Zweikampf mit dem Griffel

Ein kleines Softwarehaus aus dem Silicon Valley sorgt derzeit für Furore: Die Go Corporation will die Computertastatur überflüssig machen. Mit dem elektronischen Griffel fordert sie Branchenführer Microsoft zum Duell.

Top Business 11/1992

Jerry Kaplans Haare sind grau geworden, und zugenommen hat er auch. Die unzähligen Sieben-Tage-Wochen, die der Softwarespezialist als Chef eines eigenen Unternehmens absolvieren mußte, haben ihre Spuren hinterlassen.

Fast fünf Jahre harter Arbeit liegen hinter Dr. S. Jerrold Kaplan, Chairman der Go Corporation aus Foster City, Kalifornien, als er am Gründonnerstag 1992 endlich zu seinem ersehnten Erfolgserlebnis kommt: Mehr als drei Dutzend Unternehmen aus der amerikanischen Computerindustrie schwören auf sein Betriebssystem „Penpoint“, das bei den Rechnern der neuesten, Generation die Tastatur überflüssig macht. Etliche der Programmierwerkstätten, die bei dieser offiziellen Präsentation in San Francisco ihre Entwicklungen zeigen, verdanken ihre Existenz Jerrys geduldiger Vorarbeit.

„Eine Firma wie Go zu gründen, das ist wie ein Marathonlauf“, philosophiert der Doktor der Informationswissenschaften, „ich bin kein Sprinter, sondern denke langfristig.“ Das bedeutet für Kaplan auch, seiner Zeit immer etwas voraus zu sein. So war es 1987, als er dem Management des Softwarekonzerns Lotus Development Inc., für den er damals als Vordenker und „Principal Technologist“ neue Marktchancen suchte, eine verwegene Idee präsentierte: einen leichten Computer für unterwegs, bei dem sich die Daten mit einem elektronischen Stift direkt auf dem Bildschirm eintragen lassen.

Dieses handliche Gerät sollte zugeschnitten sein auf technische Laien, denen der Anblick einer Tastatur Streß verursacht. Beim Lotus-Management, mit dem Marketingkünstler Jim Manzi an der Spitze, fand der Tüftler kein Gehör. Programme für Computer, die erst noch entwickelt werden mußten, interessierten den Meister nicht.

Vormachtstellung attackiert

Das war vielleicht Manzis Fehler. Heute ist die Hardware auf dem Markt, und Jerry, der verschmähte Visionär, schickt sich an, die Vormachtstellung des Lotus-Erzrivalen Microsoft Corp. in der amerikanischen Software-Industrie in Frage zu stellen. Während sein Penpoint-Betriebssystem sehr konsequent die Analogie von Tinte und Papier in elektronische Form umsetzt, gilt das Konkurrenzprodukt „MS-Windows for Pen Computing“ unter Kennern als eher halbherzige, weil zu sehr der traditionellen Datenverarbeitung verhaftete Lösung.

„Uns war von Anfang an klar, daß wir die Vorteile dieses Produktkonzepts nur ausschöpfen konnten, wenn wir eine völlig neue Software entwickelten“, erinnert sich Kaplan. Damit verfolgt der Marktneuling genau die gegenteilige Strategie wie Microsoft-Chef William („Bill“) Gates. Der will nämlich die neuen „Notepads“ (Notizblöcke) möglichst nahtlos in die bestehenden Computernetze seiner Kundschaft integrieren. Ein Bruch zwischen seiner gut am Markt eingeführten PC-Software, die immerhin für einen Jahresumsatz von rund vier Milliarden Mark steht, und den neuen Systemen erschien Gates offensichtlich zu riskant.

Von einem echten Triumph über die zehn Jahre ältere Firma Microsoft sind Kaplan und sein Kompagnon Robert Carr – auch er ein prominenter Softwareexperte – freilich noch Lichtjahre entfernt, denn gute Technik zu haben und sie zu verkaufen, ist nun einmal zweierlei. So arbeiten allein für Microsofts Marketing- und Vertriebsorganisation mehr Menschen als für die ganze Go Corporation, die sich beim Verkauf ihres Erstlings noch voll und ganz auf die Hardwarehersteller verläßt. Außerdem ist Microsoft bei Millionen von Kunden längst ein etablierter Name, der für ein breites Spektrum von Software steht – von Betriebssystemen
bis zu populären Anwendungsprogrammen wie MS-Word. Go dagegen kennen gerade erst die Insider.

