durchschnittlichen Personalcomputers schon mit zwei digitalisierten Kleinbild-Farbdias voll gepackt. Selbst mit den besten Kompressionsverfahren erfordert die Darstellung bewegter Bilder extrem schnelle Systeme mit üppiger Speicherausstattung. Bob Anderson, Leiter des Xerox-Forschungszentrums Europarc im englischen Cambridge, sieht deshalb „exzellente Chancen für Hochpreis-Produzenten“. Nicht nur seinem Arbeitgeber attestiert er hervorragende Marktchancen, auch das Gespann Apple und IBM sowie Compaq, Digital Equipment oder Hewlett-Packard bekommen seiner Ansicht nach endlich die Chance, „die Leistungsfähigkeit ihrer Spitzenmodelle ins rechte Licht zu rücken“.

An optimistischen Prognosen besteht in diesem Metier wahrlich kein Mangel. „Der Multimediamarkt wird sich in den nächsten Jahren rasant entwickeln“, glaubt Roland Härtner, Marketingdirektor der Compaq Computer GmbH in München. Und bis 1996,  schätzen die Analysten der Dataquest Europe Ltd. aus dem englischen Uxbridge, wird in Europa bereits jeder vierte der dann 43 Millionen professionell genutzten Computer mit Multimediamodulen ausgerüstet sein. Die New Yorker Marktforscher von Frost & Sullivan International versprechen allein der US-amerikanischen Elektronikindustrie bis zum Jahr 1995 einen Multimedia-Umsatz von 25 Milliarden Dollar. Selbst professionelle Anwender sind bereits von der neuen Euphorie infiziert. „Es ist nicht übertrieben“, schwärmt Rolf Hahn, bei Siemens verantwortlich für Training und Information im Bereich Automatisierungstechnik, „wenn man in diesem Zusammenhang von einem neuen Zeitalter spricht.“

Andere Zeitgenossen sind wesentlich skeptischer . „Die Zeit ist noch nicht reif für den professionellen Einsatz von Multimedia“, warnt beispielsweise Eberhard Färber, Geschäftsführer der Ixos Software GmbH in Grasbrunn bei München. Grund für Färbers Zurückhaltung: Das Schlüsselmerkmal der neuen Rechnergeneration, die Verarbeitung digital gespeicherter Videosequenzen, komme heute erst für sehr wenige, ziemlich ausgefallene Anwendungen in Frage.

„Leider betrachten viele Hersteller Multimedia nur als eine Möglichkeit, kurzfristig mehr Computer zu verkaufen“, wettert auch Matthias Zahn, Gründer der Fast Electronic GmbH in München und Spezialist für Computer-Video-Integration. Die überhöhten Versprechungen dienten nur dazu, urteilt der bayrische Jungunternehmer, die Kunden von der Konkurrenz fernzuhalten. Nützen werde diese Strategie allerdings niemandem, prophezeit Roger Fulton, Consultant bei der Input Europe Ltd. in London: „Es wird der informationstechnischen Industrie nicht gelingen, mit Multimedia kurzfristig neue Nachfrage zu schaffen, weil die Benutzer erst den Umgang mit dieser völlig neuen Art von Computern lernen müssen.“

Selbst der deutsche Geschäftsführer des Multimedia-Vorreiters Microsoft GmbH, Jochen Haink, erwartet nicht vor 1993 einen Durchbruch auf diesem Sektor. „Dieser Markt muß sich erst noch entwickeln“, dämpft er überzogene Erwartungen, „und längst sind noch nicht alle Einsatzgebiete entdeckt.“ An dieser für die gesamte Branche existentiellen Aufgabe tüftelt derzeit eine ganze Schar von Kleinstfirmen, deren mehr oder weniger phantasievolle Namen wie Da Gama, Digital Art Design, Inter/Aktion, MacGuffin, Media Lab oder Pixel Park bisher nur unter Insidern kursieren. Diese buntgewürfelten Teams aus Informatikern, Videospezialisten und Grafikern arbeiten meist für Großkonzerne an Multimediapräsentationen für die Marketingabteilung oder zur Schulung von Mitarbeitern. Zur Klientel zählen neben dem Versicherungstycoon Allianz auch so erste Adressen wie Siemens, der Schweizer Bankverein, BMW und VW.

