Science-fiction im stern

Es gibt Interviews, bei denen fragt man sich, warum sie überhaupt abgedruckt werden. Ist es, weil die Redakteure den Inhalt wirklich für relevant halten, oder eher, weil der Verlag schon Arbeitszeit und Reisekosten bezahlt hat und dann eben auch die eingeplanten Seiten zu füllen sind? Oder geht es nur darum, dem Befragten reißerische Aussagen zu entlocken, die dem leichtgläubigen Laien die Ohren schlackern lassen?
Diese Woche irritiert der stern seine Leser mit so einem Text zum Thema „Selbstfahrende Autos“. Die Redakteure Frank Janßen und Harald Kaiser kennen sich mit Autos eigentlich sehr gut aus. Ihr Gesprächspartner war jemand, den autointeressierte Menschen in Deutschland eher nicht kennen, der im kalifornischen Santa Clara lebende Deutsche Thilo Koslowski. Laut stern arbeitet er als „Strategieberater“ bei Gartner, einem Consultingunternehmen aus Stamford (Connecticut), das für seine Analysen zu „Hype Cycles“ zur IT-Industrie bekannt ist, nicht aber dafür, selbst den Hype aufzublähen. Dennoch kam am Ende etwas dabei heraus, das eigentlich nur unter „Science-fiction-Märchenstunde“ rubriziert werden kann. Schauen wir’s uns mal näher an:

„Thilo Koslowski hält es für möglich, dass Softwarefirmen bald Autohersteller aufkaufen.“

Bildunterzeile im stern vom 2.10.2014

Auf eine Nachfrage zum Wandel des Markts („Softwarefirmen bauen Autos?“) antwortet Koslowski den Journalisten:

„Nicht zwingend, aber die Hardware Auto kann man zukaufen. Ich sehe es als eine Art Geräteplattform, die in Zukunft mit neuen Geschäftsmodellen kombiniert wird. … Es kann aber auch sein, dass sich Google oder eine andere Technologiefirma einen Autobauer kauft.“

Abgesehen davon, dass Autobauer selbst zur Gattung der Technologiefirmen gehören, während Herr K. nur IT-Firmen gelten lässt: Google kann nur Software. Ja, die haben Motorola gekauft, aber erstens war das nah an den Kernkompetenzen des Konzerns, zweitens ging es vor allem um das Patentportfolio. Wie von kundigen Beobachtern erwartet, hat sich Google denn auch sehr schnell wieder aus der Handy-Hardware-Produktion verabschiedet.

Die durch nichts belegte Spekulation, dass Google sich einen Autobauer (welchen???) einverleiben könnte, ist ähnlich plausibel, als hätte 1995 jemand angedeutet, Microsoft würde vielleicht Compaq, Dell oder HP schlucken. Google will mit seiner Software in allen Autos sein, so wie Android in allen Handys und Tablets sein soll. Also: Nein, es kann nicht sein, dass sich Google einen Autobauer kauft, selbst wenn das finanziell durchaus möglich wäre. Never ever. Sie würden daran pleite gehen.

Hier geben die Kollegen dem Interviewpartner leider nicht kontra. Statt dessen liefern sie das Stichwort…

„Es wird also Mobilität gekauft?“

…worauf Koslowski behauptet:

„Ja. Künftig kaufe ich Zugang oder Bedarf an einem Auto. Mal möchte ich ein Cabrio, mal einen Van, mal einen Kombi.“

Nur begründet in der realen Welt der zweite Teil der Aussage nicht den ersten. Die Menschen haben doch schon seit Jahrzehnten die Freiheit, genau das zu tun. Manche tun es auch, davon leben Erich Sixt & Co. Als ich noch in der Großstadt lebte, war ich ein guter Kunde bei ihm. Als Landei brauchte ich dann allerdings ein eigenes Auto. Spätestens in so einem Moment muss man sich halt entscheiden, was einem am wichtigsten ist am Auto.

Während ich mir ein Cabrio allenfalls mieten würde, sollte ich irgendwann mal das Bedürfnis verspüren, mich in Pose zu werfen, war es für zwei Bekannte von mir ein alter Traum, sich irgendwann einen eigenen Porsche zu leisten – der eine einen Elfer, der andere einen Boxster. Mit um die 50 hatten sie das Geld zusammen. Die beiden würden über Koslowskis kopfgesteuert-funktionalistische Aussage nur den Kopf schütteln.

Und, Kollegen: Was hat ein Cabrio überhaupt in einem Text über selbstfahrende Autos zu suchen? 😉

In den Metropolen Kaliforniens, in New York und auch in großen Städten Europas ist bereits der Trend erkennbar, dass die Leute ein Auto nicht mehr unbedingt besitzen wollen.“

Das liegt nicht am Wollen, sondern an den absurden Parkgebühren und Parkplatzmieten. Die zwingen sogar hartgesottene Autofetischisten zur Vernunft.

„Man drückt auf einen Knopf des Smartphones, das Auto kommt von selbst angefahren…“

Welche Smartphones haben noch Knöpfe? Ich denke, da wird man in der App schon ein bisschen herumtouchieren müssen, bis das fahrerlose Uber-Cab kommt.

