Vom Mode- zum Werk-Stoff

Westeuropa produziert kaum noch Bekleidung. Die Textilwirtschaft hat aber gelernt, sich neue Märkte zu erschließen. So entstehen neue Werk-Stoffe – sogar für Architekten.

»Textil+Mode« lautet der Kurzname des Gesamtverbandes der deutschen Textil- und Bekleidllngsindustrie. Als Internetdomain haben sich die Branchenlobbyisten allerdings nicht »textilundmode.de« registrieren lassen, sondern »textil-mode.de«. Daher antworten Mitarbeiter des Verbandes, nach ihrer Mailadresse gefragt, »Mustermann ät Textil minus Mode D E«.

Nichts könnte den Wandel der Traditionsindustrie knapper auf den Punkt bringen als dieses negative Vorzeichen. Bekleidung bildet zwar bei weitem das umsatzstärkste Segment der Textilbranche, doch etwa 95 Prozent dessen, was die Deutschen am Leib tragen, ist Importware. Taktgeber sind global tätige Logistikkonzerne wie H&M und Inditex, nach deren Geschäftsmodell Mode nichts anderes ist als Fastfood zum Anziehen. Als Fabrikationsstandort für Damen- und Herrenmode ist Westeuropa fast komplett von der Landkarte der Wirtschaftsgeografen verschwunden. Das beliebteste Textil made in Germany sind Socken; die Jahresproduktion reicht nach Abzug des Exports, grob geschätzt, für ein Paar pro Mann oder Knabe.

Auch die Strickjacken und Dessous feiner deutscher Marken oder die Trikots, die der adrette Vorzeigemittelständler und Talkshow-Stammgast Wolfgang Grupp (Trigema) in Burladingen nähen lässt, sind zu vernachlässigende Größen, gemessen an einem Marktvolumen von 74 Milliarden Euro allein im Inland. Von den 382.000 Jobs, die es 1970 in der Branche gab, sind 92 Prozent verloren gegangen. Die 272 einheimischen »Hersteller von Bekleidung«, die laut Statistischem Jahrbuch noch existieren, sind eine Minderheit in ihrer eigenen Branche. Rund zwei Drittel der Textil + Mode-Mitglieder verdienen ihr Geld mit ganz anderen Dingen, vom Airbag bis zum Teppichboden.

Immerhin sind die Modeproduzenten nicht so tief gestürzt wie die Hersteller von Unterhaltungselektronik, deren Marken wie Grundig oder Telefunken zu reinen Vertriebslabeln verkümmert sind. Namhafte Konfektionäre entwerfen ihre Kollektionen nach wie vor hier. Die Unternehmen überlebten die Globalisierung, indem sie sie für sich nutzten. Sie praktizieren die gleiche Arbeitsteilung, wie man sie aus der Wertschöpfungskette von Apple kennt. So konzentrieren sie sich auf die Schlüsselfunktionen Design, Marketing und Vertrieb; die Fertigung liegt fast komplett in den Händen von Subunternehmern oder Tochterfirmen in Asien und Osteuropa.

»Technik geht gut in Deutschland«

Bei der Mehrheit der mittelständisch geprägten Branche, die mit dem schnelllebigen Modegewerbe nichts oder nichts mehr am Hut hat, funktioniert das Geschäft nach den klassischen Spielregeln der Industrie. Als Spezialisten für verschiedenste Marktnischen betreiben die Unternehmer eigene Fabriken mit hoher Fertigungstiefe. Ihre Konkurrenzfähigkeit hängt nicht ab von niedrigen Nählöhnen, sondern von ihrem Produktions-Know-how, der Fähigkeit zu maßgeschneiderten Problemlösungen und nicht zuletzt der ständigen Suche nach Innovationen.
Textil+Mode-Sprecher Hartmut Spiesecke hat den Kopf voller Gegenwarts- und Zukunftsthemen, die von der Glitzerwelt der Fashion Shows Lichtjahre entfernt sind: Bodenbeläge, Teich- und Deichfolien, Funktionskleidung mit Sensoren und Aktaren für Risikopatienten, Stents für die Kardiologie, Luft- und Raumfahrtkomponenten, Automobil-Leichtbau, Smart-Home-Tapeten, leuchtende Fassaden, sogar leichter Ersatz für massiven Stahlbeton. »Bei technischen Textilien ist Deutschland Exportweltmeister«, sagt Spiesecke, »die Fertigung ist sehr maschinenintensiv, das geht gut in Deutschland.« Dieser Zweig der Branche bringt es auf 13 Milliarden Euro Jahresumsatz, seine besten Kunden sind die Automobilkonzerne.

Eine erstaunliche Entwicklung: Die Not, die das angeblich zweitälteste Gewerbe der Welt dazu zwang, sich neu zu erfinden, hat eine solche Fülle an Ideen hervorgebracht, dass diese kaum noch auf einen Nenner zu bringen sind. Der Fortschritt wird nicht von ein, zwei großen Trends getrieben, sondern von vielen kleinen. Damit eröffnen sich auch für Designer immer wieder neue Perspektiven auf eine scheinbar vertraute Materialklasse. Ursprünglich war »Textil« schlicht ein Synonym für ein Produkt aus Stoff, das sich durch seine haptische und optische Anmutung sowie seine Gebrauchseigenschaften auszeichnete.