Bevor die multimedialen Segnungen allerdings in einen voluminösen Markt münden, müssen ihre Repräsentanten noch einige Nachhilfestunden nehmen. In erster Linie. so Helmuth Gümbel, Münchner Statthalter der amerikanischen EDV-Beratungsgesellschaft Gartner Group, „müßten die Entwickler eine konkretere Vorstellung desjenigen Menschen gewinnen, den sie mit ihrer vielseitigen Technik beglücken wollen“. Gerade bei Multimedia. weiß der Consulter, „schießen die Anbieter oft am Ziel vorbei, weil sie nicht wissen, wer letztlich das System benutzt“. Die IDC Deutschland GmbH wagt dennoch eine kühne Prognose. Die Umsätze mit professionellem Multimediaequipment, so die Kronberger Marktforscher, würden in Deutschland bereits in vier Jahren die Milliardengrenze überschreiten.

Vor allem in der Unterhaltungselektronik mit ihren bescheideneren technischen Anforderungen wappnen sich die Hersteller für die künftigen Herausforderungen an die Multimedia-Welt. Neben Commodore mit der Computer-Spiel-Fernseh-Kombination CDTV und Philips mit dem Konkurrenzsystem CD-I (Compact Disc-Interactive) hat besonders der US-Fotoriese Eastman Kodak große Ambitionen, ins Geschäft einzusteigen. Dessen Photo CD – eine goldglänzende Compact Disc – soll künftig im Zusammenspiel mit einem speziellen CD-Player die private Diashow auf den Fernsehschirm bringen. Das System gilt schon jetzt als ideale Schnittstelle zwischen Amateur- und Profigeschäft. Kompatibel mit den digitalen Bildverarbeitungssystemen des Fernsehens und der Verlage, ist sie nicht zuletzt ein erschwingliches Trägermedium für jede Art von Bildarchivierung.

Die Druckindustrie richtet sich bereits darauf ein, die Photo CD und andere im Zusammenhang mit Multimedia entwickelte Produkte für ihre Zwecke zu nutzen. Denn eine Untersuchung der Münchner Infratest Industria GmbH ergab, daß sich die Printbranche vor Konkurrenz durch die elektronischen Neuheiten nicht fürchten muß, sondern im Gegenteil von ihnen profitieren kann.

Die Stuttgarter Kodak AG stellt auf der Cebit eine zusätzliche Variante der Photo CD vor, die bis zu 800 Fotos in TV-Qualität und maximal 72 Minuten Ton speichern kann. „Durch die vorbespielten Laserscheiben“ , weiß Kodak-Marketingvorstand Richard Hiel zu berichten, „kann der Computeranwender nun mit dem Bild umgehen wie mit dem Wort.“

Zweifel sind dennoch angebracht. Denn die wenigen Komponenten, die bereits fertig erhältlich sind, passen nicht unbedingt zusammen. Verbindliche Standards fehlen. Nicht einmal auf ein einheitliches Betriebssystem hat sich die Branche bislang geeinigt.

Trotz dieser Probleme sinnen die berufsmäßigen Vordenker der Branche darüber nach, wieviel Multimedia den Informationsmanagern der Anwenderbetriebe überhaupt zugemutet werden kann. Nicholas Negroponte, Chef des MIT Media Lab in Cambridge, Massachusetts, schießt dabei am weitesten über das Ziel hinaus. „Künftig sollen Informationen nur an Maschinen und nicht mehr an Menschen geliefert werden“, so der Multimedia-Phantast. Der Computer soll dann „für uns die Informationen verdauen, filtern und verändern“. Gerald Michalski, Vice-President der US-Marktforschungs- und Beratungsfirma New Science Associates Ltd., sind solche Visionen zuwider: „Wichtig ist doch der Inhalt und nicht die Form“, warnt er seine Crew. „Wenn einer meiner Mitarbeiter seine kostbare Zeit damit vertun würde, interne Informationen hübsch multimedial zu verpacken, würde ich ihn rauswerfen.“

ULF J. FROITZHEIM

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