„Ferner kann es sein, dass ich ein Auto kostenlos bekomme, wenn ich bei meinem Telefonanbieter einen langfristigen Vertrag unterschreibe.“

<Sarkasmus-Modus an> Herr K. lebt seit 1997 in den USA, offenbar weiß er nicht, dass in seiner alten Heimat kurz darauf der Telekommunikationsmarkt liberalisiert wurde. Vorher hätte die Summe, die die Telekom mir im Monat abbuchte, lässig für die Leasingrate eines Golfs gereicht. Doch die Telekom brauchte ja dank Monopol nicht mit Werbeprämien zu winken. Vielleicht hat K. aber wenigstens für die USA recht: Da sollen ja Handyverträge noch sauteuer sein und Autos eher günstig. <Sarkasmus-Modus aus>

Im Ernst: An dieser Stelle hätte man das Gespräch abbrechen und sich eingestehen müssen, dass man das besser nicht druckt. Leider geht es weiter:

Wir haben das abgefragt bei Autobesitzern, die können sich das vorstellen.“

Wenn der Handyvertrag 500 Euro im Monat kostet, kann ich mir das auch vorstellen. Aber nur dann. Wie blöd können Autobesitzer sein?

stern: „Das bedeutet Revolution.“

Nein. Tut es nicht. Quatsch und Revolution sind zweierlei.

Koslowski: „Ja, eine, die sich über 30 Jahre hinziehen wird und die neue Ära der intelligenten Mobilität bringt.“

Au-ah! Intelligente Mobilität heißt nicht, dass uns Autos das Denken abnehmen, sondern dass wir nachdenken, wann ein Auto notwendig ist und wo welches andere Verkehrsmittel vom Fahrrad übers Pedelec und den Bus bis zum Zug besser passt.

„Bis zum Ende dieses Jahrzehnts werden wir die ersten Serienautos haben, die autonom fahren können.“

In fünf Jahren? Dann müsste die Konstruktion schon im Gange sein und vor allem die Gesetzgebung in den Zielmärkten in Vorbereitung. Kein Autohersteller investiert in die Serienproduktion, wenn er nicht weiß, ob und, wenn ja, wo er die Dinger verkaufen darf.

„Bis 2025/30 werden sich diese Autos etabliert haben, und ab 2050 schließlich werden in den entwickelten Weltmärkten mehrheitlich autonome Autos fahren.“

Ein Prophet, ein Prophet! Der weiß, was in 36 Jahren sein wird. Wahn-sinn!

„…das fahrerlose Auto, in dem es kein Lenkrad und keine Pedale mehr gibt, … wird eine Kabine oder ein Wohnzimmer auf Rädern sein.“

Mir fallen da die fliegenden Autos ein, die in meiner Kindheit verhießen wurden. Die sind inzwischen technisch machbar, aber wo schwirren sie herum? Also: Lieber auf dem Boden bleiben, was Prognosen angeht! Koslowski wagt auch die Behauptung…

„…dass Bus und Bahn an Attraktivität verlieren werden. Denn im Grunde will sich jeder in seiner eigenen Kapsel fortbewegen.“

Nein. Nicht, wenn die Dinger dann nur im Stau herumstehen, weil es so viele davon gibt.

Ja, und dann jagt uns Koslowski noch so viel Angst vor Überwachung ein, dass die Industrie die Entwicklungsarbeiten eigentlich gleich einstellen kann. Wer das für bare Münze nimmt, was der Mann hier sagt, kauft sich doch nie im Leben freiwillig so ein Gefährt (nun gut, er behauptet, 41 Prozent der deutschen Autofahrer würden es tun). Würden Sie sich in einen rollenden Roboter hineinsetzen, der es Hackern oder Polizeistaatsschutzmännern ermöglicht, Sie jederzeit einzusperren und zu entführen?

Hier das Schauermärchen im O-Ton:

„…wenn Sie selbst fahren wollen, erhöht sich das Risiko. Je rüpelhafter, desto teurer wird es. Der Versicherer kennt anhand der Daten Ihren Fahrstil…“

Gläsern… „…sind wir längst. Wer mit einem eingeschalteten Smartphone Auto fährt, der hinterlässt eine digitale Spur, aus der nicht nur ersichtlich ist, wann und wo er gefahren ist, sondern aus der man auch errechnen kann, wie schnell. Wenn die Polizei in Zukunft den Rüpel in einem Chevy unter 30 000 anderen Chevys sucht, dann wird da kein Abgleich mit Farbe und Baujahr mehr stattfinden. Sondern es wird genau der eine sein, der durch die Überwachung sofort zu ermitteln sein wird. Und die Polizei wird dann das Auto ferngesteuert zum nächsten Revier lenken…“

„Aus meiner Sicht wird das Auto der Zukunft das ultimative mobile Gerät sein, das mich unterhält, beschützt und meinen Terminplan führt.“

Kauf ich nicht. Nicht das Auto, nicht die Räuberpistole, die der Mann uns da erzählt. Für derlei Aus- und Einsichten braucht man keinen Strategieberater zu befragen, sondern jemanden wie im Ambros-Lied „Zwickt’s mi“: Aan’n, der furchtboa vüü erzöht.

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