Bei denen stoßen Carr und Kaplan allerdings auf breite Sympathie. Denn mit Bill Gates fordern sie einen Mann zum Duell, der sich mit seinem oftmals egozentrischen und überheblichen Gebaren viele Feinde gemacht hat. Der impulsive Jungmilliardär, dessen unverhohlenes Ziel die Monopolisierung des PC-Softwaregeschäfts mit 70 Prozent Marktanteil in allen Segmenten ist, führt nicht nur eine Dauerfehde mit Apple Computer. Er hat sich sogar mit der mächtigen IBM angelegt, der er seinen Aufstieg verdankt.

Flankenschutz von IBM

Die Rolle eines David, der dem ungeliebten Goliath mindestens einen Denkzettel verpaßt, scheint Jerry Kaplan zu reizen. Um dieses Ziel zu erreichen, darf es dann schon mal eine unkonventionelle Unternehmenspolitik sein. So schloß Kaplan ein Entwicklungsabkommen mit IBM, obwohl das dritte Mitglied im Go-Gründertrio, Kevin Doren, bereits an einer hauseigenen Hardware bosselte. Der IBM-Schachzug sorgte nicht nur dafür, daß Go von anderen Computerbauern ernster genommen wurde. Er war auch eine Provokation für Gates, dessen Querelen mit dem EDV-Giganten sich damals gerade anbahnten.

Mit seinen Hardware-Plänen hatte sich der Go-Chef, ein Experte für Künstliche Intelligenz, allerdings gründlich verrechnet: Erst mißlang Doren das Design eines serienreifen Stiftcomputers, dann ließ sich auch der große Partner in der Geräteentwicklung von der Konkurrenz überholen. Als mit der NCR Corp. im Sommer 1991 der erste namhafte EDV-Hersteller ein Notepad-Modell präsentierte, konnte IBM nicht einmal einen Prototypen vorweisen.

Selbst bei Gos Debüt-Veranstaltung im April 1992 in San Francisco mußte Marktführer IBM passen – erst Wochen später durften sich ausgesuchte Geschäftspartner ein Vorserienmodell anschauen. Zu diesem Zeitpunkt freilich hatte Kaplan längst die Kontakte zu NCRs Europa-Zentrale in Augsburg intensiviert, deren Entwicklungschef Siegfried Grabowski seit 1989 den Bau des tastaturlosen Computers konsequent vorangetrieben hatte. Im Rahmen dieser Allianz bringt beispielsweise das NCR-Trainingszentrum in Kopenhagen europäischen Softwareentwicklern bei, wie man die elektronischen Schiefertafeln mit Hilfe von Penpoint programmiert.

Ansonsten verhält sich NCR aber neutral gegenüber Go und Microsoft – Grabowskis Modell 3125 wird wahlweise mit Penpoint oder der Stiftversion von MS-Windows geliefert. So ist diese Zusammenarbeit für Kaplans Firma nur ein erster Schritt in Richtung Markt. Konkurrenz zögert noch Um ein Massengeschäft, wie es heute die Personalcomputer darstellen, wird es sich dabei so bald nicht handeln. Rolf Kleinwächter, Marketingmanager für Mobile Systeme bei der NCR GmbH in Augsburg, rechnet beispielsweise für 1992 mit einem Abverkauf von 3000 Notepads, fürs kommende Jahr mit bis zu 10.000 Stück. Das wäre nicht allzuviel, gemessen an den sechsstelligen Stückzahlen, in denen die großen Hersteller heute ihre tragbaren Laptop- und Notebook-Computer mit Tastatur absetzen.

Entsprechend zögerlich verhalten sich denn auch die Konkurrenten. Laut Kaplan stehen zwar weltweit 30 Elektronikhersteller mit eigenen Stiftcomputern in den Startlöchern, aber in den Computerläden ist von dieser Geräteflut noch nicht viel angekommen.