Diese Gleichsetzung ist überholt. Das scheinbar eindeutige Wort steht nun als Sammelbegriff für grundverschiedene Produkte und Herstellungsverfahren, bei denen irgendwelche Fasern oder Gewebestrukturen im Spiel sind – ganz egal, ob der Nutzer im Alltag überhaupt etwas von ihnen sieht oder fühlt. Selbst in einem knochenharten Gegenstand ohne mit bloßem Auge erkennbare Textur stecken womöglich textile Elemente.

Heute schöpfen einerseits Modedesigner, Entwickler von Spezialkleidung und Raumgestalter aus einem wachsenden Repertoire an digitalen, elektronischen und chemischen Innovationen. Andererseits entstehen Werkstoffe auf textiler Basis, die interessant sind für klassische Industriedesigner oder gar Architekten, die nie auf den Gedanken gekommen wären, mit Stoff zu hantieren. So hat die Stolberger Firma Lucem einen »Lichtbeton« entwickelt, der von optischen Fasern durchzogen ist und direkt auftreffendes Licht ungedämpft durch die Wand leitet. Stehen Personen zwischen Lichtquelle und Mauer, zeichnen sich ihre Silhouetten auf der Rückseite als scharf konturierte Schatten ab. Auch Firmenlogos oder Texte lassen sich so von hinten durch den Beton projizieren; von vorne sieht es dann aus, als leuchte er von innen. Als besonders vielversprechend gilt der textilbewehrte Beton Tudalit, bei dem Gelege aus Carbonfasern die korrosionsanfälligen Stahlgitter ersetzen. Fußgänger- und Radfahrerbrücken lassen sich damit nicht nur in Material sparender Leichtbauweise – sprich: schlanker und eleganter – gestalten; sie sollen auch viel länger halten.

Design spielt noch eine Nebenrolle

Um Forschungs- und Entwicklungsprojekte dieser Größenordnung im Alleingang zu stemmen, sind die meisten Unternehmen zu klein und zu sehr spezialisiert. Der durchschnittliche deutsche Textilmittelständler (ohne Modefirmen) beschäftigt laut Statistischem Bundesamt weniger als 100 Mitarbeiter und erzielt nur etwa 16 Millionen Euro Jahresumsatz. Deshalb haben Firmen, die ihre Produkte aufwerten oder neue Absatzmärkte erschließen wollen, oft gar keine andere Wahl, als sich mit Spezialisten anderer Disziplinen zu vernetzen. Hinter Tudalit steht sogar ein ganzes Konsortium. Zu dessen Gründungsmitgliedern gehört das Tech-Textil-Unternehmen V. Fraas ebenso wie Betonspezialisten, Maschinenbauer und der Carbonfaser-Hersteller SGL. Federführend und namensgebend war die TU Dresden, die die entscheidende Vorarbeit geleistet hatte. Die sächsische Uni ist über ihr Institut für Textilmaschinen und Textile  Hochleistungswerkstofftechnik (ITM) Mitglied des Forschungskuratoriums Textil (FKT). Mit Hilfe dieses Vereins organisiert der Gesamtverband Textil+Mode die Zusammenarbeit der Branche mit den 17 Textilforschungsinstituten der Republik. Die FKT-Institute decken alle relevanten Fachgebiete ab – von der Faser über die Textilmaschine bis zur Veredlung. Das Kuratorium wiederum ist Teil der Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen (AIF), also der Organisation, die innovationswilligen Mittelständlern den Weg an die Fördertöpfe der Bundesregierung bahnt.

Designaspekte spielen an all diesen Instituten aber bestenfalls eine Nebenrolle. Ihr Job endet meist, wenn sie gezeigt haben, was wie technisch machbar ist. Die Vernetzung mit denen, die auf dieser Basis konkrete Produkte gestalten sollen, bleibt im Wesentlichen dem Zufall überlassen. Damit Forschung und Design nicht nebeneinanderher arbeiten, hatte die Textilfakultät der Universität von Boras, 60 Kilometer östlich von Göteborg, 2006 einen ambitionierten Versuch gestartet, beides unter einen Hut zu bringen. Angehende Designer kamen in Kontakt mit Textilingenieuren und konnten spielerIsch ausprobieren, was Elektronik und Sensorik zu bieten haben. Inzwischen ist es um das »Smart Textiles«-Projekt sehr ruhig geworden. Die im Web ausgestellte Rückschau des Instituts auf die knapp zehn Jahre fällt ausgesprochen unspektakulär aus. Die aktuellsten Postings des Design Labs unter »What’s new?« stammen von 2014, und keine der Ideen der vergangenen Jahre löst ein marktrelevantes Problem. Einfälle wie Kleider aus 3D-gedruckten Kunststoffelementen haben abseits der Haute-Couture-Laufstege keine Chance.