Hohe Stückzahlen fehlen

Das dürfte sich schlagartig ändern, sobald das eigentliche Problem der Notepad-Computer gelöst ist: Es gibt nicht genug zugkräftige Anwendungssoftware, um Hardware-Großserien zu rechtfertigen. Im Go-Anwendungskatalog etwa ist bis heute keines der wichtigen Softwarehäuser wie Lotus, Computer Associates oder Borland vertreten. Neben Programmierhilfen für Softwareentwickler beherrschen deshalb vor allem vertikale Anwendungen, also Programme für bestimmte  Berufsgruppen wie Vertreter, Versicherungsagenten oder Ärzte, das Bild.

Was NCR-Mann Kleinwächter vermißt, sind preiswerte „horizontale“ Produkte, die sich in hohen Stückzahlen verkaufen lassen: „Vertikale Applikationen sind doch für die großen Softwarehäuser ein uninteressanter Markt.“ Indes zeigen einzelne Highlights – etwa das Inventurprogramm „Numero“ der kanadischen Pen Magic Software Inc., wie die Verkaufsrenner von morgen aussehen könnten.

Anbindung an Großrechner

Wenigstens einen Verbündeten aus der ersten Liga haben die Tastaturverächter aus Foster City gewonnen – und der ist beileibe keine graue Maus in der Computerei. Ihr Quasi-Nachbar Lawrence Ellison, Chef des Datenbankherstellers Oracle Corp. und flammender Anhänger der kleinen Maschinen, läßt jetzt eine Software  entwickeln, mit der sich ein Notepad-Benutzer bequem in zentrale Großdatenbanken einschalten kann.

Um kesse Worte nie verlegen, tönt Larry Ellison: „In ein paar Jahren werden diese Geräte so simpel zu bedienen sein, daß sogar meine Mutter damit umgehen kann.“

Daß bis zu einem großen kommerziellen Erfolg seiner Technologie noch einige Zeit vergehen wird, ist auch Jerry Kaplan klar. „Ich will nicht behaupten, daß unser Potential genauso groß ist wie das von Microsoft“, gesteht der Marathonläufer, „wir haben ja noch zehn Jahre, das herauszufinden.“

Ulf J. Froitzheim

TopBusiness, November 1992

KREUZWORTRÄTSEL AM ARBEITSPLATZ

Beim Notepad fehlt die richtige Software

Ein ausgeklügeltes Betriebssystem, wie es die 1987 gegründete Go Corp. jetzt für die tastaturlosen „Notepads“ entwickelt hat, ist in der Computerbranche immer nur die halbe Miete. Sinnvoll anwendbar wird der Rechner erst durch  Anwendungsprogramme, die sich die spezifischen Fähigkeiten des Betriebssystems zunutze machen.

Genau hieran hapert es auch in diesem Fall. Die Go-Softwerker haben zwar ein Repertoire an einfach erlernbaren Befehlen entwickelt, denen der Stiftcomputer gehorcht – so wird etwa ein Wort einfach durchgestrichen, um es zu löschen, für kurze Randnotizen gibt es „elektronische Tinte“, und um eine Zahlenkolonne zu addieren, zieht man einen Summenstrich darunter. Aber die praktische Umsetzung der Technik in eine alltagstaugliche Anwendung bleibt – von Nischenmärkten abgesehen – noch dem Unternehmen überlassen, das die Maschinchen einsetzen will. Bei den etablierten Mitgliedern der Softwarezunft herrscht Funkstille.

Amerikas Softwarehäuser überspielen derzeit ihre Einfallslosigkeit auf dem Gebiet kommerzieller Programme durch Angebote für spielerisch veranlagte Kunden. Die Notable Technologies Inc. aus Oakland/Kalifornien zum Beispiel tut sich hervor mit „Pen Cross“, einem elektronischen Kreuzworträtsel, das dem Ratenden auf die Sprünge hilft, wenn er etwas Verkehrtes einträgt.

Wenn das Lösen von Kreuzworträtseln auch nicht zu produktivsten Tätigkeiten am Arbeitsplatz gehört, so könnte der Einsatz dieser Software zumindest Joan Warrender, eine Kämpferin gegen den um sich greifenden Analphabetismus in Amerika, besänftigen. Die Sprecherin des Erwachsenenbildungsvereins Laubach Literacy Action in Syracuse/New York beklagt nämlich einen gefährlichen Trend in der US-Industrie: „Statt etwas dafür zu tun, daß ihre Angestellten besser lesen und schreiben lernen, machen die Firmen lieber die Maschinen immer idiotensicherer.“

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