Wie weit der Weg von einer technischen Neuerung zum Kunden sein kann, zeigt auch das Beispiel der Garnfabrik W. Zimmermann aus Weiler-Simmerberg im Westallgäu. Schon vor zehn Jahren konnte das Unternehmen, dessen Stärke Elastikgarn für Kompressionsstrümpfe ist, elektrisch leitfähiges Garn liefern. Ein paar Anbieter von Wintersportmode setzten Novonic-Fäden in beheizbaren Skihandschuhen ein oder entwarfen Jacken mit textilen Schaltern für den MP3-Player, doch dem Reiz des Neuen folgte keine dauerhafte Nachfrage. 2010 realisierte Audi mit den Leit-Fäden eine in den Sicherheitsgurt eingebaute Freisprecheinrichtung für das Luxuscabrio RB Spyder. Seither warten die Allgäuer auf die Diffusion in den Massenmarkt.

Impulse aus der Schweiz

Vielleicht kommen die entscheidenden Impulse aus der Schweiz. Dreh- und Angelpunkt im Land ist die Hochschule Luzern mit ihrem Fachbereich Design und Kunst. »Alle Projekte bei uns laufen in Zusammenarbeit mit der Industrie«, erklärt Andrea Weber Marin, Co-Leiterin der Forschungsgruppe »Produkt und Textil «, den Ansatz, »wenn die Firmen unter Druck sind, ist es wichtig, dass sie erst recht innovativ sind, immer einen Schritt voraus.« Ein Ergebnis solcher Kooperationen ist der digitale Druck individueller Reliefs auf Oberbekleidung; die Herausforderung lag in der Entwicklung pastöser Farben, die sich in handwerklichem Maßstab computergesteuert auftragen lassen und waschmaschinenfest sind (siehe Seite 32). Ein anderer Arbeitsschwerpunkt ist der seit Jahren schwächelnde Markt für Heimtextilien, auf dem in Deutschland drei Milliarden Euro umgesetzt werden. Im Büro der Professorin hängt ein Vorhang, der mittels aufgestickter LEDs Lichtakzente setzt. Das Produkt namens Elumino ist bereits im Handel. Der Hersteller, Creation Baumann aus Langenthal im Kanton Bern, kooperiert mit Forster Rohner Textile Innovations, der Tochterfirma einer alteingesessenen Stickerei aus St. Gallen.
»Als Unternehmung, die zum großen Teil noch in der Schweiz produziert, müssen wir uns differenzieren «, sagt Philippe Baumann, Firmenchef in vierter Generation. »Wir definieren gutes Design als Kombination eines ästhetisch ansprechenden Produkts mit einem funktionalen Aspekt.« Zum Sortiment gehören deshalb zum Beispiel metallbedampfte Vorhangstoffe, die Büros hinter modernen Glasfassaden einen angenehmeren Blend- und Wärmeschutz bieten sollen als die üblichen Außenlamellen, aber auch textilbespannte Paneele, die den Lärmpegel in Großraumbüros senken. Eine andere Spezialität sind adhäsive Textilien, die man direkt aufs Glas applizieren kann. Für den B2B-Markt entwirft Baumann in Zusammenarbeit mit Architekten und Raumausstattern kundenspezifische »Specials«, die beispielsweise per Digitaldruck realisiert werden. Elumino, ebenfalls nach Belieben individualisierbar, ist für den Inhaber kein reines Prestigeprojekt. »Solche Produkte dienen natürlich der Markenpflege, aber als I’art pour l’art würden wir es nicht machen«, sagt Philippe Baumann, »es gibt einen Markt
dafür. Die bisherigen Stückzahlen haben uns sogar positiv überrascht.«

»Gib dir Stoff«

Für die meisten Privathaushalte ist die LED-Stickerei noch unerschwinglich, aber Baumann ist hoch motiviert, auch in dieses darbende Marktsegment wieder Schwung zu bringen. Der Schweizer ist Mitglied der »Initiative Textile
Räume« (ITR), zu der sich die wichtigsten Heimtextilien-Spezialisten im deutschsprachigen Raum zusammengerauft haben. Unter dem Motto »Gib dir Stoff« hat die ITR gerade eine Imagekampagne gestartet, die das großmütterliche Image wegpusten soll , das Gardinen, Stores und Vorhänge umweht. Nach Ansicht von ITR-Geschäftsführer Karsten Brandt ist die Zeit reif für einen Kampf gegen das minimalistische bis aseptische Raumdesign, dessen Ausbreitung in Wohnungen und der Gastronomie die Branche lange tatenlos mit angesehen hat. »Wiir reden sehr viel mit Innenarchitekten«, sagt Brandt. Es gebe nicht nur die ganz Coolen, sondern auch solche, die einen wohnlichen Stil vertreten – auch aus eigenem Interesse: »Sich mit weißen Räumen profilieren kann man als Designer eigentlich nicht.«

Erschienen im design report 1/2016

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